Der Zeitgeist auf dem Seziertisch


Werner Kunze, „Die Moderne – Ideologie, Nihilismus, Dekadenz“, Verlag Bublies, Beltheim-Schnellbach 2011, ISBN 978-3-937820-18-7, 336 Seiten

 

Eine Buchbesprechung von Gerulf Stix

Nach gängiger Auffassung leben wir im Zeitalter der Moderne. Dieser etwas schwammige Begriff meint die Summe der gesellschaftlichen Phänomene, die sich seit Beginn der Aufklärung und im Zuge der stürmischen Entwicklung aller Wissenschaften wie auch der tonangebenden Ideologien heraus gebildet haben. Werner Kunze analysiert in seinem Buch diese Moderne umfassend und scharfsinnig. Seine Schlussfolgerungen lassen sich nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen, sondern gleichen tastenden Versuchen, neue Horizonte besser zu erkennen.

Eine Kostprobe dieser umfassenden Analyse erhielt unsere Leserschaft bereits mit dem Genius-Brief Juli–August 2011 als Lesestück Nr. 10: „Ein deutsches Psychogramm“. Darin beschreibt der Verfasser die Sinnkrise in deutschen Landen als eine der Folgen des „verirrten Zeitgeistes“. Im Buch selbst holt Kunze viel weiter aus. Nach einer eingehenden Abklärung der Begriffe Materialismus und Idealismus sowie Dekadenz und Nihilismus beschäftigt er sich mit der Entstehungsgeschichte der Moderne. Diese steht in einem inneren Zusammenhang mit dem Siegeszug der Aufklärung: „Aufklärung kämpft ja auch bis heute gegen alles Unklare oder Okkulte, gegen das Bestreben von Dunkelmännern, die die Menschen bewusst in Unwissenheit halten, ihr selbständiges Denken unterbinden oder sie an Übernatürliches glauben lassen.“ (Seite 81)

Eine erste Gegenbewegung dazu sieht Kunze in der so genannten Deutschen Romantik. In ihr artikuliert sich das gefühlte „Unbehagen an der Moderne“. In der Gegenüberstellung von Romantik und heutigem Zeitgeist kommt auch die Kritik nicht zu kurz. Positiv versteht er nach Würdigung ihrer Kulturleistung die Romantik als „eine Lebenswelt also, in der Egoismus, Materialismus und Oberflächlichkeit weniger vorherrschen“.

Der Zeitgeist auf dem Seziertisch

Das Schwergewicht des Buches bildet die gründliche Analyse des heutigen Zeitgeistes und die vertiefte Auseinandersetzung mit seinen vielen verschiedenen Strömungen. Nicht von ungefähr titeln gleich zwei Abschnitte im Buch „Mosaiksteine“ und „Mosaiksplitter“ des Zeitgeistes. Als thematische Stichworte seien hier genannt: die 68er Bewegung, Feminismus, Emanzipation, Xenophobie, Kosmopolitismus, Tradition, Patriotismus. Diese unvollständige Aufzählung mag verdeutlichen, in welch geradezu epischer Breite Kunze auf jene vielen Aspekte unserer Gegenwart eingeht. Tatsächlich wird ein detailliertes Gesellschaftsbild sowohl dargestellt als auch untersucht und schließlich ohne Scheuklappen kritisch bewertet. Auch die konkreten Probleme der Bevölkerungsentwicklung und der Migration werden behandelt und in den Gesamtzusammenhang der aus den verschiedensten Ideologien gespeisten allgemeinen Gesellschaftsentwicklung gestellt. Bewundernswert ist die Fülle der hier ausgebreiteten Gedanken; eine wahre Fundgrube für nachdenkliche Leser.

Das Ende der Moderne verlangt eine neue Aufklärung

Erfüllt von der Empfindung, in einer Zeit großer Umbrüche zu leben, sieht Kunze das Ende eben dieser als Moderne bezeichneten Epoche. Viele von uns werden dies so nachempfinden können. Wir leben gewissermaßen in der Post-Moderne. Nur: Was wird folgen? Wie wird das neu anhebende Zeitalter aussehen? Was der Verfasser hier versucht, erinnert an ein englisches Wort, das in seiner sinngemäßen Übersetzung vom „Rühren mit einer Stange im Nebel“ spricht. Es handelt sich um Versuche, das ungewisse Neue auszuloten. Kunze fordert in seinem Buch „eine zweite Aufklärung“. Offen bleibt, wie diese aussehen soll. Mir persönlich gefällt noch besser die Forderung nach einer „dritten Aufklärung“, wie sie Werner Kunze in seinem Beitrag im Genius-Brief vom August 2009 nannte. Dabei stufte er die Epoche der klassischen (antiken) griechischen Philosophie als „erste Aufklärung“ und die uns geläufige Epoche ab etwa 1700 als „zweite Aufklärung“ ein. Die „dritte Aufklärung“ steht uns erst bevor, nämlich als geistige Herausforderung und Aufgabe. Ein zweifellos hochinteressanter Denkansatz.

Alle diese Überlegungen münden in eine melancholisch-nostalgisch klingende Abrundung, die Kunze am Schluss seines Buches vornimmt: „So wird die Tragik der Moderne eines Tages darin bestehen, daß der Mensch, der großartige Macher und Supermann, der sich erdreistet hat, alles selbst in die Hand zu nehmen, von vorne zu beginnen und auf alles Vergangene zu verzichten, am Ende durchaus als der kleine Wicht dasteht, dem die von ihm geschaffene Welt über den Kopf gewachsen ist und der den Kampf mit der Natur und ihrem langen Atem nicht gewinnen kann. Dennoch wird Jeder, der Sinn für Größe hat, dem grandiosen menschlichen Ehrgeiz seine Achtung nicht versagen.“

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. September 2011
 
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