Betrachtungen zum islamischen Bankdienstleistungswesen


in Deutschland und Österreich

 

Von Hanns-Arnulf Engels

Vom „Denglisch“ der heutigen Zeit offenbar sehr angetan, haben Werbeberater die Stadt Frankfurt am Main schon vor Jahren zur „City of Euro“ getauft. Mal abgesehen davon, dass damit der deutschen Sprache wieder einmal Gewalt angetan wird, ist aber zugleich völlig richtig, dass sich diese so pulsierende Stadt am Unterlauf des Mains nach dem Zweiten Weltkrieg zur wirtschaftlichen Hauptstadt in Deutschland entwickelt hat. Zudem beherbergt sie seit den 1990-er Jahren den zentralen Sitz der Europäischen Zentralbank. Schlendert man also in heutiger Zeit so durch die Innenstadt von Frankfurt am Main, so sieht man dementsprechend auch viele Bankhäuser, die teilweise schon seit Jahrhunderten hier ihren Sitz haben. Dazu gehören mittlerweile auch eine Vielzahl von Banken, deren Hauptsitze sich im Ausland befinden, und zwar auch einige aus dem muslimischen Kulturkreis.

Verweilt man nun gedanklich bei diesem Aspekt, so stellt sich die Frage, ob dort denn auch ganz anders geartete Bankdienstleistungen wahrgenommen werden können. Relativ weit verbreitet ist ja in der deutschen und österreichischen Öffentlichkeit das Wissen darum, dass in der islamischen Welt ein Zinsverbot besteht. Gilt dann derlei auch an den Bankschaltern von Geschäftsstellen, deren Mutterhäuser sich in der Türkei oder gar im Iran befinden? Und, wenn dieses so ist: wovon „leben“ diese Bankhäuser denn rein geschäftlich anstelle dessen? Wie kann das wirtschaftlich gesehen – im muslimischen Kulturkreis als auch in unseren Breiten – eigentlich funktionieren?

Richtig ist, dass strenggläubigen Muslimen viele Formen der Geldanlage verwehrt bleiben, die im klassischen Bankgeschäft gang und gäbe sind. Der Koran verbietet es nämlich, Zinsen (arabisch: Riba) einzunehmen oder zu bezahlen. In der zweiten Sure des Koran heißt es in einer gängigen Übersetzung, dass jene, die „Zins verschlingen“, nicht anders dastehen, „als einer, den der Satan mit Wahnsinn geschlagen hat“. Instrumente wie Sparbücher, Festgeld, Anleihen oder Kredite und Hypotheken sind damit ausgeschlossen. Lassen sich Zinsen gar nicht vermeiden, sollen sie für wohltätige Zwecke gespendet werden. Immerhin gab es diese Auffassung ehedem auch im abendländischen Europa des Mittelalters. Thomas von Aquin stellte fest, dass Geld eben keine Jungen zu werfen habe[1].

Der Koran und das Genossenschaftswesen

Es ist an dieser Stelle zu betonen, dass sich der Koran traditionell einer bildhaften Sprache bedient und überhaupt das gesellschaftliche Miteinander bevorzugt in eine bildhafte Form gegossen wird. Betrachtet man dementsprechend das Finanzdienstleistungsgeschehen im Fall eines Kreditaufnahmewunsches, so gilt nämlich auch hier das Bild, dass die Bank auf ihren guten Namen hin erst einmal die Bereitschaft Dritter finden muss, gerade bei ihr Geld anzulegen, sprich: regelrecht anzuvertrauen. Dafür entsendet die Bank ihre Mitarbeiter und gibt – eben im Erfolgsfall des Fündigwerdens – hierfür dann eine Dankesgratifikation; schließlich soll Vertrauen ja belohnt werden. Diese Dankesgratifikation wie auch der Personaleinsatz, um erst einmal zur Einlage Bereite „draußen“ zu finden, hat dann natürlich der Kreditkunde zu tragen. Prägend in diesem Zusammenhang ist grundsätzlich der genossenschaftliche Aspekt bzw. jener der wirtschaftlichen Schicksalsgemeinschaft zwischen Kunde und Bank, wie es in abgewandelter Form auch bei den Volks- und Raiffeisenbanken vorkommt. Genauso sieht es aus, wenn ein Kunde bereit ist, eine Einlage bei einer (muslimisch) arbeitenden Bank zu leisten. Auch hier gilt der bereits erwähnte Aspekt des Dankes der Bank nun dem Kunden gegenüber; schließlich sieht sich die Bank als geehrt an, dass der Kunde gerade sie als Hüterin seiner Gelder auserwählt hat und damit eben als am vertrauenswürdigsten einschätzt. Bei einer nach islamischen Regeln arbeitenden Bank wird von Kunden eingelegtes/ausdrücklich anvertrautes Geld mit einer Gratifikation als dankende Erwiderung quittiert[2].

In diesem im Morgenland auch heute noch prägenden Zusammenhang gab es – mit Blick auf islamische Bankgeschäfte – bereits in den 1980-er Jahren erste Anfragen interessierter Kreise (zumeist Vertreter von Banken aus muslimisch geprägten Staaten, die in Deutschland über Geschäftsstellen aktiv sind) an das damalige Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen – BAKred. In diesbezüglichen Gesprächen wurde dabei darauf verwiesen, dass solche Geschäftsaktivitäten nicht im Kreditwesengesetz vorgesehen sind und es auch mit Blick auf einen gleichen Wettbewerb/bankaufsichtsrechtliche Vergleichbarkeit sowie hinsichtlich des Einlagenschutzes Bedenken gibt[3]. Gerade letztes Argument spielte eine wesentliche Rolle, nachdem eine türkische Bank, die Islamic Banking im Herkunftsland betrieb, von der türkischen Aufsicht vor einigen Jahren geschlossen werden musste. Die deutsche Bankenaufsicht reagierte sofort und schloss ihrerseits die in Deutschland ansässige Geschäftsstelle – allein schon, um Plünderungsaktionen vermeiden zu helfen. Dort konnte man sich bis zur Schließung als stiller Teilhaber – und eben nicht als herkömmlicher Einleger/Sparkunde – in der Türkei engagieren. Da aber diese Geschäftsstelle deswegen keinem deutschen Einlagensicherungssystem angehörte, blieb den Kunden nur anteilig, was die Konkursmasse nach türkischem Recht noch hergab[4].

Das muslimische Finanzpotenzial

Insgesamt sind in Deutschland und Österreich geschäftliche Potenziale aber durchaus vorhanden: Immerhin leben bereits mehr als 3,5 Millionen Muslime in Deutschland und eine ¾ Million in Österreich; Tendenz in beiden Ländern weiter steigend – die Mehrheit von ihnen ist türkischer bzw. bosnischer Herkunft. Anlageprodukte, die sich nach strengen islamischen Glaubensregeln richten, waren in Deutschland und Österreich bis vor wenigen Jahren nicht zu bekommen. Vielfach legen die gläubigen Muslime ihr Geld in beiden Ländern bei der Sparkasse vor Ort an, teilweise investieren sie es auch in Immobilien in ihren Heimatländern. Studien ergeben, dass die türkischen Arbeitnehmer in Deutschland und Österreich eine beinahe doppelt so hohe Sparquote aufweisen wie ihre deutschen Kollegen. Experten schätzen ihre jährliche Sparleistung allein in Deutschland schon auf rund 1,5 Milliarden Euro[5].

Wieder auf den eingangs gestellten Fragenkreis zurückkommend, ist zu bemerken, dass es bis heute kein in Deutschland bzw. Österreich lizenziertes Kreditinstitut gibt, das überwiegend oder ausschließlich islamische Bankprodukte hierzulande anbietet. Wohl aber gibt es seit wenigen Jahren einige Großbanken, die außerhalb Deutschlands allererste Aktivitäten in diese Richtung entfalten, in Fachkreisen auch „islamische Fenster“ genannt. So begann die Commerzbank-Investmenttochter Cominvest im Frühjahr 2000 einen Aktienfonds mit dem exotischen Namen Al Sukoor auf den Markt zu bringen, denn die Geldanlage in Aktien und Aktienfonds ist nach islamischer Tradition sehr beliebt[6]. Der Koran erlaubt nämlich das Erzielen von Erträgen, die auf einem Handel oder einer Investition in ein bestimmtes Produkt basieren. Nach dem Prinzip der Gewinn- und Verlustteilung sind Anlagen in Aktien nach islamischen Grundsätzen nämlich sehr gern gesehen, weil sich der Anleger am unternehmerischen Risiko beteiligt. Auch hier taucht der bereits erwähnte, dem aus Deutschland stammenden Genossenschaftsgedanken ähnelnden Aspekt auf. Zum ersten Mal vertrieb auf dieser Basis eine Bank in Deutschland damit einen Fonds, der sich an islamischen Grundsätzen orientierte. Das heißt aber ausdrücklich auch: es dürfen in solchen Fonds keine Geschäfte enthalten sein, die sich in irgendeiner Weise – sei es im Handel/Vertrieb bzw. in der Produktion – mit Genussmitteln, Glücksspiel, Pornografie, Schweinefleisch und Waffen beschäftigen. Inkonform nach islamischer gesetzlicher Sicht (nämlich der Scharia) sind oftmals Hotelketten und Fluggesellschaften auch dann schon, wenn sie ihren Gästen Alkohol ausschenken. Auch darf ein Unternehmen, welches islamischen Fondsgrundsätzen entsprechen soll, nicht zu hoch verschuldet sein (die Schulden dürfen nicht mehr als ein Drittel des Marktkapitalisierungswertes ausmachen). Somit würden in diesem Sinne gegenwärtig z. B. einige deutsche Autobauer glatt durchfallen[7].

Islamic Banking in Mitteleuropa

Diese Einschränkungen und die bis dahin von deutschen Banken nicht gekannte Praxis in diesem Segment führten dazu, dass das Experiment der Commerzbank letztendlich scheiterte. Ende 2005, mehr als fünf Jahre nach dem Start, betrug das Anlagevolumen gerade einmal vier Millionen Euro. Um einen Fonds ansatzweise rentabel zu betreiben, gelten 20 Millionen Euro in der Branche als absolutes Minimum. Anfang Januar 2006 schloss Cominvest den Fonds deshalb wieder. Offensichtlich wendeten sich die Anleger in Deutschland von Themenfonds, wie es auch der Al Sukoor gewesen ist, seit längerem ab. Das Angebot reüssierte – nachträglich betrachtet – vielleicht auch deshalb nicht, weil viele in Deutschland lebende Muslime die islamischen Glaubensgrundsätze längst nicht mehr so streng sehen, wie es im Nahen Osten häufig noch der Fall ist[8].

In Deutschland und Österreich haben also nach islamischen Prinzipien arbeitende Anlageinstrumente bis heute immer noch Seltenheitswert. Nunmehr hat jüngst aber die Deutsche Bank einen entsprechenden Anlauf unternommen, indem sie Zertifikate auf die von Dow Jones entwickelten Islamic-Market-Indizes anbietet. Diese werden in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Koran zusammengestellt und werden von Scharia-Gelehrten überwacht. Um dauerhaft erfolgreich zu sein, haben die Deutsche Bank und die als Co-Emittent fungierende National Commercial Bank of Saudi-Arabia bei den nun aufgelegten Zertifikaten eine quantitative Analyse-Funktion integriert. Jedes dieser Produkte muss von islamischen Rechtsgelehrten in so genannten Scharia-Boards zertifiziert werden, bevor es in den Vertrieb gehen kann. Die Zielgruppe haben die Banker allerdings klar eingegrenzt. Diese Produkte sollen vor allem unseren vermögenden Privatkunden im Mittleren Osten und in Asien angeboten werden, jedoch bisher noch weder in Deutschland noch in Österreich[9].

Das eigentliche Geschäft mit Islam-konformer Geldanlage machen die großen Finanzhäuser nämlich immer noch im arabischen Raum. Rund 270 Milliarden Dollar sind weltweit in den vergangenen Jahren in diese Produkte geflossen, die jährlichen Wachstumsraten lagen häufig bei 20 % oder mehr. Dabei beschert der hohe Ölpreis den Banken einen steten Strom frischen Geldes. Islamisch orientierte Aktienportfolios standen in ihrer Entwicklung Performance gegenüber den großen Leitindizes in nichts nach. In den vergangenen zehn Jahren haben nach und nach immer mehr Finanzhäuser Koran-konforme Produkte an den Markt geführt. Zu den Vorreitern zählte die Citigroup, die 1996 eine Filiale in Bahrein eröffnete. Ihr folgten später HSBC, ABN Amro, Société Générale und eine Reihe weiterer Häuser. Gab es 1999 weltweit noch rund ein Dutzend Islam-Fonds, so sind es inzwischen gut 150[10].

Finanzwetten sind verboten

Wirft man jetzt einen Blick auf die gegenwärtige Finanzkrise, so ist diese gewissermaßen die beste Werbung für islamisches Wirtschaften überhaupt. In der Öffentlichkeit eher weniger bekannt ist (neben dem bereits genannten Zinsverbot) nämlich ein weiteres Verbot, und zwar jenes des Glücksspiels (arabisch: Gharar). Auch Wetten verbietet der Koran ausdrücklich und sieht dies als lästerliche Versuchung an. In der Praxis zeigt sich dies eindrücklich daran, dass spekulative Geschäfte – wozu auch Finanztermingeschäfte gehören – als Wetten angesehen werden. Während der gesamte Wirtschaftsraum der OECD mehr oder weniger stark von der Finanzkrise betroffen ist, kann der islamisch geprägte Wirtschaftsraum völlig zu Recht darauf verweisen, besser dazustehen. Eine „Kasinomentalität“, wie sie ursächlich das jüngste Finanzdesaster mit verschuldet hat, existiert in der muslimisch geprägten Welt so nicht[11].

Es sei noch bemerkt, dass derweil in Deutschland eher unbeachtet vollkommen neue Möglichkeiten entdeckt wurden, um mit Hilfe des islamischen Finanzierungswesens das wachsende Vermögen in den arabischen Staaten anzuzapfen: Im Sommer 2004 legte nämlich das Bundesland Sachsen-Anhalt eine Koran-konforme Anleihe auf, um den klammen Haushalt mit arabischen Millionen aufzumöbeln. Nötig war dafür eine komplizierte Konstruktion, die vor allem dem deutschen Fiskus sauer aufgestoßen sein dürfte. Die Landesregierung in Magdeburg übertrug eine Reihe von Immobilien an eine neu gegründete Stiftung. Diese finanzierte den Deal mit Hilfe einer Anleihe, die – ganz nach den Regeln des Korans – statt Zinsen die Mieteinnahmen an die Anleger ausschütten soll. Besonderer Clou der Konstruktion: Die landeseigene Stiftung hat ihren Sitz in den Niederlanden – eben um Steuern zu sparen[12].

Zusammenfassend ist zu sagen, dass originäre Bankgeschäfte, die das Zinsverbot berücksichtigen (und zugleich materiell einfach umgehen!), wie erwähnt in beiden Bundesgebieten bislang nicht bestehen und gemäß Kredit- bzw. Bankwesengesetz – KWG/ BWG nicht ausdrücklich vorgesehen sind. Ein Stück weit ist es aber auch eine Ansichtssache, inwieweit man hier vielleicht eines Tages das KWG bzw. das BWG so auslegt, dass islamisch geprägte Ertragskalkulationen im Soll- und im Habenbereich von Banken der klassischen Verzinsung gleichgestellt werden – schließlich gibt es umgekehrt, weder im KWG noch im BWG, auch kein ausdrückliches Verbot eines solchen Unterfangens. Gerade das britische Beispiel mit einer seit 1982 bestehenden Tradition muslimischen Geschäftshandelns am Finanzplatz London zeigt, dass diese Form durchaus auch außerhalb des Ursprungskulturkreises realisierbar ist. Voraussetzung ist, man legt mit herrschender Meinung die Gesetzgebung auch so aus[13]. In Deutschland scheint Bewegung in diese Frage gekommen zu sein, denn die Finanzdienstleistungsaufsicht beschäftigt sich nunmehr verstärkt mit dieser Frage und der Aspekt einer von ihr dazu ausgerichteten Tagung in Frankfurt am Main fand bereits mit der ersten Ankündigung in Fachkreisen ein großes Echo[14].

Vielleicht findet sich ja dann eines Tages beim Bummel durch Frankfurt am Main und in anderen deutschen bzw. österreichischen Großstädten zumindest in Geschäftsstellen von Banken mit Muttergesellschaften aus dem muslimischen Kulturkreis im Schaufenster eine Werbeschrift etwa des folgenden Inhalts: „You want to have Islamic Banking? – Yes we can!“ Sinngemäß auf gut Deutsch: Auch wir können’s!

Anmerkungen

[1] Michael Mahlknecht, „Islamic Finance“, S. 17

[2] Michael Gassner und Phillip Wackerbeck, „Islamic Finance“, S. 21

[3] Volker Nienhaus, Gespräche im Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen, Berlin

[4] Innovationsreport, „Islamic Finance braucht eine Lobby“, 11. November 2008

[5] Booz & Company, Pressemitteilung vom 22. Juli 2008

[6] Spiegel Online, „Europas Finanzhäuser drängen ins Islam-Banking“, 22. Februar 2006

[7] Michael Gassner, „Islamic Finance“, S. 134 f.

[8] Spiegel Online, „Europas Finanzhäuser drängen ins Islamic Banking“, 22. Februar 2006

[9] Michael Gassner, „Islamic Finance“, S. 33 f.

[10] Spiegel Online, „Europas Finanzhäuser drängen ins Islamic Banking“, 22. Februar 2006

[11] Michael Gassner, „Islamic Finance“, S. 29 f.

[12] BFinance, „Sachsen-Anhalt emittiert Sukuk Bond“, 12. Juli 2004

[13] Innovationsreport, „Islamic Finance braucht eine Lobby“, 11. November 2008

[14] Netzseite Islamic Finance, German regulator BaFin organises Islamic finance conference”, 1. Juli 2009

Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. November 2011
 
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