Vor zehn Jahren starb Udo Proksch


Ein Polit-Thriller, der Österreich erschütterte

 

Von Bernd Stracke

„Fall Lucona“: Die Zahl der Personen, die direkt oder indirekt in den – laut Wikipedia – größten politischen Skandal Österreichs hineinspielen, geht in die Hunderte, wenn nicht gar in die Tausende. Die Zahl der in- und ausländischen Journalisten, die zu diesem Thema recherchierten und/oder publizierten, ist ebenfalls Legion. Der Bogen der Schauplätze dieses gleichzeitig wohl auch berühmtesten Kriminalfalls in der Geschichte der Zweiten Republik spannt sich nahezu über die ganze Welt. Er reicht von den Niederlanden bis Italien, von der Schweiz bis nach Rumänien, von der Karibik bis nach Hongkong, von Deutschland bis auf die Malediven, von Großbritannien bis ins ostafrikanische Djibouti und vom Suezkanal bis auf die Philippinen. Der Krimi gab bisher Stoff für etliche Bücher[1] und mindestens zwei Filme sowie ein Musical[2] her. Eine Reihe rätselhafter Todesfälle[3] und zwei Ministerrücktritte garnieren die Causa, in deren Mittelpunkt der gelernte Schweinehirt und als sechsfacher Mörder rechtskräftig verurteilte Udo Proksch stand, der vor genau zehn Jahren starb.

Am 23. Jänner 1977 explodierte in der Gegend der Malediven im Indischen Ozean der drei Wochen zuvor aus dem norditalienischen Hafen Chioggia mit Ziel Hongkong (Proksch hatte dort 1975 eine Wohnung gemietet und einen Strohmann veranlasst, die Firma North Pacific Trading Ltd mit einem Stammkapital von 20 – in Worten: zwanzig – Dollar zu gründen) ausgelaufene Frachter Lucona. Bei dem Schiffsuntergang kamen sechs Matrosen ums Leben. Sechs weitere Besatzungsmitglieder wurden – eher durch einen glücklichen Zufall – im letzten Augenblick gerettet. Laut den Versicherungspapieren hatte die Schiffsladung aus einer Uranaufbereitungsanlage im Wert von 212 Millionen Schilling (15,41 Millionen Euro) bestanden. In der Tat handelte es sich bei der Ladung jedoch um Schrott – teils um das Inventar eines aufgelassenen alten Kohlebergwerkes in Oberhöflein, teils um Maschinen einer insolvent gewordenen Harzfabrik in Piesting, teils um das längst unbrauchbar gewordene Labormodell einer Ionen-Implantationsanlage eines ehemaligen DDR-Tarnunternehmens, und schließlich handelte es sich teilweise um ausrangiertes Militärzubehör aus Beständen des österreichischen Bundesheeres. Die insgesamt mehrere hundert Tonnen schwere Menge an Gebrauchsschrott war von der Schweizer Briefkastenfirma Zapata AG bereits 1971 um – vergleichsweise – ein „Butterbrot“ erworben worden. Die Zapata war 1969 von Udo Proksch und Hans Peter Daimler über Strohmänner gegründet worden. Ob die Idee zum „Schifferlversenken“ sechs Jahre oder länger brauchte, um zur Tat zu reifen, wird sich nie mehr genau eruieren lassen. Dafür, dass spätestens 1971 erste Pläne für das mit außerordentlicher krimineller Energie ausgeheckte Vorhaben geschmiedet wurden, gibt es deutliche Indizien, wenngleich keine Beweise.

Parallel zu den genannten präkriminellen kommerziellen Aktivitäten hatte Udo Proksch 1972 die legendäre k. und k. Hofkonditorei Demel gekauft und den sagenumwobenen „Club 45“ gegründet, in dem sich Polit- und Wirtschaftsprominenz jedweder Couleur die Klinke in die Hand drückten. Proksch sorgte für die entsprechende „Unterhaltung“, zu der es beispielsweise auch gehörte, dass eine bekannte Schauspielerin nackt in Aspik gegossen wurde, um den erlesenen Gästen zum „Herunterschlecken“ zur Verfügung zu stehen.

Die verdienstvollen Aufdecker

Zur Auszahlung der Schiffsuntergangs-Versicherungssumme an den „Verlustträger“ Udo Proksch kam es nie. Zu verdanken ist dies vor allem den minutiösen und hartnäckigen Recherchen des Privatdetektivs Dietmar Guggenbichler (er war von der Bundesländer-Versicherung gegen ein 5-Millionen-Schilling-Honorar zur Klärung des Falles engagiert worden und übergab im Februar 1983 der Salzburger Polizei eine Sachverhaltsdarstellung mit seinen wasserdichten Lucona-Ermittlungsergebnissen und löste dadurch überhaupt erst den „Fall Lucona“ aus) sowie des Aufdeckungsjournalisten Hans Pretterebner, dessen 1987 erschienener Bestseller „Der Fall Lucona“ 22 (!) Beschlagnahmeanträge unbeschadet überstand. Anstatt dessen landete Udo Proksch nach schier unglaublichen Polit- und Justizvolten sowie filmreifen Versteckspiel-Szenen vor den Geschworenen. Letztlich hatte es nichts genützt, dass der seinerzeitige Innenminister Karl Blecha (SPÖ) im August 1983 und im November 1984 Weisungen erteilte, die behördlichen Ermittlungen gegen Proksch sofort einzustellen.

 

v.l.: Die Lucona-Aufdecker Hans Pretterebner und Dietmar Guggenbichler mit Lucona-Kapitän Jacob Puister (Foto: Archiv Dietmar Guggenbichler)

Nicht nur den Innenminister hatte Proksch damals auf seiner Seite: Der Versuch, seinen Freund Udo Proksch zu decken, brachte dem damaligen Außenminister Leopold Gratz (SPÖ) eine Geldstrafe wegen falscher Zeugenaussage ein. Gratz hatte mit Hilfe des rumänischen Geheimdienstes Securitate gefälschte Dokumente als „Unschuldsbeweise“ für Proksch beschafft. Am 26. Jänner 1985 kam es im Züricher Hotel St. Gotthard zu jenem legendären Gratz-Proksch-Treffen, vor dem der clevere Privatdetektiv Dietmar Guggenbichler die lauschige Sitzecke verwanzt hatte, was die Erhaltung der für den Spitzenpolitiker peinlichen Szene für die Nachwelt ermöglichte. Zudem hatte der Außenminister dem Häftling Proksch einen mit „Lieber Udo“ titulierten Brief geschrieben, in dem durch die Formulierung, der Proksch-Richter hätte „eine unbegreifliche Vorgangsweise“ an den Tag gelegt, Druck auf die Justiz erzeugt werden sollte. 1989 musste der mittlerweile zum Nationalratspräsidenten avancierte Gratz schließlich von allen politischen Ämtern zurücktreten.

Dass im Jänner und im März 1985 auch Justizminister Harald Ofner (FPÖ) Weisungen erteilte, wonach die Staatsanwaltschaft keine gerichtlichen Voruntersuchungen einleiten dürfe, bremste den Verlauf der Dinge ebenfalls nicht.

Trotz der Involvierung ihres eigenen Parteifreundes Ofner brachten der damalige FP-Chef Dr. Jörg Haider und der freiheitliche Nationalratsabgeordnete Dr. Siegfried Dillersberger 1988 eine dringliche Anfrage im Parlament ein, in der sie darlegen, dass die Öffentlichkeit darüber informiert werden müsse, wer welche Schritte gegen die in Pretterebners Lucona-Buch aufgestellten Behauptungen unternommen hatte. Ein Jahr später nahm der parlamentarische Lucona-Untersuchungsausschuss seine Tätigkeit auf, wobei sich neben dem grünen Abgeordneten Pilz die freiheitliche Abgeordnete Helene Partik-Pablé (beide von Pretterebner mit Dokumenten ausgestattet und beraten) besonders ins Zeug legte. Der Ausschuss erhärtete im Wesentlichen alle von Pretterebner recherchierten Fakten.

Trotz Gesichtsoperation enttarnt, verhaftet und verurteilt

Wenige Wochen nach Erscheinen des Buches in den Fernen Osten geflüchtet, hatte sich Proksch auf den Philippinen einer Gesichtsoperation unterzogen, durch die sein Aussehen komplett verändert wurde. Trotzdem wurde er im Oktober 1989 auf dem Flughafen Schwechat erkannt und verhaftet, als er unter dem falschen Namen Alfred Semrad in Österreich einreisen wollte.

Proksch wurde letztlich 1992 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Lebenslang bedeutete für Proksch neun Jahre in der Männerstrafanstalt Graz-Karlau, wo sich ein kardiales Leiden so weit verschlimmerte, dass sich Proksch in der Herzchirurgie des Landeskrankenhauses Graz der Einpflanzung eines Spenderherzens unterziehen musste, diesen Eingriff aber nicht überlebte.

Heute, genau zehn Jahre nach dem Tod des prominenten Häftlings, sagt der „Fall Lucona“ vielen Österreichern nicht mehr viel. Die Causa gilt für die Justiz als geklärt. Die Hauptperson lebt nicht mehr. Manche Nebendarsteller sind mittlerweile entweder ebenfalls verstorben oder leben – bis auf wenige Ausnahmen – altersbedingt mehr oder weniger zurückgezogen und haben wenig Lust, „alte Geschichten aufzuwärmen“.

Der Verfasser als Zeit- und Augenzeuge

Der Autor dieses Genius-Lesestückes hatte bei einem gerichtlichen Lokalaugenschein am Tiroler Truppenübungsplatz Hochfilzen persönlich Udo Prokschs Bekanntschaft gemacht, in deren Verlauf Proksch dem Autor gegenüber düstere Todesahnungen andeutete. Mit den beiden wesentlichen Lucona-Aufdeckern Pretterebner und Guggenbichler ist der Autor persönlich befreundet. Last but not least: Eine nicht unwesentliche Facette des Kriminalfalles hat der Autor exklusiv vor Ort in der Karibik persönlich recherchiert.

Weil diese Facette symptomatisch für die zum Teil generalstabsmäßige Organisation und die perfekte Netzwerkarbeit im gesamten kriminellen Lucona-Konstrukt ist und aus der Sicht eines direkten Zeit- und Augenzeugen offengelegt werden kann, soll hier näher auf sie eingegangen werden. Der Autor wählt bewusst die Ich-Form:

Im März 1990 – Udo Proksch war fünf Jahre zuvor verhaftet worden und hatte 53 (!) Einvernahmen sowie eine Freilassung hinter sich, war aber vier Jahre zuvor 1986 neuerlich ins Visier der Justiz geraten – befand ich mich auf Verwandtenbesuch auf der Karibikinsel St. Vincent. Eines Abends – ich genoss mit meinem Onkel Oswald Jack gerade einen von meiner Tante Sigrid Jack-Steinbrenner kredenzten „Sundowner“ auf der Ozeanblick-Veranda in Kingstown – klingelte das Telefon. Ein Herr Pretterebner wünsche mich zu sprechen, rief meine Tante. Am Apparat war tatsächlich der legendäre „Proksch-Jäger“, ein Schulkamerad, der, wie ich, als Bub das Gymnasium der Bundeserziehungsanstalt Graz-Liebenau[4] besucht hatte. Es sei ein unglaublich glücklicher Zufall, jubelte Pretterebner, dass ich gerade jetzt in der Karibik sei, denn es gebe hier wichtige journalistische Recherche-Arbeit zu leisten, wozu er mich um Unterstützung ersuche.

Während seit Jänner 1990 in Wien das Schwurgerichtsverfahren gegen den des sechsfachen Mordes verdächtigten Proksch lief, arbeitete Prokschs Verteidigung fieberhaft an einer großangelegten Entlastungsoffensive. Die Proksch-Verteidigung argumentiere nun unter anderem, die „Lucona“ sei gar nicht untergegangen. Die sechs „vermissten“ Matrosen seien nicht ertrunken, sondern tummelten sich putzmunter mit neuen Pässen in der Weltgeschichte umher. Pretterebner gab mir nach St. Vincent telefonisch die Namen und Wohnadressen von zwei der ermordeten Lucona-Matrosen durch und ersuchte mich, alles über diese zwei Opfer, Tyrone Sylvester Roberts und Andrew Dacosta Davis, sowie deren Familien herauszufinden.

Die beiden Matrosen stammten aus Barbados, einer unmittelbaren Nachbarinsel von St. Vincent. Schon am nächsten Tag landete ich mit der ersten LIAT-Maschine in Bridgetown, der damals rund 80.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der 430 Quadratkilometer großen Badeinsel Barbados. Das erste Hindernis für meine Interviews bestand darin, dass die von Hans Pretterebner angegebenen Adressen aus dem Lucona-Versenkungsjahr stammten, also 13 Jahre alt waren und natürlich längst nicht mehr aktuell waren.

Skrupelloses Pokerspiel mit toten Matrosen

Dennoch gelang es mir, den Vater von Tyrone Sylvester Roberts, Rawle Douglas, in einem kleinen Häuschen in „Arthurs Land“ nahe der Hauptstadt aufzutreiben. Geschnitzte Veranda, ausgediente Kochtöpfe als Blumentröge. Herr Douglas empfing mich in diesem Häuschen, das den Namen „Bull Haven“ trug, und war anfangs ziemlich misstrauisch: Immerhin hatte er vor mir schon mehrfach Besuch erhalten. Die Besucher waren hinter allen verfügbaren Dokumenten, betreffend seinen Sohn Tyrone Sylvester Roberts, her – speziell hinter Originalbriefen und Fotonegativen. Der erste Mann, Peter Harewood, der sich Herrn Douglas gegenüber als „Investigator“ vorstellte, sagte, er würde – natürlich nur „leihweise“ – sämtliche Originaldokumente benötigen. Herr Douglas erzählte mir, dass er sich die Dokumente leichtgläubig abschwatzen ließ, aber von diesem „Investigator“ nie mehr etwas hörte. Der „Investigator“ habe übrigens angegeben, er sei der Schwiegersohn des Anwalts jenes Mannes, der die Lucona gechartert hatte (Anm.: das Schiff hatte Proksch gechartert), und dem „böse Gegner“ fälschlicherweise die Schuld am Untergang des Schiffes und somit am Tod von Douglas’ Sohn in die Schuhe schieben wollte. In Wahrheit habe niemand anderer als der Kapitän selbst das Schiff versenkt.

Wie sich herausstellen sollte, tauchten Teile dieser „ausgeliehenen“ Korrespondenz tatsächlich in Schweizer Proksch-Prozessakten auf, vorgelegt vom Schweizer Proksch-Anwalt Ludwig A. Minelli. Mit diesen Dokumenten sollte der Lucona-Kapitän Jacob Puister, in Wahrheit natürlich keineswegs Täter, sondern überlebendes Opfer des „Schiffsunglücks“, belastet werden. Proksch hingegen sollte dadurch entlastet werden. In seinen letzten Briefen an Vater Douglas hatte Tyrone Sylvester Douglas von Differenzen mit Puister berichtet: Der Matrose sei vom Kapitän geschlagen worden und habe den Lohn nicht wie vereinbart in Dollars, sondern in Holland-Gulden ausbezahlt bekommen.

Nach dem seltsamen „Investigator“ Harewood war wenig später ein weiterer Mann aufgetaucht, der örtliche Privatdetektiv John Nathan. Dieser gab vor, im Auftrag eines holländischen „Kollegen“ mit Herrn Douglas „reden“ zu wollen, Douglas habe aber von „Investigatoren“ die Schnauze voll gehabt und ihn gar nicht mehr empfangen. Mir gegenüber erklärte John Nathan in Barbados, er habe von einem Österreicher, dessen Name ihm leider entfallen sei, den Auftrag erhalten, mit Herrn Douglas „einen Kontakt herzustellen“.

Mühsam gewann ich Herrn Douglas’ Vertrauen. Er klagte darüber, von seinem Sohn nicht einmal einen Totenschein zu besitzen. Der wäre Bedingung dafür, dass die Tochter des toten Matrosen, die damals 14jährige Sabrina Jannila Hewett, eine bescheidene Waisenrente bekäme. Den Totenschein aus Europa zu besorgen, habe ihm ein Anwalt namens Lionel K. Griffith versprochen – der sei allerdings wegen unehrenhaften Verhaltens aus der Anwaltsliste gestrichen worden und in den USA untergetaucht. Herr Douglas händigte mir Unterlagen aus, aus denen klar hervorging, dass der feine Anwalt Griffith mit dem von Proksch engagierten Zapata-Anwaltsbüro Nauta Lambert Blusse in Rotterdam enge Verbindung hatte …

Der 1951 in der Karibik geborene, ebenfalls mit der Lucona untergegangene Matrose Andrew Dacosta Davis hinterließ in Greenidge Gap auf Barbados seine Freundin Marlene Boyce und die bei der Lucona-Explosion nur 27 Monate alt gewesene Tochter Allison Boyce. Witwe Boyce, damals Angehörige der Government Security Guard auf Barbados, reagierte wütend, als ich sie mit der damaligen Proksch-Verteidigungslinie vertraut machte: „Alle Verdächtigungen, mein Mann könne den Lucona-Untergang benützt haben, um seine Identität zu ändern, sind ungeheuerlich. Mein Andrew war, bis er auf der Lucona anheuerte, ein hochgeachteter Polizist auf Barbados.“ Andrews Vater Edmund Davis nannte mir den Grund, warum sein Sohn die Polizeikarriere aufgegeben hatte: Andrew hatte eine sehr starke Beziehung zu seiner nach England ausgewanderten Mutter. Die Seemannskarriere erschien ihm als einzige Chance, seine Mutter fallweise besuchen zu können. Edmund Davis hatte am 1. Februar 1977 von seinem zweiten Sohn Elon ein Telegramm erhalten: „Explosion at sea, Andrew died.“ Andrews Vater war überzeugt: „Wäre das Schiff nicht untergegangen, sondern nur umgetauft worden, hätten die staatlichen holländischen Behörden gelogen.“ Auffallend war, dass der Barbados-Rundfunk bei seinem aktuellen Bericht über den Lucona-Untergang keineswegs von einer Uranaufbereitungsanlage als Ladung gesprochen hatte, sondern von einer Zementladung („cargo of cement“). Edmund Davis berichtete mir weiter: „Mein Sohn hatte uns, kurz bevor er an Bord ging, erzählt, dass die Lucona in den Mittleren Osten fahren würde, näheres Ziel unbekannt. Wir würden ihn im Jänner 1977 wiedersehen. Dann wollte er seine Freundin Marlene heiraten.“

Wie bei den Angehörigen des anderen Lucona-Matrosen Tyrone Roberts meldete sich auch bei Andrews Familie der geheimnisvolle Peter Harewood und keilte sämtliche verfügbaren Unterlagen. Andrews Ziehmutter Millicent Rolston, die ich auf Barbados in Black Rock traf, war wütend: „Peter Harewood borgte sich Unterlagen aus, um die Auszahlung einer Hinterbliebenenentschädigung durch eine Versicherung in die Wege leiten zu können, aber wir bekamen weder die Unterlagen zurück, noch gab es Geld für die Hinterbliebenen.“ Auf Peter Harewoods Spuren heftete sich sofort, von mir informiert, Privatdetektiv Dietmar Guggenbichler. Guggenbichler, der seine Detektei damals in Rüti bei Zürich betrieb, fand heraus, dass sich Harewood im Schweizerischen Küsnacht aufhielt. Mit ihm im Haus wohnte eine Partei namens Minelli. Das dortige Telefon bediente eine Dame, die sich als Mutter von Ludwig A. Minelli zu erkennen gab. Dieser Herr war Udo Prokschs Anwalt in der Schweiz und erklärte, sein Schwiegersohn Peter Harewood sei nach Barbados verreist …

Von der Karibik nach Hochfilzen

Ich gab meine gesamten karibischen Recherche-Ergebnisse vereinbarungsgemäß an Hans Pretterebner weiter, der sie seinerseits den Justizbehörden offiziell zur Verfügung stellte – gerade rechtzeitig, denn der Mordprozess gegen Proksch lief ja bereits.

Das nächste Mal war ich mit dem Fall Proksch befasst, als mich die Tageszeitung Kurier im September 1990 als Berichterstatter zu einem gerichtlichen Lokalaugenschein auf den Tiroler Bundesheer-Truppenübungsplatz Hochfilzen entsandte. Dort hatte Proksch zusammen mit seinem Komplizen Hans Peter Daimler im Juli 1976 „detonationsmechanische“ Übungen, also Sprengstoffversuche, unternommen, wobei Bundesheermajor Hans Edelmaier dem Waffenfan Proksch im Auftrag von Verteidigungsminister Karl Lütgendorf eine größere Menge Sprengstoff hinterließ. Die Sprengübungen wurden vom damaligen ORF-Kameramann Manfred Lechleitner gefilmt. Bei der Rekapitulation der Vorgänge im Lokalaugenschein drückte Schwurgerichts-Senatsvorsitzender Dr. Hans-Christian Leiningen-Westerburg beide Augen zu und gestattete mir eine Vier-Augen-Unterredung mit dem U-Häftling Proksch. Zur Causa Lucona schwieg Proksch hartnäckig, dafür gab er sich umso mehr darüber besorgt, dass man nach seinem Leben trachtete: „Ich werde nicht eines natürlichen Todes sterben“, deutete er mir kryptisch an.

 

Bernd Stracke (l.) im Gespräch mit Udo Proksch beim Lokalaugenschein in Hochfilzen, wo die „detonationstechnischen Übungen“ stattgefunden hatten. Rechts im Bild: Untersuchungsrichter Hans-Christian Leiningen-Westerburg. (Foto: STAU)

Im Jänner 1991 begann die Suche nach dem Lucona-Wrack im Indischen Ozean. Tatsächlich wurde es – welch Zufall! – am letzten Suchtag entdeckt. Dass die Lucona gesprengt wurde, war nun zweifelsfrei erwiesen. Inzwischen musste die Proksch-Phalanx einen weiteren Schlag einstecken: Das Landesgericht Wien stellte alle Strafverfahren gegen Pretterebner wegen Verleumdung und Verletzung von Amtsgeheimnissen ein. Pretterebner ließ nicht locker und publizierte Telefonprotokolle, aus denen ein Naheverhältnis des von Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) zum Justizminister vorgeschlagenen Otto Oberhammer zu Udo Proksch hervorging, worauf der bereits designierte Ministerkandidat Oberhammer zurücktrat.

Lebenslänglich

Im März 1991 sprachen die Geschworenen Udo Proksch wegen Versicherungsbetruges einstimmig und wegen sechsfachen Mordes mit 6 zu 2 Stimmen schuldig. Das Urteil lautete zunächst auf 20 Jahre Haft, wurde aber 1992 vom Oberlandesgericht Wien auf lebenslange Haft erhöht.

Im Gefängnis „logierte“ Proksch in einer Einzelzelle. Justizoberst Gerhard Plotho, langjähriger stellvertretender und mittlerweile pensionierter Leiter der Männerstrafanstalt Graz-Karlau, erinnert sich:

„Wegen der Gefahr, dass sich gesunde Häftlinge beim Hantieren mit Büchern anstecken könnten, die zuvor erkrankte Häftlinge benutzt hatten, wurde in der Karlau neben der normalen Gefängnisbibliothek eine eigene Krankenabteilungs-Bibliothek eingerichtet. Diese Krankenabteilungsbibliothek betreute Herr Proksch sehr gewissenhaft. Es bestand keine Ausbruchsgefahr. Er hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden. Am öftesten kam ihn seine Ex-Frau Erika Pluhar besuchen. Frau Pluhar gastierte vier bis fünfmal künstlerisch in der Karlau. Der 70 bis 80 Personen fassende Aufenthaltsraum war meist bis auf den letzten Platz gefüllt, wenn Frau Pluhar, begleitet von einem portugiesischen Pianisten auf einem elektrischen Klavier, ihre Chansons vortrug und aus ihren Gedichten las. Mehr als einmal kullerten dem Herrn Proksch dabei die Tränen über die Wangen, insbesondere bei einem speziellen Lied, das für Frau Pluhar wie für Herrn Proksch gleichermaßen von sentimentaler Bedeutung gewesen sein muss.“

Der Häftling Proksch verhielt sich unauffällig. Einen krassen Einschnitt in sein Häftlingsleben bedeutete die Nachricht vom Tod seiner Tochter Anna, der seine damalige Gattin Erika Pluhar 1962 das Leben geschenkt hatte. Plotho: „Proksch war mit Anna praktisch telefonisch online, als sie 1999 an einem Asthmaanfall erstickte. Von diesem Tag an hat sich Proksch wohl selbst aufgegeben.“

Während „normalsterbliche“ Häftlinge nur einmal wöchentlich besucht werden dürfen, erhielt Proksch anfangs bis zu drei oder vier Mal pro Woche Besuch, darunter auch von Leuten, die aus den USA hergeflogen waren. Auch Wirtschaftskapitäne wie Niki Lauda standen auf der Besucherliste. Als einziger Politiker, der Proksch im Gefängnis besuchte, blieb Oberst Plotho der Tiroler Alt-Nationalrat Dr. Sixtus Lanner (ÖVP) in Erinnerung. Die Besuche wurden im Lauf der Zeit seltener. Nachdem sein Vater gestorben war – Proksch verzichtete auf eine im Justizjargon „Ausführung“ genannte Sondererlaubnis zur Teilnahme am Begräbnis in Salzburg – war von den nahen Angehörigen nur noch seine Mutter geblieben, die ihn besuchte.

Oberst Plotho hatte mehrfach Gelegenheit, sich mit dem Strafhäftling Udo Proksch von Angesicht zu Angesicht ausführlich zu unterhalten. Über sein ganzes Leben habe Proksch freizügig und offen berichtet, erinnert sich Plotho. Aber jedes Mal, wenn das Thema auch nur annähernd in die Nähe des „Falles Lucona“ gekommen sei, habe Proksch mit den Worten: „Chef, bis daher und nicht weiter“ das Thema beendet. Die Vermutung, dass Proksch seine Geheimnisse über allfällige Mitwisser oder gar Mittäter bei seiner „Ganovenehre“ mit ins Grab nahm, liegt nahe. Schon Hans Pretterebner war aufgefallen, dass Proksch bereits als Chef der Firma „Zapata“, aber auch später als Häftling, seine Unterschrift mit jenen drei bedeutungsvollen Punkten zu versehen pflegte, die das oberste Gebot der Unterwelt „nichts sehen, nichts hören, nichts reden“ symbolisieren.

 
Bernd Stracke ist freier Journalist sowie allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Mediensachverständiger in Innsbruck

 

Anmerkungen

[1] Hans Pretterebner: Der Fall Lucona – Ostspionage, Korruption und Mord im Dunstkreis der Regierungsspitze (1987); Fayez Chlache: Hauptquartier Demel (1990); Hans Pretterebner: Das Netzwerk der Macht (1993); Helmut Schödel: Ein Staat braucht einen Mörder. Udo Proksch und die Lucona-Obsession (1998); Ingrid Thurnher: Auf den Spuren des Udo Proksch. Der Zuckerbäcker, der eine ganze Republik verführte (2011)

[2] „Der Fall Lucona” – Internationaler Spielfilm (1993); „Udo 77” (Musical – 2004); „Udo-Proksch-Out of Control” – Dokumentation (2010)

[3] Der seinerzeitige österreichische Verteidigungsminister und Zapata-Aktienbesitzer (!) Karl Lütgendorf wird im Oktober 1981 vor seinem Jagdhaus erschossen aufgefunden. Die Position seiner Hand und die Lage der Waffe nähren bis heute Gerüchte, dass es sich nicht um einen Selbstmord handelte. Dietmar Guggenbichler stellte über Ersuchen der Lütgendorf-Angehörigen eigene Ermittlungen an, die – seinen Angaben zufolge – mittlerweile so weit gediehen sind, dass klare Beweise für einen Mord am Ex-Verteidigungsminister vorliegen. Guggenbichler bereitet gerade ein Buch darüber vor.
 Der in den Lucona-Fall involvierte Zolldeklarant Otto Kölbl wird, nachdem er zu „singen“ angefangen hatte, im September 1984 in seinem Landhaus tot aufgefunden. Offiziell starb er an Herzversagen.
Nach der Verhaftung des Generaldirektors der involvierten Bundesländer-Versicherung, Kurt Ruso, begehen im März 1986 zwei Bundesländer-Manager Selbstmord.
Generalkonsul Bernhard Maier-Thurnwald, der Konstrukteur der Lucona, wurde im Oktober 1986 unter einer Autobahnbrücke zwischen Lausanne und Genf tot aufgefunden.

[4] Dieses Elitegymnasium heißt heute HIB Graz-Liebenau (Höhere Internatsschule des Bundes).

Bearbeitungsstand: Samstag, 1. Juni 2013
 
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