„Wir sind neuronal Seiende“


Die neuronale Sprachentheorie

 

Von Karl Sumereder

„Wir sind neuronal Seiende. So wie unser Körper beschaffen ist und wie die Funktionen in dessen Welt von Nerven- und Ganglienzellen konzipiert sind, nur so kann man denken. Wir können nicht gerade heraus Jegliches denken, nur das, was der verkörperte Verstand erlaubt“.

Dies ist eine der wesentlichen Aussagen der Sprachentheorie des bekannten amerikanischen Professors für Sprachenwissenschaften an der University of California, George Lakoff.

Sein Spezialgebiet ist die kognitive Linguistik. Am bekanntesten sind seine Theorien über die Sprache als ein System von Metaphern im menschlichen Denken, im politischen Verhalten und in der Gesellschaft ganz allgemein. Seiner Meinung nach könne die Erforschung vieler Sinnbilder sowie deren Verwendung im Alltag helfen, den eigenen Geist besser zu verstehen.

Untersuchungsgegenstand George Lakoffs ist die Natur unserer konzeptionellen Systeme, vor allem die Metaphern für Konzepte wie die Zeit, das Selbst, die Politik, Emotionen und Moral.

Die Metaphern

Eine Metapher ist eine rhetorische Figur, bei der ein Wort nicht in einer übertragenen Bedeutung gebraucht wird, sondern so, dass zwischen der wörtlich bezeichneten Sache und der übertragen gemeinten eine Beziehung von Ähnlichkeit besteht.

George Lakoff vertritt die These, dass wir in Metaphern denken, zumeist unbewusst, da diese nicht wahrgenommen werden. Es sei relevant, in welchen Metaphern man denke und welche sprachlich genutzt werden. Metaphern unterliegen nämlich immer einem Denkmodell, das man durch die Verwendung seiner Schlüsselbegriffe stützt. Unser Denken beruhe auf Metaphern und Symbolen.

Dies sei durch einige Beispiele veranschaulicht:

„Pferd“, ursprünglich ein Tier, auch verstanden als ein Sportgerät.

„Kamel“ – Wüstenschiff.

„Das Recht mit Füßen treten“ – Das Recht gering schätzen, verletzen.

„Der Tod“ – Sensenmann, eine Verdinglichung eines Zustandes, ähnlich wie bei den Begriffen wie Seele, Liebe, Hass und so weiter.

Benutzt man militärische Metaphern, wie „Gewehr bei Fuß stehen“ oder „Zweifrontenkrieg“, so wird etwas implizit als Krieg, als kämpferische Auseinandersetzung angesehen.

„Die Nadel im Heuhaufen suchen“ – Eine schwer auffindbare, unauffällig unter vielen ähnlichen Dingen versteckte Sache suchen.

Dem Satz: „Das Leben ist eine Reise“, lassen sich mehrere gängige metaphorische Ausdrücke zuordnen, wie „am Beginn des Lebens“, „Lebensweg“, „Stolpersteine“, die „letzte Reise vom Leben in den Tod“.

Mythische Zeichen und Symbole

Symbole, die es in allen Kulturen gibt, sind Sinnbilder, die viel für unser Leben bedeuten.

Solche Sinnbilder können Zeichen, Wörter, Begriffe oder Gegenstände sein, die neben ihrer alltäglichen konventionellen Bedeutung meist mit einer weiteren, auch mythischen Vorstellung verbunden sind. Unsere Sprache und unsere Begriffe sind von Symbolen durchdrungen. Es ist so, als gelange man bei deren Hinterfragung zu Vorstellungen, die über unser rationales Denken hinausreichen.

Wir rätseln auch über jene Symbolik, die wir in unseren Träumen hervorbringen.

Für den Schweizer Tiefenpsychologen C. G. Jung sind Symbole die Sprache der Seele. Jeder Mensch könne sie mit dem Gefühl spontan verstehen.

Die mythische Bildersprache unserer Ahnen ist in Form von Ursymbolen tief im Bewusstsein aller Menschen gespeichert. (Siehe dazu: www.pm-magazin.de/audio) Solche Ursymbole finden sich in Höhlen und Gräbern, auf Mammutzähnen, Geweihen und hergestellten Talismanen. Es sind geheimnisvolle Zeichen, die ganze Mythologien in einem Bild bündeln. Solche Zeichen sind global; überall auf der Welt versteht man sie.

Wie schon die antiken Philosophen, diskutieren heutige Kommunikationswissenschafter, Semiotiker, Ethnologen und Soziologen über Wesen und Natur von Symbolen.

Das Wort Symbol kommt vom griechischen „symbolon“, was so viel wie „Zusammengefügtes“ bedeutet. Was sich in einem bestimmten Bild „zusammenfügt“, sind komplexe Zusammenhänge, die sich nur schwer mit wenigen Worten ausdrücken lassen.

Ein Symbol ist ein Zeichen, das einen „Überschuss“ an Bedeutung enthält. Es weist auf eine gefühlte oder geahnte Wirklichkeit außerhalb des dargestellten Gegenstandes hin.

Die Ursymbole

In seiner Symbolkraft ist der Kreis seit Jahrtausenden als eines der schlichtesten Zeichen unangefochten. Alle Punkte befinden sich im gleichen Abstand zur Mitte, der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Neubeginn. So mächtig erschien der Kreis den Menschen, die ganz im magischen Bewusstsein lebten, dass sie eine runde Linie um sich zogen, wenn sie sich sicher fühlen wollten, also einen Bannkreis.

Ähnlich das Kreuz, die zwei übereinander liegenden Striche, die schon Steinzeitmenschen auf die Wände ihrer Höhlen ritzten. Kreuze gibt es weltweit in unzähligen Varianten. In seiner schlichtesten Form ist es, so der Schweizer Adrian Frutiger, ein Abbild unserer Blickrichtungen und ein Sinnbild für die Ur-Erfahrung des Sehens. Im Kreuz verdichten sich die zwei Blickrichtungen des Menschen, die Vertikale und die Horizontale. Das Kreuz ist, ähnlich wie das chinesische Yin-Yang-Bild, ein frühes Zeichen für die zentrale Erfahrung von Polarität.

Kreuz und Kreis, Sonne und Mond, Auge und Hand, Schlange, Vogel und Baum, Barke und Labyrinth und andere, zählen zu den Symbolen, mit denen Menschen seit prähistorischen Zeiten eine gefühlte oder geahnte Wirklichkeit darstellen.

Eine ikonische Wende

Zu einem der erfolgreichsten philosophischen Konzepte unseres Jahrhunderts gehört der Begriff „Iconic Turn“, geprägt vom deutschen Philosophen Gottfried Boehm und dem US‑amerikanischen Bildwissenschafter W. J. Mitchell. (www.iconic-turn.de) Gemeint ist die aktuell verstärkte Hinwendung von Teilen der Menschheit zu visueller statt sprachlicher Kommunikation. Es geht dabei um die hochaktuelle systematische Forschung über die Gesetze der Symbolik und die Wirkung von Bildern. Es ist bereits klar, dass zum Wesen von Sinnbildern ihre starke emotionale Ausstrahlung gehört. Sie polarisieren, wühlen auf, stoßen ab, erzeugen Angst oder erheben das Gemüt.

Wir sind eben neuronal Seiende. Unser Verstand/Gehirn erhält die Eingaben, den Input vom Rest des Körpers. Über das Denken prägen Bilder, Worte und Metaphern sowie Symbole auch unser Handeln und damit unser Leben.

 
Dr. Karl Sumereder hat viel die Welt bereist und lebt in Tirol.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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