Der Ölpreis entscheidet über das Schicksal der Weltwirtschaft


Er bestimmt über Armut und Reichtum sowie oft über Krieg und Frieden

 

Von Hans Kronberger

Die medialen Sirenen heulten, als im Jänner 2008 der Ölpreis erstmals die Schallmauer von 100 Dollar pro Barrel (= 159 Liter) durchbrach. In den ersten acht Jahren des neuen Jahrtausends war er von 10 auf 100 Dollar geklettert. Nicht, um dort anzuhalten, sondern um übermütig weiter bis auf 147 US-Dollar zu steigen. Zwar ist der eventuelle Zusammenhang zwischen dem öligen Allzeithoch und der unmittelbar darauf folgenden weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise bis heute noch nicht ausreichend analysiert, aber eines steht fest: Ein hoher Ölpreis wirbelt sämtliche kalkulierbaren Parameter der Weltwirtschaft durcheinander. Umso erstaunlicher ist, dass das neuerliche Nehmen der Hunderter-Hürde so gut wie kein Aufsehen erregt hat. Die Journalisten schrieben „Keine Panik beim Ölpreis“ (Wirtschaftsblatt), die Politik blieb im Wesentlichen lethargisch beim Tagesgeschäft und nahm die dreistellige Zahl des Ölpreises als ebenso selbstverständliches Ereignis zur Kenntnis wie den täglichen Sonnenaufgang.

Die breite Öffentlichkeit sieht den schleichenden Anstieg des Ölpreises als unausweichliches Schicksal, ohne sich über die Langzeitkonsequenzen ernsthafte Gedanken zu machen. Von der Überlegung, dass es sich mit einem instabilen Ölpreis um eine grundlegende Veränderung der Lebenssituation handeln könnte, ist man meilenweit entfernt. Einer der Hauptgründe dafür ist natürlich die Tatsache, dass der Ölpreis schon einmal über 140 Dollar pro Barrel geklettert ist, ohne dass man – bis auf das Ansteigen der Preise für Treibstoff und Heizöl – größere Probleme erkannt hätte. Aber die Sprit- und Heizkosten steigen bei jedem Preisanstieg, ohne dass sie bei einer rückläufigen Bewegung wieder in vollem Umfange zurückgenommen werden. Auch daran hat man sich längst gewöhnt, und niemand regt sich ernsthaft darüber auf. In der Wirtschaftswelt wird der Ölpreis nicht als sozialer Faktor anerkannt, der entscheidend für die Lebensumstände von sozial schwachen Bevölkerungsgruppen ist – denn mit ihm steigen auch die Lebensmittelpreise –, sondern bestenfalls als Indikator für Börsenkurse („er drückt den Dax/Dow Jones nach unten“). In der Fachdiskussion wird der Ölpreis nicht mehr als Objekt behandelt. Er wird humanisiert, soll heißen, ihm werden menschliche Attribute zugewiesen: er „schwächelt“, er „zittert“. Die wirtschaftliche Breitenwirkung eines steigenden Ölpreises wird nur rudimentär wahrgenommen, also nicht in seiner umfassenden Auswirkung auf das Weltwirtschaftssystem.

So hat Russland heuer im Februar unmittelbar nach dem Überschreiten der 100-Dollar-Marke angekündigt, den Gaspreis für Europa um 15 Prozent anzuheben. Kaum jemandem ist bewusst, welch gigantische wirtschaftliche Eruptionen damit zusammenhängen, bis hin zu einer völlig neuen Weltordnung mit neuen Abhängigkeitsstrukturen, die historisch ihresgleichen suchen.

Der Ölpreis menschelt

Irgendwann in geraumer Vorzeit bezeichnete man den Ölpreis als „heilige Kuh“ der Weltwirtschaft. Diese animalische Phase hat er längst überwunden. In den internationalen Agenturen und Medien ist er tägliches Objekt der Berichterstattung. Natürlich in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner Veränderung. Sachbezogene Attribute, wie er steigt, fällt oder bleibt gleich, reichen nicht aus, um ihn zu qualifizieren. Ein Blick in das Archiv, in dem über tausend Google-Erwähnungen über den Ölpreis gespeichert sind, kann man so gut wie alles finden, was es an Attributen gibt. Ein kleiner Auszug: Er „wackelt“, „wankt“, „kommt ins Schwitzen“, „fährt talwärts“, „erfängt sich“, „bricht ein“, „zittert“, „rastet“, „macht einen Sprung“, „legt den Rückwärtsgang ein“, „schwächelt“, „verblasst“, „trumpft auf“, „schlägt zu“, „ist instabil“, „hebt ab“ usw. Ganz schlimm wird es, wenn er „den Tag nicht überlebt“. Aber keine Sorge, schlussendlich „aufersteht“ er wieder und hat damit auch schon die letzte menschliche Dimension überboten.

Die Rechnung ist leicht nachvollziehbar. Es erfolgt eine Verlagerung der Wirtschaftskraft von den Verbraucherländern zu den Lieferländern. Im Jahr 2000 war die Europäische Union im Energiebereich zu 50 Prozent fremdabhängig (Quelle: EU-Weißbuch Erneuerbare Energien), und dies bei einem Ölpreis von knapp über zehn Dollar. 2011 ist die EU bereits zu 60 Prozent fremdenergieabhängig, bei einem Preis von 100 Dollar. Finanziell wirkt sich die jährliche Zuwachsrate von einem Prozent nicht linear aus, sondern, durch die gleichzeitig rasend ansteigenden Energiepreise, exponentiell. Die Energielieferländer saugen die Volkswirtschaften der Verbraucherländer buchstäblich aus, und diese geraten dadurch mittelfristig in den Status einer dramatischen Abhängigkeit.

So war Russland im so genannten Pariser Club der höchstverschuldeten Länder der Welt Stammgast. Mit Erreichen des Ölpreishochs von über 140 Dollar im Jahre 2008 vermeldete die ehemalige Sowjetrepublik Schuldenfreiheit und ging groß auf Einkaufstour. Bevorzugt waren Objekte wie Erdöl- und Erdgasfelder sowie Explorationsanlagen von Nordafrika bis Zentralasien. Die Energielieferländer bekommen Macht über die Verbraucherländer, die bis zur totalen Abhängigkeit führen kann. Wladimir Putin kann es ohnehin nicht lassen, gelegentlich mit einer Lieferbeschränkung zu winken. Tatsache ist, dass die Lieferländer in der Lage sind, jede Industrienation innerhalb kürzester Zeit auf den Stand eines Dritte-Welt-Landes herunterzufahren. Die Veränderung der Umverteilung der Weltwirtschaftskraft könnte man als „flott schleichend“ bewerten. Dies gilt aber nur, so lange keine außergewöhnlichen Situationen eintreten. Die Lage kann sich über Nacht ändern, und die Situation der Weltwirtschaft, die auf einem Ölfleck schwimmt, kann blitzschnell aus den Fugen geraten. Wenn ganz Nordafrika, der Nahe und der Mittlere Osten zu beben beginnen, ist endgültig Schluss mit lustig.

Abhängig von Lieferländern

Die Verletzlichkeit und die Schwächen des fossilen Energiesystems treten gnadenlos zutage. Wenn man bedenkt, dass allein Deutschland und Österreich zu einem Drittel von libyschem Öl abhängig sind, zeigt dies, dass diese Mengen nicht so ohne weiteres substituierbar sind. Wie sinnvoll es ist, in diese Risikoländer auch die Stromversorgungssysteme der Zukunft zu verlagern, wie es das Konzept Desertec[1] vorsieht, ist eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängt. Völlig ungewiss ist, wer und welche Systeme den Diktatoren nachfolgen, die verjagt wurden oder die man mit mehr oder weniger Erfolg zu verjagen versucht. Sind es halbwegs akzeptable und nach westlichem Verständnis paktfähige Regime oder moslemisch-fundamentalistische Diktaturen? Wie lange wird die Übergangszeit dauern? Nicht außer Acht zu lassen ist die grundsätzliche Ressourcenverfügbarkeit. Dabei ist im Zuge der Geschehnisse in den arabischen Diktaturen noch etwas transparent geworden: Die völlige Hilflosigkeit der EU sowohl in ihrer Außen- als auch in ihrer Wirtschaftspolitik. Die EU ist eine Getriebene, die nicht in der Lage ist, eigene Akzente zu setzen, ein manövrierunfähiger Koloss. Die bürgerkriegsartigen Konfrontationen in Libyen, dem Land, das den 7. Platz in der Weltvorratsliste der Ölreserven einnimmt, brachten Brisanz in die Diskussion. Um den 21. Februar, der Preis ist innerhalb von 24 Stunden um 6 bis 7 Dollar gestiegen, war sogar schon von einem „Ölpreisschock“ die Rede. Nur noch halblaut hieß es, dass die Versorgung gesichert sei. Es ist nicht nur der jeweils tatsächliche Ölpreis, der Aufsehen erregt, sondern seine Prognose. Diese wird systematisch missbraucht, um sowohl Konsumentscheidungen, aber auch politische Weichenstellungen zu erwirken.

Pinocchios und Märchenerzähler

Ein Völkchen an Tätern ist da am Werk: Von schlichten Wichtigtuern, echten Lügnern, die absichtlich die Unwahrheit sagen, über orientalische Märchenerzähler bis hin zu irrenden Wissenschaftern. In den häufigsten Fällen wird nicht danach getrachtet, eine korrekte Zukunftsprognose zu stellen, sondern individuelle Ziele zu verfolgen. Die meisten Prognosen haben daher eines gemeinsam, dass sie sich regelmäßig als ziemlich bis komplett falsch erweisen. Diese falschen Propheten sind ständig bemüht, den Ölpreis vorauszusagen. Die meisten haben ein Interesse daran. Kaum wo wird so massiv manipuliert wie bei den Ölpreisprognosen. Der Hauptgrund dafür dürften wirtschaftliche Interessen sein. Das Archiv entlarvt sie alle.

Der größte Verlierer dürfte ein hochgeachteter Mann sein. Daniel Yergin hat an der Harvard University in den USA in Zusammenarbeit mit einem Forscherteam die Weltgeschichte des Öls geschrieben, ein phänomenales Werk, für das er zu Recht den Pulitzerpreis bekam.[2] Er galt als die große Instanz in Fragen der Ölpreisentwicklung; ein Titel, den er, wie der Freiherr zu Guttenberg seinen Doktortitel, wohl abgeben muss. Yergin hat nämlich nach dem Absturz des Ölpreises von 140 auf 40 Dollar erklärt, dass der Ölpreis „viele Jahre“ nicht mehr über 100 Dollar steigen wird. Das erreichen der Hunderter-Marke in weniger als zwanzig Monaten nach seiner Aussage hat seinen guten Ruf ruiniert. Der Wert seiner Aussagen übersteigt nicht mehr den derjenigen eines orientalischen Märchenerzählers.

Macht der Archive

Ölmanager sind üblicherweise sehr vorsichtig mit Preisprognosen. Sie fürchten die Macht der Archive. Eine echte Ausnahme ist der Direktor der österreichischen OMV, Wolfgang Ruttensdorfer. Kurz vor dem Irakkrieg im Jahre 2003 erklärte er, nach dem Krieg werde der Ölpreis von damals über 30 Dollar auf 22 Dollar fallen. Interessant ist, dass zum gleichen Zeitpunkt der ehemalige saudiarabische Ölminister Scheich Yamani von seinem Londoner Exil aus hören ließ, dass der Ölpreis auf die Hundert-Dollar-Marke klettern werde. Die Fehlprognose war Ruttensdorfer keine Lehre. Beim Zwischentief des Ölpreises von 40 Dollar vermeldete er, dieser werde auf dieser Höhe stehen bleiben. Auch diese Voraussage hielt keine zwei Monate. Beim OMV-Chef stellt sich nun die Frage, ob er absichtlich falsche Voraussagen streute, um die Konsumenten sorglos zu Ölheizungen und benzinfressenden Fahrzeugen zu locken, oder ob er seine eigenen Aussagen glaubte. Im ersten Fall möge ihm, bitte, eine Pinocchionase wachsen. Im zweiten Fall würde dies heißen, dass man selbst mit den falschesten Prognosen im Ölgeschäft höchst erfolgreich sein kann.

Und noch eine interessante Beobachtung ist zu machen: Es gibt einige, die durch die Blume vor einer Ölverknappung warnen, da sie offensichtlich nicht offen dazu stehen können. So kann man den Standpunkt von Shell zur Entwicklung in China durchaus als Warnung vor einer Verknappung verstehen. Angesichts der aktuellen Ereignisse wäre es höchst an der Zeit, ein postfossiles Energieszenario für die Welt zu erstellen, in das unter anderem sowohl die Risiken als auch die tatsächlichen Kosten des atomarfossilen Energiesystems einberechnet werden. Eines kann als gesichert angenommen werden, der Ölpreis ist der wichtigste Parameter für eine Energiewende oder – wie es die Internationale Energie Agentur (IEA)[3] in Paris ausdrückte: „Wir brauchen nicht mehr und nicht weniger als eine Energierevolution!“

Eine un(heimliche) Botschaft?

Normalerweise strotzen Presseaussendungen von Ölmultis vor Optimismus und künden eine goldene Zukunft an. Aktien wollen an den Mann gebracht werden. Meldungen über Lieferengpässe oder gar eine Verknappung sind strengstens tabu. Umso bemerkenswerter ist eine Pressemeldung des Energiekonzerns Shell vom 16. Februar 2011: Darin heißt es wörtlich: „Wir sind der Auffassung, dass die Welt auf eine Zeit unstabiler Übergangsphasen und stärker ausgeprägter konjunktureller Zyklen zusteuert. Durch die Rezession wurde der starke Anstieg der Öl- und Rohstoffpreise unterbrochen, aber er kann wiederkommen.“

Der Energiehunger von Indien und China sei laut Shell die Hauptursache für die Krisensymptome. Die folgende Analyse stammt nicht von panikierenden Ökowissenschaftern, sondern von einem der größten Ölmultis der Welt: „Die globale Wirtschaftskrise ging einher mit einer geopolitischen und wirtschaftlichen Machtverschiebung von Westen nach Osten. Diese entscheidende Änderung hat Auswirkungen auf das globale wirtschaftliche und politische System.“ Und weiter: „Es ist möglich, dass künftige Generationen das Jahr 2008 als einen Wendepunkt betrachten. Die Welt steht vor einer Zeit globaler politischer Unsicherheit. Strategische Konfliktlinien zeichnen sich ab. Aufstrebende Mächte machen zunehmend und zuversichtlich das geltend, was sie als ihre nationalen Interessen ansehen. Dieser Prozess unterhöhlt die globalen Mechanismen der kollektiven Sicherheit.“

Durchhalteparolen

Natürlich wird bei der aktuellen Ölpreissituation den Heizölhändlern, wie dem Institut für Wirtschaftliche Ölheizung (IWO) in Wien, ziemlich warm unter dem Hintern. Die Thesen sind kühn: „Der zur Zeit hohe Ölpreis lässt keinen Rückschluss auf einen etwaigen Engpass in der Versorgung oder den Reserven zu. Ganz im Gegenteil.“ Also je höher der Preis, desto größer die Reserven? Als Zeuge wird das „Oil & Gas Journal“ angeführt, welches behauptet, dass die weltweiten Ölreserven im letzten Jahr einen Höchststand erreicht hätten. Nicht dazu gesagt wird, dass das Journal in ständiger Kritik steht, weil es die Angaben der Förderländer ungeprüft übernimmt und munter zusammenzählt. Viele Ölförderländer geben jährlich steigende Reserven an, um ihre Kreditwürdigkeit zu erhöhen. Andere geben seit Jahren die gleichen Zahlen bekannt, obwohl sie ihre Quellen massiv aussaugen. Die Versorgung sei „so stark gesichert“, weil es „Lager in den Raffinerien, bei den Händlern und beim Endkunden“ gäbe.

Wie hat Kurt Tucholsky seinerzeit gefragt: „Liebes Publikum, bist du wirklich so dumm?“

 
Dr. Hans Kronberger, Wien, 1996–2004 MdEP, veröffentlichte diese Gedanken in der SONNENZEITUNG 1/11.
Die Besprechung seines jüngsten Buches findet sich in diesem Genius-Brief.

Anmerkungen

[1] Desertec (Desert = Wüste, Tec = eine Abkürzung für Technologie) ist der Name eines Konzeptes, das beschreibt, wie mit Hilfe von Sonnenwärmekraftwerken, Windkraftanlagen oder auch Photovoltaik in Wüsten elektrischer Strom erzeugt werden und dieser zu den Verbrauchszentren übertragen werden kann. Die Desertec Foundation, ehemals Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation, ist eine Initiative, die sich für die Übertragung von in Wüstenregionen erzeugtem Solar- und Windstrom weltweit einsetzt.

[2] Daniel Yergin: Der Preis. Die Jagd nach Öl, Geld und Macht. S. Fischer, Frankfurt am Main 1991

[3] Die Internationale Energieagentur mit Sitz in Paris wurde 1973 von 16 Industrienationen als autonome Einheit der OECD gegründet und ist eine Kooperationsplattform in den Bereichen der Erforschung, Entwicklung, Markteinführung und Anwendung von Energietechnologien. Außerdem verfügt die Agentur über strategische Ölreserven, mit denen sie in den Ölmarkt eingreifen kann.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Juli 2011

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