Günter Grass – ein Antisemit?


Was zu sagen erlaubt sein muss

 

Von Peter Wassertheurer

Günter Grass hat wieder einmal medienwirksam auf sich aufmerksam gemacht. Diesmal war es ein in lyrische Form verpackter Prosatext, der sich kritisch mit der Rolle Israels im Nahen Osten beschäftigte. Erschienen ist dieses schreckliche Gedicht, um Marcel Reich-Ranicki zu zitieren, in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel Was gesagt werden muss. Darin geht es um die aggressive Haltung Israels zum iranischen Atomprogramm, wobei die Kritik nicht nur auf die israelische Regierung abzielt, sondern auch Deutschland ob seiner Waffenverkäufe an Jerusalem ins Visier nimmt. Im Gedicht heißt es dazu:

Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

An einer zweiten Stelle ist es die Verlogenheit der westlichen Staatengemeinschaft (Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin), die Grass geißelt, die in der Sache mit zweierlei Maß misst, indem das nukleare Potenzial Israels keiner Prüfung zugänglich ist und jeder kritische Hinweis mit Verdikt „Antisemitismus“ konfrontiert wird. Dieses Spiel kennt man, wird immer wieder vorgeführt. Zuletzt war es der österreichische Verteidigungsminister, der wegen seiner Kritik an Israels Außenminister ins Fadenkreuz der Kritik geriet, wobei die Grenzen zwischen Antisemitismus und Kritik an der israelischen Regierungspolitik verschwinden, was eine konstruktive Diskussion kaum mehr möglich macht. Das ist auch Grass passiert, wobei seine einseitige Kritik durchaus zu hinterfragen ist, ist es doch der iranische Präsident in Person, der nicht müde wird, die Vernichtung Israels einzufordern. Grass sollte wissen, dass die israelischen Angriffspläne, sofern sie wirklich bestehen, ein reales Bedrohungsbild als Ursache haben. Alles andere wäre eine Verharmlosung. 

Günter Grass zählt wohl ohne Zweifel zu jenen deutschen Denkern, die sich durch ihren linksintellektuellen Habitus einen Nimbus der Unantastbarkeit schufen. Gerne trat man aus der linken und linksliberalen Kaste der deutschen Parteipolitik mit Grass an der Seite öffentlich auf, um als moralisches Gewissen den erhobenen Zeigefinger zu schwingen. Vor allem alles Rechte wurde als Reaktionäres in die faschistische Schatulle abgelegt. Man gab sich im Tandem mit dem noblen Literaten kritisch intellektuell, sozialistisch-antikapitalistisch, beschwor die demokratischen Werte, zeigte sich ein wenig von der antiamerikanisch-antiimperialistischen Seite und ließ sich nach traditioneller KP-Manier beklatschen. Als Grass unter Führung von Willy Brandt der SPD beitrat, mutierte der Autor der Blechtrommel zum roten Vorzeigeintellektuellen („Ich bin ein demokratischer Sozialist“), dessen Stimme in der deutschen Politik zunehmend Gewicht bekam. Im Jargon eines antifaschistischen Heilsverkünders mutierte Grass zum deutschen Nachkriegsgewissen, der nach typisch linker Selbsteinschätzung für sich in Anspruch nahm, dem Rest der Welt immer ein Stück voraus zu sein, obwohl er selber einmal so treffsicher sagte: Ein Schriftsteller, der das Einverständnis mit den Herrschenden sucht, ist verloren.

Grass und die Waffen-SS

Dieses von den linken Medien sorgsam gepflegte Grass-Bild zerplatzte wie eine Seifenblase, als Grass zugab, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Zuvor hatte er den Literaturnobelpreis zuerkannt bekommen. Unschwer zu erraten, wie Grass ohne diese Auszeichnung da stehen würde, hätte er seine Offenbarung vor der Entscheidung des Komitees in Schweden bekannt gegeben. Grass-Biograf Michael Jürgs zeigte sich vom deutschen Dichterfürsten der Nachkriegszeit persönlich enttäuscht und sprach vom Ende einer moralischen Instanz. Die Aufregung um Grass’ SS-Mitgliedschaft legte sich alsbald wieder, Grass selbst lebte zunehmend isoliert im Umfeld eines politisch korrekten Establishments, das zwar jede linke Gewalttat mit Hinweis auf das Maß an Ungerechtigkeiten im kapitalistischen System augenzwinkernd toleriert, jeden Berührungspunkt mit dem NS-System aber feuerspeiend verteufelt. 

Grass’ Canossagang blieb daher ein kläglich gescheiterter Befreiungsschlag. In einem Brief an die israelische Öffentlichkeit versuchte er, seinen kurzen unfreiwilligen Dienst bei der Waffen-SS im Kontext seiner jugendlichen Begeisterung für Hitler und das NS-Regime darzustellen. Die Antwort auf die Frage, warum er seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS solange verschwiegen hatte, ist Grass trotz zahlreicher Interviews für viele bis heute schuldig geblieben. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen erklärte Grass seinen Schritt mit einem Hinweis auf die heimatliche Enge und dem Wunsch nach Befreiung aus dem familiären Umfeld: 

Mir ging es zunächst vor allem darum rauszukommen. Aus der Enge, aus der Familie. Das wollte ich beenden, und deshalb habe ich mich freiwillig gemeldet. Auch das ist ja eine merkwürdige Sache: Ich habe mich gemeldet, mit fünfzehn wohl, und danach den Vorgang als Tatsache vergessen. So ging es vielen meines Jahrgangs: Wir waren im Arbeitsdienst, und auf einmal, ein Jahr später, lag der Einberufungsbefehl auf dem Tisch. Und dann stellte ich vielleicht erst in Dresden fest, es ist die Waffen-SS.

Dieses Motiv gilt bestenfalls für linke Gutmenschen, für Millionen von anderen ehemaligen Wehrmachtssoldaten lässt man eine solche Rechtfertigung nicht durchgehen. Da wird dann sehr kräftig mit der Antifa-Keule zugeschlagen und jeder, sofern er sich nicht von der linken Seite nach dem Krieg einen Persilschein abholte, zum Nazi abgestempelt. Da kommt sogar der PEN-Club ins Schwitzen, nachdem gefordert wurde, Grass die Ehrenmitgliedschaft abzuerkennen. Man achte das Recht auf Meinungsfreiheit, hieß aus den Räumen des PEN. Aber auch die gilt nicht für jedermann. Man denke nur an den Medienfeldzug gegen Sarrazin, der sich keineswegs auf seine Meinungsfreiheit berufen darf. 

Grass hat sich in den letzten Jahren auch zu anderen deutschen Tabuthemen kräftig zu Wort gemeldet. In seiner Erzählung Krebsgang thematisiert er ganz offen die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung, was den deutschen Linken überhaupt nicht gefällt, weil damit das Geschichtsbild der Nachkriegszeit ganz gehörig ins Wanken gerät. Der Deutsche als Opfer? Nein, nie und nimmer, kennt man ihn doch nur als Täter. Gegenüber Der Welt plauderte Grass ganz offen in der Manier eines ganz normalen Deutschen, der die eigene Schuld zwar nicht leugnet, das Unrecht der anderen aber ebenso unverblümt anspricht: 

Es ist sehr ungerecht und sogar böswillig zu suggerieren, dass ich in ‚Im Krebsgang’ die Deutschen vor allem als Opfer dazustellen versuche. Tatsächlich nehme ich die Geschichte der Rechten weg, die sie für ihre eigenen Zwecke missbraucht hat. Der Untergang der ‚Wilhelm Gustloff’ war die größte maritime Katastrophe der Geschichte. 10.000 Menschen ertranken, darunter einige Militärs, die meisten jedoch waren Flüchtlinge, unter ihnen 4.000 Kinder. Jeder hat von der ‚Titanic’ gehört, niemand von der ‚Wilhelm Gustloff’ (…) Der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. Es gab 14 Millionen Flüchtlinge in Deutschland, das halbe Land ging direkt von der Nazityrannei in die kommunistische Tyrannei. Ich sage das nicht, um das Gewicht der Verbrechen gegen die Juden zu vermindern, aber der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen. Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.

Irgendwie schafft es die Linke immer weniger, ihre Schäfchen im geschützten Bereich ihrer eigenen Tabus grasen zu lassen. Es gibt Ausreißer wie Günter Grass oder Thilo Sarrazin, denen es kraft ihrer Autorität und Unabhängigkeit möglich ist, sich außerhalb vorgegebener Sprachregelungen zu bewegen. Das ist eine durchaus paradoxe Situation, waren es doch bislang Paradeintellektuelle wie Grass selbst, die mitbestimmten, wie etwas politisch korrekt gesagt werden durfte und was in der deutschen Öffentlichkeit als Thema der Deutschen zu gelten habe. Ob es nur die Gier nach Medienöffentlichkeit ist, die Grass nach Meinung seiner Kritiker zu derartigen Aussagen treibt, sei dahingestellt. 

Grass wird keine Umschreibung der deutschen Geschichte bewirken. Dazu ist er schon zu alt und hat auch innerhalb der deutschen Sozialdemokratie nicht mehr jenes Ansehen und Gewicht, das er unter Brandt genießen konnte. Er wird vielmehr belächelt und der Vergessenheit preisgegeben. Schon 1992 hatte Marcel Reich-Ranicki über Grass geschrieben: 

Was immer er schreibt und verkündet, wird, nun schon seit vielen Jahren, beanstandet und belächelt, gerügt und gegeißelt. Ignoriert wird es nicht. Sein Thron wackelt bedenklich und ist doch nicht ernsthaft gefährdet.

 
Dr. Peter Wassertheurer ist Pädagoge und lebt in Wien.

Bearbeitungsstand: Dienstag, 29. Mai 2012
 
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