Eine Lanze für das Gymnasium


Ein Beitrag zur Gesamtschul-Diskussion – Von Dieter Grillmayer

Die aktuelle Diskussion wird viel zu oberflächlich geführt, zumal die – alles entscheidende − Schul- und Unterrichtsorganisation dabei völlig im Dunkeln bleibt. Es kann derzeit also nur auf die „grundsätzlichen“ Argumente der Gesamtschul-Befürworter eingegangen werden, die m. E. allesamt fragwürdig sind.

1. Das „rückständige“ gegliederte Schulsystem ist in der EU ein Auslaufmodell:

Derzeit haben neben Österreich mindestens sieben weitere EU-Länder (Deutschland, die Benelux-Staaten, Tschechien, die Slowakei und Ungarn) sowie die Schweiz Vollgymnasien, und in keinem dieser Länder steht eine Abschaffung bevor. Die ehemaligen Ostblock-Staaten haben die Gymnasien – an die Tradition der Donaumonarchie anknüpfend − nach der Abkehr vom Kommunismus wieder eingeführt, was wohl auch etwas zu sagen hat. Nach einer EU-Studie gibt es in den Ländern mit Vollgymnasien zwar punkto Bildung eine breitere Streuung, aber auch die Spitzenleistungen sind dort zu Hause, was zweifellos einen Wettbewerbsvorteil bedeutet.

2. Bei der PISA-Studie haben die Gesamtschul-Länder besser abgeschnitten:

Gesamtschule ist nicht gleich Gesamtschule. In Japan z. B. kann jede „Gesamtschule“ ihre eigenen Leistungsstandards festlegen, und wenn ein Schüler diese nicht erfüllt, dann muss er sich eben eine Schule suchen, die seiner (niedrigeren) Leistungskraft entspricht, und so weiter. Im viel gelobten Finnland ist die Jugendarbeitslosigkeit mit 20,1 % doppelt so hoch wie in Österreich (10,4 %, Zahlen aus 2005), was wohl auch ein Bildungsindikator ist.

3. Die frühzeitige „Sortierung“ der Kinder schmälert Bildungschancen und unserem Land geht damit wertvolles Humankapital verloren:

Das österreichische Schulsystem schließt keinen Schüler von höchsten Bildungsabschlüssen aus, nur weil er, aus welchen Gründen immer, mit zehn Jahren statt in eine AHS in eine Hauptschule gekommen ist. Gut die Hälfte der Studierenden kommt heute in Österreich über die Hauptschule und ein ORG oder eine BHS an die Universität! Bei internationalen Vergleichen wird gerne übersehen, dass es berufsbildende Schulen mit Matura wie in Österreich in anderen Ländern gar nicht gibt.

4. Die Statistik zeigt, dass „Arbeiterkinder“ benachteiligt werden und sozialer Aufstieg damit kaum stattfindet:

Kein Kind, ganz gleich aus welchem sozialen Umfeld, wird in Österreich daran gehindert, ein Gymnasium zu besuchen, sobald die intellektuellen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Wenn es daran nicht liegt, dann kann nur das mangelnde Bildungsbewusstsein der betreffenden Eltern daran Schuld sein, dass „Arbeiterkinder“ in den Höheren Schulen unterrepräsentiert sind. Das zu ändern, wäre aber vornehmlich die Aufgabe jener politischen Kräfte, die vorgeben, diese Klientel zu vertreten.

5. Die Aufnahme in ein Gymnasium erfolgt nicht nach objektiven Kriterien, weil es solche bei Zehnjährigen noch gar nicht gibt:

Der zweite Teil dieses Einwandes ist falsch, denn wissenschaftlich ist unbestritten, dass Zehnjährige hinsichtlich ihrer intellektuellen Disposition und Leistungsfähigkeit mit großer Treffsicherheit beurteilt werden können. Der erste Teil ist allerdings richtig, weil der hierzulande praktizierte Auswahlmodus sehr unzulänglich ist und für eine Änderung seit Jahrzehnten der politische Konsens fehlt.

Die ehemalige SPÖ-Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek hat einmal ganz offen gesagt, dass sie alles laufen lässt, damit das gegliederte Schulwesen Schiffbruch erleidet. Denn dieses stellt seinem Wesen nach darauf ab, nur überdurchschnittlich Begabte in Gymnasien zu betreuen, weil das sowohl effizienter als auch ökonomischer ist als äußere (Leistungsgruppen) und innere Differenzierungen in begabungsmäßig heterogen zusammengesetzten Klassen und Schulen. Wenn nun aber in Wien 50 % der Volksschüler nach der vierten Klasse in eine AHS wechseln, mit Spitzenwerten von 80 und mehr Prozent in einzelnen Bezirken, dann ist dort die Hawliceksche Rechnung – zum Schaden aller Beteiligten – aufgegangen.

Nicht jedoch in Tirol und Vorarlberg mit vergleichsweise 21 % oder in Oberösterreich mit gut 23 % (Zahlen aus 2004). Außer der Bequemlichkeit, sich keinen vernünftigen Aufnahmemodus ausdenken zu müssen, gibt es somit kein Motiv, die traditionsreichen und auch heute noch in weiten Teilen Österreichs bewährten achtjährigen Gymnasien und Realgymnasien aufzugeben.

NEUERSCHEINUNG
Gerulf Stix
National + Liberal + Global
Ausgewählte Aufsätze
Genius Edition,
Band 5
Wien, 2020
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