Europa muss von seiner Vergangenheit Abschied nehmen


Von offenen Systemen zum geschlossenen globalen System

 

Von Helmut Krünes

Die Physik unterscheidet bei Systemen zwischen offenen und geschlossenen. Letztere sind energetisch autark. Sie geben weder Energie an die Umgebung ab, noch beziehen sie solche aus ihrem Umfeld. Im Gegensatz dazu können offene Systeme aus ihrem Umfeld Energie beziehen, aber auch an dieses abgeben. Streng genommen ist unsere Erde ein offenes System, weil sie einerseits von der Sonne ständig Energie in Form von Strahlung empfängt, allerdings auch Energie an den Weltraum abgibt. Vereinfacht behandeln wir sie aber als ein „geschlossenes“ System.

Auch bei Volkswirtschaften kann man von offenen und geschlossenen Systemen sprechen. Europa war in den vergangenen Jahrhunderten seit dem Zeitalter der Entdeckungen ein System, das sein Umfeld zu seinem eigenen Nutzen ausgebeutet hat. Dies hat sich besonders durch die Kolonialisierung verstärkt. Die letzten zweihundert Jahre haben wir Europäer „Energie = Vermögen“ vom Rest der Welt abgesaugt. Die Ausbeutung wertvoller Rohstoffe und der Raubbau an anderen Naturschätzen bis hin zur Sklavenwirtschaft haben im 19. und im 20. Jahrhundert den industrialisierten Ländern auf Kosten anderer Teile der Welt zu nie dagewesenem Reichtum verholfen. Die USA sind in diesem Zusammenhang ein Ableger Europas, der allerdings seinen Eltern über den Kopf gewachsen ist.

Heute befindet sich Weltwirtschaft im Übergang von neben einander bestehenden offenen Systemen zum geschlossenen globalen System. Mit der Verschiebung in Richtung eines globalen Wirtschaftsraumes nehmen die Möglichkeiten eines „parasitären“ Vorteils für Europa ab. Andere Volkswirtschaften werden mächtiger und beanspruchen ihren „gerechten“ Anteil an den Rohstoffschätzen der Erde. Es entwickelt sich ein fairerer Ausgleich, was aber Europa über eine längere Zeitspanne zwingen wird, im Vergleich zu seinen früheren Möglichkeiten zurückzustecken.

Ein Paradigmenwechsel mit Folgen für Europa

Ein so fundamentaler Paradigmenwechsel im weltweiten Wirtschaftssystem verursacht zwangsläufig Anpassungskrisen. Natürlich gewöhnen sich die Gewinner unter den neuen Gegebenheiten wesentlich leichter an die geänderte Situation. Für sie steigt der Nutzen aus dem globalen Austausch. Die früheren „Gewinner“ und jetzigen „Verlierer“ werden die neue Lage erst durch massive Krisen erfassen. Der Abschied vom asymmetrischen Vorteil aus den Wirtschaftsbeziehungen mit früheren „Opfern“ schmerzt und das Verdrängen der neuen Situation ist mit einer der Gründe für die wachsende Verschuldung der früher bestimmenden Wirtschaftsmächte.

Die alten Industriestaaten müssen lernen, die grundlegende Änderung ihrer Wettbewerbssituation gegenüber den aufkommenden, anderen Volkswirtschaften zu verstehen und zu akzeptieren! Die Energiekrisen in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts waren eine der ersten Anpassungskrisen des Paradigmenwechsels vom offenen zum weltweiten geschlossenen System.

Die Schuldenkrise der alten Industrienationen Europa, USA und Japan ist ebenfalls zum Teil eine Folge des Systemwandels.

Die nächste bittere Erkenntnis steht aber noch an: Wachstum auf Kosten anderer kann es nicht mehr geben. Da es in sehr vielen Volkswirtschaften einen enormen Nachholbedarf gibt, muss Europa sich darauf vorbereiten, dass Wachstum wo anders stattfindet und die alten Industriestaaten gezwungen sein werden, zurückzustecken. Das kann in Statistiken verborgen werden, aber real wird es passieren. Es wird Zeit, dass Europa aufwacht, die neue Situation seriös analysiert und ein Konzept für seine zukünftige Strategie entwickelt.

Globalisierung bedeutet nicht Wettbewerb unter gleichen Bedingungen! Industrieländer mit hohem Sozialstandart stehen im Wettbewerb mit Markteilnehmern, die Kinderarbeit, Umweltschäden, mangelhafte soziale Standards, fehlende Arbeitssicherheit, Dumping, fehlende Rechtssysteme und Patentverletzungen in Kauf nehmen.

Aber es ist nicht nur ein Wettbewerb der Güterproduktion, also ein globales ökonomisches Messen. Im globalen, geschlossenen System stehen Wertesysteme, Ideologien und Religionen, Herrschaftsstrukturen, Kulturen, Bildungsstrukturen und Rechtssysteme in Konkurrenz.

Noch kann Europa die Regeln des globalen Wettlaufs wesentlich beeinflussen und eine gute Position verteidigen. Wenn Europa aber nur vergangene Vorrechte beansprucht, wird es von den jungen, strebsamen Herausforderern das Spiel aufgezwungen bekommen.

 
Dr. Helmut Krünes
war Bundesminister für Landesverteidigung in Wien und ist derzeit unternehmerisch tätig.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. November 2011
 
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