Das Weihnachtsfest und seine vielfältigen Wurzeln


Von Harald Winter

Das Weihnachtsfest gehört neben dem Osterfest und Pfingsten zu den drei christlichen Hochfesten. Seit dem Jahr 336 ist das Fest zu Christi Geburt in Rom belegt. Doch weder nennen die Evangelien noch andere frühchristliche Quellen das Geburtsdatum von Jesus Christus, somit ist die Festlegung auf den 25. Dezember nur anders zu erklären.

Einer der wichtigsten Punkte ist hier der Umstand, dass zur Zeit der Einführung des Julianischen Kalenders durch Julius Caesar im Jahr 45 v. Chr. der Tag mit der Wintersonnenwende zusammenfiel. In weiterer Folge wurde dieser Tag von Kaiser Aurelian (214–275 n. Chr.) als Tag des Sol Invictus (des „unbesiegbaren Sonnengottes“) eingeführt, an dem auch die Geburt des Mithras, dessen Kult zu dieser Zeit weit verbreitet war, begangen wurde. Es ist nahe liegend, dass die frühen Christen so mit ihrem Geburtsfest zu Ehren ihres Erlösers Jesus, dem Mithras – einem ihrer schärfstem Konkurrenten – entgegentreten wollten und ebenfalls ein vor allem im Judenchristentum völlig unübliches Geburtsfest einführten. Bis dahin waren nur die Todestage der Märtyrer für den neuen Kult von Bedeutung.

Der gregorianische Kalender

Mit der Bulle vom 24. Februar des Jahres 1582 verfügte Papst Gregor XIII. seine große Kalenderreform und somit rückte der Tag der Wintersonnenwende auf den 21. Dezember vor. Die Frage, ob der Begriff der „Weihenächte“ christlichen oder heidnischen Ursprungs ist, ist wohl nicht mehr zu lösen. Faktum bleibt aber, dass wir es hier offensichtlich mit mehreren Nächten und Tagen zu tun haben, was im frühchristlichen Fest nicht so gesehen wurde.

Es ist wohl unzweifelhaft, dass je nach Ort, Volk und Kultur im Laufe der Zeit immer mehr und vielfältigere Inhalte in das christliche Weihnachtsfest aufgenommen wurden. Nach Germanien kam die christliche Variante des Weihnachtsfestes erst im 8. Jahrhundert n. Chr. und traf hier auf die üblichen, jedoch in ihrer äußeren Form wenig bekannten Mittwinterfeste zur Sonnenwende.

Das besser überlieferte nordische Julfest stammt natürlich nicht vom römischen Mithrasfest oder dessen Vorläufern, den Saturnalien, ab, sondern hat seinen Ursprung in der nordgermanischen Mythologie. Jul bedeutet Rad und steht für die Sonne, die im Mittelpunkt der Sonnwendfeste aller Völker stand. Das Christentum hat die Inhalte seiner Lehre immer wieder durch Überfrachtung älterer, eigenständiger Kulturelemente der zu Bekehrenden transportiert und so war es auch beim Weihnachtsfest.

Bei den Angeln ein Fest der Mütter

Der angelsächsische Benediktiner Beda Venerabilis schreibt in seiner Schilderung der Angeln und ihrer Sitten im Kapitel 15 über die einzelnen Monate der Angeln – De Mensibus Anglorum: „Sie begannen das Jahr am 8. Kalenden des „Januars“ (entspricht dem 25. Dezember), wenn wir die Geburt des ,Herrn’ feiern. Diese Nacht der Nächte, die uns so heilig ist, wird von ihnen mit dem heidnischen Namen Modranecht bezeichnet, was „Mütternacht“ bedeutet, wahrscheinlich wegen der Zeremonien, die sie die ganze Nacht hindurch durchführen.“

Die große Zahl an Bräuchen und Schmuckformen rund um das große Winterfest stehen bis auf wenige Ausnahmen kaum im Zusammenhang mit der christlichen Mythologie, lassen sich aber sehr wohl aus heidnischen Sonnwendfesten erklären. Auch Figuren wie der Weihnachtsmann, der in seiner nordwestgermanischen Variante als Schimmelreiter mit Schlapphut weit mehr mit Wotan, dem sagenumwobenen „Göttervater“ aus grauer Vorzeit, als mit einem kleinasiatischen Bischof gemein hat, hat wenig bis gar nichts mit dem Christentum zu tun, sondern reicht tief in die kulturelle Vergangenheit der europäischen Völker.

In unseren heutigen Weihnachtsbräuchen vermischen sich also Elemente unterschiedlichster Überlieferungen, deren einstige Bedeutung gar nicht mehr geläufig ist, zu dem von vielen Menschen tief empfundenen, auch religiös verankerten, gemeinsamen Weihnachtsfest.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. November 2011
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft