Blutgetränktes Land


Timothy Snyder, Bloodlands – Europe Between Hitler and Stalin, Herausgeber: The Bodley Head, London 2010,  ISBN 9780224081412, 524 Seiten.

 

Eine Buchbesprechung von Bertram Schurian

Der Autor ist Geschichtsprofessor, spezialisiert auf zentral- und osteuropäische Geschichte, an der Yale Universität in New Haven im Staate Connecticut. Das Motto der Yale Universität lautet auf Hebräisch: Urim V’Tumim, und auf Latein: Lux et Veritas. Sein Doktorat hat er an der Universität in Oxford gemacht. Für sein Studium und für das Schreiben des Buches  musste er in den folgenden Sprachen lesen können: Deutsch, Polnisch, Russisch, Ukrainisch, Yiddish, Tschechisch, Slowakisch und Französisch. Geschrieben hat er das Buch auf Englisch.

Snyder war also auf diese besondere Aufgabe, nämlich einen fairen Vergleich zwischen den zwei mordlustigsten politischen Systemen des zwanzigsten Jahrhunderts zu machen, außerordentlich gut vorbereitet. Die Bloodlands betreffen jene Gebiete zwischen Großdeutschland und der Sowjetunion, in denen die zwei Hauptspieler in Berlin und Moskau ihre jeweiligen politischen Vorstellungen an den betreffenden Bevölkerungen ausleben konnten. Es geht also um das Schicksal der Menschen in den baltischen Ländern, in Polen, der Sowjet-Ukraine und in den westlichen Teilen Russlands der Sowjet-Zeit. Das Buch besitzt einen ausführlichen Katalog der verwendeten Literatur und einen umfassenden Fußnotenbereich. Von Interesse sind auch die Angaben, wer dieses Forschungsprogramm unterstützt und finanziert hat.

Sehr interessant sind auch die Buchbesprechungen, die im „The Economist“ am 14. Oktober 2010 und 3. Juni 2011 erschienen sind. Dort sind Aussagen zu lesen wie: „Während Stalin die Bauern für das Versagen der Kollektivierung der Landwirtschaft in der UdSSR verantwortlich machte, gab Hitler die Schuld am militärischen Versagen im Osten den Juden“. Der „The Economist“ meinte auch, dass Snyders Analyse revisionistisch im eigentlichen Sinne des Wortes sei, denn viele Ereignisse in diesem Konflikt stellen sich bei ihm viel komplexer dar, als dies in den jeweils gängigen, nach herrschender Auffassung gültigen Geschichtsansichten vertreten wird.

Im Gespräch, das der „Der Spiegel“ im Heft Nr. 28/2011 mit dem Autor geführt hat, lautet gleich die erste Frage, ob der Autor die Einmaligkeit des Holocaust in Frage stelle? Die Antwort hierauf ist interessant und der Leser kann sich nach der Lektüre des Buches selbst sein Urteil hierüber bilden.

Die Antwort auf die letzte Frage im Spiegelgespräch: „Wer war für Sie der größere Verbrecher? Hitler oder Stalin?” weist den Autor als echten Fachmann aus, wirft jedoch ein bezeichnendes Licht auf den Leiter des Gespräches, Klaus Wiegrefe. Indirekt wurde deutlich, dass der Autor die deutsche Gesetzgebung offenbar gut kennt und sich von einem Spiegel-Redakteur nicht aufs Glatteis führen lässt.

Das ist der Fluch der bösen Tat …

Was sich in diesem Gebiet, den Bloodlands, und warum abgespielt hat, wird von Snyder sachlich und eindrucksvoll präsentiert. Man kann mit einigem Recht die Politik von Stalin und Hitler auch unter dem Motto von Schillers Piccolomini sehen: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären”.

In Snyders ansonsten schlüssiger Analyse ist es merkwürdig, dass er es vermeidet darauf hinzuweisen, warum der Präsident der Vereinigten Staaten, Roosevelt, obwohl die USA gegenüber Deutschland neutral waren, von Anfang an gegenüber Deutschland eine unfreundliche Politik geführt hat. Über die Hintergründe der US-amerikanischen Politik lässt sich der Autor nicht aus.

Zur Verdeutlichung des Buchinhalts will ich für den interessierten Leser einige Schlussfolgerungen der Untersuchungen Snyders vorstellen und halte mich dabei sine ira et studio nüchtern an seine Darlegungen:

  • In den ersten 6  ½ Jahren der Herrschaft Hitlers in Deutschland wurden ungefähr 10.000 Personen durch politische Maßnahmen Hitlers getötet.
  • Vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahre 1933 hatte die Politik der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken schon 5–6 Millionen Opfer der Hungersnot in der Ukraine gefordert sowie mehr als 1 Million erschossene Gegner des Regimes. Die Hungersnot in der Ukraine war direkte Folge des ersten Fünf-Jahres-Planes der Sowjetunion. Die Schuld für das Misslingen dieses Planes wurde den Ukrainern gegeben. Aber es gab in Wahrheit genug Nahrungsmittel in der Ukraine, nur wurden diese exportiert, um die Industrialisierung der Sowjetunion zu finanzieren. Zugleich zielte die Politik des Kreml auf die Vernichtung der Großbauern ab. Schriftsteller bzw. Journalisten wie Arthur Koestler und Alexander Weissberg oder Duranty von der New York Times wussten davon.
  • Hitler wollte den Krieg, Stalin jedoch nicht – zumindest nicht den Krieg im Jahre 1941, weil die massiv in Gang befindliche sowjetische Aufrüstung noch nicht vollendet war.
  • Der sowjetische NKWD folgte einer gut vorbereiteten und durchdachten Politik, um das Bildungsbürgertum in Belarus, Polen, den baltischen Ländern und in der Ukraine auszuschalten. Eine ähnliche Politik wurde nach 1939 durch Hitler in Polen betrieben.
  • Der GuLAG, das ausgedehnte System der Straflager, war eine Basiseinrichtung des Sowjetsystems.
  • Die Kriegsgefangenen der Roten Armee wurden von der deutschen Führung auf erschütternde Weise menschenunwürdig behandelt.
  • Die Pläne Hitlers für die Sowjetunion nach einem Sieg sahen die Reduktion von 30 Millionen Einwohnern, die „Endlösung“ für die europäischen Juden und den Generalplan Ost, der Russland in eine deutsche Kolonie verwandeln sollte, vor.
  • Die Sowjets, wie auch die Engländer und Amerikaner, haben nie ernsthaft versucht, die Juden vor ihrem Schicksal zu bewahren.
  • Die sowjetischen Methoden und die der Nationalsozialisten waren praktisch identisch.
  • Im Protektorat Böhmen und Mähren wurde von den Deutschen keine Unterdrückungspolitik geführt. Heydrich war ein strikter Gegner einer solchen Politik, denn er war gegenüber der tschechischen Arbeiterbewegung positiv eingestellt.
  • Polen wurde sowohl von der Sowjetunion als auch von England und Amerika mehrfach betrogen. Beim zweiten Warschauer Aufstand der Heimat Armee im August 1944 überließ die Sowjetunion die schmutzige Arbeit den Deutschen, die Rote Armee griff nicht ein, obwohl sie es tun hätte können. So wurden in diesem Aufstand rund 150.000 bis 200.000 polnische Zivilisten Opfer der Kampfhandlungen, was ungefähr der Zahl der Bombenopfer der Alliierten in Dresden entspricht. Im kommunistischen Polen durfte die Wahrheit über den Warschauer Aufstand nicht erwähnt werden, schlimmer noch, es wurden Polen als „Faschisten“ hingerichtet, die polnischen Juden während des Aufstandes Hilfe geboten hatten.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges hat die Sowjetunion mit Absicht die Opfer, die die Polen während des Konfliktes erbrachten, und die Behandlung, die polnische und sowjetische Juden zu erleiden hatten, verniedlicht und verharmlost, um dagegen die Handlungen der sowjetischen, d.h. russischen Soldaten gegenüber dem Feind zu heroisieren und zu erhöhen. Was jedoch die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten des Reiches mit Heroismus zu tun hat, kann ein jeder für sich selbst beurteilen.

Snyders Buch macht seine Leser insofern betroffen, als es einerseits schonungslos mit auf Quellen gestützten Fakten operiert, andererseits keine bloß einseitige Schuldzuweisung betreibt, sondern das verhängnisvolle Geschehen vor dem Hintergrund des Aufeinandertreffens zweier machtbesessener Tyrannen aufrollt. Die schwerstes Leid tragende Bevölkerung in den „Bloodlands“ war zwischen die Mühlsteine erbarmungslos operierender, ideologisch motivierter Wahnvorstellungen geraten.

Verständlicherweise wird sich auch ein Wissenschafter wie Snyder nicht von allen subjektiven Vorurteilen freihalten können, aber sein Bemühen in diese Richtung ist nicht zu übersehen und verdient daher Anerkennung. Alles in allem ein Werk, dessen Inhalt noch zu mancher Diskussion Anlass geben wird.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. November 2011
 
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