Wissen und Glaube


Eine Umfrage, die zu denken gibt

 

Von Karl Sumereder

„Wer nichts weiß, muss alles glauben“

27 Prozent der Deutschen glauben an Gott oder ein höheres Wesen. Damit liegt Deutschland laut einer Erhebung des Marktforschungsinstituts IPSOS-Studie, die in 23 Ländern der Welt durchgeführt wurde, unter dem Durchschnitt. Fast die Hälfte der weltweit Befragten gab an, von der Existenz Gottes oder eines höheren Wesens überzeugt zu sein. Vor allem die Befragten in Indonesien (93 %), der Türkei (91 %), Brasilien (84 %) und Südafrika (83 %) stimmten der Aussage zu. Hingegen zeigten sich Japaner mit 4 % und Chinesen mit 9 % bezüglich der Existenz einer höheren Macht als davon sehr wenig überzeugt. Eine Sehnsucht nach Erhabenem wohnt aber wohl in jedem Menschen.

Weit reicht unser Spektrum von Meinungen und Glaubensrichtungen. Es reicht von der Auffassung, die Absicht einer Schöpfung war es, den homo sapiens hervorzubringen, bis zur Ansicht, der Mensch selbst sei der Mittelpunkt der Welt. Die materialistischen Ansichten reichen von kosmischen physikalisch-chemischen Selbstorganisationsprozessen und deren hervorgebrachten Eigenschaften von Energie/Materie bis dahin, dass sowohl körperliche als auch Vorgänge im Bewusstsein aller Lebensformen durch bestimmte Inputs und nicht durch „Fütterung“ mit allgemeinem, abstraktem Geist funktionieren. Es reicht auch bis zur Auffassung, die Erde, der Mensch und überhaupt alle Lebewesen seien unbedeutende, vergängliche Staubkörner in den Weiten des Kosmos.

Es gibt freilich ein Unbehagen bei der Überlegung, dass Bewusstsein nur als menschliches Bewusstsein existiere. Dabei wird nicht nur jeglicher Lebensform – ob Bakterie ein bakterielles, ob Pflanze ein pflanzliches, ob Tier ein tierisches – Bewusstsein abgesprochen. Auch wird in der menschlichen Entwicklungsgeschichte eine Grenze eingezogen.

Ab wann kann eigentlich von einem Menschen gesprochen werden? In Wirklichkeit gibt es eine derartige Grenze nicht. (Diese Frage beschäftigt die Primatenforschung ebenso wie die Forscher, die sich mit der Frühgeschichte des Homo Sapiens auseinandersetzen.) Man kann jedenfalls nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass etwa das Molekül DNA, Träger der genetischen Informationen in lebenden Zellen, kein Bewusstsein hat. Weiters ist es auch unbehaglich, Geist nur auf ein spezielles Organ, nämlich auf das menschliche Gehirn zu beziehen. Geist wäre solcherart nur dort, wo ein funktionierendes Gehirn ist.

Kann es glaubhaft sein, dass von Geist und Bewusstsein im Universum erst von dem Zeitpunkt an gesprochen werden kann, da auf unserer Erde sich Leben zu entwickeln begann? Im Vergleich zum Alter des Universums wären da Bewusstsein und Geist extrem junge Produkte, zufällig entstanden gemäß bestimmten chemisch-biologischen Voraussetzungen – und etwa schon bald wieder aus der Welt, dem Kosmos, verschwindend. Das erscheint wirklich nicht plausibel.

Weltbilder und Glaubensparadigmen sind Abstraktionen, die sich soziale Gesellschaften in bestimmten Phasen ihrer Geschichte zu eigen machen. Gläubige Menschen hängen an den Lehren ihrer Konfessionen. Mitunter wird auch Bildhaftes, das eine dahinter stehende Abstraktion verdeutlichen will, allzu konkret verstanden. Andererseits wird auch dazu geneigt, Abstraktionen für absolute Wahrheiten zu halten. Verschiedene Autoren meinen dazu, dass die modernen Erkenntnisse und Theorien der Naturwissenschaft genauer besehen eine neue Art von Metaphysik darstellen. Man trifft auch die Meinung an, die Physik sei bei ihrer Jagd nach einer absoluten Weltformel, der Großen Vereinheitlichten Theorie (GVT) oder der M‑Theorie, auf dem Weg in eine Sackgasse.

Mit den Theorien über Superstrings, Dunkle Materie, Dunkle Energie, Planck-Länge, Planck-Energie, Branenwelten, Quantengravitation und so weiter sei ein Abdriften in die Esoterik gegeben. Der Philosoph Karl R. Popper (1902–1994) hat einmal gemeint, dass das Verstehen einer Theorie so etwas wie eine unendliche Aufgabe sei. Theorien können eigentlich nie vollkommen verstanden werden. Denn dies würde bedeuten, dass man alle ihre logischen Folgerungen kennt. Diese sind aber in einem nichttrivialen Sinne unendlich.

Wissenschaften sind Produkte menschlichen Geistes. Sie können nicht über ihre Urheber hinausgehen. Dies ist im Prinzip seit Immanuel Kant (1724–1804) klar. Es stellt sich auch die Frage, ob wir, diese kleine, irgendwann entstandene Population höher bewusster terrestrischer Wesen in Anlehnung an die Worte von Albert Camus (1913–1960): „… in den Einöden, in denen das Denken seine äußerste Grenze erreicht,“ im Dasein überhaupt standzuhalten vermöchten.

Bestimmte Autoren meinen, dass wir im Grunde nicht wissen, ob das, was wir als unser Leben auffassen, mehr ist als eine bloße Sinnestäuschung. Wir haben kein absolutes Kriterium, mit dessen Hilfe wir entscheiden könnten, ob dieses Leben, das wir für das eigentliche halten, vielleicht nur eine Art von Traumzustand ist, aus dem man in den eigentlichen Zustand erwachen muss. Antworten auf die Frage, ob es nach diesem Leben ein irgendwie anderes „Weiterleben“ gibt, versuchen die meisten Religionen, indem sie Wissen durch Glauben ersetzen.

Philosophen sagen, am Ende der Naturwissenschaften stehe die nicht prüfbare absolute Wahrheit. Die Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten und relativem Wissen zu leben, diese Erkenntnis oder Einsicht dürfte so wohl das Wesen menschlicher Reife ausmachen. Es scheint, dass der Welt etwas innewohnt, was für immer geheim bleibt. Der Mensch wiederum ist sich selbst doch das größte Geheimnis.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. November 2011
 
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