Der Name Preßburg ist europäische Tradition


Fremdtümelei erreicht neuen Höhepunkt

 

Von Gerhard Zeihsel

Im Herbst schaute ganz Europa auf die Slowakische Republik, ging es doch um wichtige Entscheidungen für die Zukunft Europas. Die im Vordergrund stehenden Vorkommnisse rund um die Euro-Schulden-Krise sind bekannt, verdecken aber wichtige Begleiterscheinungen. Gerade die deutschen Heimatvertriebenen begrüßen grundsätzlich die europäische Einigung, können doch so unsere alten Heimatgebiete in vielen Teilen Europas enger zusammenwachsen und zu alter Blüte zurückkehren. Deswegen können wir nur an alle Regierungen appellieren, Entscheidungen zu treffen, die diesen Prozess nicht zerstören.

Bei der Berichterstattung aus der slowakischen Hauptstadt, gerade auch durch deutsche und österreichische Medien, wundert uns allerdings, warum nicht der deutsche Name Preßburg, sondern immer nur der slowakische Name Bratislava verwendet wird. Die deutschsprachigen Medien und die offiziellen Stellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderswo sind angehalten, den deutschen Namen der Stadt zu benutzen und nicht das oktroyierte fremdsprachliche Bratislava!

Zur Namensgeschichte

Preßburg ist der historisch älteste Name der Stadt an der Donau, 60 km östlich von Wien gelegen. Der Ortsname taucht erstmals 907 n. Chr. im Zusammenhang mit der denkwürdigen Schlacht von Preßburg zwischen dem Reichsheer und den magyarischen Reiterhorden auf. Dabei wird als Ort des Geschehens eine Stätte bei der Brezalauspurc genannt, was eine verderbte Schreibweise für Brezeslaus’ Burg ist. Der Burgherr – ahd. Brezeslaus, slaw. Brazlavo – war ein karolingischer Grenzgraf (confinii comes), ein Kroate (kein Slowake), der seinen Herrschaftssitz in Sissek (kr. Sisak, ung. Sziszek, ital. Siscia) in Kroatien hatte, wo die drei Flüsse Save, Kupa und Odra zusammenströmen. Er hatte auf dem Preßburger Schlossberg eine Wehranlage gebaut, die der Stadt später ihren Namen geben sollte. Die zivile Stadt unterhalb der Burg hingegen wurde von einem fränkischen oder bayerischen Lokator namens Boso oder Puoso gegründet. Das Bosendorf – bei Otto von Freising heißt es castra Bosan – ist der Namensgeber für den lat. Namen Posonium und das ung. Pozsony. Das soll uns hier als Exkurs in die Geschichte genügen.

Die Stadt Preßburg war dazumal kosmopolitisch, ein richtiges multikulturelles Kuriosum sozusagen. Das beweisen schon die vielen Namen, die für die Stadt im Umlauf waren. Gemeint sind die aktuellen Namen der Stadt, nicht die unzähligen historischen Namensformen, die im Laufe der Jahrhunderte aufkamen und wieder verschwanden. Hier sind die aktuellen Namen für Preßburg zusammengestellt:

deutsch: Preßburg
slowakisch: Prešporok, Prešporek
ungarisch: Pozsony
tschechisch bis 1919: Prešpurk, Prešpurek
kroatisch: Požun
französisch: Presbourg
englisch: Presborough, Presburgh
lateinisch: Posonium
griechisch: Istropolis
Amerikanisch (USA): Wilsonovo mesto (1918 kurzzeitig)
tschechisch-slowakisch: Bratislava (ab 1919)
slow. Umganssprache: „Blava“ (leicht abwertender Ausdruck)

Die tschechische Form Bretislava wurde 1837 von Pavel Jozef Šafarik erfunden, in der irrigen Annahme, dass ein böhmischer Fürst Bretislav die Stadt gegründet hätte. Von L‘udovít Štúr wurde um 1840 die slowakische Form Bratislava abgeleitet. Die Bezeichnung Wilsonovo mesto, d. h. Wilson-Stadt, nach dem 28. US-Präsidenten Thomas Woodrow Wilson, wurde tatsächlich von tschechischen Legionären 1918/19 auf militärischen Karten verwendet. Die Rue Presbourg in Paris erinnert an den Friedensschluss von 1805 und im südwestlichen Groß-London gibt es eine Presburgh Street.

Der Kunstname Bratislava beruht auf falschen geschichtlichen Voraussetzungen. Er wurde 1919 zwangsweise von den Tschechen eingeführt, wobei er gleichzeitig für „unübersetzbar“ erklärt wurde, d. h. alle anderen älteren Namen wurden bei Strafandrohung verboten. Das hat sich glücklicherweise nicht durchgesetzt.

Noch um 1850 waren die Bewohner der Stadt Preßburg zu 75 Prozent Deutsche, dann 1890 wegen der radikalen Magyarisierung nach dem Ausgleich von 1867 nur mehr zu 60 Prozent, aber immerhin die Mehrheit! Nach dem Ersten Weltkrieg sank der deutsche Bevölkerungsanteil durch die massive Zuwanderung von Slowaken und Tschechen bis auf 35 Prozent, und nach 1945 infolge der brutalen Austreibung aller Deutschen aus Stadt und Land (Beneš-Dekrete!) fast auf Null.

Deutsch-Tschechisches Gesprächsforum für Ortsnamen in beiden Sprachen

Bereits 2004 hat das Plenum des Koordinierungsrates des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums mit den Stimmen der Delegierten beider Nationen einige bedeutende Dokumente verabschiedet, die das Unterforum erarbeitet hatte.

Zum einen geht es dabei um Ortsnamen und geographische Bezeichnungen. Hier wird entgegen der vielfach eingerissenen Praxis ausdrücklich die Verwendung sowohl der deutschen als auch der tschechischen und sorbischen Ortsnamen empfohlen: „Städte und Gemeinden haben in den verschiedenen Sprachen oft unterschiedliche Namen… Wie sich allgemein in der Vielfalt der Sprachen kultureller Reichtum ausdrückt, so auch in der Vielfalt dieser Bezeichnungen. Alle sprachlichen Formen sind gleichwertig. Ihr Gebrauch ist Ausdruck der verfassungsrechtlich verbürgten freien Entfaltung der Persönlichkeit und ein Element der mitteleuropäischen Identität. Im Verhältnis von Tschechen und Deutschen gehören diese sprachlichen Varianten auch zu dem kulturellen Erbe, das Tschechen und Deutsche verbindet (Ziffer 8 der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997) … Dabei ist zu berücksichtigen, daß diese Materie weniger durch Gesetze entkrampft werden kann als vielmehr durch eine allmähliche Veränderung der öffentlichen Meinung hin zu einer offenen Bürgergesellschaft.“

Daher schlägt das von beiden Regierungen eingesetzte Gremium vor, dass zumindest im nichtamtlichen Verkehr Ortsnamen und sonstige geographische Bezeichnungen „in der Sprache benutzt werden, in welcher der übrige Text steht, z. B. in Reiseführern“. Die verschiedenen sprachlichen Formen der Ortsnamen sollten „nicht bestimmten staatsrechtlichen Verhältnissen zugeordnet werden“, wie dies immer wieder mit Formulierungen wie „Liberec, das ehemalige Reichenberg“ geschieht. Angeregt wird auch, Kinder im Schulunterricht zu lehren, wie ihr Ort und andere geographische Objekte in der anderen Sprache heißen.

Erhaltung des Europäischen Kulturerbes – nicht „Lost in Translation“

Seit der EU-Erweiterung sind intensive Bemühungen im Gange, das traditionelle und auch das immaterielle Kulturerbe zu erhalten. Dazu gehört auch die Praxis historischer geografischer Bezeichnungen, die in ihrer Vielfalt kulturellen Reichtum ausdrücken. Alle Formen sind gleichwertig. Ihr Gebrauch ist der Ausdruck der verfassungsrechtlich verbürgten Entfaltung der Persönlichkeit und ein Element mitteleuropäischer Identität.

Die lange historische Gemeinsamkeit der Länder der Monarchie ist vor allem hinsichtlich der historischen Ereignisse, wie „Frieden von Preßburg oder Prag oder Nikolsburg“ ein Gebot der historischen Redlichkeit und keinesfalls – wie z. Z. des Kommunismus – ein territorialer, sondern ein kultureller Anspruch.

Mit der ausschließlichen Verwendung tschechischer Ortsnamen wird nicht nur das europäische Kulturerbe von der Landkarte gelöscht, sondern auch die nicht gelöste Nachbarschaftsgeschichte (s. Ausnahmeregelung für Völkermord-Dekrete) tabuisiert. „Lost in translation“ bedeutet hier: „Negierung durch Nichterwähnung“.

Es fällt auf, dass das „Kulturland Österreich“ durch Vernachlässigung und Tabuisierung der kulturellen und historischen Aspekte und vereinfachter, vorauseilender Verwendung amtlicher fremdsprachiger Ortsnamen gegen die Grundsätze des Europäischen Kulturerbes handelt. Eigentlich ein kulturelles Armutszeugnis und vermutlich auch der mangelnden historischen Bildung von Politikern und Journalisten zuzuschreiben.

 
Landtagsabgeordneter i.R. Gerhard Zeihsel,
Wien, ist Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. November 2011
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft