Das Fiasko des Westens in Zentralasien


Fehlschlag der NATO-Mission ISAF in Afghanistan

 

Von Bertram Schurian

Es steht heute außer Streit, dass der militärische Einsatz der Sowjettruppen in den Jahren 1979–1989 mit über 80.000 Soldaten in Afghanistan und die damit verbundenen hohen Kosten einen wichtigen Beitrag zum Zusammenbruch der Sowjet Union geliefert haben. Mit zum Sieg der Mujahedin/Taliban in Afghanistan hat damals auch die finanzielle und Waffenhilfe der USA beigetragen, geleistet über den Auslandsgeheimdienst CIA. Außerdem hatten die Vereinigten Staaten den Afghanen für den Fall eines Sieges Wirtschaftshilfe für den Wiederaufbau des geschundenen Landes versprochen. Der bäuerlichen Bevölkerung in Afghanistan wurde Hilfe zugesagt für den Anbau von unbedenklichen Landwirtschaftsprodukten als Alternative zum schon damals stark verbreiteten Mohn-Anbau. Der Mohn gilt als Basisprodukt für die Produktion von Heroin. Die USA haben in der Folge ihr seinerzeitiges Versprechen aber nicht gehalten, während die Taliban ihrem Teil des Abkommens nachgekommen sind und den Anbau von Mohn – und damit auch die Produktion von Heroin – praktisch auf Null gebracht haben.

Die Anschläge auf die Städte New York und Washington am 11.September 2001 der Al-Qaida, die von Afghanistan aus geführt wurden, haben dann die USA zu Maßnahmen im Rahmen der NATO bewogen. Alle Mitglieder der NATO wurden aufgefordert, militärischen Beistand für die US-amerikanischen Truppen zu liefern. Der damalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck (2002–2005) meinte sogar, jetzt würde die Freiheit bzw. Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt. Er leitete mit dieser verstiegenen Aussage einen Paradigmenwechsel in der deutschen Sicherheitspolitik ein.

Für die Vereinigten Staaten war dieser unerwartete Angriff von „nine-eleven“ auf ihr Land eine traumatische Erfahrung, und in diesem Licht muss auch die Reaktion auf diesen Anschlag, bei dem beinahe 3.000 Menschen ihr Leben lassen mussten, gesehen werden. Alle NATO-Mitglieder erklärten sich solidarisch mit den USA. Die ursprüngliche Idee war nicht nur eine militärische Intervention in Afghanistan, sondern auch eine, die Hilfe bringen sollte beim Aufbau von demokratischen Strukturen in diesem Land. Nach kurzer, heftiger militärischer Intervention wurden die Taliban aus der Regierungsverantwortlichkeit gejagt und der Aufbau von demokratischen Strukturen im Lande unter westlicher Aufsicht begann. Militärischen Schutz boten die NATO-Truppen unter Federführung des US-Generalstabes. Die US-Amerikaner lieferten auch das wichtigste Kontingent (ca. 83.000 Mann) und die Kampftruppen, unterstützt von kanadischen, deutschen (5.380), englischen (8.300), polnischen (2.600), holländischen, französischen (3.760) und italienischen (3.400) Truppen-Kontingenten. Zur Zeit befinden sich noch ca. 115.000 Soldaten aus den NATO-Ländern und ca. 5.000 aus nicht NATO-Ländern in Afghanistan. Die US-Amerikaner planen den langsamen Abzug ihrer Truppen und ab 2014 sollten die Truppen der afghanischen Armee im Stande sein, ihre Rolle im Lande zu spielen.

Das Fiasko des Westens

Heute, anno 2012, muss man mit großem Bedauern feststellen, dass alle vorgenommenen Maßnahmen und der Einsatz riesiger finanzieller Mittel sowie anderweitiger Ressourcen wenig bis nichts zu einer Befriedung dieses leidgeprüften Landes beigetragen haben.

Es ist erstaunlich, feststellen zu müssen, wie wenig Anlass nötig ist, um in Afghanistan die Bevölkerung zu Protesten gegen die als „Besetzer” empfundenen NATO-Truppen aufzurufen. So hat eine anscheinend unbeabsichtigte Verbrennung des heiligen Buches der Moslems durch US-Soldaten zu gewaltigen anti-amerikanischen Demonstrationen in Afghanistan geführt, die mindestens dreißig Todesopfer gefordert hat. Zwei dieser Opfer waren US-amerikanische Offiziere, die im (!) afghanischen Innenministerium in Kabul ermordet wurden. Im vergangenen Jahr wurden mehr als dreißig Mitglieder der Nato-Truppen von vordergründig verbündeten afghanischen Soldaten ermordet. Es herrschte schon vor diesem Vorfall keine vertrauensvolle Basis zwischen den Nato-Truppen und ihren afghanischen Verbündeten. Wenn man jedoch weiß, dass der Koran auch islamisch korrekt von gläubigen Moslems durch Verbrennung vernichtet werden kann, erscheint die ganze Aufregung in einem etwas anderen Licht. Wenn sich dann der Präsident der Vereinigten Staaten hierfür entschuldigt und die so genannt „schuldigen” Soldaten bestraft werden sollen, nimmt die ganze Affäre skurrile bis gespenstige Formen an.

Kaum war der Wirbel um die Bücherverbrennung im Abklingen, ereignete sich ein Amoklauf durch einen oder mehrere US-amerikanische Soldaten, bei dem 16 afghanische Zivilisten getötet wurden. Kein Wunder, dass in der Bevölkerung Hass aufloderte.

Hass anstatt Freundschaft

Aus diesen Zwischenfällen ist ersichtlich, dass die NATO-Truppen unter Führung der Amerikaner ihre Absicht, die „hearts and minds” der Afghanen zu gewinnen, nicht erreicht haben. Des Weiteren ist die Frage erlaubt, was die Nato im abgelaufenen Dezennium in Afghanistan überhaupt erreicht hat? Fest steht, dass die Taliban, die besiegt schienen, stärker denn je in Afghanistan agieren. Wegen der schlechten Sicherheitslage können die Grundstoffe/Minerale/Erze, an denen Afghanistan reich ist, kaum regulär ausgebeutet werden, und wenn es zur Ausbeute von Grundstoffen kommt, dann sind die Chinesen hierbei die größten Profiteure.

Die afghanischen Sicherheitskräfte, wie Polizei und Militär, haben nicht den von ihnen zu erwartenden Standard erreicht. Wahrscheinlich sind diese Kräfte auch von den Taliban unterwandert. Ob sie je imstande sein werden, ihre Pflichten nach Abzug der NATO-Truppen zu übernehmen, ist fraglich.

Die Erzeugung von Heroin auf Rekordhöhe

Die Mohn-Produktion in Afghanistan hat entsprechend den Aussagen des Beauftragten der russischen Drogenaufsichtsbehörde, Viktor Iwanow, Höchststände erreicht. Laut seinen Aussagen produziert Afghanistan gegenwärtig doppelt soviel Heroin wie die ganze Welt vor zehn Jahren! Diese Produktion wird von den Chinesen, Russen und Iranern als starke Bedrohung der Volksgesundheit ihrer Bevölkerung angesehen. Von den Russen wird behauptet, dass die Produktion von Heroin vom US-amerikanischen Militär beschützt wird; eine nicht nachprüfbare Behauptung.

Fest steht ferner, dass der Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan Deutschland bis Ende 2011 rund 5 Milliarden Euro gekostet hat und dass 52 deutsche Soldaten ums Leben gekommen sind. Viele andere kamen traumatisiert aus Afghanistan zurück.

In einem Bericht des „The Economist” vom vergangenem Jahr wurden die Kosten, konservativ geschätzt von der Brown University, für die Vereinigten Staaten für die militärischen Expeditionen im Irak und in Afghanistan auf US-$ 4 Billionen beziffert. (In beiden Ländern wurden ungefähr 140.000 zivile Todesopfer der Kriegshandlungen gezählt und ca. 7,8 Millionen Personen zu Flüchtlingen gemacht.) Diese Kosten entsprechen ziemlich genau dem kumulierten Budget-Defizit der US-Amerikaner in der Periode 2005 bis 2010.

Die tragische Schlussfolgerung hieraus ist, dass durch den Einsatz von 47 Staaten im Rahmen der ISAF ( International Security Assistance Force ) bzw. NATO mit gewaltigen finanziellen und militärischen Mitteln nichts erreicht worden ist! Es ist daher höchste Zeit, dass die politisch Verantwortlichen in den betroffenen Ländern die Effizienz bzw. den Sinn derartiger Missionen in der Gegenwart und für die Zukunft gründlich überdenken.

Das Chaos, welches die USA im Irak verursacht haben, und das Fiasko in Afghanistan erklären auch das Zögern Präsident Obamas, sich ohne Wenn und Aber mit den Angriffsabsichten Israels auf die Atomanlagen des Iran zu solidarisieren. Alle Kenner der Probleme in Zentralasien befürchten, dass ein Krieg gegen den Iran zu unüberschaubaren Folgen mit enormen Schäden für den so genannten Westen führen würde. Es beunruhigt zutiefst, dass trotz dieser realistischen Einschätzung die Weichen immer mehr in Richtung Krieg gestellt werden. Ein militärischer Flächenbrand von Syrien bis in den Raum Pakistans ist nicht auszuschließen. Das wäre ein Horror-Szenario.

Wenn die EU wirklich den Ehrgeiz besitzt und den Anspruch erhebt, so etwas wie eine einigermaßen gemeinsame Außenpolitik zu betreiben, dann wäre es ihre derzeit wohl wichtigste Aufgabe, den Ausbruch eines großen Krieges in und um Zentralasien verhindern zu helfen.

 
Dkfm. Bertram Schurian war Jahrzehnte hindurch international als Manager tätig und lebt jetzt in Kärnten.

Diese 1964 in Afghanistan erschienene Briefmarke zum Thema Menschenrechte wurde seinerzeit in Österreich von der Staatsdruckerei produziert.
Bearbeitungsstand: Freitag, 30. März 2012

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