Europa und seine Nationalstaaten


Völker sind Biotope

 

Von Gerulf Stix

Was ist eigentlich Europa? Wer gehört dazu? Die Suche nach einer umfassenden Antwort lädt ein, mit Geografie und Geschichte zu beginnen. Doch dieser Versuchung wollen wir hier widerstehen. Hier geht es um das Europa der EU und ihrer Nationalstaaten.

Beginnen wir mit der EU, wie sie sich heute darstellt: Kein Staat, schon gar kein Imperium, so etwas Ähnliches wie ein Staatenbund und doch wieder deutlich mehr, weil mit direkten Durchgriffsrechten und einem Parlament ausgestattet. Die EU besitzt keine Regierung, aber eine regierende Bürokratie, die sich hauptsächlich durch Kleinkrämerei hervortut. Die EU bietet ihren Mitgliedern Sicherheit, ohne über eine Armee zu verfügen. Das überlässt sie der NATO unter US-amerikanischer Führung. Die EU gewinnt global an politischem Gewicht, ohne wirklich eine gemeinsame Außenpolitik zu praktizieren, obwohl sie diesen Anspruch erhebt. Wirtschaftlich ist sie ein Riese geworden, zum Teil mit einer gemeinsamen Währung, doch ohne integrierte Finanz- und Wirtschaftspolitik. Diese knappe Schilderung paradoxer Aspekte ließe sich leicht fortsetzen. Dennoch wäre es ein völlig falscher Schluss, daraus für die Europäische Union apodiktisch eine trostlose Zukunft zu folgern, wozu Krisenzeiten verleiten.

Verglichen mit ihren Anfängen hat sich die EU zu einem real bedeutendem Gebilde entwickelt, das sich voraussichtlich weiter verfestigen wird, auch wenn es Missstände und Rückschläge gibt.

Die EU ist nur ein Rohbau

Wir haben es mit einem politischen Rohbau zu tun, dessen Baugeschichte und Zielsetzung in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Dieser europäische Einigungsprozess ist etwas in dieser Form noch nie Dagewesenes. Alle Einigungsversuche seit den Tagen des Römischen Weltreiches waren imperialer Natur, also gewalttätig. Man denke an Karl den Großen, die Römisch-Deutschen Kaiser, an Napoleon, Hitler, Stalin. Alle diese imperialen Bestrebungen endeten in blutigsten europäischen Kriegen und scheiterten letztlich. Die in der Neuzeit entstandenen Nationalstaaten mit ihren expansiven Hegemoniebestrebungen bilden bis hin zum sowjetischen Kommunismus lediglich Variationen und Kombinationen in diesem imperial-gewalttätigen Europa-Spiel.

Das Werden der EU aus EWG und EG ist tatsächlich der erste friedliche und demokratische und bis dato auch erfolgreiche Versuch, die einander verwandten Völker Europas politisch zu vereinen. Wir befinden uns inmitten dieses Prozesses. Aus dieser Gesamtschau müssen wir uns bemühen, ihn zu verstehen, und sowohl unseren Standort wie unsere Aufgabe darin bestimmen. Das ist nicht leicht.

Wir erleben uns in einem „Binnenraum ohne Grenzen“. Die Freizügigkeit für EU-Bürger – auch das ein Novum – wird nicht mehr durch Staatsgrenzen gehemmt und die Wirtschaft schon gar nicht. Während die Nationalstaaten einerseits die tragende Struktur der EU bilden, schaffen sie sich andrerseits im Wege der EU selbst scheibchenweise ab – nicht ohne Widerstand zu leisten. Natürlich geht das nicht ohne Konflikte ab, zumal ja auch niemand das Endziel wirklich kennt. Dieses liegt noch im Nebel der Zukunft. Seit dem Vertrag von Lissabon, der heftig umstritten ist, brechen nationale Spannungen verstärkt wieder auf. Der Zielkonflikt ist virulenter denn je. Während noch gestritten wird, ob ein Staatenbund oder ein Bundesstaat entstehen soll, balanciert die EU auf einem schmalen Grat zwischen beiden Modellen.

Durch diese dialektische Phase müssen wir Europäer durch und zu einer Synthese finden, oder das historisch einmalige Friedensprojekt namens Europäische Union scheitert vor Erreichung eines Zielzustandes. Welche Konsequenzen dies in einer Welt der allerorten feststellbaren Blockbildungen für uns mit sich bringen würde, lässt sich kaum in rosigen Farben vorstellen. Es ist somit eine unabweisliche Aufgabe für denkende Menschen mit Verantwortungsbewusstsein, sich in die Mitgestaltung der EU von morgen einzuklinken.

Nation und Nationalismus

Bei Henning Eichberg fand ich eine provokante Aussage: „Nicht die Nation schuf sich den Nationalismus, sondern der Nationalismus die Nation.“ So verrückt dies im ersten Augenblick erscheint, hat es doch etwas für sich. Zumindest gibt es da ein Wechselspiel. Man denke an die so genannte „Willensnation“ (u. a. Ortega y Gasset) oder beispielhaft an den französischen Nationsbegriff (jus solis). Auch die Schweizer verstehen sich mehrheitlich als Willensnation. Aber es gibt umgekehrt das hundertfach belegte Faktum, dass jeder Willensnation ein Substrat vorgegeben ist, welches ihr als Ausgangsgröße und tragender Kern dient. Demnach muss ein wie auch immer geartetes Kollektiv vorhanden sein, in welchem sich ein Wir-Gefühl entwickelt. Drängt das Wir-Gefühl eines größeren Kollektivs nach politischer Gestaltwerdung, dann haben wir es im weitesten Sinne des Wortes mit Nationswerdung zu tun. Ihre unvermeidliche Begleiterscheinung ist der „Nationalismus“ als Bekundung eines kollektiven Strebens, allerdings in sehr unterschiedlicher Ausprägung und Intensität – von unterkühlt bis überhitzt.

Das nicht wegzuleugnende Substrat „Volk“

Untersucht man nun die „Substrate“ geschichtlich entstandener Willensnationen, dann stößt man auf das Phänomen der ethnischen Nation, eben der Völker. Da finden sich Abstammungsgemeinschaften (Stämme), Sprachgemeinschaften, kulturell geprägte Gruppen usw., verbunden oft durch gemeinsames politisches Schicksal und Erleben über Generationen hinweg: Gemeinsame Verteidigung, erlittene Fremdherrschaft, selbst vollzogene „Befreiung“ usw.

Ich ziehe aus dieser gewiss verkürzten Darstellung den Schluss, dass es sich bei dem bekannten Dualismus von ethnischem und etatistischem (also rein staatsorganisatorischem) Nationsbegriff nicht um völlige Gegensätze handelt, sondern um zwei in der konkreten politischen Welt wechselseitig auf einander bezogene Größen. Schlimm wird es nur dann, wenn Fetischisten der Begrifflichkeit den einen oder den anderen dieser beiden Nationsbegriffe absolut setzen wollen. Leider geschieht solches nicht bloß in der Theorie, sondern gar nicht so selten auch im politischen Machtgetriebe. Das eine Extrem wäre die gewollte Nationsbildung auf Basis irgendeiner „Reinrassigkeit“. Das andere Extrem wäre die gewollte Nationsbildung rein nach dem Territorialprinzip mit beliebig austauschbarem „Menschenmaterial“ als multikulturelle Gesellschaft, fixiert auf einen formalen „Verfassungspatriotismus“. Letzteres ist gegenwärtig zwar das „politisch korrekte“ Modell, gerät aber überall mit den realen politischen Gegebenheiten massiv in Konflikt.

Damit sind wir aus der scheinbar rein abstrakten Betrachtung mitten in die politische Gegenwart geraten. Siehe Balkan, siehe die Renaissance kleiner Nationalstaaten auf dem Boden der zerfallenen Sowjetunion, siehe das Aufbegehren von ethnischen Minderheiten in Spanien, Belgien usw. Nicht allein in Europa, überall in der Welt ist der oft totgesagte Nationalismus recht lebendig. Unter den verschiedensten Vorzeichen regt sich „das Wir-Gefühl von spezifischen Kollektiven“ gegen verordnete Modelle.

Nationalismus als eigenständige Triebkraft

In diesem Zusammenhang halte ich die Erkenntnis für wichtig, dass Nationalismus wesensgemäß eine eigenständige Triebkraft ist. Er bedarf keiner bestimmten Ideologie! Nationalismus kann sich aber mit jeder (uns bekannten) Ideologie verbinden; mit Liberalismus ebenso wie mit Totalitarismus, mit Sozialismus, ja Kommunismus, wie mit Konservatismus und auch mit jeder Staatsform wie Republik, Monarchie oder Diktatur. Das lässt sich empirisch nachweisen!

Diese Erfahrungstatsache erklärt auch, warum jemand, der sich überzeugt als „Nationaler“ bekennt, dennoch keineswegs automatisch einer bestimmten Ideologie zugeordnet werden kann – auch nicht nach dem primitiven Rechts-Links-Schema. Ziemlich verbreitet findet sich die Auffassung, die so genannten Nationalen seien nur und immer „rechts“. Stimmt nicht, denn es gibt auch „linke“ Nationale. Jüngstes Beispiel dafür ist das Interview mit Prof. Peter Brandt, Sohn des historischen Willy Brandt, in der Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“ vom 1. Oktober 2010.

Außerdem erklärt die Tatsache, dass Nationalismus eine eigene Kraft ist, warum eine von manchen „Nationalen“ angestrebte „Vereinigung aller Nationalen“ so nicht funktioniert: Die Verfechter dieser Idee übersehen nämlich, dass die gesellschaftspolitischen Vorstellungen unter den „Nationalen“ weit auseinander klaffen. Nationaler Kommunismus und nationaler Liberalismus passen eben nicht zusammen, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen.

Nationalismus sei Faschismus, ist falsch

Daher ist es völlig falsch, Nationalismus nur unter dem Blickwinkel faschistischer Epochen abhandeln bzw. ausschließlich auf Grund der in dieser Kombination gemachten Erfahrungen beurteilen zu wollen. Von diesem vor allem in der deutschen/österreichischen Diskussion angesiedelten Trauma müssen sich junge Köpfe freimachen. Andernfalls werden sie nie richtig verstehen können, warum so genannte nationale Fragen auch im neuen Europa immer eine Rolle spielen werden, und zwar sehr unterschiedlich motiviert. Letztere Einsicht ist wichtig.

Wie überall im Leben kommt es auch beim Nationalismus auf die Umstände und das Maß an. Das Pendel schwingt zwischen unangebrachter Überheblichkeit, ja Chauvinismus einerseits und Resignation wegen Mangel an kollektivem Selbstbewusstsein andrerseits.

Erkennt man hingegen die natürlichen Wurzeln eines jeden Nationalismus, dann wird man ihn vernünftig in die regionale, die staatliche und in die europäische Ebene einordnen und einbringen können. Die Zukunft der EU wie ganz allgemein der europäischen Völker wird sehr davon abhängen, inwieweit ein geläuterter Umgang mit den Nationalismen aller Spielarten gelingt. Das müssen auch manche der so genannten „Nationalen“ lernen. Sich diesen Fragen konstruktiv zuzuwenden, ist daher eine sinnvolle Aufgabe für politisch denkende Menschen.[1]

Territorium und andere Reviere

Jeder, der Öffentliches Recht studiert, lernt bald die drei Merkmale einer Nation: Staatsgebiet – Staatsvolk – Staatsgewalt. Das klingt einleuchtend, ist logisch und erscheint ein befriedigendes Erklärungsmodell. Aber genauer hinterfragt, erklärt diese formaljuridische Dreieinigkeit sehr wenig. Um einen „Staat“ mag es sich handeln – aber verlässlich auch um eine Nation? Was ist da mit Völkern, die keinen Staat haben oder auf mehrere Staaten aufgeteilt sind, wie z. B. die Kurden oder die Roma/Sinti oder vor der Staatsgründung Israels die Juden? Wie steht es um Minderheiten? Wie ist das mit Gliedstaaten, Konföderationen, Vasallenstaaten usw.? Diese Fragen berühren insbesondere die Begriffe Staatsvolk und Staatsgebiet. Wenden wir uns einmal der Frage des Staatsgebietes zu.

Ein Territorium ist nichts anderes als ein Revier. Hinsichtlich ihres Wesens sind der Gartenzaun um ein Einfamilienhaus und die Staatsgrenze rund um ein Staatsgebiet das Gleiche, nämlich Umgrenzung eines Reviers. In diesem bestimmt jemand, wer sich in diesem Revier aufhalten, wer es betreten darf und welche Regeln innerhalb zu beachten sind. (Vgl. Jan Mahnert, Mein Raum – Dein Raum, GENIUS-Brief 9+10/2010). Eine anscheinend klare Sache. Aber schauen wir z. B. konkret auf die EU, dann gibt es zwar die Territorien (Staatsgebiete) ihrer Mitgliedstaaten. Doch das Recht der EU-Bürger auf Freizügigkeit schafft ein übergelagertes Territorium. Eine weitere EU-Eigentümlichkeit sind die Regionen. Sie überschneiden sich praktisch durchwegs auch mit den Staatsgrenzen und besitzen für ihr Regionsrevier Sonderstellungen.

Mit anderen Worten: Das klassische Territorialprinzip ist in Europa längst durch ineinander verschachtelte Territorien aufgeweicht worden. Für föderal gegliederte Bundesstaaten wie Deutschland und Österreich ist das nichts wirklich Neues.

Biotope und Völker

In unserer Zeit hat das ökologische Denken einen hohen Stellenwert erlangt. Man braucht heute keinem vernünftigen Mensch mehr lang und breit zu erklären, was unter Ökosystemen zu verstehen ist. Dank der Grünbewegung, die in Folge ihrer Unterwanderung durch Neo-Marxisten und Ex-Kommunisten zu einer gesellschaftspolitisch dem Sozialismus nahe kommenden Partei geraten ist, gibt es ein weit verbreitetes Verständnis über natürliche Lebenszusammenhänge und die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Eine wichtige Rolle spielt der Begriff des Biotops.

Biotope sind bestimmte Lebensräume von Pflanzen- und Tiergemeinschaften, die sich unter den gegebenen Umweltverhältnissen in einem ökologischen Gleichgewicht befinden. Biotope gelten vielfach als erhaltenswert und oft sind Grüne (und nicht allein sie) zum Schutze bestimmter Biotope sogar auf die Barrikaden gestiegen.

Nach meinem Verständnis sind auch Völker so etwas wie Biotope: Menschen, die über viele Generationen in einer Landschaft bzw. Klimazone gemeinschaftlich leben, mehr oder weniger miteinander verwandt sind, eine Sprache sprechen und durch ihr vielfältiges Zusammenwirken aus ihrem Lebensraum einen Wirtschafts- und Kulturraum geschaffen haben. Da spielen sicherlich sehr viele Elemente zusammen – wie in jedem Biotop. Der Einwand, man könne menschliche Gemeinschaften nicht mit solchen der Tier- und Pflanzenwelt vergleichen, wirkt angesichts unseres Wissens über die Evolution alles Lebendigen und insbesondere über die jüngsten Erkenntnisse der Genforschung ziemlich schwach. Evolution und Abstammung sind Grundtatbestände für uns Menschen. Und gerade das ökologische Denken brachte ja die Einsicht, wie wenig sich sogar der hoch zivilisierte Mensch von seinen naturgegebenen Lebensverhältnissen emanzipieren kann, ohne seine Existenzgrundlagen aufs Spiel zu setzen. Wir Menschen sind Teil der Natur und stehen auch dann nicht über ihr, wenn wir sie zivilisatorisch-kulturell überhöhen.

Die Grünen als Biotop-Zerstörer

Während nun Biotope allgemein als schützenswert betrachtet werden, glaubt eine heute dominierende Meinung, Völker im herkömmlichen Sinne seien antiquiert, hätten für die Zukunft keine Bedeutung. Das Stichwort heißt: Multikulturelle Gesellschaft. Dass aber massiv auftretender Außeneinfluss für jedes davon betroffene Biotop letztlich dessen Zerstörung bedeutet, leuchtet unmittelbar ein. So erleben wir die logische Absurdität, dass dieselben Grünen, die sich schützend vor Feuchtbiotope mit Lurchen und seltenen Vögeln stellen, mit Plakaten „Unsere Republik wird bunter“ für die Masseneinwanderung aus aller Welt werben. Plakatiert wird tatsächlich die Zerstörung des gewachsenen Biotopes „Volk“ – perverser Weise sogar des eigenen.

Noch abstruser wird dieser innere Widerspruch, wenn man beispielsweise die medial breit unterstützten menschenrechtlich-grün idealistischen Bemühungen um Erhalt und Schutz der letzten Indianerstämme in Südamerika beobachtet. Durchaus zu befürworten! Notwendig wurde das alles aber doch nur deswegen, weil zuvor die Masseninvasion der Weißen samt der von ihnen importierten Negersklaverei die alten Indianerkulturen zerstört hat. Das alte Biotop ging durch überstarke Einwirkung von außen unter. Und die gleichen Leute, die den Untergang der Indianerkulturen beklagen, wollen einfach nicht einsehen, dass die europäischen Völker heute am Anfang einer ähnlichen Katastrophe stehen, weil sie von Völkerwanderungen aus aller Welt überschwemmt werden. So gesehen arbeiten die rot-grünen Propagandisten für ein multikulturelles Europa emsig an der Selbstzerstörung des Biotopes Europa mit.

Auch Europa ist ein Biotop

Biotope können nebeneinander, aber auch ineinander verschachtelt existieren. Hier gelten analog jene Überlegungen, die wir schon hinsichtlich der Territorialreviere anstellten. Es gibt auch die verschiedensten Klein-Biotope inmitten eines Groß-Biotops. Wieder auf Menschenmaß übertragen: Minderheiten innerhalb eines größeren Volkes. Wenn das im Laufe der Zeit so entstanden ist und nach Ausbalancierung zu einem friedlichen Gleichgewicht geführt hat, kann das sehr wohl zu verträglichen gesellschaftlichen Verhältnissen führen. Wehe aber, wenn – ausgelöst durch dramatische Mengenverschiebungen, unversöhnliche Anschauungen oder Rivalitäten ohne Toleranz – Machtkämpfe bis hin zu Gewalttätigkeiten entbrennen! Genau diese altbekannten Probleme kommen in neuer Gestalt auf uns zu.

In Europa haben sich nach blutigen Kriegen und anderen Auseinandersetzungen nach mehr als 2000 Jahren endlich die Völker darauf verständigt, dass sie kleine oder größere Biotope im gemeinsamen Groß-Biotop Europa sein und miteinander friedlich auskommen wollen. Durch eine Jahrhunderte hindurch wechselseitig erfolgte Inkulturation sind ja wirklich europäische Gemeinsamkeiten entstanden. So gibt es z. B. unbestritten eine europäische Musikkultur, desgleichen eine Rechtskultur, eine Universitätskultur usw. Diese Gemeinsamkeiten bieten einen tauglichen Rahmen für ein Groß-Biotop, in welchem jedes europäische Volk ohne Selbstaufgabe seinen Platz einnehmen kann.

Massive Zuwanderung aus außereuropäischen Völkerschaften und Kulturkreisen kann das werdende Groß-Biotop Europa jedoch derart überfordern, dass die nach blutigen Jahrhunderten mühsam erreichte Verständigung zwischen den europäischen Völkern gefährdet und sogar zerstört wird. Viele Europäer, darunter leider auch führende, haben noch nicht begriffen, dass durch die sich abzeichnende Völkerwanderung der Habenichtse in Verbindung mit dem Geburtenrückgang der eingesessenen Bevölkerungen das mühsam erreichte Ökosystem Europas existenziell in Frage gestellt wird.

Kultur als „höhere Natur“

Was ist Kultur? Bekanntlich unterscheiden wir im Deutschen zwischen Kultur und Zivilisation. Andere Völker tun das nicht. Schönes Beispiel ist das berühmt gewordene Buch von Samuel Huntington „The clash of civilisations“, das in seiner deutschen Übersetzung ganz bewusst mit dem Titel „Der Kampf der Kulturen“ herausgekommen ist. Wo strenge Begrifflichkeit schwer gelingt, hilft häufig die Sprache weiter. Sie kennt Worte, die durch Verstehen dort zur Einsicht führen, wo abstraktes Denken noch halbblind herumtastet. Kultur ist so ein Wort. Unsere gewachsene Sprache weiß um die Komplexität und benennt sie vielfältig: Volkskultur / Hochkultur / Sprachkultur / Musikkultur / Familienkultur / Körperkultur / Rechtskultur / Wirtschaftskultur / Kulturbetrieb / Kulturverfall usw. Die Aufzählung ließe sich noch fortsetzen. Kulturphilosophie ist ein Zweig der Geisteswissenschaften.

Ich schließe mich Herder an, der Kultur als „die höhere Natur“ bezeichnet. Der Mensch wird als hilfloses Säugetier geboren und kommt mit seinem Sprung in die Welt nebst allen natürlichen Begleiterscheinungen erstmals mit dem Bereich der Kultur in Berührung – ohne dass der kleine Schreihals das weiß: Mit Kinderliedchen, die er vernimmt, ohne sie zu verstehen, wird er in den Schlaf gesungen. So fängt es an. Kultur ist eine Gemeinschaftsleistung schicksalhaft miteinander verbundener Menschen, die in Zeiträumen entsteht, die sich nach Generationen bemessen. Kulturen sind die Frucht ganz bestimmter Gesellschaften. Die europäische Musikkultur z.B. ist nun einmal in Europa und nicht in Asien entstanden. Und türkische Melodien klingen auf faszinierende Weise eben fremdartig.

Die nationalen Kulturen verflochten sich zur europäischen Kultur

Das Wichtigste im Entstehungsprozess einer Kultur ist ein gemeinsames Kommunikationssystem, in diesem an erster Stelle die Sprache. Niemand hat die Sprache erfunden – sie ist geworden. Erst bei der Ausformung der uns bekannten Hochsprachen wissen wir um bedeutsame Sprachleistungen einzelner Persönlichkeiten, zumeist Dichter. Für die deutsche Sprache ist der maßgebliche Beitrag Martin Luthers unbestritten, für die italienische die des Dichters A. Dante und für die englische steht William Shakespeare. Kulturen sind der Lebensausdruck der sie tragenden Völker.

Ähnlich wie bei den Biotopen gibt es bei den Kulturen nicht nur das einfache Nebeneinander. Ihre Entstehung und Entfaltung ist von gegenseitiger Anregung, wechselnden Verflechtungen und auch Gewalteinflüssen mitbestimmt. Nirgendwo lässt sich das besser beobachten als auf dem kleinen Kontinent Europa. 68 noch lebende Sprachen nennt der Sprachwissenschaftler Heinz D. Pohl für Europa. Viele darunter sind einander verwandt, die am meisten verbreiteten entstammen der indogermanischen Ursprache. Griechisch und Latein haben alle lebenden Sprachen in Europa stark beeinflusst. Wechselnde Sprachmoden wie früher das Französische und gegenwärtig das Englische bewirken zahllose Verständigungsbrücken. Religiöse Bewegungen, das Aufkommen von Ideen und Denkschulen und überhaupt der weltweit einzigartige Aufschwung der modernen Wissenschaften – alle diese Entwicklungen haben immer ganz Europa erfasst oder zumindest beeinflusst.

Ich behaupte daher zusammenfassend, dass es eine europäische Kultur gibt, die jedoch nicht im Gegensatz zu den sie tragenden Volkskulturen steht. Man kann sogar umgekehrt feststellen: Die europäische Kultur gibt es nur in ihren verschiedenen nationalen Ausprägungen! Eines bedingt das Andere und in der gewachsenen Vernetzung ist ein neues Ganzes entstanden. Und Hans Theisen meint: „Die Identität eines Gemeinwesens entscheidet sich über die Zugehörigkeit zur Kultur.“ (MERKUR, Heft 11/2010, Klett-Cotta)

Anmerkung am Rande: Auch die amerikanische Kultur ist ein Ableger der europäischen, freilich in eigener Weiterentwicklung.

Identität und Selbstbewusstsein

Ein Schlüsselwort in Diskussionen um sozio-kulturelle Zeitfragen heißt IDENTITÄT. Wer identifiziert sich womit? Welche Identität besitzt jemand? Aus welchen Merkmalen setzt sich Identität zusammen? Identität als Beschreibung eines konkreten Status setzt sich aus vielen Merkmalen zusammen. Letztlich wird Identität durch die Zugehörigkeit zu irgendwelchen Kollektiven bestimmt. Die Betonung der Mehrzahl ist hierbei wichtig. Zugehörigkeit heißt nicht, dass wir uns diese in allen Fällen beliebig aussuchen können. Die Gene geben uns vor, welcher Rasse oder Mischrasse wir angehören. Familiengeschichte und Schicksal bestimmen unser Elternhaus, den Geburtsort und unsere kulturelle Sozialisation, meistens auch die Konfession.

Mit vielen dieser Vorgaben müssen wir leben, ob es uns passt oder nicht. Nur mit angelernten Traditionen können wir später nach unseren eigenen Vorstellungen verfahren! Wir können sie hinterfragen, annehmen, abwandeln oder abtun. Das verändert dann auch die Palette der Kollektive, welchen wir zugehören, u. a. auch die Staatszugehörigkeit. Vor allem können wir unsere aktive Hinwendung zu künstlichen Kollektiven selbst bestimmen: zu Vereinen, Parteien, Interessensgruppen, Konfessionen usw. Aber stets unverändert bleiben unsere Abstammung, Muttersprache und die soziale Prägung in unserer Kindheit!

Identität ist also eine Komposition. Jeder von uns besitzt mehrere Identitäten. Recht gut hat dies Prof. Samuel Huntington in seinem bereits erwähnten Buch „Kampf der Kulturen“ formuliert:

„Erstens besitzt jeder Mensch mehrfache Identitäten, die miteinander in Wettstreit liegen oder einander verstärken können. Identität hat auch verschiedene Dimensionen; es gibt die identitätsstiftende Dimension der Verwandtschaft, des Berufs, der Kultur, der Institutionen, des Territoriums, der Bildung, der Parteienzugehörigkeit, der Ideologie usw. …In der Welt von heute gewinnt die kulturelle Identifikation gegenüber anderen Dimensionen der Identität dramatisch an Bedeutung.“ (Deutsch, 3. Auflage 1997, Seite 198)

Die Schwierigkeit, deutsch zu sein

Wie jede Identität ist auch die der deutschen Menschen höchst komplex. Deutsche Vorfahren, Elternhaus, Mutter- oder Vatersprache, Heimatprägung, Märchen, Sagen, Schule Lieder, Bräuche und Freundeskreis – das alles und noch mehr sind objektiv wirkende Prägungen kollektiver deutscher Identität, allerdings in vielen Variationen! Ich kann an der Küste oder in den Alpen aufgewachsen sein; kann Staatsbürger des untergegangenen Deutschen Reiches, der untergegangenen DDR, der BRD, Österreichs, der Schweiz oder auch Belgiens oder Tschechiens sein oder gewesen sein und so weiter und so fort. Letztlich kommt es für mich selbst darauf an, ob ich mich selbst als Deutscher fühle – was das Bekenntnis zu weiteren Identitäten z. B. als Österreicher oder Südtiroler oder Sudetendeutscher oder Siebenbürger oder Deutschamerikaner keineswegs ausschließt.

Das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es klingt. Gerade in unserer Zeit gibt es viele „Deutsche“, die sich selbst als solche nicht mögen, die ihre deutsche Identität sogar am liebsten abstreifen würden. Die Zerknirschung ob der eigenen deutschen Identität hat eindeutig auch eine politische Dimension. Unzufriedenheit mit herrschenden Verhältnissen oder mit der Last dunkler Kapitel deutscher Geschichte führen mitunter zu einer inneren Absetzbewegung. Die Österreicher beispielsweise kennen viele Facetten davon. Manche entbehren nicht der Ironie; so etwa der skurrile Streit, ob Mozart ein Deutscher oder ein Österreicher sei? Zur Beruhigung: Mozart war Salzburger und Salzburg gehörte zu seiner Zeit weder zu Deutschland noch zu Österreich, sondern war ein selbständiges Erzbistum – dessen „herrschender“ Erzbischof den Titel PRIMUS GERMANIAE trug. Weitere Beispiele gefällig?

Soviel also zur „nationalen“ Seite der Staatenbildung in Europa. Ungeachtet ihrer sehr unterschiedlichen Entstehungsgeschichte – meistens durch Machtpolitik entschieden – bilden die heutigen Nationalstaaten das Grundgerüst der EU. Auch wenn sie Kompetenzen nach oben abgeben, werden sie trotzdem die tragende Struktur bleiben. Jedoch relativieren sich die territorialen Grenzen der Staaten in Europa durch die Freizügigkeit der EU-Bürger und den Ausbau der Regionen.

Europa als politisches Ökosystem

Wir müssen begreifen, dass Europa ein Großbiotop ist, in welchem seine Völker wie Kleinbiotope beheimatet sind. Und überall mitten drin finden sich die Kleinst-Biotope von Minderheiten. Wenn wir aus Europa ein ebenso stabiles wie friedliches „politisches Ökosystem“ machen wollen, müssen wir alle Biotope schützen und pflegen. Zugleich dürfen wir jedoch nicht zulassen, dass dieses politische Ökosystem Europa durch eine Sintflut von Immigrationswellen aus aller Welt, die nicht organisch verkraftbar sind, in existenzielle Krisen gestürzt wird. Das ist sicherlich schwierig in einer Zeit, in der die so genannte Globalisierung voran schreitet.

Eine Voraussetzung für den richtigen Umgang mit diesem säkulären Vorgang ist aber wiederum die Einsicht, dass gerade die Schaffung einer Europäischen Union eine wichtige Antwort auf die Globalisierung ist! Umgekehrt ist engstirnige Kleinstaaterei mit Sicherheit keine angemessene Antwort auf die Herausforderungen einer sich täglich mehr vernetzenden Welt. Wir brauchen ein starkes Europa gerade auch für unsere nationale Selbstbehauptung. Und das gilt uneingeschränkt für alle europäischen Völker!

So gesehen stehen nationales Denken und europäisches Denken nicht in einem Widerspruch zueinander, sondern in einem dialektischen Prozess von These und Antithese zur Synthese. Um das wirklich in seiner ganzen Dimension zu verstehen, ist Zweierlei hilfreich: Erstens sind Völker als Biotope zu verstehen. Zweitens besitzt jeder Mensch mehrere Identitäten.

Lassen Sie mich hier mit einem ganz persönlichen Bekenntnis abschließen: Ich selbst fühle mich vier Nationen zugehörig, nämlich der Tiroler Landesnation, der österreichischen Bundesnation, der deutschen Volksnation und der europäischen Kulturnation.

Anmerkung

[1] Vgl. dazu Peter Wassertheurer, Mit dem Vertrag von Lissabon politisch leben, Genius-Lesestücke März/April 2010

Bearbeitungsstand: Freitag, 14. Jänner 2011
 
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