Gedanken zur Universitätsmisere


Von Lothar Höbelt

Wenn linke Studenten, die sich zu Unrecht schmeicheln, das Kapital wolle sie ausbeuten, bürgerliche Manager, die vom Staat mehr Subventionen für Forschung wollen, und Rektoren, die zwischen beiden Polen oszillieren, unisono nach mehr Geld für Bildung rufen, fragt sich, was hinter dieser verdächtigen Einigkeit steckt.

Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Finanzierungskrise, die aus drei Quellen entspringt. Zum einen dem allgemeinen Sparappell angesichts der explodierenden Kosten des Sozialsystems (und einer Konjunktur, der keiner so recht traut). Zweitens dem – auch für die FPÖ unrühmlichen – Beschluss einer Zufallsmehrheit des Nationalrats, die vor den Wahlen 2008 die weitgehende Aufhebung der Studiengebühren beschloss, ohne sich um die daraus resultierenden Finanzlücken weiter Sorgen zu machen.[1] Drittens der von den heimischen Unis mit einer kuriosen Mischung aus prinzipiellem Widerwillen und praktischem Übereifer begonnenen Umsetzung des so genannten „Bologna-Prozesses“, die vielfach dazu geführt hat, umfangreichere und teuerere Studienprogramme zu verordnen. Aus der Schere zwischen der Aufhebung der Studiengebühren einerseits und den zusätzlichen Aufwendungen für „Bologna“ andererseits ergibt sich das gegenwärtige Problem.

Der unverdaute Bologna-Prozess

Dem Bologna-Prozess den Prozess zu machen, wäre prinzipiell nur würdig und recht. Freilich: Auch ein ersatzloses Streichen all dieser „Reformen“ würde das Kurzzeit-Problem nicht lösen, weil dann erst wieder umständliche Übergangsregeln benötigt würden.

So bleibt die Wiedereinführung flächendeckender Studiengebühren als Ausweg, den bloß politisch keiner so recht beschreiten will – auch wenn in allen drei politischen Lagern subkutan viele dafür eintreten. Eine schwarz-blaue Mehrheit dafür wäre allenfalls zu erreichen. Kurios bleibt, dass sich die SPÖ offiziell weiterhin dafür stark macht, dass ihre Arbeiter- und Pensionistenklientel aus den Massensteuern das Budget mehrheitlich schwarz-grüner Studenten(eltern) entlastet.

Straßenproteste gehen ins Leere

Die von disproportionaler medialer Aufmerksamkeit begleiteten „Studentenproteste“ werden nur von einer Minderheit getragen; sie sind am besten Wege, ins rituelle Schattenboxen der alljährlichen Budgetverhandlungen aufgenommen zu werden. Ganz allgemein gilt auch hier – zum Unterschied von der 1. Republik: Wer in Österreich „auf die Straße geht“, verliert nahezu automatisch an öffentlicher Zustimmung. (Randanmerkung: Das sollten sich auch alle jene überlegen, die über Freitag-Demos nachdenken.)

In gewisser Hinsicht rächt sich hier auch bloß das Beispiel des Vorjahres, als z. B. die Universität Wien rd. 1 Million Euro für Ersatzmieten hinausgeworfen hat, weil sie das „Audi-Max“ monatelang nicht räumen ließ – und vom Ministerium dafür prompt mit einem Mehrfachen dieser Summe belohnt wurde. Für eine politologische Analyse wären die Bereichskoalitionen, klammheimlichen Absprachen und latenten Rivalitäten, die sich da zwischen Berufsdemonstranten, ÖH-Funktionären, Lehrkörper, Uni-Verwaltung und Ministerium abspielen, zweifellos ein höchst interessanter Untersuchungsgegenstand. „Merkwürdig“ im doppelten Sinn des Wortes ist übrigens, dass den protestierenden Studenten des Vorjahres just die „Bologna“-kritischen Forderungen offenbar bald wieder ausgeredet wurden, während man viele ihrer anstößigeren Parolen und Aktionen unbeanstandet ließ.

Die kurzfristige Finanzierungslücke ist dabei gar nicht einmal das Wesentliche. Sie ließe sich vermutlich z. B. schon nach Vorbild der Unterrichtsministerin durch ein bis zwei Mehrstunden pro pragmatisiertem Universitätslehrer hereinbringen. Außerdem sind Frontbegradigungen an den unadministrierbaren Briefen ans Christkind, wie sie die Bologna-Studienpläne darstellen, im Kleingedruckten ohnehin längst gang und gäbe. So können Studenten z. B. mit systemfremden Ersatzleistungen zusätzliche ECTS-Punkte für Lehrveranstaltungen erwerben.

Der Fetisch Akademiker-Quote

Viel wesentlicher sind m. E. zwei grundsätzliche Fragen. Der Bologna-Prozess, vom EU-Gleichschaltungssdogma einmal abgesehen, ist ein Offenbarungseid. Die Massenuniversität soll verbreitert und gleichzeitig qualitativ heruntergefahren werden. Oder besser gesagt, dieser Prozess, der längst im Gang war, wird nun auch offiziell ratifiziert. Das wäre verständlich, wenn nach den verschulten Schmalspur-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt besondere Nachfrage herrscht – man erinnere sich z. B. an die Kampagne gegen das 13. Schuljahr in den Zeiten der Hochkonjunktur 1969/70. Doch wir stehen heute vielfach vor der gegenteiligen Situation: Das Studium als Alternative zur Arbeitslosigkeit nach der Matura. Die Absolventenquote erweist sich als Fetisch; dem Standort Österreich helfen Tausende weiterer halbgebildeter BAs oder Master der Sozial- oder Geisteswissenschaften nicht im geringsten. Dem Mangel an Medizinern, den man uns voraussagt, oder dem an Technikern oder Naturwissenschaftern, unter dem wir jetzt schon laborieren, wird damit nicht abgeholfen.

Mehr Geld allein wird diesem Ungleichgewicht nicht abhelfen. Dazu ist die Treffsicherheit erhöhter Aufwendungen einfach zu gering. Hier rächt sich nicht zuletzt die Erweiterung der „Autonomie“ der Universitäten: Nur die Wissenschafter können kraft ihrer fachlichen Autorität feststellen, wer der beste Bewerber für einen Lehrstuhl ist. Welcher Lehrstuhl eingerichtet werden soll – ob für Biochemie oder feministische Politologie – ist jedoch eine politische Entscheidung, die die Vertreter des Steuerzahlers zu treffen hätten! Doch eben diese Entscheidung hat die Politik weitgehend aus der Hand gegeben.

Hochschulpolitik und Arbeitsmarkt

Gefragt sind Anreizsysteme und Steuerungsmechanismen, die zu einer Anpassung des Absolventenangebots an den Arbeitsmarkt führen und zu mehr Qualität – nicht Quantität! Notabene: Es spricht nichts dagegen, daneben ein Bildungsangebot zu erstellen, das sich ausdrücklich nicht als „Ausbildung“ versteht – eine Art Volkshochschule auf hohem Niveau – und darüber hinaus natürlich auch eine Grundlagenforschung zu ermöglichen, die Claus Raidl unlängst prägnant so definiert hat: „Forschung, die nur durch die Neugierde des Forschers getrieben ist, sonst nichts.“

Beide Bereiche werden durch eine Verschulung à la Bologna nicht gefördert; im Gegenteil: Die Ph.D.-Programme – deren Umsetzung allerdings erst in den Kinderschuhen steckt, weshalb noch keine entsprechenden Erfahrungswerte vorliegen, – könnten im schlimmsten Fall sogar zu einer Verengung der Forschungsperspektiven führen! Das Ergebnis wäre ein Paradoxon: Man baut Zulassungshürden für Absolventen auf, die zur Forschung beitragen wollen, wehrt sich aber gegen Zulassungsbeschränkungen bei den Massen, die in akademische Sackgassen strömen …

Anmerkung

[1] Vgl. Dieter Grillmayer, Die Abschaffung der Studienbeiträge – ein Supergau, Genius-Brief, November 2008.

 
Univ.-Prof. Dr. Lothar Höbelt lehrt an der Universität Wien.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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