Die deutsche Wissenschaftssprache droht zu verschwinden


Von R. J. Schaur

In den natur-, wirtschaftswissenschaftlichen und technischen Fächern ist Deutsch bereits weitgehend durch Englisch als Publikationssprache ersetzt worden. Setzt sich der Trend in den Sozial- und Geisteswissenschaften fort? Und wie steht es mit Deutsch als Vorlesungssprache an unseren Universitäten? Wird in Zukunft Deutsch nur mehr als Fremdsprache gelehrt? Der Germanist Ulrich Ammon plädiert für Einführung des Englischen als Zusatz(!)sprache der Lehre.

Die Studierenden an den österreichischen Universitäten haben in den letzten Monaten und Jahren lautstark gegen alles Mögliche demonstriert. Als Hochschullehrer habe ich ihre Anliegen – vor allem jene der „Audimaxisten“, die bei den Protesten eine Schrittmacherrolle spielten – genau verfolgt. Merkwürdigerweise war kein Protest zu hören gegen die Tatsache, dass den Hörerinnen und Hörern an unseren Hochschulen ihre Muttersprache Schritt für Schritt genommen wird. Wie lässt sich dieser auf den ersten Blick überraschende Befund erklären? Mehrere Hypothesen bieten sich an:

  • Der schrittweise Ersatz von Deutsch als Vorlesungssprache durch Englisch ist ein langsamer Prozess, der unter der Wahrnehmungsgrenze bleibt.
  • Dieser Prozess wird zwar wahrgenommen, aber als zwangsläufig angesehen oder als  wünschenswert betrachtet, weil Englisch die globale Sprache ist.
  • Der Domino-Effekt, der dadurch im Bereich der Sekundar- und Elementarstufe unseres Bildungssystems ausgelöst wird, wird nicht erkannt.
  • Die damit verbundene geistige Verarmung wird ebenfalls nicht erkannt oder bagatellisiert.

Dabei geht es jedoch um ein zentrales Element unserer Kultur. Ist das Deutsche, wie der CDU-Politiker und EU-Kommisar für Energie Günther Oettinger meinte, für die einheimischen Eliten nur noch eine „Feierabendsprache“, die sie zu Hause mit den Kindern und beim Schwätzchen über den Gartenzaun verwenden, sonst aber nicht?

Der Status quo: Die Fakten

Das Englische weist einen Anteil am Weltaufkommen wissenschaftlicher Publikationen von über 90 Prozent auf!

Deutsch spielt im Vergleich dazu nur noch eine äußerst bescheidene Rolle: Der Anteil der auf Deutsch verfassten wissenschaftlichen Publikationen ist inzwischen auf einige wenige Prozent geschrumpft.

So haben die meisten Hochschulen bereits begonnen, „internationale Studiengänge“ mit Englisch als Unterrichtssprache anzubieten, insbesondere in den Natur-, Technik- und Wirtschaftswissenschaften. Damit will man nicht nur deutsche und österreichische Studenten und Dozenten international kompetenter machen; man verspricht sich davon auch, das Studium in Deutschland und Österreich für nicht-deutsche Studenten interessanter zu gestalten.

Diese studieren nämlich längst lieber an den angelsächsischen Spitzenuniversitäten, wo die Ausstattung und Betreuung oft besser ist und das Studium zwar strikter reglementiert, dafür aber leichter planbar ist: nach einem festen Zeitraum hat man einen international anerkannten Abschluss.

Überdies erspart man sich das zusätzliche Büffeln der allgemein als schwierig geltenden deutschen Sprache – während Englisch den meisten Studieninteressenten bereits geläufig sein dürfte.

Jürgen Trabant, Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin, weist darauf hin, dass damit der Transfer von Wissenschaft entfällt. Mit der Vorlesung und der Seminardiskussion entfällt in Zukunft das Sprechen, an dem bisher die Vermittlung zwischen Wissenschafts-Schreibe und gesprochenem Hochdeutsch stattfand, die ihrerseits den Transfer von wissenschaftlicher Sprache in die Gesellschaft (Lehrerausbildung, Lehrbücher) vorbereitete.

Der nächste Schritt, der auch dies überflüssig macht, kündigt sich schon an: Jede Schule, die auf sich hält, erteilt schon naturwissenschaftlichen Unterricht auf Englisch. Die Konsequenz: Über bestimmte, nämlich die wichtigsten wissenschaftlichen Gebiete wird nicht mehr auf Deutsch nachgedacht, gesprochen und geschrieben. Es entfällt damit einer der wichtigsten Orte, an dem das Hochdeutsche gelernt wurde.

Jürgen Trabant fügt hinzu: „Ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich bin ein geborener Dialektsprecher, „deutsch“ zu sprechen und zu schreiben habe ich in der Schule gelernt, mein Deutsch verdanke ich also primär dem Sprechen und Schreiben über wissenschaftliche und literarische Gegenstände.

Zukünftig aber wird der junge Deutsche und Österreicher über Naturwissenschaft nur auf Englisch reden und schreiben. Das heißt nicht nur, dass die Nationalsprache dieses Feld der Rede verliert, sondern auch, dass die Beherrschung der nationalen Standardsprache für die Jugend immer weniger wichtig wird.“

Der Status quo: Offene Fragen

Freilich drängt sich die Frage auf, ob das, was für die natur-, wirtschaftswissenschaftlichen und technischen Fächer zweifelsfrei gilt, auch für die Germanistik gelten kann.

Droht nicht eine fatale Verarmung der deutschen Sprache, wenn am Ende sogar in Deutschland die Germanistik zu beträchtlichen Teilen auf Englisch unterrichtet wird?

Könnte das Deutsche nicht sogar irgendwie von innen her erodieren, wenn die deutsch- und englischsprachige Lehre nebeneinander her gehen?

Ganz abgesehen von der Gefahr, dass insbesondere das gesprochene Deutsch immer mehr durch wahllos eingestreute Anglizismen verunziert wird.

Und ist das überhaupt ein vollwertiges Englisch, das heute die wissenschaftlichen Konferenzen dominiert? Ist es nicht vielmehr eine Art Pidgin-English, das oftmals bis zur Unverständlichkeit fehlerhaft und zu einem großen Teil – wie die Computerfachsprache – aus dem Umgangssprachlichen (vereinzelt sogar dem Slang) geschöpft ist? (Wobei sich die nicht-angelsächsischen Benutzer dessen meist nicht voll bewusst sind und damit u. U. der Lächerlichkeit preisgeben).

Jürgen Trabant fragt provokant: „Habe ich jemals – außer von Wolf Lepenies (Anm.: Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin) natürlich – einen wirklich brillanten englischen Vortrag eines Nicht-Native-Speakers oder eines nicht in Amerika lebenden Wissenschaftlers gehört? Nun, natürlich werden mir meine Kollegen aus der Brandenburgischen Akademie dieses bisher entbehrte Vergnügen bereiten. Ich freue mich schon darauf.“

Der Weg zur Wissenschaftssprache Deutsch

Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts Inter Nationes, hat darauf hingewiesen, dass Deutsch einst Wissenschaftsweltsprache war, und zwar deshalb, weil Deutschland am Anfang des vorigen Jahrhunderts den Ruf hatte, das in den Wissenschaften am weitesten fortgeschrittene Land zu sein. Mit Ausnahme einiger Nischenfächer hat Deutschland diese prominente Stellung verloren.

Der Weg zur Wissenschaftssprache Deutsch war dornig und langwierig, wie der Germanist Helmut Glück (Bamberg) beschreibt. Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt das.

  • Fünfzehntes Jahrhundert: Tastender Beginn
    Im fünfzehnten Jahrhundert fing man damit an, Volkssprachen in Wissensgebieten zu verwenden, die bis dahin nur auf Lateinisch zugänglich gewesen waren. Das Deutsche verfügte gar nicht über die Wortschätze, die man brauchte, um über das betreffende Wissensgebiet sprechen oder schreiben zu können.
    Man musste deshalb Wortimport betreiben (meist aus dem Lateinischen) und neue Wörter prägen. Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert begannen humanistische Gelehrte damit, deutsche Ausdrücke für wissenschaftliche Gegenstände vorzuschlagen.
    Sie erfanden Hunderte von Verdeutschungen, die sie in der Gestalt von Synonymen vortrugen. So entstanden tastend, als Vorschläge, der Öffentlichkeit zur Prüfung vorgelegt, viele Terminologien, die man brauchte, um Wissenschaften und öffentliche Angelegenheiten auf Deutsch betreiben zu können.
  • Sechzehntes Jahrhundert: Nationalisierung der Wissenschaftssprache
    Im Hörsaal gibt es seit dem sechzehnten Jahrhundert Versuche, auf Deutsch zu lesen. Pioniere der Vorlesungssprache Deutsch wie Tilemann Heverling in Rostock, Thomas Murner oder Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, an der Universität Basel hatten allerdings nur wenige Nachahmer. Noch 1687 verursachte Christian Thomasius in Leipzig einen Skandal, weil er eine philosophische Vorlesung auf Deutsch ankündigte.
  • Achtzehntes Jahrhundert: Trend zu Nationalsprachen in Europa
    Im achtzehnten Jahrhundert gingen in ganz Europa die Wissenschafter zu den Nationalsprachen als Wissenschaftssprachen über, so auch in Deutschland. Es war die große Zeit der empirischen Wissenschaften, der Akademien, der gelehrten Gesellschaften, der ersten Enzyklopädien und Fachzeitschriften.
    Dieser Prozess beruhte auf der Erkenntnis, dass man auch in anderen Sprachen als dem Lateinischen forschen, argumentieren, beschreiben und dichten könne, und das alles womöglich besser, direkter und authentischer als auf Lateinisch.
  • Neunzehntes Jahrhundert: Die Wissenschaft „dem Volke“
    Es ist kein Zufall, dass das klassische Zeitalter der deutschen Philosophie und Literatur zwischen 1780 und 1830 auch den definitiven Durchbruch der Wissenschaftssprache Deutsch mit sich brachte.
    „Die deutsche Wissenschaftssprache war die Basis einer Wissenskultur, welche die von Wilhelm von Humboldt, von Schleiermacher und Fichte gegründete moderne Universität getragen hat“ (Wolfgang Frühwald).
    Um 1800 war es eine Selbstverständlichkeit geworden, dass in Deutschland auf Deutsch geforscht wurde. Hegels Meinung, dass die Wissenschaft „dem Volke“ angehören solle und dass dies nur möglich sei, wenn es in der Sprache des Volkes geschehe, mag heute altväterlich erscheinen; zu Hegels Zeiten gab es weder die Deutsche Forschungsgemeinschaft noch das Internet.
    Immerhin finanziert heute das Volk über seine Steuern einen Großteil des Wissenschaftsbetriebs, auch den, der sich aus seiner Sprache verabschiedet hat.
    Das Deutsche machte im neunzehnten Jahrhundert neben dem Französischen und dem Englischen Karriere als Weltsprache der Wissenschaften. Dies war das Jahrhundert der Naturwissenschafter und der Ingenieure, aber auch der Imperialismen, und das färbte auch auf die Sprachen ab. Die Konkurrenz der europäischen Mächte um die Weltherrschaft war auch eine Konkurrenz ihrer Sprachen im internationalen Verkehr.
  • Zwanzigstes Jahrhundert: Deutsch als „Feindsprache“
    Die Wissenschaftssprache Deutsch verlor ihre Weltgeltung nach dem Ersten Weltkrieg und wurde außerhalb Mitteleuropas fast überall zur „Feindsprache“. Man verbot, wie in Russland, ihren Gebrauch, hörte auf, sie in den Schulen zu lehren, wie in Nordamerika, man stigmatisierte sie als die Sprache von Barbaren, wie in Großbritannien und Frankreich.
    Den Garaus machte ihm schließlich das nationalsozialistische Deutschland, und zwar auf zweierlei Weise. Zum einen ruinierte es durch seine Verbrechen das Ansehen der Deutschen und ihrer Sprache auf der ganzen Erde. Das Deutsche wurde zu jener Sprache, in der KZ-Häftlinge geschunden und in ganz Europa herumgebrüllt wurde.
    Zum anderen verjagte das nationalsozialistische Regime 1933 viele maßgebliche Wissenschafter aus Deutschland und 1938 auch aus Österreich. Nur wenige von ihnen kehrten nach 1945 zurück. Zwar gab es Gelehrte, die in ihrer neuen Heimat ihrer Muttersprache verbunden blieben, etwa der Chemiker Erwin Chargaff. Meist nahmen sie aber die Sprache ihres Exillandes als Wissenschaftssprache an, und das war häufig das Englische.
    Auf diese Weise hat das nationalsozialistische Deutschland bewirkt, dass die Wissenschaften in Deutschland und mit ihnen die Wissenschaftssprache Deutsch entscheidend geschwächt wurden.
    „Heute ist die Position der englischen Sprache in der Welt so, dass ihre Dominanz – ganz wertfrei gesehen – zu einer kommunikationstechnischen Zwangsläufigkeit führt“ (Dieter Jakob). Jakob weist darauf hin, dass es vor allem die europäischen Kulturnationen sind, die dies schmerzlich registrieren, droht doch das, was in ihrer Kultur über die Sprache ausgedrückt ist, im globalen, sich immer schneller drehenden Datenkreislauf zu verschwinden, weil es nicht mehr (oder nur mehr schwer) wahrnehmbar ist. Was nicht von allen sprachlich aufgenommen werden kann (und hierzu dient die lingua franca Englisch), verliert sehr schnell unter den Bedingungen der weltweiten, vernetzten Kommunikation an Wert; auf einen objektiven Wert kommt es dabei nicht an.

Englisch in der früheren Rolle des Latein

„Die Zahl der englischsprachigen Publikationen in international anerkannten Zeitschriften (mit hohem „impact factor“) entscheidet über das wissenschaftliche Ansehen chinesischer Forscherinnen und Forscher ebenso wie über das von Japanern, Franzosen, Deutschen und Israelis. Die englische lingua franca hat sich die Publikationswelt der Wissenschaft in weiten Teilen erobert, stärker und nachhaltiger als dies die Sprache der Kirche und der Gelehrsamkeit, das Latein, im Mittelalter jemals hatte tun können.“(Frühwald)

Es ist unübersehbar, dass dem Anglifizierungsprozess in der internationalen Wissenschaftskommunikation kulturimperialistische Züge anhaften. Die Aufgabe der nationalen Wissenschaftssprachen und –traditionen marginalisiert die nationalen Kulturen und fördert die „Emigration der Intelligenz in Richtung auf die weiter nationalstaatlich verfassten und handelnden USA“ (Ehlich). Der Verzicht auf die eigene Wissenschaftssprache bedeutet zugleich „eine Devaluierung des in dieser Sprache verfassten Wissens“. (Ehlich) Eine Verarmung der eigenen Sprache, die das Wissen in eine andere Sprache ausgelagert hat, ist die weitere, unvermeidbare Konsequenz. Die Ablösung der nationalen Sprache durch die lingua franca des Englischen bezeichnet den „selbstverschuldeten Übergang in die Unmündigkeit“ (Ehlich). Wenn nicht alles täuscht, sind ganze wissenschaftliche Nationalkulturen bereit, diesen Weg zu gehen.

Vorschläge für die Zukunft

Der Germanist Ulrich Ammon (Universität Duisburg-Essen) plädiert für Einführung des Englischen als Zusatz(!)sprache der Lehre an den deutschen Hochschulen.

Das wahrscheinlichste Zukunftsszenario ist für ihn nicht die Monopol-Stellung einer Sprache, sondern eine „Oligopolie“: mit Englisch als Weltsprache und funktional differenzierten weiteren Sprachen von internationaler Bedeutung, zu denen auch Deutsch gehört, das ungeachtet seines Niedergangs als Wissenschaftssprache nach wie vor von wirtschaftlicher Bedeutung ist.

Dennoch lässt sich am Deutschen auf Dauer sicherlich nicht uneingeschränkt festhalten, nicht zuletzt auch aufgrund der Überlegenheit englischer Lehrmaterialien. Englischsprachige Lehrbücher sind z.B. im Durchschnitt aktueller als deutschsprachige, weil sie – wegen des größeren Marktes – schneller Neuauflagen erreichen.

Dann besteht allerdings die Gefahr, dass künftig immer weniger nach deutscher Terminologie gesucht wird, zumal ja schon heute – wie oben angedeutet – deutsche Fachtexte (nicht nur in der Computerbranche) von schlecht angepassten Anglizismen nur so wimmeln!

In den Natur- und Ingenieurwissenschaften, teilweise auch den Wirtschaftswissenschaften, wäre eine solche Entwicklung vielleicht weniger gravierend. Für diese Bereiche sieht Ammon sogar die Möglichkeit, durch die Hinzunahme des Englischen in der Hochschullehre in sprachlicher Hinsicht die Einheit von Forschung und Lehre im Sinne Humboldts wiederherzustellen.

In den Geistes- und Sozialwissenschaften könnten die Auswirkungen jedoch fatal sein. Denn, wenn es richtig ist, dass die Struktur, speziell die Bedeutungslehre (Semantik), der zugrunde liegenden Einzelsprache auch wissenschaftliche Erkenntnisse prägt, dann würde ja die Dominanz einer einzelnen Sprache auf eine unsägliche Verarmung hinauslaufen; dann wäre ja im Interesse eines breit angelegten wissenschaftlichen Fortschritts die Nutzung möglichst vieler Sprachen als Erkenntnisressourcen geradezu geboten!

Allerdings – so schränkt Ammon ein – steht in diesen Bereichen die Verdrängung der traditionellen Wissenschaftssprachen auf absehbare Zeit nicht an, u.a. weil die in den verschiedenen Sprachen entwickelten Terminologien zu unterschiedlich sind.

Die Scheu vor dem Nebeneinander von zwei Sprachen, so resümiert er, sei heute nicht mehr zeitgemäß. Statt auf die Abwehr des Englischen sollten sich die Bemühungen auf das Wie des Nebeneinander beider Sprachen konzentrieren.

Restriktiver sind die Vorschläge von Helmut Glück. Er konzentriert sich auf die Erhaltung der deutschen Sprache:

Die Wissenschaftssprache Deutsch kann seiner Meinung nach nur dann erhalten werden, wenn in Deutschland maßgebliche Forschungsergebnisse erarbeitet werden. Nur dann werden Forscher in anderen Ländern Anlass haben, deutsche Publikationen zur Kenntnis zu nehmen – auch in deutscher Sprache.

Wenig sinnvoll wäre es, die Wissenschaften durch staatliche Maßnahmen zur Verwendung einer bestimmten Sprache zu zwingen. Bei Tagungen in Deutschland sollte das Deutsche als Kongresssprache nicht nur zugelassen, sondern gefördert werden.

Die akademische Lehre sollte grundsätzlich auf Deutsch erfolgen, schon weil muttersprachliche Lehre bessere Lernerfolge ermöglicht. Lehrbücher sowie Überblicksdarstellungen und Lexika sollten in jedem Fach auf Deutsch greifbar sein oder wieder werden. Günther Oettingers Vorhersage, dass das Deutsche auf dem Weg zur Haus- und Familiensprache sei, sollte widerlegt werden.

Ein Appell

Die Wissenschaftssprache Deutsch – so Helmut Glück – ist eine Errungenschaft, an der Generationen von Gelehrten fünfhundert Jahre lang gearbeitet haben. Ihr Niedergang bedeutet die Verschleuderung eines immensen geistigen und materiellen Kapitals, das über Jahrhunderte hinweg angesammelt worden ist. Es darf nicht von einer einzigen Generation verjuxt werden.

Fest steht: Deutsch als (Wissenschafts-) Sprache befindet sich in einem Stadium der Transformation. Verfall oder neue Periode? Auf die Frage, ob die Sprache verfällt oder gar eine neue Sprachperiode beginnt, geben die Wissenschafter keine eindeutige Antwort.

„Sicher ist, dass die Sprache sich wandelt, wahrscheinlich schneller als früher, schon deshalb, weil sich die Welt in einem früher nicht gekannten Ausmaß und Tempo verändert“, schreibt Rudolf Hoberg im Vorwort zu „Die deutsche Sprache zur Jahrtausendwende – Sprachkultur oder Sprachverfall?“.

Schließlich müsse sich die Sprache immer wieder neuen Lebensverhältnissen anpassen, damit sie den Menschen als Mittel der Reflexion und Kommunikation dienen kann.

Die Spitzen der EU haben 2007 anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge in der BERLINER ERKLÄRUNG feierlich verkündet:

„Wir wahren in der Europäischen Union die Eigenständigkeit und die vielfältigen Traditionen ihrer Mitglieder. Die offenen Grenzen und die lebendige Vielfalt der Sprachen, Kulturen und Regionen bereichern uns.“

Diese juristisch unverbindliche Absichtserklärung sollte nach der Vorstellung des Europäischen Rates eine orientierungsstiftende Wirkung innerhalb der Bevölkerung der Europäischen Union in Bezug auf Werte, Aufgaben und Struktur des Staatenverbundes entfalten.

Wenn uns Europäern die lebendige Vielfalt unserer Sprachen tatsächlich ein Anliegen ist, dann sollte die Pflege der verschiedenen europäischen Wissenschaftssprachen hohe Priorität erhalten.

 
Rudolf Jörg Schaur, Jahrgang 1940, studierte Chemie und Biologie an der Karl-Franzens Universität Graz (Doktorat 1967). An selbiger Universität war er bis 2001 Professor für Biochemie.

Literatur

Ammon, Ulrich: Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? Englisch auch für die Lehre an den deutschsprachigen Hochschulen. Gruyter 1998

Ehlich, Konrad: Deutsch als Wissenschaftssprache für das 21. Jahrhundert, in: „gfl – German as a foreign language“, Nr. 1, 2000.

Frühwald, Wolfgang: Deutsch als Sprache der Wissenschaft, in: „aviso – Zeitschrift für Wissenschaft & Kunst in Bayern“, Heft 3, 2000, S. 10–15

Glück, Helmut: Deutsch als Wissenschaftssprache – Sprachfreies Denken gibt es nicht, in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ 25. April 2008

Hoberg, Rudolf: Vorwort in: Rudolf Hoberg & Karin Eichhoff-Cyrus (Hrsg.), Die deutsche Sprache zur Jahrtausendwende. Sprachkultur oder Sprachverfall? Dudenverlag, Mannheim/ Leipzig/ Wien/ Zürich 2000.

Jakob, Dieter: Englisch als globale Wissenschaftssprache, in: „Akademische Blätter“ Heft 2, 2008

Trabant, Jürgen: Wissenschaftssprache – Sprache der Wissenschaftler, in: „Gegenworte“, Zeitschrift für den Disput über Wissen, Heft 7, 2007

Bearbeitungsstand: Samstag, 1. Juni 2013

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