Araber ist nicht gleich Araber


Warum die Unruhen in arabischen Ländern so unterschiedliche Formen annehmen und die Geschichte Libyens

 

Von Richard G. Kerschhofer

Die Beispielwirkung der Ereignisse in Tunesien hat, vor allem weil man sie dank moderner Technik überall in Echtzeit miterleben konnte, tatsächlich zu dem vielfach vermuteten „Domino-Effekt“ geführt – wenngleich nicht in „logischer“ Reihenfolge. Denn die Einwohner Bahreins und Libyens nagen ja keineswegs am Hungertuch.

Dass die Unruhen in den arabischen Ländern so unterschiedlich abliefen, besonders dass es in Libyen zu derartigem Blutvergießen kam, hat sicher mit unterschiedlichen Reaktionen der Machthaber zu tun – von „Bestechung“ in Form von Geldgeschenken, Gehaltserhöhungen und Subventionen bis hin zu Gewalt unterschiedlichen Grades. Extremfall war bisher Libyen, wo Gaddafi sogar Militär und ausländische Söldner mit schweren Waffen gegen die Bevölkerung einsetzte. Was zeigt, wie sehr man selber zur Eskalation beitragen kann. „Verhetzung“ spielte offensichtlich keine Rolle, auch wenn sie immer gerne geargwöhnt wird, zuletzt von Gaddafi, der Bin Laden und Al-Kaïda als Schuldige auszumachen glaubte.

Unterschiede gibt es aber auch in den Voraussetzungen für Unruhen. Ausschlaggebend sind weniger die in Zahlen messbaren materiellen Verhältnisse als der praktisch unmessbare Grad des subjektiven Empfindens von Ausbeutung und Unterdrückung. Der Frust ist umso stärker, je deutlicher der Kontrast zwischen Volk und Machthabern sichtbar wird, und auch hier war Gaddafi ein Extremfall. Von psychiatrischen Diagnosen, namentlich von solchen aus der Ferne, ist zwar nicht viel zu halten, doch auch der Laie konnte aus Gaddafis Allüren, ja schon allein aus seiner Kostümierungssucht auf gewisse Störungen schließen.

Darüber hinaus gibt es einen weiteren Faktor, den man plakativ Nationalcharakter nennen kann und der – weil nicht ins Konzept der „political correctness“ passend – gerne unterschätzt wird. Die Bewohner der „arabischen Länder“ haben nämlich wesentlich weniger Gemeinsamkeiten, als aus den Wunschträumen panarabischer Ideologen zu schließen wäre. Wie unterschiedlich der Volkscharakter sein kann, der ja durch Herkunft, durch geschichtliche Erfahrungen einschließlich der Religion und durch geographische Gegebenheiten geprägt ist, wird beim Vergleich Libyens mit seinen Nachbarn Ägypten und Tunesien besonders deutlich.

Ägypten ist seit der Reichsgründung durch den ersten Pharao vor 5000 Jahren eine Nation, woran auch die von diversen Eroberern hinterlassenen genetischen Spuren nichts geändert haben. Die Menschen waren durch das Zusammenleben auf engstem Raum seit jeher zu Zusammenarbeit und weitgehend gewaltfreien Methoden der Konfliktbewältigung gezwungen.

Die Länder des Maghreb sind seit Urzeiten von – später größtenteils arabisierten – Berbern bewohnt, bei denen Stammeszugehörigkeit bis heute eine Rolle spielt, am meisten in Libyen und am wenigsten in Tunesien und Algerien. Im Gebiet Tunesiens herrschten seit dem frühen Mittelalter lokale Dynastien, zeitweise unter osmanischer und später französischer Oberhoheit, unter der auch die heutigen Staatsgrenzen gezogen wurden.

Libyen hingegen wurde erst nach der italienischen Okkupation ab 1912 eine Verwaltungseinheit und erst 1951 dank der Westalliierten ein Königreich, in dem die klassischen Landesteile Kyrenaika, Tripolitanien und Fezzan vereint waren. Die Bewohner der Kyrenaika hatten einst erbitterten Widerstand gegen die Italiener geleistet und waren nun auch die ersten im Aufstand. Bezeichnend ist auch, dass sie prompt wieder die Fahne des Königreichs hissten – denn der 1969 von Gaddafi gestürzte König Idris war einer der ihren.

Libyen – ein Spielball fremder Mächte und lokaler Despoten

Als Italien 1934 den eroberten Gebieten Nordafrikas den Namen Libia gab, wurde – wohl auch zur Unterstreichung von Mussolinis Ambitionen – auf die altgriechische Bezeichnung zurückgegriffen, die sich einst auf das gesamte Nordafrika westlich von Ägypten bezog. Urkundlich erwähnt werden libysche Berber-Stämme aber bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. in Ägypten, das mit ihnen wiederholt Probleme hatte, und in der Spätzeit sogar zeitweise von einer libyschen Dynastie beherrscht wurde.

Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. wurden an der afrikanischen Mittelmeerküste griechische und phönizische Kolonien gegründet, so etwa Kyrene. Die danach benannte Region Kyrenaika kam später unter die Herrschaft Alexanders des Großen und der Ptolemäer. Auch zur Römerzeit waren die Kyrenaika und Tripolitanien Teile zweier verschiedener Provinzen und nach der Teilung in Ost- und Westrom sogar verschiedener Reiche.

Die arabisch-muslimische Eroberung erfasste 644 die Kyrenaika und 647 Tripolitanien. Um 1050 zerstörten arabische Beduinenstämme die Reste römischer Zivilisation, und Nomadentum wurde auch zur Wirtschaftsform der arabisierten Berber. Beherrscht wurde Tripolitanien von wechselnden Dynastien aus dem Westen, während die Kyrenaika in der Regel von Ägypten aus regiert wurde. Gaddafis „Warnungen“ vor einer Spaltung Libyens sind also keine reinen Hirngespinste.

Im Spätmittelalter wurde Tripolis zu einem Piratenstützpunkt, was europäische Seemächte wiederholt zur Intervention veranlasste. Unter der osmanischen Herrschaft ab 1551 konnten sich immer wieder lokale Paschas de facto selbständig machen und zur Piraterie greifen. Als 1801 der Pascha von Tripolis den USA den Krieg erklärte, weil diese nicht den von ihm geforderten Tribut zahlen wollten, wurde Tripolis 1804 von einem US-Geschwader bombardiert.

Bei der italienischen Eroberung 1912 wurden erstmals Giftgas und Flugzeuge eingesetzt. Beduinenstämme in Tripolitanien und die Senussi-Bruderschaft in der Kyrenaika leisteten erbitterten Widerstand, der erst mit der Hinrichtung des legendären Umar al-Muchtar 1931 gebrochen wurde. Die italienische Herrschaft ging aber 1943 mit der Kapitulation der Achsenmächte in Nordafrika wieder zu Ende. In der Besatzungszeit verwalteten die USA Tripolitanien, Großbritannien die Kyrenaika und Frankreich Fezzan. Die italienischen Siedler wurden „rückgesiedelt“.

Die Vereinten Nationen entschieden sich 1949 für die Unabhängigkeit Libyens, die 1951 verwirklicht wurde. Idris I., Oberhaupt der Senussi-Bruderschaft und Emir der Kyrenaika, wurde König. Er führte zwar Reformen und Infrastruktur-Projekte durch, die zum Teil noch aus der Kolonialzeit stammten. Aber Misswirtschaft und Korruption griffen dennoch um sich. Das war der Grund, warum der „Bund freier Offiziere“ unter dem damals 27-jährigen Obersten Gaddafi den König absetzte, der sich gerade in der Türkei aufhielt, und die Monarchie abschaffte.

Ein britisches „Gaddafi-Opfer“

Abschließend noch ein Gustostück aus dem Beziehungsgeflecht zwischen dem Gaddafi-Clan und westlicher „Realpolitik“.

Es war eine beachtliche Karriere: Der heute 60-jährige Howard Davies studierte an der Universität Oxford und danach an der renommierten kalifornischen Stanford Graduate School of Business, wo er als Master of Science in Betriebswirtschaftslehre graduierte. Er war unter anderem für die Unternehmensberatung McKinsey und für den britischen Arbeitgeberverband (CBI) tätig, wurde stellvertretender Gouverneur der Bank of England und schließlich Vorsitzender der britischen Entsprechung zum deutschen Bundesrechnungshof, in welcher Funktion er im Jahr 2000 geadelt wurde. 2003 wurde er, nun Sir Howard Davies, Direktor der weltbekannten London School of Economics (LSE) – doch vor kurzem ist er zurücktreten.

Wie das? Gaddafis zweitältester Sohn Saif-al-Islam hatte 2008 an dieser Universität die Doktorwürde erhalten – und jetzt kam heraus, dass er ein Jahr danach der LSE eine Spende von 1,5 Millionen Pfund hatte zukommen lassen. Prompt tauchte bei der Doktorarbeit des Gaddafi-Sprößlings Plagiatsverdacht auf, und es kamen sogar Vorwürfe, er habe sie von einem „Ghostwriter“ schreiben lassen. Beides wird jetzt von der LSE offiziell untersucht. Die LSE hat aber noch weitere 2,2 Millionen von Gaddafi angenommen, um künftige Stützen des Regimes auszubilden. Die besondere Beziehung der LSE zu Gaddafi steht in engem Zusammenhang mit der Libyen-Politik des damaligen Premierministers Tony Blair, der mit der Wiederannäherung an das Regime der britischen Wirtschaft lukrative Aufträge zu verschaffen wusste. Saif-al-Islam selbst hatte übrigens auch beste Kontakte zu Prinz Andrew, Wirtschaftsminister Mandelson und anderen.

 
Dr. Richard G. Kerschhofer ist freier Publizist und lebt in Wien.

Bearbeitungsstand: Samstag, 1. Juni 2013

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