Die Erfolgsgeschichte der Teilzeit-Jobs


Lebensarbeitszeit neu denken

 

Von Stefan Fuchs

Nicht nur rund um den 101. Frauentag, sondern ständig wird über die Teilzeitbeschäftigung von Frauen hergezogen. In Wien tut sich da besonders Frau Bundesministerin Heinisch-Hosek hervor. Sie stößt sich daran, dass in Österreich fast jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet. Dem entgegen belegen die Fakten, dass es sich bei Teilzeitarbeit einerseits um einen säkulären Trend handelt und diese andererseits den Wünschen vor allem von Müttern Rechnung trägt. Der Verfasser legt dies aus bundesdeutscher Sicht anhand aktuellen Zahlenmaterials dar und bringt aufschlussreiche europäische Vergleiche. – Vorbemerkung der Redaktion


Mehr Mütter in Vollzeiterwerbstätigkeit – so lautet das erklärte Ziel der Bundesregierung.[1] Der Beifall der Arbeitgeber wie auch der Medien ist ihr dafür gewiss. Denn das weibliche Erwerbspotenzial möglichst voll auszuschöpfen, gilt als wirtschaftlich ebenso notwendig wie sozial fortschrittlich. Im scharfen Kontrast zu dieser Erwerbseuphorie stehen die nüchternen Zahlen der Arbeitsmarktstatistik: In den letzten beiden Dekaden ist das Volumen der Erwerbsarbeit in Deutschland um drei Milliarden Stunden gesunken – dies entspricht etwa einer Million Vollzeitarbeitsplätzen.[2] Darüber hinaus wurden Vollzeitstellen zunehmend durch Teilzeitstellen substituiert: Insgesamt ist die Zahl der Vollzeiterwerbstätigen so um mehr als zweieinhalb Millionen gesunken. Der Schwund betraf besonders die Männer, aber auch die Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen ist deutlich gesunken. Der gleichzeitige Anstieg der Frauenerwerbsquote beruhte ausschließlich auf Teilzeitstellen, deren Zahl um etwa drei Millionen zunahm.[3]

Mehr als 45 % der Arbeitnehmerinnen sind inzwischen in Teilzeit beschäftigt; eine Größenordnung, mit der Deutschland in Europa keineswegs allein steht: Auch in Österreich, Großbritannien, Belgien, Norwegen und Schweden sind mehr als 40 % der Frauen in Teilzeit beschäftigt.[4] In den Niederlanden und der Schweiz (!) sind sogar schon weit über die Hälfte der Frauen in Teilzeit beschäftigt, gleichzeitig sind hier besonders viele Menschen erwerbstätig – in der Schweiz erreicht die Beschäftigungsquote mit fast 80 % europäisches Rekordniveau.

Generell erreichte 2010 in Europa kein Land ein Beschäftigungsniveau von über 70 % Prozent, in dem nicht mindestens 35 % der Arbeitnehmerinnen in Teilzeit arbeiteten.[5] In Ländern mit niedrigen Teilzeitquoten wie Ungarn oder Griechenland sind die Beschäftigungsquoten deutlich niedriger (unter 60 %) und gleichzeitig grassiert die Arbeitslosigkeit.

Demgegenüber sind die mittel- und nordeuropäischen Teilzeitländer beschäftigungspolitisch relativ erfolgreich. Dies zeigt auch der historische Rückblick: Selbst in Phasen der „Vollbeschäftigung“, wie in Westdeutschland in den 1960er Jahren, lag die Erwerbsquote der 20- bis 64-jährigen Bevölkerung mit 60–70 % niedriger als heute; dies galt insbesondere für die Frauen.[6] Ganz anders verhielt es sich freilich in der DDR: Hier waren offiziell neun von zehn Erwachsenen erwerbstätig – fast immer in Vollzeit, da Teilzeitarbeit der Mütter unerwünscht war. Produktiv beschäftigt waren die „Werktätigen“ aber häufig nicht, die Ineffizienz dieses Erwerbsfetischismus und seine ruinösen Folgen sind bekannt.[7] In seiner Praxis wie schon in der Theorie scheiterte der Sozialismus an der Schlüsselrolle der Arbeitsproduktivität für den Wohlstand. In Westdeutschland wuchs dagegen dank Kapitaleinsatz und technischem Fortschritt das reale Pro-Kopf-Einkommen im 20. Jahrhundert um mehr als das Sechsfache, während sich zugleich das Arbeitszeitvolumen halbierte.[8] Während Arbeitnehmer um 1900 rund ein Fünftel ihres Lebens am Arbeitsplatz verbrachten, beansprucht die Erwerbsarbeit heute weniger als ein Zehntel der Lebenszeit.[9] Für diesen Gewinn an Freizeit haben die Gewerkschaften viele Jahrzehnte lang hart gekämpft.

Das Rad der Zeit zurückdrehen?

Warum wollen Politik und Arbeitgeber jetzt das Rad der Geschichte wieder zurückdrehen?  Das entscheidende Motiv nennt die Bundesregierung in ihrer jüngsten Stellungnahme zur demografischen Lage: „Frauen stellen das größte und am schnellsten zu aktivierende Erwerbspersonenpotenzial“.[10] Angesichts der langfristig sinkenden Zahl junger Arbeitskräfte gilt der arbeitsmarktpolitische „Imperativ“, nämlich möglichst alle „stillen Reserven“ für den Arbeitsmarkt zu mobilisieren. Am demografischen Kernproblem, dass immer weniger Jüngere immer mehr Ältere versorgen müssen, würden höhere Vollzeitquoten und längere Wochenarbeitszeiten aber gar nichts ändern. Die erwerbstätige Generation würde dann noch härter ausgebeutet, um Renten, Pflegeleistungen etc. zu erwirtschaften.

Völlig gegenteilig wirkt sich eine längere Dauer des Arbeitslebens in Jahren aus: Sie reduziert das „Ruheständlerpotenzial“, verringert die Soziallasten für die Jüngeren und ist damit ein wesentlicher Beitrag zur Generationengerechtigkeit. Sinnvoll wäre also nicht ein Revival alter Vollzeiterwerbsideale, sondern eine neue Politik der Lebensarbeitszeit, in der auch der Teilzeit ein entsprechender Platz zukommt.

Anmerkungen

[1] Anders lassen sich die folgenden Aussagen wohl kaum interpretieren: „Frauen stellen das größte und am schnellsten zu aktivierende Erwerbspersonenpotenzial. […] Von den erwerbstätigen Frauen sind mehr als 45 Prozent Teilzeit beschäftigt mit einer im europäischen Vergleich sehr niedrigen durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 18,5 Stunden. Auffällig ist die stark unterdurchschnittliche Erwerbsbeteiligung von Frauen mit kleineren Kindern. […] Zwar ist die Erwerbstätigenquote der Mütter, deren jüngstes Kind zwischen drei und sechs Jahre alt war, mit 59,5 Prozent fast doppelt so hoch (Väter: 83 Prozent). Aber auch hier arbeitete nur jede vierte Mutter (25,4 Prozent) Vollzeit (Väter: 94,7 Prozent). Vorsichtige Schätzungen auf der Grundlage einer Auswertung von Daten des Sozioökonomischen Panels aus dem Jahr 2009 beziffern das rechnerische Potenzial bei Müttern mit Kindern bis 16 Jahre allein im qualifizierten Bereich (das heißt mit abgeschlossener Berufs- bzw. Hochschulausbildung) auf rund 1,2 Millionen zusätzliche Vollzeitäquivalente, wenn die Frauen ihre Erwerbswünsche aufgrund ausreichender Betreuungsangebote und familienfreundlicher Arbeitsbedingungen realisieren könnten. Insgesamt ist gemäß dieser Auswertung von einem Potenzial von rund 1,5 Millionen zusätzlichen Vollzeitäquivalenten auszugehen.“ Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der Abgeordneten Franz Müntefering, Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Heinz-Joachim Barchmann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Der demografische Wandel in Deutschland – Handlungskonzepte für Sicherheit und Fortschritt im Wandel. Deutscher Bundestag – Drucksache 17/6377 –, Berlin 2012.

[2] Zum Rückgang des Arbeitszeitvolumens: Statistisches Bundesamt: Licht und Schatten am Arbeitsmarkt, STATmagazin vom 11.01.2012. Geht man von einem Jahresarbeitszeitvolumen von ca. 1900 Stunden aus, ergibt sich daraus ein Verlust von Netto (!) einer Million Vollzeitarbeitsplätzen.

[3] Siehe hierzu: „Stille Arbeitsmarktrevolutionen in Deutschland“.

[4] Siehe „Beschäftigungsquoten in Europa“ (Abbildung), http://www.i-daf.org/443-0-Wochen-4-5-2012.html.

[5] Siehe hierzu: „Teilzeitarbeit und Erwerbsquoten in Europa“.

[6] Vgl.: Meinhard Miegel: Die deformierte Gesellschaft – wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen, München 2002, S. 117, S. 112–113 sowie S. 117.

[7] Vgl. ebd., S. 117.

[8] Vgl. ebd., S. 120.

[9] Ebd., S. 122–123. Zum Rückgang der Arbeitszeiten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Karl Schwarz: Rückblick auf eine demographische Revolution. Überleben und Sterben, Kinderzahl, Verheiratung, Haushalte und Familien, Bildungsstand und Erwerbstätigkeit in Deutschland im 20. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 3/1999, S. 229–279, Wiesbaden 1999, S. 266.

[10] Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der SPD-Fraktion, a. a. O., S. 12.

Ergänzende Anmerkung der Redaktion

Der von Stefan Fuchs gewählte Untertitel „Lebensarbeitszeit neu denken“ trifft den Nagel auf den Kopf. Unsere gesamte Arbeitswelt hat sich in den letzten 50 Jahren auf eine solche Weise entwickelt, dass die Beurteilungsmaßstäbe, wie sie noch in den Köpfen traditioneller Wirtschaftspolitiker und Gewerkschafter verankert sind, einfach nicht mehr stimmen. Schon in seinem 1978 erschienenen Buch „Die arbeitslose Gesellschaft – Alptraum, Hoffnung oder Missverständnis“, Verlag Orac, Wien, hat Gerulf Stix ausführlich dargelegt und begründet, warum und wie sich die Erwerbstätigkeit wandelt. Erwerb und Arbeit erhalten mehr und mehr einen anderen Charakter als noch vor zwei, drei Generationen. Im Kapitel „Vollbeschäftigung – neu überdacht“ (Seite 132) geht das Buch davon aus, dass in Zukunft die bisher als solche verstandene Vollbeschäftigung höchst unwahrscheinlich sein wird! Ausführlich wird auf die rasant steigende Produktivität infolge der sich abzeichnenden „technischen Sklavenwirtschaft“ (Roboterisierung) eingegangen. Inzwischen hat sich dieser Trend durch das Aufkommen hochleistungsfähiger Computer und des Internet potenziert.

Der Unterabschnitt „Vollerwerb bei Teilbeschäftigung“ (Seite 148) behandelt den gelockerten Zusammenhang zwischen „Erwerb“ und „Arbeit“. Er schließt mit der Feststellung: „Letztlich zeigt die hier vorgetragene Analyse der bisherigen wie der auf uns zukommenden Entwicklung, dass es nicht so sehr auf Vollbeschäftigung im herkömmlichen Sinn ankommt, sondern auf Vollerwerb bei Teilbeschäftigung.“ Die im obigen Beitrag von Stefan Fuchs aufgezeigten aktuellen Entwicklungen auf europäischen Arbeitsmärkten bestätigen diese Analyse. Daher ist es für eine modern sein wollende Wirtschafts- und Sozialpolitik dringend geboten, überholte Denkschemata aufzugeben und sich konstruktiv mit den Problemen einer völlig veränderten Arbeitswelt zu befassen. Freiheitliche Konzepte, die mit Wahlfreiheit und individuellen Gestaltungsmöglichkeiten operieren, sind da gewiss fruchtbarer als Konzepte mit „Zwangsbeglückung“ und Bevormundung.

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. März 2012

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