Ein deutsches Psychogramm


Von Werner Kunze

Eine im Auftrag der ARD im Jahr 2006 durchgeführte Umfrage ergab, dass nur noch 49 Prozent der Bundesbürger mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden waren. 11 Prozent weniger als ein Jahr davor. Infratest dimap hat im Juni 2008 mit 52 Prozent Unzufriedenen eine fast unveränderte Einstellung festgestellt. Nach einer Ende 2009 veröffentlichten Umfrage der Bertelsmann-Stiftung haben inzwischen bereits rund 70 % aller Deutschen weder Vertrauen in die „Entscheidungsträger von Politik und Wirtschaft, noch in die sozialen Sicherungssysteme“. Noch in den 60er und 70er Jahren hielt eine Mehrheit der Bundesbürger diese Entscheidungsträger für kompetent und glaubhaft. Rund die Hälfte der Befragten stellte sogar die repräsentative Demokratie in Frage!

In welcher Gemütsverfassung befinden sich die Deutschen?

Ich nenne zunächst nur drei Symptome. Auffallend ist in unserem Land erstens das Ausmaß an Disharmonie, der Streit-, Konflikt und Kritiksucht. Das war nicht immer so, auch nicht in Zeiten großer Not und Armut. Wo mag der Grund für offenbar verloren gegangenes Harmoniebedürfnis und den weit verbreiteten Konfrontationskurs liegen? Es gibt verschiedene Ursachen: Der ausgeprägte Individualismus, der dazu neigt, eigene Meinungen und Interessen über die der anderen zu stellen, also fehlende Toleranz, Moralverfall, Verlust von Anstand und Gemeinsinn, zerstörte Gemeinschaftsgefühle u. ä. Die ständige öffentliche Einforderung dieser Tugenden und der dauernde Bezug auf „Werte“ und Altruismus lassen die diesbezüglichen Defizite nur noch deutlicher erkennen.

Zweitens: Wo sind die unbefangene Fröhlichkeit und Lebensbejahung oder auch nur ruhige Gelassenheit in Deutschland geblieben? Wie viele Menschen plagen stattdessen Probleme und vielfältige Ängste? Diese Art diffuser Ängste gab es selbst in den beiden Weltkriegen nicht, dort hatten sie sehr konkrete Ursachen. Heute herrscht vielfach Angst vor dem Atomtod, vor Kernenergie, vor vergifteten Lebensmitteln, vor Umweltgefahren, Klimawandel, vor Arbeitsplatzverlust und natürlich vor Krankheiten. Die Hypochonder sind unter uns. Und sie werden von den Medien täglich in ihren Befürchtungen bestätigt. Es geht hier nicht darum, dass mancherlei Furcht im Einzelfall natürlich berechtigt ist, sondern um die latente, Angst machende Atmosphäre, von der sich viele anstecken und lähmen lassen.

Beim dritten Punkt handelt es sich um das Megaproblem des Westens, das alles enthält, was zu einem Desaster führen kann. Es hat lange gebraucht, bis das demografische Unheil, um das es hier geht, überhaupt öffentliche Aufmerksamkeit erfahren hat. Wenn europäische Gesellschaften, mit wenigen Ausnahmen, implizit beschlossen haben, auszusterben, helfen keine beschwichtigenden Worte, um dem dafür verantwortlichen Zeitgeist noch Sympathien oder Verständnis entgegen zu bringen. Gewogen und zu leicht befunden! Was kann es Schlimmeres geben als einen Geist, der aus materiellen und egoistischen Gründen buchstäblich die Existenz aufs Spiel setzt? Alle anderen Vorzüge unserer Zeit verschwinden angesichts der demografischen Verwerfungen, die Europa in diesem Jahrhundert unweigerlich heimsuchen werden. Es tut mir leid, ich vermag dieses Thema nach langjähriger Beschäftigung beim besten Willen nicht harmloser zu kennzeichnen. Nahezu alle deutschen Bevölkerungswissenschafter verhalten sich in ihrer Beurteilung übrigens auch nicht anders. In Indien gibt es zwar auch heilige Kühe, die aber bei weitem nicht diese Konsequenzen nach sich ziehen.

Eine Gesellschaft im Sinn-Vakuum

Noch läuft viel zu viel auseinander. Es fehlt an Kohäsion und Identität, an Selbstbewusstsein und am Willen, heilige Kühe zu schlachten, die, wie in Indien, nur die Straßen blockieren und Mist machen. Wo bleibt der Wille, die offenkundigen Versäumnisse der Vergangenheit und der klar erkennbaren Fehlentwicklungen wirkungsvoll zu korrigieren, um den Blick in die Zukunft wieder etwas aufzuhellen? Noch aber prallen Appelle an die Vernunft ab, an liebgewordenen gesellschaftspolitischen Leidenschaften und noch blockiert der Zeitgeist den Verstand.

Geübte Psychologen und Psychiater haben Erfahrungen bei der Untersuchung individueller und kollektiver Psychosen. In seinem bemerkenswerten Buch (2006) beschreibt Stephan Grünewald die Auswirkungen geschichtlicher Traumata, der Nachkriegs-Umerziehungswellen und der Narben der Zeitgeist-Adaption. Seine wesentlichen Aussagen vermitteln einen beredten, zusammen fassenden Eindruck über die Befindlichkeiten und die heutige psychische Verfassung der Deutschen, die rastlos in eine „Welt ohne Zukunft“ eilen:

Die Deutschen fühlen sich wie im Hamsterrad. „Phasen hektischer Betriebsamkeit kippen immer wieder in Momente bleierner Sinnlosigkeit und Orientierungslosigkeit und erzeugen einen Zustand überdrehter Erstarrung.“ Sie leben mit dem Gefühl, „rastlos dem Glück und den Anforderungen des Lebens hinterher zu laufen und gleichzeitig nicht vom Fleck zu kommen. – Was ist das für eine Gesellschaft, die solch eine überdrehte Form des Stillstands erzeugt?“ Die Gesellschaft befindet sich im Sinn-Vakuum.

„Angesichts der gesellschaftlichen Krisen verspüren die Menschen zwar einen Veränderungsdruck, sie haben aber überhaupt keine Vorstellung oder Leitidee, wohin sich Deutschland entwickeln könnte.“ Die Spätfolgen einer revolutionären Befreiungstat.

Fernsehen: „Am liebsten würde man das eigene Leben wie ein Fernsehspiel betrachten – aus einem distanzierten Beobachtungsposten, mit der Fernbedienung in der Hand. Alles, was einen beunruhigen, aufregen, ärgern oder packen könnte, wird weg gezappt.“ – Liegt hier der Grund für die eingebüßte Energie vieler Menschen, mit den Widrigkeiten und Widerständen des Lebens fertig zu werden?

Eine Relativitätstheorie der Wirklichkeit

„Das Sinn-Vakuum hat die Gesellschaft in den letzten zwei Jahrzehnten systematisch hergestellt. Die Jugend der neunziger Jahre hat begonnen, die Welt aus einer coolen und übergeordneten Beobachtungsposition … zu betrachten. Die Jahrhunderte alten Fesseln der Religion, der Ideologie und der Rollenzuweisung wurden durch eine Relativitätstheorie der Wirklichkeit durchtrennt. Wenn alles relativ und gleich gültig ist, dann gibt es keine Verbindlichkeiten mehr, die einen festlegen könnten, und dann gibt es auch keine Ideale mehr, für die man streiten müsste. Die Spätfolge dieser Befreiung is jedoch eine ungeheure Überforderung des Menschen. Es gibt keine klaren und begrenzenden Rollenzuweisungen mehr, sondern eine überbordende Multioptionalität.“ – Sowohl Männer als auch Frauen seien ständig überfordert, „zu viele und oft gegensätzliche Rollen“ spielen zu müssen.

Die Angst der Deutschen vor Visionen. „Das Durchdrehen einer endlosen Vielfalt gleich gültiger Glücksoptionen lässt sich nur durch eine klare gesellschaftliche Zielausrichtung oder Vision durchbrechen. Der Aufbau einer gemeinsamen Sinnperspektive und die damit verbundene Aufbruchstimmung werden allerdings immer wieder torpediert. Aus Angst, dass sich ein begeisternder Aufbruch wieder in eine blinde Leidenschaft verkehren könnte. Letztendlich verharren wir lieber im Zustand cooler und abwartender Skepsis. Abgeklärtheit ist eine Art Immunreaktion gegen den gefürchteten Bazillus der Besessenheit.“

Die friedliche Variante deutscher Allmachtsträume. „Durch die Visions-Tabuisierung soll die Wiederkehr einer alten Schuld verhindert werden. Gleichzeitig hat sich in Deutschland – stärker als in anderen Ländern – eine geheime Vision ausgebildet, die die Funktion einer Ersatzreligion hat. – Bereits auf Erden soll sich ein paradiesisches Vollkaskoleben mit ständiger Glücksmaximierung verwirklichen.“

Die Entfremdung vom wirklichen Leben. „Allerdings verwandeln wir durch den Paradies-Anspruch den Alltag in eine Art Vorhölle. Angesichts der übersteigerten Erwartungen erscheint das normale Leben als grau und öd. – Insgeheim wartet man darauf, dass das wirkliche Leben am Wochenende, im Urlaub oder mit 66 Jahren beginnt. Dadurch verliert die Gesellschaft ihre Alltagskompetenz. Die Supernanny soll daher den Menschen wieder beim kleinen Einmaleins des Alltags helfen. Sie zeigt, wie man einen Haushalt organisiert, familiäre Abläufe und Verbindlichkeiten schafft und sich oder die Kinder erzieht.“

Der Phantomschmerz der deutschen Alltagskultur. „Aushaltbar ist ein entwirklichter und entwicklungsloser Zustand jedoch nur durch die Flucht in ein simuliertes Leben… die überall verfügbaren virtuellen Masturbationsreize verschaffen im Handumdrehen künstliche Ekstasen. Sie leisten einen Beitrag zur Ruhigstellung der Gesllschaft.“

Vorbilder. Dieter Bohlen, Boris Becker, Michael Schumacher. „Die nicht prominenten, alltäglichen Männer stehen dagegen im Zwielicht oder am Pranger der Medien.“ Die Folgen: Männerkrise, Identitätskrise, Rollenunsicherheit der ,Herren der Schöpfung’ (BRIGITTE); der verunsicherte Mann wird zuweilen als Hauptgrund ausgemacht für die Lähmung, den Tatenstau und die Verzagtheit, die die deutsche Gesellschaft in den letzten Jahren zunehmend geprägt haben.“

Die neue Sehnsucht nach(Gemein-)sinn. „Mut macht die stärker werdende Bereitschaft der Deutschen, aus dem überdrehten, stillgelegten und entwirklichten Leben auszusteigen. Quer durch die Generationen wächst die Sehnsucht nach einem greifbaren und für den Einzelnen verwirklichbaren Lebenssinn jenseits bürokratisch-wirtschaftlicher Formalismen.“

Das Leben ist „cool“

Mit einem Fazit beschreibt Grünewald eine erschreckende Realitätsverweigerung, eine Flucht in idyllische Scheinwelten und damit letztendlich einen Fall von Schizophrenie. Es spiegelt die Folgen von Desillusionierung, Sinndefiziten, Mangel an wahrer Begeisterung, Angst und „Coolness“ wieder. Wir erkennen in dieser Lebensauffassung aber auch sehr deutlich eine, zugegebenermaßen besonders bequeme, Art der Rezeption von Angeboten und Versprechungen der Moderne:

Das digitale Lebensideal sei zur Ersatz-Religion geworden, das den analogen Lebensvollzug aufzuhebeln oder zu negieren versucht. Die „frohe Botschaft dieser Ersatz-Religion“ lautet: „ … ein dauererfülltes (Party-)Leben in ewigem, jugendlichem Glanz und nie versiegender Vitalität. Ein Leben, in dem wir über alles verfügen können… Ein Leben, in dem sich unsere Lebensträume und Wünsche sogleich verwirklichen lassen, und zwar ohne Mühe und Anstrengung. Ein Leben schließlich, in dem wir auf keine Konsequenz und kein Schicksal festgelegt sind, sondern in dem wir alle seelischen oder körperlichen Gegebenheiten wieder korrigieren, verändern oder neu schaffen können. Auf den ersten Blick erscheint dieses paradiesische Lebensideal als sehr nett, gefällig und politisch korrekt. Es birgt aber psychologischen Sprengstoff, der in seiner ganzen Wucht und Macht erst bei genauerem Hinsehen deutlich wird.“

Diese Zustandsbeschreibung eines verfehlten Zeitgeistes seit den 68er Jahren ist vernichtend. Sie zeigt erneut die stattgefundenen Zerstörungen und Irritationen auf, ohne Scheu und Rücksichtnahme. An klarer Kritik, an deutlichen Diagnosen der Situation fehlt es wahrlich nicht mehr. Es ist Zeit, zu handeln. Meine Ermahnung, jeden Zeitgeist nicht nach seinen wohlklingenden Ankündigungen und Versprechungen, sondern nach seinen mittel- und langfristigen Folgen zu beurteilen, hat sich auch nah dieser Analyse als sinnvoll erwiesen. Statt leuchtender Preziosen aus Edelsteinen und Porzellan finden wir jetzt einen Scherbenhaufen vor.

Kennst Du das Land … ?

… in dem einst ein starkes und gesittetes Volk gelebt hat, mit großer Kultur und tiefgründigen Denkern, und wo heute das Böse auf dem Rücken des Banalen, des Hässlichen und des Gemeinen Einzug gehalten und damit viele schöne Seelen zerstört hat?

Kennst Du das Land, dessen große Vertreter einst alle anderen überragt haben mit ihrer Begabung für das Erhabene, für Tiefgang, für Gemüt und Empfindsamkeit?

Ein Land, das inzwischen in die Hände gefallen ist von philosophisch, emotional und im gesamten inneren Zauberreich des Menschen weitgehend „Unmusikalischen“ und Uninteressierten. Und die keinen Sinn und kein Verständnis haben für derart herausragende Sonderleistungen anderer Völker.

Jetzt erkennt man immer mehr, dass in diesem Land sowohl die schönen Triebe, als auch die wertvollen Wurzeln gekappt worden sind. Jetzt erinnert nur mehr wenig an den Geist, der in diesem Land einmal herrschte. Ein Volk ohne Eigenschaften fällt nicht mehr auf.

Kennst Du das Land, in dem inzwischen im dienerischen Gehorsam das Fremde dem Eigenen vorgezogen wird, weil das Land sich selbst nicht mag? Und warum mag das Land sich selbst nicht? Weil es die kärglichen Reste seiner großen Kultur und selbst sein eigenes Wesen bewusst in einen europäisch-amerikanischen Eintopf verrührt und damit weitgehend unkenntlich gemacht hat. Lieben und schätzen kann man eben nur das Besondere, vor allem, wenn es das Eigene ist.

Die nihilistischen Voraussetzungen für den eigenen Untergang

Kennst Du das Land, in dem tagtäglich über die negativen Folgen des „gesellschaftlichen Wandels“ anklagend berichtet wird, aber kein einziges Mal die wahren Ursachen ins Visier genommen werden?

Kennst Du das Land, das einst die blaue Blume gesucht und gefunden hat, heute aber im modernen Sumpf und Schund erstickt? Das überschwemmt wird von Unschönem und Abstrakten in der bildenden Kunst, von unverständlicher Lyrik, ordinärer Sprache in der Literatur und im Theater, von atonaler Musik und weit verbreiteter, hässlicher Architektur in langweilig-abstoßenden Stadtbildern. Auch mit diesen Mitteln und ständiger Negativ-
Berichterstattung lässt sich eine aufkommende Liebe zum eigenen Land verhindern.

Kennst Du das Land, das so beschäftigt und abgelenkt wird, dass es keine Zeit mehr hat, an seine Zukunft zu denken?

Kennst Du das einzige Land der Welt, das selbst einen moderaten Patriotismus von sich weist und in dem jeder gnadenlos verfolgt oder ins mediale Niemandsland abgedrängt wird, der in großer und ernster Sorge um sein Land die unsichtbar Linie des erlaubten Protestes überschreitet? Und in dem mit bösartiger Taktik jede Art von Bekenntnis zu Deutschland automatisch mit „Nazi-Unheil“ und -Gewalt in Verbindung gebracht und damit mundtot gemacht wird?

Kennst Du das Land, in dem viele Menschen leben, die den Zustand ihres Landes bedauern und beklagen? Die meisten von ihnen aber zu konditioniert und zu ängstlich sind, um mehr zu tun als nur zu lamentieren?

Kennst Du das Land, wo schließlich viel zu Viele zugunsten ihres aktuellen persönlichen Lebensgenusses auf Kinder verzichten und damit allesamt unbewusst, aber auch ungerührt, kollektiven Selbstmord begehen?

Richtig geraten! Ein solches Land hat alle nihilistischen Voraussetzungen für den eigenen Untergang vortrefflich erfüllt.

 
Dkfm. Werner Kunze, Friedrichshafen, ist Autor mehrerer Bücher und unserer langjährigen Leserschaft durch eine Reihe von Beiträgen gut bekannt.
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus seinem jüngsten Buch über „Die Moderne“ (Bublies 2011). Wir werden es in einem der nächsten Genius-Briefe ausführlich besprechen.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Juli 2011

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