Das Märchen vom „Schulparadies Finnland“


Von Severin Vetter

Eines der Lieblingsargumente der Gesamtschulbefürworter in Österreich und Deutschland ist die Tatsache, dass Finnland als „Sieger“ bei der PISA-Studie hervorgegangen ist.

In Finnland gibt es ein System, das hierzulande als „Gesamtschule“ bezeichnet wird – und daraus wird messerscharf geschlossen, dass wir auch unser differenziertes Schulsystem abschaffen und eine „Gesamtschule“ einführen sollten, um bei der PISA-Studie besser abzuschneiden.

Dieses Argument ist ungefähr so sinnvoll, wie zu sagen: in Südspanien ist das Wetter heißer und sonniger als hier. Die Leute haben keine Heizungen in ihren Wohnungen. Also müssen wir unsere Heizungen entfernen, dann wird es bei uns auch so schön und sonnig.

Es ist schon richtig, dass es im finnischen System einiges gibt, was nachahmenswert ist und auch hier bei uns gute Ergebnisse bringen würde. Die Tatsache, dass dort alle gemeinsam 6 Jahre lang in der Grundschule sitzen und dass die drei Jahre dauernde Mittelschule überall die gleiche Bezeichnung hat (ohne in Wirklichkeit gleich zu sein), ist dabei aber ziemlich irrelevant.

Finnland ist anders als Österreich

Die Situation in Finnland ist ganz anders als bei uns. Finnland ist ein riesiges Land, das sehr dünn besiedelt ist. Der Großteil der Schulen ist – für unsere Verhältnisse – winzig klein (rund 40 % (!) aller Schulen haben nicht mehr als 50 Schüler und Schülerinnen). Nur 3 % aller Schulen werden von mehr als 500 Kindern besucht. Größere Schulen gibt es nur in den Ballungszentren. Der Anteil an Kindern mit ausländischer Muttersprache ist sehr gering (etwa 2 %); für diese Kinder besteht Kindergartenpflicht und sie werden erst zum Unterricht in einer regulären Schulklasse zugelassen, nachdem sie eine der beiden Landessprachen (Finnisch oder Schwedisch) gelernt haben. Die Gesellschaft ist religiös, sozial und weltanschaulich sehr homogen und es gibt aus all diesen Gründen verhältnismäßig wenige Probleme mit der Disziplin.

Das eigentliche Erfolgsgeheimnis: das Fördersystem

Was das finnische Schulsystem auszeichnet, ist das Fördersystem. Die Forderung nach einer „inneren Differenzierung“ im Unterricht, die der Grundpfeiler der deutsch-österreichischen Gesamtschulidee ist, ruft bei finnischen Lehrern verständnisloses Kopfschütteln hervor. In Finnland gibt es nicht nur kleinere Klassen als bei uns, sondern neben den Lehrern in jeder Schule auch eine Schulschwester (eine Krankenschwester mit Zusatzausbildung für vorbeugende Gesundheitsarbeit), eine Kuratorin mit sozialpädagogischer Ausbildung, eine Psychologin, eine Speziallehrerin mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung, die sich um die schwachen Schüler kümmert, und Assistenten. Diese Fachleute ermöglichen es den Lehrern und Lehrerinnen, sich ganz auf das Unterrichten zu konzentrieren, indem sie ihnen den Rücken freihalten, weil sie die schwächeren und verhaltensauffälligen Schüler übernehmen und sich um deren Probleme kümmern. Sitzenbleiben gibt es in Finnland daher nur ganz selten.

Zwischen 17 und 20 % der finnischen Schulkinder werden jedes Jahr im Rahmen von Einzelunterricht (oder Spezialunterricht in ganz kleinen Gruppen) in einem oder mehreren Schulfächern so gefördert, manche davon das ganze Jahr über. Das sind die 17–20 %, die bei uns die PISA-Ergebnisse nach unten drücken, weil sie in unserem System keine besondere Förderung bekommen. Mit Gesamtschule hat das nichts zu tun.

Ein derartiges Förderprogramm an den Pflichtschulen wäre auch bei uns ohne weiteres möglich; es ist eine reine Geldfrage. Dazu bräuchte man weder das Gymnasium zu zerschlagen noch das gesamte Schulsystem umzukrempeln.

So gut wie die Finnen?

Was von denen, die uns einreden wollen, wir brauchen die Gesamtschule, um „so gut zu werden wie Finnland“, besonders gern verschwiegen wird, sind vor allem drei Tatsachen:

Erstens, dass das finnische Schulsystem in Wirklichkeit um nichts weniger selektiv ist als das deutsche oder österreichische. In Finnland gibt sich jede Schule selbst ihr „Profil“. Manche sind akademisch anspruchsvoller (und entsprechen damit mehr oder weniger unserem Gymnasium), andere sind weniger anspruchsvoll (und entsprechen damit im Wesentlichen unserer Hauptschule). Für die „Lukios“ (die weiterführenden Schulen nach der 9-jährigen Pflichtschulzeit) gelten leistungsabhängige Zugangsbeschränkungen.

Die Schullandschaft entspricht damit – vor allem in den größeren Städten – eigentlich ziemlich genau der Situation in Deutschland und Österreich. Die Schulen sind zwar nicht gleich, haben aber dieselbe Bezeichnung. Das wird dann hier bei uns als „Gesamtschule“ interpretiert.

Der zweite Punkt, der gern verschwiegen wird, ist, dass gerade in Finnland Bildungsstand und Einkommen der Eltern eine besonders große Rolle für die weitere Ausbildung und Berufswahl spielen. An finnischen Universitäten ist der Prozentsatz der Studenten, die aus vermögenden und Akademikerfamilien stammen, weit höher (und damit der Prozentsatz von Studenten aus armen und bildungsfernen Familien weit niedriger) als in allen anderen EU‑Ländern (Asplund /Leijola, 2005). Soviel zur „Chancengleichheit“ und „erhöhten sozialen Durchmischung“, die die Gesamtschule finnischer Prägung angeblich bringen soll. Und die Jugendarbeitslosigkeit ist – nebenbei bemerkt – in Finnland doppelt so hoch wie bei uns.

Drittens ist das finnische Fördersystem zwar für die schwachen Schüler sehr gut, für die überdurchschnittlich Begabten gibt es aber – mit ganz wenigen Ausnahmen (in den großen Städten) – kaum besondere Förderung. Sie werden in den meisten Fällen gezwungen, im Mittelmaß mit zu schwimmen, was vor allem für begabte Kinder aus „bildungsfernen“ Haushalten sehr frustrierend sein kann, die von zu Hause keine Hilfe bekommen und die dadurch oft unter ihren eigentlichen Möglichkeiten bleiben.

Ist das finnische System wirklich eine Gesamtschule?

Zuletzt muss noch einmal nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die Schule in Finnland von dem, was bei uns als „Gesamtschule“ bezeichnet wird, weit entfernt ist. Gut am finnischen Schulsystem ist, dass es aus vielen kleinen Schulen besteht, dass die Schulen sehr viel Autonomie genießen, dass der Staat für jeden einzelnen Schüler viel mehr Geld ausgibt als bei uns, dass das Recht auf freie Schulwahl besteht und dass die Finnen, wie schon erwähnt, ein sehr gutes Fördersystem haben. Außerdem werden Lehramtskandidaten nach sehr strengen Kriterien ausgewählt und die Lehrer genießen in der Gesellschaft hohes Ansehen. Noch einmal: All das könnte man ohne weiteres auch bei uns haben – es hat aber mit der Gesamtschule, wie sie jetzt bei uns eingeführt werden soll, nichts zu tun.

Was können wir aus PISA wirklich lernen?

Die PISA-Studie sagt über die Qualität eines Bildungssystems überhaupt nichts aus. Dazu war sie auch gar nicht gedacht. Sie misst nur grundlegende Fertigkeiten, die in Finnland – dank des guten Fördersystems – bei fast allen Kindern vorhanden sind. Die fachlichen Anforderungen sind aber in finnischen Schulen niedriger als etwa in Österreich oder Deutschland. Ein finnisches Abitur ist einem deutschen Abitur oder einer österreichischen Matura keineswegs gleichwertig. Es berechtigt daher auch nicht automatisch zum Besuch einer Universität. Nur etwa die Hälfte der finnischen „Abiturienten“ schafft es auf eine Hochschule.

DIE PISA-Studie wird in keinem anderen EU-Land (einschließlich Finnland) so beachtet und so ernst genommen wie in Deutschland und Österreich – und außerdem werden ihre Ergebnisse bei uns gern verzerrt dargestellt (bei der innerdeutschen PISA-Studie etwa schneiden die Länder ohne Gesamtschulen bei der Studie regelmäßig viel besser ab als die Länder, in denen es Gesamtschulen gibt; das wird aber bei uns nicht dazugesagt). Die PISA-Studie wird nur von Politikern, denen das differenzierte Schulsystem aus ideologischen Gründen nicht passt, und die sich darauf verlassen, dass ohnehin niemand die Studienergebnisse genauer anschaut, als Vorwand genommen, auch uns eine „Einheitsschule“ aufzuzwingen.

Echte Reformen statt „Finnland-Romantik“

DAHER: lassen wir uns keinen Sand in die Augen streuen. Wir brauchen Reformen, aber die können wir nicht von Finnland (oder von irgendeinem anderen Land) abkupfern. Wir müssen selbst entscheiden, was unsere Bedürfnisse sind und wie wir unsere Probleme am besten lösen können. Ein großer Schritt auf diesem Weg wäre es, wenn die Verantwortlichen sich endlich von der Ideologie des „bildungspolitischen Dinosauriers“ Gesamtschule freimachen könnten. Die hat nämlich noch nirgendwo irgendwelche Probleme gelöst.

Und noch ein letzter Denkanstoß für die „Finnland-Romantiker“: Die HBSC-Studie (Health Behaviour in School-Aged Children), die seit fast 30 Jahren von der WHO in mittlerweile über 40 europäischen Ländern durchgeführt wird, erhebt unter anderem auch, wie gern Schüler verschiedener Altersgruppen in die Schule gehen. Österreich und Deutschland mit ihrem angeblich so schrecklichen und ungerechten differenzierten Schulsystem liegen dabei in allen Altersgruppen im Spitzenfeld, das „Schulparadies“ Finnland (ebenfalls in allen Altersgruppen) weit abgeschlagen am untersten Ende …

 
Der Verfasser, Schüler und Schulsprecher in Österreich, besitzt eigene Erfahrungen aus dem mehrjährigen Besuch einer Gesamtschule im Ausland. Er ist der Initiator von www.schuelerbegehren.at und arbeitet überparteilich mit einem Team junger Leute gegen eine Einführung der Gesamtschule in Österreich. Diese jungen Leute verdienen ideelle Unterstützung; sie sammeln u. a. Unterschriften auf ihrer Web-Seite.

Bearbeitungsstand: Samstag, 1. Juni 2013

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