Die Theorie vom kulturellen Wärmetod


Von Mathias Holweg

Jean-Jacques Rousseaus Dogma einer naturgegebenen Gleichheit aller Individuen hat das Wahrnehmungsvermögen des aufgeklärten Abendlandes, heute westliche Wertegemeinschaft, nachhaltig beschädigt. Diese Aussage macht Robert Ardrey am Anfang seines brillanten Bestsellers „Der Gesellschaftsvertrag“, 1970. Seine Antithese zum heute verwendeten Menschenbild beweist er mit den damals schon gesicherten Erkenntnissen der Evolutionsforschung. Zoologie, Anthropologie und Verhaltensforschung, heute zusammengefasst im Wissensbereich Soziobiologie, zeigen auf, welcher falschen Fährte die westliche Wertegemeinschaft in Bezug auf die Natur des Menschen aufsitzt. Kernaussagen, die Robert Ardrey mit Erkenntnissen aus den verschiedenen Forschungsrichtungen der Evolutionsbiologie belegt, sind:

  • Eine Gesellschaft ist eine Gruppe ungleicher Lebewesen, die sich zum Zwecke der Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse zusammenfinden.
  • Bei jeder geschlechtlichen Fortpflanzung ist Gleichheit der Individuen von Natur aus unmöglich.
  • Verschiedenheit ist das oberste Gesetz aller sozialen Gruppen – menschlicher wie tierischer.
  • Die Gemeinschaft von Gleichen ist eine Unmöglichkeit.

Möglich wäre eine „gerechte“ Gesellschaft. In so einer Gesellschaft herrscht soviel Ordnung, dass ihre Mitglieder – wie immer sie gerade von Natur ausgestattet sind – geschützt sind; es herrscht in ihr aber auch genügend Unordnung, um jedem Individuum die Entfaltung seiner spezifischen genetischen Begabung zu gestatten. Ein fließender Zustand also, der mit den Teilnehmern immer seine Lage ändert. Dieses umweltbedingte Gleichgewicht zwischen Ordnung/Unordnung bezeichnet Ardrey als Gesellschaftsvertrag: die machbare Gleichheit ihrer Mitglieder. Soweit Robert Ardrey.[1]

Die bekannte Geschichte der Menschheit berichtet von vielen Kulturen, die sich entwickelt haben und verschwunden sind – quasi von selbst oder weggeblasen durch die Ankunft anderer Menschen, denen sie keinen nennenswerten Widerstand entgegen zu setzen vermochten. Dieser Verfall kann sich über Jahrhunderte hinziehen oder innerhalb einiger Jahre bzw. Jahrzehnte geschehen. Was sind mögliche Ursachen für Erfolg bis Versagen in der Entwicklung menschlicher Gesellschaften, Kulturen, Zivilisationen?

Der Blick in die Entwicklungsgeschichte des Lebens insgesamt zeigt die Fülle bisher schon ausgestorbener Arten von Lebewesen: über 99 % sollen es sein. Unbekannt sind die Linien des Homo sapiens, die über die Zeit seiner Entwicklung in die Sackgasse ihrer besonderen Entwicklung verschwunden sind. Kultur und Zivilisation haben immer wieder Entwicklungsschübe bei der Bevölkerungszahl hervorgebracht. Können sie auch Faktoren für das Gegenteil sein?

Bei Veränderungen von Gesellschaften in Bezug auf Macht und Kultur vollzieht sich auch ein demographischer Wandel, der aber in geschichtlicher Überlieferung wie auch in den Analysen von aktuellen Ereignissen nicht oder kaum mitberücksichtigt wird. Zu erfahren, was wirklich vorteilhaft ist und einer Gesellschaft einen Turbo verleiht oder sie sich aufreiben lässt, wäre von immenser Bedeutung. Gerade das letzte Jahrhundert und die gegenwärtigen Ereignisse zeigen eine Verlagerung der Vitalität weg von Europa, Nordamerika, weg von ihren bisherigen Ethnien, hin zu anderen Menschengruppen und anderen Kontinenten. Das betrifft die Zahl der Menschen, die Intensität von Macht und wirtschaftlicher Kraft sowie Kultur bzw. Zivilisation.

Franz Wuketits beschreibt in seinem Werk „Evolution kennt keinen Fortschritt“[2] das Phänomen des kulturellen Wärmetods. Damit meint er, dass in einer Gesellschaft, in der die Unterschiede immer kleiner werden und die Gestaltungsmöglichkeiten des Individuums immer stärker durch Regeln eingeengt werden, die Erneuerungskraft gegen null gehe.

Was bedeutet Wärmetod?

Physiker kreierten den Begriff Wärmetod ausgehend von der Erfahrung, dass sich Energieunterschiede ausgleichen, energiereiche Zustände immer mehr verflachen und verbreitern. Zuletzt komme es zum Stillstand aller Veränderung, zu Bewegungslosigkeit. Dieser Denkansatz bietet auch eine Erklärung dessen, was Leben an sich ist: Leben, wie wir es kennen, braucht für seine Existenz ein Energiegefälle: Energiereiche Nahrung wird im Körper zu energieärmeren Verbindungen umgewandelt, der dabei freigesetzte Energieunterschied – mobile Energie – dient zum Betrieb aller Lebensprozesse. Auch die Erde, als Teil unseres Kosmos, ist eine riesige Energieumwandlungs- und Ausgleichsmaschine, wie auch ihr Zentralgestirn, die Sonne, selbst. Dichte, „hochwertige“ Energie wird in wenigen bis vielen Schritten in Energie geringerer Intensität umgewandelt. Kurzwellige Energie wird in Energie immer größerer Wellenlänge umgewandelt, wobei der Gesamtbetrag gleich bleibt. Leben ist darin Teil dieser Veränderung.

Beginnend mit der Aufklärung in Europa vollzieht sich quasi parallel zum naturwissenschaftlichen auch ein philosophischer Erkenntnisschub. Spinoza, Hume, Diderot, d’Holbach, um einige beispielhaft zu nennen, sind philosophische Urgesteine dieser Aufklärung. Ihre angedachten Erkenntnisse über den Menschen werden etwa 100 Jahre später beginnend bei Darwin in ihrer Richtigkeit bestätigt. Das 18. Jahrhundert bringt den Höhepunkt aufklärerischen Denkens, aber auch den destruktiven Wendepunkt bzw. Bruch im Weltbild, wie Philipp Bloom in seinem Werk „Böse Philosophen“[3] eloquent darstellt: Jean Jacques Rousseau erneuert das Weltbild von der absoluten und totalen Wahrheit althergebrachter abrahamitischer Religionen, die von ihren „Priestern“ mehr oder weniger dogmatisch exekutiert wird. Robespierre ist einer der ersten in einer Reihe neuer Exekutoren.

Die ideologisch motivierten Versuche, einen „neuen Menschen“ mit brutaler Gewalt zu schaffen, werden weiter von Marx, Lenin, Stalin, Hitler, … Bush auf ihre jeweilige Art versucht.

Der ideologische Überbau wird von auf den Errungenschaften der französische Revolution aufbauenden neuen sozialen Wissensdisziplinen ergänzt. Ihre Thesen sind eine Verabschiedung von der Übereinstimmung mit Natur und empirisch gesicherter Erkenntnis. Die Isolierung des Menschenbildes von seiner evolutionären Natur setzt sich – aufbauend auf den Dogmen, wie schon in den Religionen, die den Menschen als gesondertes Produkt eines Schöpfergottes lehren, dann von Rousseau vor rund 250 Jahren in neuer Form anders formuliert – durch. „Böse Philosophen“ und deren Erkenntnisse werden versteckt, aus dem öffentlich „gebilligten“ Wissensreservoir der Aufklärung eliminiert, ausgegrenzt.

Aufbauend auf dem Wunschdenken Rousseaus benutzen spätere gesellschaftspolitische Akteure dessen Gleichheitsansatz und die These von der kulturellen Machbarkeit des Menschen. Diese Grundannahmen sind geistige Basis für alle weiteren Ideologien in Richtung „neuer Mensch“ und deren Exekutoren wie oben angeführt. Ihr gemeinsamer roter Faden: Schaffung eines „neuen“ Menschen und mit diesem einer ihnen (ge)rechten „neuen“ Welt. Die nicht zu diesem Ziel passenden Individuen werden „beseitigt“.[4]

Parallel zu den „harten“ Sozialismen entwickelt sich in Westeuropa die „weiche“ Variante, die von den Siegern von 1945 wohlwollend geduldet, ja gefördert wurde, wirkt doch diese Ideologie lähmend auf das Selbstbestimmungsvermögen der Besiegten. Über die Jahrzehnte verfeinert, ergreifen diese Gedanken aber auch die ganze westliche Welt und wandeln sich in ihrer Gesamtheit zur heute praktizierten und allgemein als „politisch korrekt“ bezeichneten Gleichheitsideologie.

Gleichheit ist heute in der westlichen Wertegemeinschaft die Keule, mit der die Umsetzung von Gleichheitsdogmen in allen gesellschaftlichen Bereichen erzwungen wird – ein wirkungsvolles Machtinstrument in Form einer nicht zu hinterfragenden Wahrheit. Unterschiede kraft Herkunft, sexueller Zeugung, seien beim Menschen bedeutungslos. Hier schimmert der alttestamentarische Denkansatz durch, dass der Mensch ein vom restlichen Leben abgehobenes Produkt sei. In der modernen Variante wird vermeint, dass das Milieu bestimme, was wir sind, was wir können, was wir werden.

Vom Gleichheitsdogma zur Diktatur

Gleichheitspostulate sind verführerisch und bequem für die geschundene Kreatur im Menschen. Dementsprechend finden solche Erklärungsmuster Anklang bei der Menge der Menschen.

Sozialistische, auch christliche, Paradieskonzepte greifen dieses Gleichheitsdogma auf und machen damit Politik, beginnend bei ursprünglich sinnvoller Sozialgesetzgebung in westlichen Staaten bis zur kommunistischen Revolution im Sowjetsystem, deren Endergebnis vorliegt: Verarmung unter Vernichtung menschlichen Lebens, das nicht dem Ziel entsprach. Mehr über die Wirklichkeit des Sowjetsystems liefert der bei uns versteckt gehaltene Doku-Film des Letten Edvins Snore.[4]

Politik der Gleichmacherei findet auch bei uns statt, nicht revolutionär, sondern schleichend, daher nur schwer wahrnehmbar. Mit Hilfe des Gleichheitsdogmas wird bei uns der totale Staat ausgebaut, der immer mehr Entscheidungen weg vom Individuum hin zum System verlagert. Der totale Staat erlebt in den westlichen Wertegesellschaften mittels neuer technischer Möglichkeiten eine eindrucksvolle Weiterentwicklung. Da Menschen aber trotz kulturell-zivilisatorisch organisierter Zustände natürlich handelnde Wesen bleiben, entarten diese Maßnahmen zur Gleichbehandlung zu neuen, nicht vorgesehenen Ergebnissen, vor allen zu Passivität, Missbrauch, Ineffizienz.[5] George Orwell, ein scharfsinniger Beobachter seiner Zeit, beschreibt diese neue Strukturierung der Gesellschaft in seiner Geschichte <1984> auf seine Art.

Auch das offiziell betriebene „Gender Mainstreaming“[6] ist ein Ausfluss der Gleichheitsideologie. Doch entgegen dieser heute bestimmend gewordenen Gender-Ideologie bleibt beim Naturwesen Mensch, biologisch bedingt, die Nachkommensarbeit vorwiegend bei den Frauen. Diese werden für ihre Nachwuchsleistung aber besonders wirkungsvoll durch den gesellschaftlichen Zwang zu individueller Erwerbstätigkeit („Transferentzug“) bestraft. Sobald dieser Sachverhalt wahrgenommen wird, ändert sich auch das demographische Verhalten. Je besser der Intellekt eines Menschen, desto schneller begreift er/sie die Steuerungsabsicht des Systems wider seine/ihre biologische Ambition. Je intensiver die Einbindung einer Frau in die westliche Wertewelt, desto geringer auch ihre Kinderzahl bzw. desto höher die Kinderlosigkeit. Damit sägt sich unsere Gleichheitsgesellschaft letztlich den Ast ab, auf dem sie sitzt.

Evolution ist Faktor auch menschlichen Lebens. Kulturelle, soziale, technische Bedingungen sind zusammen mit anderen Umweltfaktoren neben angeborenen Genen seine Zukunftschancen bestimmend für das Individuum, das sich weniger/mehr fortpflanzt und so zur Anpassungsleistung seiner Population beiträgt, wie auch für Populationen als übergeordnete Einheit. Evolution bestimmt daher auch, welche Populationen sich durchsetzen bzw. verkümmern. Dieses Kriterium zählt auf biologischer Ebene gemäß der schon von Darwin formulierten biologischen Eignung für das Biotop: Ein Individuum (eine Population) ist biologisch so erfolgreich, wie sich seine Nachkommen fortpflanzen.[7] Vergleichen wir heute bestehende Populationen des Homo sapiens miteinander, zeigt der empirische Befund: Eine Population (auch als Gesellschaftssystem) ist in der mit Technik und Naturwissen bereicherten Welt im Vorteil, wenn in ihr gravierende Unterschiede zwischen den menschlichen Schicksalen bestehen und nicht durch überzogene soziale Maßnahmen im Sinne schablonenhafter Gleichmacherei konterkariert werden. So eine Gesellschaft ist aus der Warte von egalitärem Humanismus bewertet ungerecht, biologisch aber erfolgreich. Der Vergleich des demographischen Wandels der heute bestehenden Populationen/Parallelgesellschaften zeigt dies besonders klar im regionalen wie globalen Maßstab.

Die gegenwärtige geistig-kulturelle Entwicklung der Menschen in der westlichen Wertewelt scheint biologisch wenig vorteilhaft zu sein. Die Beseitigung fast aller Unterschiede, wie sie durch „sozial“ begründete Maßnahmen nachhaltig gelingt, scheint entgegen den biologischen Erfordernissen zu wirken. In biologischer Kategorie gibt es keine Gleichheit, bestenfalls Gleichheit der Chancen mit unterschiedlichen Ergebnissen, wie Robert Ardrey und andere aus Naturbeobachtung ableiten. Die westliche Wertegesellschaft ist so gesehen auf dem Weg in ihre evolutionäre Sackgasse in Form eines kulturellen Wärmetods. Naturgesetze lassen sich offenbar nicht aushebeln. Mit dem sozialen Kontrakt, wie ihn Rousseau formulierte, wurde eine wichtige Grunderkenntnis der ursprünglichen europäischen Aufklärung im sozialen Bereich nachhaltig konterkariert. Indem die Gleichheitslehre von Rousseau zur Basisidee der westlichen Wertegemeinschaft wurde, wird diese immer stärker bedrängt vom Rest der Welt, in der der soziale Kontrakt, wie ihn Ardrey formuliert, vorzuherrschen scheint.

Literatur

[1] Robert Ardrey: „Der Gesellschaftsvertrag – Das Naturgesetz von der Ungleichheit der Menschen“, Ausgabe 1971 Verlag Fritz Molden Wien, München, Zürich ISBN 3-217-00399-3

[2] Franz M. Wuketits: „Evolution kennt keinen Fortschritt – Aufstieg oder Niedergang in Natur und Gesellschaft“ 2009 Alibri Verlag, ISBN 978-3-86569-040-1

[3] Philipp Blom „Böse Philosophen“ C. Hauser Verlag München, ISBN 978-3-446-23648-6

[4] Ein Film, der nur einmal im EU-Parlament aufgeführt wurde, dann aber nirgendwo in die TV-Kanäle oder in die Kinos kam – zu unpassend ins konstruierte Geschichtsbild der westlichen Welt – Bezug über: www.sovietstory.com

[5] Als Beispiel für die Ineffizienz des EU-Systems kann der 2000 proklamierte 10-Jahresplan für den „großen Sprung vorwärts“ zur Technologieführerschaft in der Welt angeführt werden.

[6] Barbara Rosenkranz, „MenschInnen – Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen“, Ares Verlag Graz, 2008. ISBN 978-3-902475-53-4

[7] Ernst Meyer „Das ist Evolution“ dtv. De, 2. Auflage April 2009, ISBN 978-3-423-24707-8

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. September 2011
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft