Die Lust am gemeinsamen Untergang


Frank Schäffler / Eberhard und Eike Hamer, Warum lassen wir das geschehen? – Eurokrise: Die Lust am gemeinsamen Untergang, herausgegeben von der Deutschen Mittelstandsstiftung e. V., Hannover, 2011, 76 Seiten brosch., Schutzgebühr € 5,–

 

Eine Buchbesprechung von Gerulf Stix

So dünn sich diese optisch ansprechend aufgemachte Broschüre auch anfühlt, sie hat es buchstäblich in sich. In zwölf verschiedenen Beiträgen wird das ganze Drama der so genannten Euro-Rettung aufgerollt und dargestellt.

Drei der Beiträge sind die Wiedergabe von Erklärungen, die der mittlerweile weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannte Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler (FDP) verfasst hat. Am Beginn dieser steht sein „Aufruf zum Widerstand gegen den Eurofond (ESM)“. Den Lesern der Genius-Lesestücke ist die Problematik, um die es hierbei geht, gut bekannt: Am 1. Dezember 2011 erschien im Genius-Brief der Beitrag „ESM: Die Abschaffung der Demokratie!“. Anhand der Bestimmungen im ESM-Vertrag wird in diesem Genius-Lesestück aufgezeigt, wie unter Ausschaltung sämtlicher Parlamente die Errichtung einer „gottähnlichen Finanzherrschaft“ vorbereitet wird. Im Aufruf Frank Schäfflers liest sich das so: „Recht, Freiheit und Demokratie sind in Gefahr. Vielen ist das noch nicht bewusst. Nicht einmal vielen Liberalen ist das bewusst, obwohl doch sie die ureigentlichen und traditionellen Verfechter der Freiheit waren.“

Sehr besonnen und gerade deswegen so beeindruckend wägt Prof. Dr. Eberhard Hamer in seinem Beitrag „Für oder wider ESM“ die beiderseitigen Konsequenzen ab. Er beschreibt Punkt für Punkt, was eine Zustimmung zum ESM bedeuten würde. Danach untersucht er in acht Punkten die Folgen, würde dem ESM nicht zugestimmt werden. Schließlich stellt er die entscheidende Frage: „Welche Alternative ist gefährlicher?“

Die erste Alternative, also die Zustimmung, ist nach seiner Beurteilung „ein Schrecken ohne Ende, die zweite ein Ende mit Schrecken.“ Sein Resümee: „Unsere derzeitige Generation hat im Rausch ständig neu gedruckten Geldes über ihr Verhältnisse gelebt. Die nächste Generation wird unter der Korrektur ein Jahrzehnt dafür büßen müssen.“

Dr. Eike Hamer beschreibt dann in seinem Beitrag den ESM als einen „Ermächtigungsvertrag zur EU-Funktionärsdiktatur“. Meines Erachtens völlig zutreffend sieht er die Gefahr, dass „eine nicht demokratisch gewählte und kontrollierte Politkommission finanzdiktatorische Macht in Europa“ ausübt.

Eberhard Hamer ist unseren Leserinnen und Lesern seit vielen Jahren durch seine Aufsätze in unserer Zeitschrift als kompetenter Autor zu Wirtschaftsfragen bekannt. Er hat mehrere Bücher verfasst, die sich abseits der modischen abstrakt-mathematischen Modelle der Wirtschaftstheorien sehr genau mit den realen Verhältnissen in der Wirtschaft befassen.

Dieser Sinn für die Wirklichkeit durchzieht auch seine weiteren Beiträge in der hier besprochenen Broschüre. Besonders lesenswert ist seine längere Analyse über “Mögliche und realistische Entwicklungen in der Euro-Krise“. Ohne auf alle seine Thesen eingehen zu können, seien wesentliche Passagen aus den Schlussfolgerungen zitiert:

„Mit welchen Entwicklungen müssen wir mittelfristig rechnen?“

„Weil alle Beteiligten (internationale Banken, Zentralbanken, Staaten, EU-Kommission, Regierungen) Angst vor den sie treffenden Folgen einer endgültigen Schuldenlösung (Schuldenschnitt, Staatskonkurs) haben, wird zurzeit eine Doppelstrategie gefahren:

  • Den Staaten wird Sparen auferlegt.
  • Mit Haftungsausweitung und Geldmengenvermehrung soll Zeit gewonnen werden.

In diesem Sinne werden auch wirkungslose Sparanstrengungen Griechenlands als angeblicher Erfolg mit ständig neuen Geldüberweisungen honoriert und in den anderen überschuldeten Euro-Ländern ebenso mehr oder weniger wirksame Sparbeschlüsse gefasst.

Sparen ist aber in einer Umverteilungsdemokratie, in welcher die Mehrheit der Bevölkerung von öffentlichen Transfers lebt, nur begrenzt möglich. Eine Entschuldung durch Sparen jedenfalls bringt Volksaufstand und Revolution, ist also ausgeschlossen. Die derzeitigen Sparappelle und Sparbeschlüsse werden deshalb im nächsten Jahr zu Rezessionen, Einkommensverlusten, Verarmung und dadurch zu Volksaufständen führen, so dass die Politik in allen europäischen Ländern wieder auf den amerikanischen Weg umschwenken wird: Lieber Inflation als Rezession.

Wir werden also nach einer kurzen rezessiven Phase schon bald wieder eine weitere durch Geldmengen induzierte Scheinblüte bekommen. Geldmengenvermehrung und Inflation sollen das Wirtschaftswachstum wieder antreiben und damit die Verschuldung wenn nicht lösen, so doch halten, verlängern.

Verlierer einer Inflation sind nicht nur die Transfereinkommensbezieher, sondern auch alle, die ihre Ersparnisse für ihre Alterssicherung in Geldwerten angelegt haben, sowie diejenigen, die nicht von Vermögenserträgen, sondern von Lohn und Gehalt leben müssen.

Selbst wenn die kommende Inflation nach alter französischer Tradition von Zeit zu Zeit durch das Streichen zweier Nullen (Nouveau Franc) rechnerisch korrigiert würde, wird die nächste Generation sich als Opfer der Finanzkrise fühlen und mit den Schulden unserer Generation entweder leben oder diese abtragen müssen.“

Damit ist eigentlich alles gesagt. Nur ein kurzes Zitat aus einem der anderen Beiträge in der vorliegenden Broschüre sei abschließend noch gebracht, weil es die Sache insgesamt auf den Punkt bringt: „Aus Demokratie wurde Bankendiktatur.“

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. März 2012

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft