Deutsch als Wissenschaftssprache bedroht


Sprachen in wissenschaftlichen Zeitschriften – statistische Analysen

 

Von Heinz Hauffe

Die folgende Abhandlung knüpft an den Aufsatz von R. J. Schaur „Die deutsche Wissenschaftssprache droht zu verschwinden“ im Genius-Brief vom März–April 2011 (Lesestück Nr. 4) an. Heinz Hauffe bringt und interpretiert Zahlenmaterial, welches die Sorge um Deutsch als Wissenschaftssprache belegt. Anmerkung des Herausgebers

I

Im vorliegenden Beitrag wird der Anteil der Sprachen, in denen in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert wird, unter Zuhilfenahme repräsentativer Datenbanken statistisch nach Erscheinungsländern analysiert und über die Jahre 1979 bis 2000 verfolgt. Dabei zeigt sich erwartungsgemäß, dass

  • der Anteil nicht-englischer Aufsätze in angloamerikanischen Zeitschriften verschwindend gering ist und dass
  • der Anteil englischer Artikel in Zeitschriften anderer Länder stetig angestiegen ist. Trends in Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien (französische Journale sind nach wie vor hauptsächlich frankophon) und in den Fachgebieten Medizin und Chemie werden aufgezeigt

II

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts dominierte in Deutschland Latein als Wissenschaftssprache, um daraufhin von Deutsch abgelöst zu werden. Auch Wissenschafter aus anderen Ländern publizierten auf deutsch; z. B. Dmitri Mendelejeff, der mit der Abhandlung „Die Abhängigkeit der chemischen Eigenschaften der Elemente vom Atomgewicht“ 1869 parallel zu Lothar Meyer das Periodensystem begründete, oder der polnische Mathematiker und Logiker Alfred Tarski, dessen bahnbrechende Arbeit „Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen“ 1936 (als Übersetzung aus dem Polnischen) in Lemberg erschien.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann sich Englisch durchzusetzen (Werner König: dtv-Atlas zur deutschen Sprache. München 1978, S. 90; vgl. Rudolf Jörg Schaur: „Die deutsche Wissenschaftssprache droht zu verschwinden“, in: Genius Nr. 4, März/April 2011). Einer der Gründe hiefür ist nicht zuletzt die antiintellektuelle Politik im Dritten Reich, wo Strukturen wissenschaftlicher Institutionen zerstört, die Universitäten gleichgeschaltet und Lehr- und Redefreiheit abgeschafft wurden. Deutsche Wissenschafter jüdischer Abstammung und deren Schüler wurden systematisch vertrieben, ihre Erkenntnisse als nicht artgerecht geächtet. Bis Mitte der 30er Jahre war Göttingen weltweit das Mekka der Mathematik und Physik, ehe so absonderliche Konstrukte wie die „Deutsche Physik“ eines Philipp Lenard Vorrang erhielten. Die renommierte Zeitschrift „Nature“ wurde verboten („Spiegel“, 23. Oktober 2007), weil sie die Ausgrenzung jüdischer Wissenschafter kritisiert hatte.

Englisch ist heute die „lingua franca“ der modernen Wissenschaft. Autoren – speziell Naturwissenschafter, Mediziner und Techniker, in zweiter Linie Sozial- und Wirtschaftswissenschafter –, die weltweit rezipiert werden und in ihrer Karriere weiterkommen wollen, sind gehalten, die Ergebnisse ihrer Forschungen auf Englisch zu publizieren. Für Wissenschafter anderer Muttersprachen stellt dies gerade am Beginn ihrer Karriere einen gewissen Startnachteil dar. In fachlichen Nischen mit regionalem Bezug (wie Rechtswissenschaft und weite Bereiche der Geisteswissenschaften) entfällt dieser Zwang.

Hans Weigel kommentierte diese Entwicklung pointiert: „Man ist im Begriff, die deutsche Sprache als Sprache der Wissenschaft abzuschaffen. … Wenn künftig ein Gelehrter in Göttingen eine wissenschaftliche Erkenntnis publiziert, muß sie sich sein Kollege in Fulda aus dem Englischen übersetzen. Man denke, daß Virchow, Koch, Ehrlich ihre Erkenntnisse hätten auf Englisch publizieren müssen.“ (Hans Weigel: Das Land der Deutschen mit der Seele suchend, Zürich 1978, S. 181f).

Das Beispiel einer beliebigen in Deutschland (in diesem Fall in Heidelberg) erscheinenden Fachzeitschrift möge die derzeitige Situation illustrieren. Das Inhaltsverzeichnis ist nicht untypisch:

Zeitschrift für Angewandte Mathematik und Physik (ZAMP), Volume 53, Number 4/ July 2002, 539–568

Parametric dependence of phase boundary solution to model kinetic equations, B. Kaz´mierczak and K. Piechór, 569–583

Laminar assisting mixed convection heat transfer from a vertical isothermal cylinder to water with variable physical properties, A. Pantokratoras, 584–602

The analogue of the Eshelby tensor for a piezoelectric spheroidal inclusion in the hexagonal electroelastic medium, R. Kuhn, T. Michelitsch, V. M. Levin and A. Vakulenko, 603–620

A consistent model for adhesion: The case of the rod, S. Naili and S. Yasmineh, 621–633

Integral solutions of boundary value problems with non-standard boundary conditions in a theory of bending of elastic plates, P. Schiavone and C. Q. Ru

[...]

III

In bibliographischen Datenbanken, die wissenschaftliche Aufsätze nachweisen, kann man nicht nur nach Autoren, Stich- oder Schlagwörtern suchen, sondern auch nach Sprachen, Erscheinungsländern und Erscheinungsjahren. Recherchen nach diesen Aspekten ergeben eine Anzahl von Treffern, die man miteinander so kombinieren kann, dass alle gewünschten Merkmale im selben Datensatz vorkommen. Daraus lassen sich Zeitreihen darstellen, wie sie im folgenden (Abb. 1–3) wiedergegeben sind.

Als Quellen wurden dazu zwei Datenbanken herangezogen, die den Anspruch erheben, die weltweit in ihren Fachgebieten erscheinende Literatur zu referieren:

  • Embase (Excerpta Medica Database), ein Produkt der Firma Elsevier in Amsterdam, enthält über 24 Millionen Nachweise der internationalen Literatur aus der gesamten Humanmedizin und ihren Randgebieten. Ausgewertet werden über 7000 Zeitschriften aus 70 Ländern (die mit Embase konkurrierende Datenbank Medline kam für diese Zwecke nicht in Frage, da in ihr die Länderbezeichnungen nicht standardisiert sind);
  • Chemical Abstracts (SciFinder), herausgegeben von der American Chemical Society in Columbus/Ohio, ist die weltweit größte Sammlung chemischer Informationen. Die Datenbank enthält über 32 Mio. Nachweise von Aufsätzen, Patenten etc. aus 10.000 Zeitschriften, Patentschriften, Konferenzbeiträgen, Büchern und Dissertationen.

IV

Als Fazit bleibt die vom britischen, in Dänemark lebenden Sprachwissenschafter Robert Phillipson aufgeworfene Frage, ob wir es mit einem „Linguistischen Imperialismus“ oder einem „Anglozentrismus“ zu tun haben (Robert Phillipson: Linguistic Imperialism, Oxford 1992; English-Only Europe? – Challenging Language Policy, London/New York 2003). Phillipson hat speziell auch die Situation in Skandinavien im Auge, die der in Mitteleuropa ähnelt. Er spricht sich mit guten Argumenten für Mehrsprachigkeit aus, und meint auch, es gäbe keinen besseren Weg für Wissenschafter, als in ihren Muttersprachen zu kommunizieren.

Eine Renaissance der Muttersprachen dürfte dennoch eher Wunschdenken sein, wenngleich eine vorsichtige Extrapolation der wiedergegebenen Zeitreihen (die allerdings aus technischen Gründen nur bis 2000 reichen) einen gedämpften Optimismus aufkommen lassen. Viele Imponderabilien sind mit der oft undurchsichtigen Hochschulpolitik der einzelnen Länder verknüpft: Die Kriterien für Habilitationen und Berufungen hängen immer noch zu starr vom US-lastigen „Impact-Faktor“ (der durchschnittlichen Zitierhäufigkeit von Zeitschriften) ab, dessen Wichtigkeit aber immer häufiger in Frage gestellt wird. Möge eine vernünftige sachliche Bewertung der Leistung von Wissenschaftern abseits anglozentristischer Doktrinen Platz greifen!

Anmerkung

Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 11. Sept. 2002 unter dem Titel „Write you englisch?“ [sic] in Klagenfurt gehalten hat. Er wurde von ihm persönlich jüngst aktualisiert.

HR Dr. Heinz Hauffe, Jg. 1941, Studium der Philosophie und Physik an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (Geschäftsführender Direktor der Universitätsbibliothek Innsbruck i. R.), Dr.-Stumpf-Straße 29, A-6020 Innsbruck, E-Mail: heinz.hauffe@uibk.ac.at, Tel: +43–699-11455094

Bearbeitungsstand: Samstag, 1. Juni 2013
 
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