Die Geheimniskrämerei der US-Zentralbank


Von Bertram Schurian

Dass die Vereinigten Staaten rasch auf die Finanz- und Wirtschaftskrise reagiert hatten, jedenfalls schneller als europäische Regierungen, darauf habe ich in meinem Genius-Lesestück „Die USA – Weltmacht im Abstieg“ (vgl. Genius-Brief 1/2010) bereits hingewiesen. Das Hilfsprogramm für den Finanzsektor (TARP und TALF) hatte ursprünglich einen Umfang von US-$ 1.700 Milliarden. Zudem wurde noch ein Programm zur Belebung der Konjunktur von US-$ 787 Milliarden aufgelegt. Insgesamt wurden für Rettungs- und Förderungsprogramme rund US-$ 2.487 Milliarden ausgegeben. Das sind immerhin rund 17,6 % des erwarteten GDP des Jahres 2009. Soweit die offiziellen Zahlen.

Trotz dieses gewaltigen Einsatzes hält sich die Arbeitslosenquote hartnäckig noch immer rund um die 9 %. Für amerikanische Maßstäbe ist das sehr hoch, denn ein soziales Netz, wie es in Europa mehr oder weniger üblich ist, gibt es in Amerika nicht. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahre 2009 war die Arbeitslosenquote 10,3 %. Seitdem hat sich trotz des hohen Einsatzes an Mitteln nicht viel verbessert. Dies hat den Präsidenten des Federal Reserve Board (Zentralbank der USA) Ben Bernanke bewogen, die Märkte in den kommenden Monaten bis Ende Juni 2011 mit billigem Geld zu fluten, und zwar durch den Ankauf von US‑amerikanischen Schatzanleihen in Höhe von US-$ 600 Milliarden. Die FED hat nämlich als Aufgabe nicht nur die Sicherung der Geldwertstabilität zu beachten, sondern auch die Wirtschaftsentwicklung in der USA zu fördern!

Diese Politik wird den Wert des US-Dollar deutlich unter Druck setzen und es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass dies der Inflation einen Schub geben wird, was zu weiteren Verwerfungen in der Wirtschaft führen kann.

Berechtigtes Misstrauen

Es ist deshalb kein Wunder, wenn alle übrigen Partner der Amerikaner mit Misstrauen und Argusaugen auf diese sehr riskante Politik schauen. Denn den im Börsenindex Standard & Poors vertretenen 500 Unternehmen geht es ausgezeichnet. Diese Unternehmen haben im 3. Quartal 2010 US-$ 1.650 Milliarden an Gewinnen ausgewiesen; so hoch wie nie zuvor! Außerdem sitzen diese Unternehmen auf Bargeld-Reserven in der Höhe von fast US-$ 2.000 Milliarden. Diese brauchen also keine Ausweitung billiger Kreditvergabe. Probleme hingegen haben die kleineren Unternehmen sowie Neustarter, wo die meisten Arbeitsplätze in den letzten Jahren geschaffen wurden – und jetzt eben nicht geschaffen werden. Nach wie vor ist es für die kleineren Unternehmen schwierig, an genügend und vor allem kostengünstige Kredite zu kommen.

Umso enthüllender sind die Mitteilungen, die der Federal Reserve Board kürzlich gemacht hat und die im Lärm der Veröffentlichungen von Wikileaks völlig untergegangen sind. Diese Mitteilungen wurden im Rahmen des Reformgesetzes von Dodd-Frank gemacht und dank einer intelligenten Klausel, die Senator Bernie Sanders von Bundesstaat Vermont initiiert hatte, auch veröffentlicht.

Es stellt sich jetzt nämlich heraus, dass der Federal Reserve Board noch unter der Regierung von Georg W. Bush im Jahre 2008 der US-amerikanischen Wirtschaft mit US-$ 3.300 Milliarden zusätzlichen Cash-Ausleihungen und weiteren US-$ 9.000 Milliarden an kurzfristigen Krediten unter die Arme gegriffen hat! Kein Wunder also, dass der Chef der Zentralbank diese Daten nicht veröffentlichen wollte, denn es zeigt eine zu enge Verbindung zwischen der Zentralbank und den Finanzinstituten an der Wall Street auf. Es zeigt auch, wie unglaublich arrogant die FED handelt, quasi nach dem Motto: „Wir wissen am besten, was gut für uns alle ist.“

In den vergangenen Monaten hat Ben Bernanke regelmäßig gefordert, dass die Politik der FED geheim bleiben solle. Zu viel Transparenz untergrabe die Unabhängigkeit und Effektivität der Zentralbank. Dies ist natürlich völliger Unsinn. Ganz im Gegenteil sorgt diese Geheimniskrämerei für ungesunde Zustände an der Wall Street – mit weltweiten Auswirkungen. Es ist daher nur allzu gerechtfertigt, dass die Europäische Zentralbank und die Zentralbanken im Fernen Osten mit Argwohn die Entwicklungen beim Federal Reserve Board unter seinem Chef Ben Bernanke beobachten.

 
Dkfm. Bertram Schurian, war lange Zeit international als Manager tätig und lebt in Kärnten.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 30. Jänner 2011
 
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