Deutschland, die Kolonien und das Wirtschaftswunder


Von Bertram Schurian

Ein gewisser Carsten Müller, der einen Börsenbrief in der Schweiz betreibt, schrieb für seine Kunden in seinem Brief vom 27. Oktober 2010 etwas sehr Bemerkenswertes:

Berlin ist heute da, wo keiner es haben will und nie wieder haben wollte.

An der Spitze der Industrieländer in puncto Dynamik und Struktur.

Kein anderer Industriestaat ist so solide über die Krise hinweggekommen.

Dabei baut die deutsche Wirtschaft auf der Dynamik auf, die schon seit 2005 läuft.

Wenn man die gegenwärtige Diskussion über die Rettung des Euro, der europäischen Gemeinschaftswährung, die mit großen Erwartungen im Jahre 2000 im Europa der 17 EU-Mitgliedstaaten sowie sechs weiteren eingeführt wurde, betrachtet, kann man feststellen, dass ohne Zutun Deutschlands in Europa nichts mehr geht. Es ist auch nicht ohne Grund, dass der US-amerikanische Präsident Barack Obama sowie der französische Präsident Sarkozy die gegenwärtige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder loben und rgelrecht umschmeicheln.

Relativ gesehen steht Deutschland in wirtschaftlicher Hinsicht eindeutig besser da als beispielsweise die Vereinigten Staaten von Amerika, die unter einer immensen Schuldenlast ächzen und es anscheinend nicht zustande bringen, ihren Haushalt einigermaßen auszugleichen. Für die USA hängt die Drohung einer Herabsetzung der Kreditwürdigkeit von der bisher besten Qualität in eine schlechtere in der Luft. Deutschland hat auch die Finanzkrise viel besser gemeistert als Frankreich und Großbritannien, die beide im günstigsten Fall erst im Jahre 2012 die Wirtschaftskrise überwunden haben werden, während dies in Deutschland schon im Jahre 2010/2011 geschah.

In einem geschichtlichem Rückblick fällt auf, dass alle Staaten, die bis ins 20. Jahrhundert überseeische Gebiete besaßen bzw. beherrschten und als Kolonialmächte betrachtet wurden, wie das Vereinigte Königreich, Belgien, Holland, Dänemark, Portugal, Frankreich und Italien, heutzutage wirtschaftlich bedeutend weniger gut dastehen als Deutschland. Ausnahmen bilden in gewisser Hinsicht Holland und Dänemark, die sich jedoch nie als Ausbeuter ihrer überseeischen Gebiete benommen haben.

War es vielleicht ein Segen für Deutschland, dass es seine Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg verloren hat, und umgekehrt ein Fluch für die anderen?

Ein Blick auf die Kolonialgeschichte kann dies zu einem gewissen Grad erhellen.

Ein kurzer Blick auf die Kolonialzeit

Das Deutsche Reich verfügte um 1910 über überseeische Gebiete in Afrika (Togo, Kamerun, Deutsch Südwestafrika und Deutsch Ostafrika) und in der Südsee. Diese Gebiete umfassten 3,2 Millionen km2, also etwa 6 Mal die Größe des Deutschen Reiches. Wegen der durch die damalige Eigentumsstruktur bedingten beschränkten agrarischen Möglichkeiten in Deutschland selbst, wanderten in der Zeit von 1871 bis 1910 ca. 3 Millionen Deutsche aus, der Löwenanteil in die Vereinigten Staaten von Amerika und nur ein geringer Teil festigte sich in den von Deutschland verwalteten Kolonialgebieten. Nach Ende des Ersten Weltkrieges verlor es alle seine überseeischen Gebiete an die Siegermächte. Dies wurde von den damaligen Deutschen als schmerzlicher Verlust empfunden. In dem Band „Das Volksbuch unserer Kolonien“, Georg Dollheimer Verlag, Leipzig 1938, wurde der positive Beitrag der Kolonien an der Entwicklung im Mutterlande von Paul H. Kuntze, Korvettenkapitän a. D., beschrieben und in den höchsten Tönen gelobt. Heute können wir feststellen, dass gewisse Firmen durch die Kolonien einen positiven Beitrag erlebten; für das Land als Ganzes waren die Kolonien eine materielle und finanzielle Belastung. Am Beispiel von Großbritannien ist dies am besten zu sehen.

Das Vereinigte Königreich hatte in rund 200 Jahren ein Kolonialreich von 25,6 Millionen km2 (oder ca. 17 % der Erdoberfläche) erobert, was 105 Mal der Größe des Mutterlandes entsprach. Es gab keinen Erdteil, wo England keine Besitzungen und damit Einfluss hatte. Abgesehen von der Besiedlung von Nordamerika durch religiös inspirierte britische Dissidenten und der Besiedlung von Australien durch ursprünglich britische Strafgefangene, hat der englische Missionsdrang bzw. die Sucht, sich in die Dinge anderer Staaten einzumischen, nur hohe Kosten für die Wirtschaft des Mutterlandes zur Folge gehabt. Der Reichtum aus dem Handel mit Kolonialwaren häufte sich in den Händen Weniger. Zudem hat die unglückliche Politik des englischen Königs Georg II dazu beigetragen, dass sich die wichtigste Kolonie in Nordamerika selbständig machte. Darüber hinaus hat die englische Politik zu vielen Konflikten Anlass gegeben, die teilweise bis zum heutigen Tag schwelen.

Die wichtigsten Konfliktherde sind nach wie vor in Asien der Irak, der Iran, Pakistan, der arabisch-israelische Konflikt im Nahen Osten, in Afrika das Erbe der britischen Kolonialherren in Nigeria, Kenia, Uganda und Zimbabwe, von der blutigen Geschichte Südafrikas ganz zu schweigen. Diese Konflikte banden viele Ressourcen und die Entwicklung im eigenen Land wurde dadurch vernachlässigt. Mit Hilfe seiner Kolonien rettete sich England zwar über den Ersten und Zweiten Weltkrieg, hatte danach aber nicht mehr die Kraft, diese auch zu halten. Es musste sie der Reihe nach aufgeben.

Die jüngste Wirtschaftskrise hat im Vereinigten Königreich strukturelle Schwächen bloßgelegt, die sich unter anderem in einem nachhaltigen Defizit der Handelsbilanz zeigen.

Frankreich wie England

Ein weiteres gutes Beispiel ist Frankreich. Es hatte ein Kolonialreich von 12,1 Millionen km2 oder 22 Mal die Größe des Mutterlandes. Auch Frankreich hatte wenig Fortüne mit seinen Kolonien in Nordamerika, in Afrika und Asien. Obwohl, wie im Falle Englands auch, ein gewisser kultureller Einfluss in seinen ehemaligen Kolonien geblieben ist, waren die Kosten für das Mutterland höher als die möglichen Gewinne. Ziemlich unzeremoniell wurde Frankreich aus Algerien und Vietnam geworfen.

Auch Frankreich sieht sich heute entgegen seinen Ambitionen in seiner Rolle im europäischen Geschehen reduziert. Die französische Wirtschaft wurde, wie die englische, schwer von der Wirtschaftskrise getroffen, doch schon vor der Krise war das Wirtschaftswachstum, wie in England, äußerst gering. Die französische Wirtschaft hat wie die englische auch eine anscheinend strukturell negative Handelsbilanz, was auf mangelnde Konkurrenzfähigkeit im europäischen Verbund hinweist. Immerhin unternimmt Frankreich im Bereich moderner Technologien ziemliche Anstrengungen.

Das kleine Belgien wiederum hat sich in seiner ehemaligen Kolonie Kongo von seiner denkbar schlechtesten Seite gezeigt. Die heutigen Probleme dort haben viel mit der früheren Ausbeutung zu tun.

Holland hatte mit seiner Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC), die ursprünglich auf den Handel mit Ostasien bzw. Ostindien gerichtet war, auch nur eine zeitlang Glück. 197 Jahre nach ihrer Gründung im Jahre 1602 ging die VOC 1799 bankrott und musste vom holländischen Staat übernommen werden. Auch hier kann gesagt werden, dass manche Gesellschaften große Profite aus den Kolonien erwirtschaftet haben, dass aber letzten Endes das holländische Mutterland die Folgekosten zu tragen hatte.

Dieselbe Feststellung gilt auch für Portugal. Brasilien hat sich nicht dank der Hilfe aus Portugal entwickelt, sondern trotz des Einwirkens aus dem Mutterland.

Die größten Nutznießer der aus den spanischen Kolonien in Südamerika erpressten Profite waren übrigens die Holländer, die dank ihrer guten Leistungen mit den erwirtschafteten Gewinnen ihren Fernhandel mit Asien und zusammen mit den Engländern den sehr lukrativen Sklavenhandel mit der Neuen Welt finanzieren konnten.

Wo ist der nachhaltige Erfolg?

Wenn die Kolonien einen nachhaltig positiven Beitrag auf das Mutterland gehabt hätten, dann müssten Großbritannien und Frankreich heute Wirtschaftsmächte von Weltformat sein, jedenfalls besser dastehen als Deutschland, das nach zwei Weltkriegen nicht nur alle Kolonien, sondern auch 1/3 Drittel seines Reichsgebietes verloren und zudem riesige Reparationsleistungen zu erbringen hatte. Auch die Wiedererlangung der deutschen Einheit nach dem Zusammenbruch des Ostblocks war mit gewaltigen Kosten verbunden. Trotzdem hat sich Deutschland – mit Holland und Österreich – zum Nettozahler der Europäischen Union entwickelt. Auch ist das Volkseinkommen pro Kopf in Deutschland bedeutend höher als in Frankreich und im Vereinigten Königreich.

Der Verlust der Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg hat in Deutschland anscheinend das Bewusstsein gestärkt, auf seine eigenen Kräfte bzw. Kapazitäten vertrauen und bauen zu müssen. Und niemand hatte Deutschland die politisch zwar völlig verfehlte, wirtschaftlich aber erstaunliche Kraftentfaltung im Zweiten Weltkrieg zugetraut. Der Wiederaufstieg des völlig darnieder liegenden Landes nach 1945 – wenn auch stark durch den Marshall-Plan befördert – ist nicht zu Unrecht als „Wirtschaftswunder“ in die Geschichte eingegangen. Der deutsche Volkswirt Friedrich List (1789–1846) hatte offenbar Recht, als er in seiner „Theorie der produktiven Kräfte“ u. a. schrieb: Wichtiger als der Reichtum eines Volkes ist seine Kraft, Reichtümer zu schaffen

Im Mai/Juni 2011 hat Berlin unter der Bundeskanzlerin Angela Merkel für Deutschlands zukünftige Entwicklung eine herausragende Entscheidung getroffen, die von besonderem Selbstbewusstsein und starker Überzeugung zeugt, nämlich den Ausstieg aus der Atomkraft als Energiequelle. Inwieweit diese Entscheidung den Erfindungsgeist der Deutschen und anderer Europäer stimulieren wird und wieweit diese Entscheidung auch die übrigen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union beeinflussen wird, wird sich noch zeigen. Ob man im Jahre 2022 noch sagen wird können: „Berlin ist heute da, wo keiner es haben will und nie wieder haben wollte. An der Spitze der Industrieländer in puncto Dynamik und Struktur”, wird sich im kommenden Dezennium entscheiden.

Inzwischen ist auch deutlich geworden, dass die so genannte Entwicklungshilfe an die „Dritte Welt” – große Teile davon ehemalige Kolonien von Europäern – sinnlose Geldverschwendung war bzw. wenig bis gar nichts zur Entwicklung der Empfängerländer beigetragen hat. Besser wäre es gewesen, man hätte diesen Ländern ungehinderten Zugang zu den entwickelten Märkten der Industrieländer gegeben. Nur Hilfe zur Selbsthilfe ist wirksam und diese kann nur erreicht werden, wenn diese Länder einen Beitrag zum internationalen Handel leisten können, d.h. ihre Exportwirtschaft international konkurrenzfähig ist, um damit einen positiven Beitrag zur internationalen Arbeitsteilung zu leisten. Weltweiter Freihandel und eine vernünftige Anwendung von Zöllen ist hierfür jedoch die wichtigste Voraussetzung.

 
Der Verfasser kennt die Welt auf Grund jahrzehntelanger Berufstätigkeit im internationalen Top-Management.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Juli 2011

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