Öl fördert da wie dort Spaltung


Libysche Ostregion proklamiert Autonomie

 

Von Richard G. Kerschhofer

Der sich bereits unmittelbar nach dem Ende von Muammar al-Gaddafi abzeichnende Zerfall Libyens ist in eine neue Phase eingetreten: Eine Versammlung von 2000 Stammesältesten, Politikern und Miliz-Kommandanten hat in Bengasi eine Art Autonomie jenes Gebiets proklamiert, in dem sich die größten Ölfelder befinden, also von Sirte bis zur ägyptischen Grenze. Auslöser war das neue Wahlgesetz, das dieser Ostregion nur 60 von 200 Abgeordneten zubilligt. Die Wahlen sind für Juni angesetzt.

Die Kyrenaika ist eine der drei historischen Großprovinzen Libyens. Sie liegt an der Mittelmeerküste zwischen der Syrte und Ägypten.

Die Kyrenaika hatte allerdings schon davor keinerlei Entscheidungen akzeptiert, die vom „Nationalen Übergangsrat“ (NTC) in Tripolis getroffen wurden. Die autonome Region, zu deren Chef Ahmed Zubair al Senussi, ein Verwandter des einstigen Königs, bestellt wurde, wolle aber nicht aus Libyen ausscheiden, hieß es. Doch wie war das im heute unabhängigen Südsudan? Auch da ging es – mit Unterstützung von Ölkonzernen und deren Regierungen – zunächst nur um Autonomie. Und wie war das im ölreichen Nordirak, in dem es neben der kurdischen Mehrheit auch noch andere Minderheiten gibt? Die im Zuge des von George Bush und Co. unter frei erfundenen Vorwänden begonnenen Irak-Kriegs 2003 erreichte weitestgehende Autonomie führt nur deshalb nicht zu einer formellen Unabhängigkeitserklärung, weil die Türkei in dem Fall mit Einmarsch droht. Ankara fürchtet nämlich einen solchen Staat als potenziellen Kern eines „Groß-Kurdistan“.

Zwar spielten sowohl im Südsudan als auch im Nordirak ethnische Unterschiede zur jeweiligen Zentralmacht mit eine Rolle. Aber in Ländern mit einer Stammesgesellschaft wie in Libyen hat die Stammesloyalität ohnehin Vorrang vor allen anderen Kriterien und ob anderes Volk oder „nur“ anderer Stamm, ist da praktisch egal. Bei Libyen, dessen Bevölkerung größtenteils aus arabisierten Berberstämmen besteht, kommt dazu, dass Tripolitanien und die Kyrenaika vor der Unabhängigkeit Libyens 1951 nie einen gemeinsamen Staat gebildet hatten und selbst unter Fremdherrschaft – vom Imperium Romanum bis zur eher theoretischen Oberhoheit der Osmanen und der italienischen Herrschaft ab 1912 – unterschiedlichen Provinzen angehörten.

Solche ahistorischen Gebilde in von Kolonialmächten künstlich geschaffenen Grenzen funktionieren eben nur unter autoritärer Herrschaft. Dass der Vorsitzende des NTC Mustafa Abd-al-Dschalil droht, eine Abspaltung notfalls mit Gewalt zu verhindern, ist daher ganz logisch – aber angesichts der heutigen Sicherheitslage bloße Rhetorik, denn es fehlen ihm dazu die Soldaten. Überall im Land sind auch nach dem „Sieg“ über Gaddafi die Milizen selbständig geblieben. Sie weigern sich, ihre Waffen abzugeben, und fast täglich liefern sie einander irgendwo blutige Scharmützel. Dazu kommen unzählige Racheaktionen, von denen die wenigsten den Weg in die Medien finden, weil sie eben nicht in das Bild einer „Befreiung“ passen.

Für den Rest der Welt bedeutsam ist, dass die Ereignisse in Libyen weitreichende Auswirkungen haben: Waffen aus geplünderten libyschen Depots zirkulieren heute in halb Afrika. Es handelt sich dabei nicht nur um „Kalaschnikows“, sondern auch um Panzerabwehrwaffen, Granatwerfer und zum Abschuss ziviler Flugzeuge geeignete Raketen. Kurzum alles, wovon Unabhängigkeitskämpfer, Al-Kaida-artige Fanatiker und „gewöhnliche“ Kriminelle nur träumen können. Vor allem aber weht heute wieder mehr als nur ein zarter Hauch des Kalten Krieges. Denn Russland, das sich von der NATO beim eklatanten Mißbrauch des UN‑Mandats für Libyen hintergangen fühlt, weigert sich, im Fall Syrien in dieselbe Falle zu tappen. Ganz abgesehen davon, dass manch „syrischer Aufständischer“ aus Libyen kommt oder dort ausgebildet wurde.

 
Dr. Richard G. Kerschhofer ist freier Publizist und lebt in Wien.

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. März 2012

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