Das fossil-atomare Zeitalter geht zu Ende


Hans Kronberger, Geht uns aus der Sonne – Die Zukunft hat schon begonnen, Uranus Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-901626-51-7, 155 Seiten.

 

Buchbesprechung von Gerulf Stix

Der Titel dieses jüngsten Buches vom Juni 2011 aus der Ideen-Küche von Dr. Hans Kronberger spielt auf eine antike Überlieferung an. Demnach soll Alexander der Große den asketischen Philosophen Diogenes besucht und ihm die Erfüllung einer Bitte gewährt haben. Diogenes aber habe nur gebeten: „Geh’ mir ein wenig aus der Sonne!“ So lustig diese Überlieferung klingt, so ernst ist die Sache, um die es Kronberger geht. Sein Buch liest sich wie ein flammender Aufruf, sich nun endlich der Realität zu stellen, dass das „fossil-atomare Energiesystem“ unwiderruflich zu Ende geht, und uns mit allen unseren wissenschaftlich-technisch-wirtschaftlichen Möglichkeiten dem „neuen solaren Zeitalter“ zuzuwenden.

Der flotte, knappe und somit lesefreundliche Stil verrät den Autor als versierten Publizisten, der u. a. den Europäischen Solarpreis für Publizistik erhielt. Den Genius-Lesern ist er sowohl als kompetenter Verfasser aktueller Beiträge (z.B. im Genius-Brief August 2008) wie auch als Verfasser des Buches „Blut für Öl“ (besprochen im Genius-Heft 2/1998) bekannt. Kronberger befasste sich insbesondere während seiner Zeit als freiheitlicher Abgeordneter zum Europäischen Parlament (1996–2004) mit energiewirtschaftlichen und energiepolitischen Fragen. Derzeit wirkt er als Präsident der Photovoltaic Austria.

Eine mentale Herausforderung

Im Buch wird ohne Umschweife die „epochale Veränderung, vor der die Menschheit steht,“ angesprochen. Die exzessive Nutzung fossiler Energieträger habe ausgedient, desgleichen die „nukleare Risikotechnik“. In 14 Kapiteln setzt sich der Verfasser mit allen wichtigen Aspekten dieser Entwicklung auseinander. Er geht dabei nicht so sehr auf technische Einzelheiten ein, deren Kenntnis er beim sachinteressierten Leser wohl weitgehend voraussetzt. Vielmehr stellt er den Systemwandel mit seinen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Konsequenzen in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Deutlich sieht er die dabei auftretenden menschlich-psychologischen Schwierigkeiten, wenn er schreibt:

„Wie immer gibt es zwei Zugänge zum laufenden Systemwandel. Man kann dem alten System nachtrauern, besonders, wenn man dort viel Geld investiert hat, oder aktiv das neue mitgestalten. Es stellt sich für jeden einzelnen Menschen die Frage, ob er dabei sein will am großen Werk oder den Wandel passiv über sich ergehen lassen möchte.“ Seine politische Bewertung der bereits in Gang gekommenen Entwicklung erhellt folgendes Zitat: „Man kann es nicht oft genug sagen: Der Beginn des solaren Zeitalters ist eine gigantische Chance für die Menschheit. Und zwar auch deshalb, weil die Neugestaltung der Energienutzung keine technische, sondern eine mentale Frage darstellt, die den Willen zur freiheitlichen Neugestaltung unserer gesamten Lebensform als Wille zur Unabhängigkeit von zentraler Versorgung in sich trägt.“

Große Widerstände

Dieser Einschätzung pflichte ich bei, bewundere aber seinen offenkundigen Optimismus. Die Verteidiger der herkömmlichen Energieversorgungssysteme werden hartnäckig und noch für lange Zeit mit allen ihren Mitteln Widerstand leisten. Besonders die mit gigantischer Wirtschaftsmacht ausgestatteten Zentralisten unter ihnen werden alles daran setzen, die den erneuerbaren Energien (EE) innewohnenden Möglichkeiten für eine dezentrale Nutzung auszubremsen. Zeichen dieses Verhaltens sind einerseits die vielen riesigen Pipeline-Projekte für Erdgas, andererseits z. B. die ernsthaft betriebenen Pläne, in den nordafrikanischen Wüsten gewaltige Solarkraftwerke zu errichten und deren Strom in groß dimensionierten Gleichstromkabeln durchs Mittelmeer nach Europa zu leiten. So droht eine Art von Neo-Gigantomanie ausgerechnet im Zeichen der EE. Auch Kronberger sieht diese Gefahr und meint: „Die diametral entgegen gesetzten Interessen von Machtkonzernen sowohl im Sektor der Energie- als auch der Finanzwirtschaft auf der einen und der breiten Bevölkerung auf der anderen Seite müssen politisch fair austariert werden.“

Ein neues Weltbild

Den Zweiflern an der „kopernikanischen Energiewende“ hält der Verfasser den Vergleich mit dem geozentrischen Systems des Ptolemäus entgegen, demzufolge Jahrhunderte lang die Erde für eine Scheibe gehalten wurde, was ein Dogma war. Noch 1633 landete Galilei vor dem Inquisitionsgericht, weil er sich Kopernikus anschloss und ein heliozentrisches System lehrte. Erst 1992 wurde Galilei von der Kirche rehabilitiert. Aus diesem Vergleich schließt Kronberger, dass sich letztlich auch die Erkenntnis bezüglich der sich gegenwärtig entfaltenden Energiewende weltweit durchsetzen werde.

Von Zweiflern an der Energiewende wird auch ständig betont, dass die EE viel zu wenig ergiebig und viel zu teuer seien. Außerdem werde die technische Entwicklung ihrer Nutzung noch sehr lange Zeit in Anspruch nehmen. Dem hält der Verfasser anhand markanter Beispiele entgegen, wie unerwartet rasch und umfassend die technische Nutzung der EE tatsächlich voran schreitet. Beispiel Photovoltaic (PV): Von der ersten höchst aufwändigen Zelle (Charles Fritts) mit gerade mal 2 % Wirkungsgrad Ende des 19. Jahrhunderts über die kostspieligen Solarmodule für die ersten Satelliten im 20. Jahrhundert dauerte es bis 1978, als die erste PV-Anlage ans Netz gekoppelt wurde. Dann überschlug sich die Entwicklung: „Jene Menge an PV-Modulen, die weltweit im Jahre 1996 produziert wurden, wird zehn Jahre später, 2006, in einer Stunde erzeugt.“ Die PV-Industrie zeigt enorme Dynamik und bewirkt „dramatische Kostensenkungen“, schreibt Kronberger. Übrigens warnt er vor einer staatlichen „Überförderung“ und verweist auf eine Schweizer Studie, wonach es ab 2017 in Deutschland keiner Förderung der PV mehr bedarf!

Nachgerade witzig mutet der Anfang der Windkraftnutzung an. Die Errichtung der ersten Großwindanlage namens Growian verleitete ein Vorstandsmitglied eines der vier großen deutschen Stromkonzerne zu der Äußerung: „Wir brauchen ,Growian’, um zu beweisen, dass es nicht geht.“ (Seite 50) Heute deckt die Windkraft bereits 5,3 Prozent des europäischen Stromverbrauchs. Und 2010 wurde die Hälfte aller Großwindräder auf der Welt in China errichtet. Soviel zum Tempo der Entwicklung.

Europas totale Abhängigkeit

Eigene Kapitel im Buch befassen sich mit der Öl-, Gas- und Kohlewirtschaft. Hier geraten die Darlegungen des Verfassers zu einer regelrechten Abrechnung mit den unentwegten Befürwortern dieser Energietechnologien. So meint er: „Nichts symbolisiert das Ende des Fossilzeitalters denkwürdiger als der Rückgriff auf Kohle als Primärenergieträger.“ Dementsprechend kritisch beurteilt er auch die Bemühungen um eine technische CO2-Endlagerung (CCS).

Die Problematik der Atomkraftnutzung wird nur kurz behandelt. Hier liegt der Schwerpunkt der Argumentation auf der Schilderung, wie knapp die Uranvorkommen sind. Daher sieht Kronberger das Scheitern der Atomenergie „nicht nur an der ungelösten Endlagerung und an den technischen Sicherheitsmängeln, sondern auch an der Rohstofffrage“.

Das Buch lenkt die Aufmerksamkeit nicht zuletzt auf die extreme Abhängigkeit Europas von außereuropäischen Lieferanten vor allem von fossilen Energieträgern. Auf Dauer ist diese Abhängigkeit wirtschaftlich wie auch allgemein politisch untragbar. Es bringt auch Zahlen über die immensen Ausgaben für Energiezukäufe in Europa (Seite 110). Auch in dieser Hinsicht bieten die EE einen Weg, um die Abhängigkeit Europas deutlich zu verringern. Kronberger versteht das nicht als eine „Kampfansage an die Lieferländer, sondern als ein partnerschaftliches Angebot zur gemeinsamen Gestaltung der Zukunft“.

Das Buch endet mit einem gesellschaftspolitischen Ausblick, der weit über die energiewirtschaftlichen Fragen hinausgeht. Hier bricht der Optimismus, von dem Kronberger getragen ist, voll durch. Nicht zu Unrecht spricht er von einer Vision. Er zitiert Victor Hugo mit dem Ausspruch: „Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Mit seinem beinahe philosophischen Schluss reiht sich das vorliegende Buch in die Reihe jener ein, die wesentliche Zeitentwicklungen aus ganzheitlicher Sicht zu deuten versuchen.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Juli 2011

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