Schule zwischen Anspruch und Zeitgeist


Fünfzig Jahre Bildungsbaustelle Österreich
Der Verfasser stellt hier sein neues Buch vor

 

Von Dieter Grillmayer

Bildung und Schule sind im neuen Jahrtausend vermehrt in die Schlagzeilen geraten und auch auf dem Büchermarkt war das Thema vielfältig vertreten. In Österreich war der maßgebliche Auslöser dafür die mit dem Jahr 1996 einsetzende Teilnahme an internationalen Leistungsvergleichstests und die dabei zutage getretenen Defizite. 

Vormals hatte man sich – von ein paar kritischen Stimmen abgesehen – aufgrund der überdurchschnittlich hohen finanziellen Ausstattung des Bildungssektors für besonders gut aufgestellt gehalten, die Enttäuschung war daher groß und die Fehlersuche intensiv. 

Die Diskussion wurde allerdings nicht von Erziehungswissenschaftern und praktizierenden Lehrern dominiert, sondern von sachfremden Politikern und anderen Meinungsbildnern, wobei sich vor allem Juristen und Wirtschaftsleute hervortaten. Das hat zu einem teilweise oberflächlichen, plakativen Umgang mit dem Thema beigetragen und – neben durchaus brauchbaren – recht problematische Lösungsansätze hervorgebracht. Auch die Umstände, welche zu den heutigen Verhältnissen geführt haben, blieben vielfach ausgeblendet. 

Ersteres versuchte ich als langjähriger Direktor des BRG Steyr und Obmann des freiheitlichen Österreichischen Lehrerverbandes aufzudecken und Letzteres liefere ich mit diesem Buch nach. Es verdankt sein Entstehen vornehmlich der Tatsache, dass mit dem Schulorganisationsgesetz von 1962 eine umfassende Neuordnung des österreichischen Schulwesens in Angriff genommen worden ist und dass dieses Gesetz im Jahr 2012 ein rundes Jubiläum feiert. Das hat mich veranlasst, die in den letzten 50 Jahren zur Schulentwicklung sowie zu Erziehung und Unterricht von mir gesammelten Unterlagen, von den Hochschulskripten des jungen Lehramtsstudenten über die laufend ausgeschnittenen Zeitungsartikel und die eigenen Veröffentlichungen bis zu Gesetzestexten, Sitzungsprotokollen und aktueller Literatur, durchzusehen und zu einem Buch zu verarbeiten. 

Aus den Überschriften der zwölf Kapitel und darin enthaltenen Statements können Inhalt und Tendenz des Buches abgelesen werden. Es ist als Hardcover mit 248 Seiten im Buchhandel und im Internet ab Anfang Juni 2012 unter ISBN 978-3-86386-234-3 zum Preis von € 19,80 erhältlich. 

01 Fünfzig Jahre Schule im Überblick 

Bei der Neukonzeption eines Schulunterrichtsgesetzes (1974) stellte sich die Frage, in welchem Ausmaß eine „Demokratisierung“ des Schulbetriebs Platz greifen sollte. Bei aller Wertschätzung des demokratischen Prinzips darf nämlich nicht übersehen werden, dass damit eine Absage an Verantwortlichkeit und Kompetenz einher geht, was (nicht nur) im Bereich von Erziehung und Unterricht problematisch ist. 

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Entgegen ihrem schlechten Ruf, an dessen Festigung auch heute noch gearbeitet wird, hat die von 1995 bis 2006 amtierende Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer bemerkenswerte Aktivitäten gesetzt und Erfolg versprechende Reformen auf den Weg gebracht. Die Mehrzahl davon betrifft Maßnahmen, die einer Rückführung des inhaltlich und qualitativ auseinanderdriftenden österr. Schulsystems in geordnete Bahnen dienen sollten. 

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Niemand will bestreiten, dass für eine Gewerkschaft Standesinteressen oberste Priorität haben. Dazu gehören aber außer Zeit- und Geldfragen auch die Sorge um Arbeitsbedingungen, welche eine bestmögliche Umsetzung des Dienstauftrages gewährleisten, und ebenso eine bestmögliche Positionierung der Berufsgruppe im Öffentlichkeitsbild. 

Nicht nur bei Letzterem hat die Lehrergewerkschaft ein Defizit. Sie ist auch mehr um das Wohlergehen der Minderleister besorgt als um die Anliegen der Engagierten, die erfolgshemmende Barrieren beseitigt und Spitzenleistungen belohnt sehen wollen. 

02 Bildung, Schule und Gesellschaft 

In einem Bildungsprogramm habe ich einmal formuliert, die Schule solle nicht bloß ein Abbild der Gesellschaft sein, sondern auch eine Quelle zukünftiger Entwicklungen. Ersteres ist die Realität, Letzteres eine Vision, ein frommer Wunsch aller Pädagogen von Comenius und Pestalozzi bis zur Gegenwart. 

Die schon auf den Namensgeber zurückgehende Kapitalismus-Feindlichkeit des Neomarxismus zeitigte zwar mit den politischen Morden der Bader-Meinhof-Bande zwischen 1974 und 1978 eine tragische Konsequenz, aber keinerlei Erfolg. Es scheint vielmehr, dass die von der Frankfurter Schule ausgelöste Sinn- und Wertkrise für den ausufernden Materialismus der Gegenwart, der jede Befindlichkeit und jedes Problem auf eine Frage des Geldes reduziert, in hohem Maß verantwortlich ist. 

03 Erziehung und der Sinn des Lebens 

Die Institution Schule rechtfertigt ihre Finanzierung durch den Steuerzahler nur dann, wenn sie ihre Schüler neben Wissen und Können auch mit einem Wertebewusstsein ausstattet und wenn sie ihre Schüler zum Leben in der Gemeinschaft erzieht. Das gilt insbesondere für die höheren Schulen, denn andernfalls produzieren diese nur skrupellose Egoisten, die ihre aus überlegenem Wissen und Können abgeleitete Macht missbrauchen. 

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Die Hauptverantwortung für die Erziehung ihrer Kinder liegt bei den Eltern. Nur totalitäre Staaten nehmen für sich das Recht in Anspruch, den Nachwuchs mit einer systemstützenden Einheitserziehung auszustatten. Ein demokratisches Staatswesen hingegen kann und will die Eltern aus ihrer diesbezüglichen Verantwortung nicht entlassen, kann und darf auf notwendige Koordinierungsmaßnahmen aber auch nicht gänzlich verzichten. 

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Ein fürsorgliches Staatswesen ist gehalten, über das Schulsystem und die öffentliche Bildungsarbeit Empfehlungen zu geben, Warnungen auszusprechen und den Bewegungsspielraum abzustecken, der Lehrern und Eltern in ihrem erzieherischen Wirken zur Verfügung steht, wenn ihr gemeinsames Bemühen Früchte tragen und insbesondere auch die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus funktionieren soll. Utopistische Heilslehren sind dafür ebenso wenig geeignet wie eine Beschwörung der Vergangenheit. 

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Die heutige Erziehungskrise ist ein Beispiel von vielen, an denen belegt werden kann, dass in der Menschheitsgeschichte jede Übertreibung von der gegenteiligen abgelöst wird, dass in diesem dauernden Auf und Ab der Zeitgeist der Zeit und ihren Erfordernissen zumeist weit hinterherhinkt, dass also derjenige besser für die Zukunft sorgt, der sich antizyklisch verhält, als derjenige, der immer „in“ sein will. 

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Mit Toleranz, einem der am häufigsten strapazieren Begriffe der Gegenwart, verbinde ich folgenden Inhalt: Tolerant ist nicht, wem alles gleich gültig – und damit gleichgültig – ist. Toleranz verlangt erstens, selber eine bestimmte Meinung zu haben, zweitens, die Möglichkeit, sich zu irren, nicht gänzlich auszuschließen und drittens den Vertretern der Gegenmeinung nicht von vornherein zu unterstellen, dass sie damit Böses im Schild führen. 

04 Unterricht – Vorgaben und Freiräume 

Unterrichten besteht vornehmlich darin, Wissen und Können zu vermitteln. Diese Aufgabe fällt erstrangig der Schule zu, wenngleich natürlich auch das Elternhaus ein Ort ist, der zum Wissen und Können des Nachwuchses beitragen kann und beitragen soll. Mit fortschreitendem Alter wird das Kind und der Jugendliche den diesbezüglichen Zuwachs aber immer mehr einem guten schulischen Unterricht zu verdanken haben und der Beitrag der Eltern könnte sich darin erschöpfen, optimale Rahmenbedingungen – ein positives Bildungsklima, einen ruhigen Arbeitsplatz, ein richtiges Zeitmanagement – zu gewährleisten und eine individuell abgestimmte Kontrolle auszuüben. 

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Der gute Lehrer ist einer, der Kinder mag und um ihr Wohl besorgt ist, der Vertrauen erweckt, der als Person für eine Materie begeistern kann, der von den Schülern als Vorbild, als kompetenter Lehrmeister und konsequenter Erzieher wahrgenommen wird. Ein solcher Lehrer wird auch die seiner Natur und seinem Fach adäquate Unterrichtsform finden, ohne sich je auf die Rolle eines „Bildungsmanagers“ zu reduzieren. 

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Eine Schwäche der Lehrerausbildung sehe ich darin, dass da viel von Projekten und von Motivation die Rede ist, dass da aber nicht auf die „Mühen der Ebene“ vorbereitet wird, die darin bestehen, auch jenen Schülern etwas beizubringen, bei denen Motivation und gutes Zureden nichts nützen. Wobei natürlich auch die notwendigen Handhaben fehlen; es ist ja politisch unkorrekt, Schülern ihr Wohl aufzunötigen. 

05 TIMSS, PIRLS und PISA 

In den Siegerländern genießen Bildung und Leistung ein weit größeres Maß an allgemeiner Wertschätzung als in Österreich, die Schüler sind motiviert und strengen sich an, bei den Tests möglichst gut abzuschneiden und der Welt zu zeigen, wo die Kompetenz und der Erfolg zuhause sind. Bei uns hingegen werden die Tests schon im Vorfeld in Frage gestellt, die Schüler gehen lustlos an sie heran und das Ergebnis, weil es ja ohnehin anonym bleibt, ist ihnen gleichgültig. 

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Alles in allem lässt sich die Frage nach der Validität von PISA wohl am besten mit dem Satz beantworten, dass die Treffsicherheit zwar nicht punktgenau ist, dass das Ergebnis aber doch eine gewisse Aussagekraft hat, vor allem hinsichtlich der zu treffenden Reformmaßnahmen. Ohne die Teilnahme an internationalen Leistungsvergleichstests hielte sich Österreich wohl noch immer für ein Bildungsparadies. 

06 Gezielte Förderung versus Integration 

Eine offene Gesellschaft im Sinne Poppers verlangt nach einem sozial durchlässigen Schulsystem, in dem das in ihr vorhandene Humankapital bestmöglich verwertet wird. „Chancengleichheit“ beschreibt die wünschenswerte Startsituation durchaus treffend, ist aber als Kampfwort für eine egalitäre Bildungspolitik missbraucht worden, die Begabungsunterschiede ignoriert und damit das oben formulierte Ziel klar verfehlt. 

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Je kleiner eine Unterrichtsgruppe, desto heterogener kann deren Zusammensetzung sein, ohne das Eingehen der Lehrer auf die besonderen Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers zu verunmöglichen. Aber natürlich gilt auch die Umkehrung: Je homogener eine Klassengemeinschaft hinsichtlich der Bildungsfähigkeit ihrer Mitglieder zusammengesetzt ist, desto weniger ist die erfolgreiche Teilnahme aller Schüler am Unterricht von der Gruppengröße abhängig, desto größer ist also die Effizienz des Schulsystems in Hinsicht auf die dafür eingesetzten Geldmittel. 

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Hinsichtlich der stereotyp behaupteten Benachteiligung der Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern durch das gegliederte Schulsystem gibt es konkrete Beispiele, die durchaus den gegenteiligen Schluss zulassen. In England, wo der Staat vorwiegend Gesamtschulen anbietet, erreichen bei den Abschlussprüfungen nur 22 % die Bestnote, in Nordirland, wo sich das differenzierte System behaupten konnte, sind es hingegen 30 %. Bei den Studienanfängern kommen in Nordirland 42 % aus bescheidenen Verhältnissen, in England sind es nur 28 %. 

07 Probleme (mit) der Leistungsbeurteilung 

Keine Materie der Schulgesetzgebung hat den Verwaltungsgerichtshof mehr beschäftigt als die entsprechenden Paragraphen des Schulunterrichtsgesetzes und die daraus abgeleitete Leistungsbeurteilungsverordnung. Das Werk der Juristen ist in der Schulpraxis teilweise nicht umsetzbar und wirft viele Fragen auf. 

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War die Leistungsbeurteilung bislang von Gesetz wegen ein kontinuierlicher Prozess, vor allem auf der ständigen Beobachtung beruhend und mit möglichst wenigen punktuellen Prüfungen belastet, so erzwingt das Konzept der Modularen Oberstufe (MOSt) nun geradezu das Gegenteil: Das punktuelle Abprüfen eines „häppchenweise“ vermittelten Wissens, was den Grundsätzen eines gesamtheitlichen und nachhaltigen Unterrichts diametral entgegensteht. 

08 Die Ganztagsschule und andere Zeitfragen 

Ausbildung und Betreuung sind füglich zu trennen. Ein Staat, der – schon im allgemeinen Interesse – seinem Nachwuchs die bestmögliche Ausbildung gewährleisten will, muss diese auch finanzieren. Das beginnt mit dem beitragsfreien letzten Kindergartenjahr, sofern dieses auf die Schule vorbereitet und verpflichtend ist, und geht bis zur Lehrabschlussprüfung bzw. bis zur Matura. Hingegen ist es abwegig, eine Verpflegung zu Mittag und eine Beaufsichtigung am Nachmittag in der Schule zum Nulltarif haben zu wollen. 

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Für jeden Lehrer, der sich selber ernst nimmt, steht doch außer Zweifel, dass jede von ihm gestaltete Unterrichtsstunde für seine Schüler ein Gewinn ist und dass daher möglichst wenig von dieser wertvollen Unterrichtszeit ausfallen darf. Das schmälert nicht das Verständnis für Schüler, die sich über jede ausgefallene Stunde freuen. Sie kann man nur milde darauf hinweisen, dass die Schule dazu „erfunden“ worden ist, um gehalten zu werden und nicht, um auszufallen. 

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Um bei der Lehrer-Arbeitszeit mit den Ferien zu beginnen: Wenn eine (einzige) Berufsgruppe 13 Wochen Urlaub hat, dann ist nur zu verständlich, dass darüber geredet wird. Andererseits kenne ich genug Akademiker, die sich um nichts in der Welt 39 Wochen im Jahr in eine Klasse stellen und mit Halbwüchsigen herumärgern würden. 

Eine Unterrichtsstunde ist ungleich anstrengender als eine Bürostunde – beides ausprobiert, kein Vergleich! 

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Die Koppelung der Lehrer-Besoldung an die reine – in bzw. mit der Klasse zu verbringende – Unterrichtszeitist insofern ein Systemfehler, als das die Öffentlichkeit glauben macht, damit wäre es getan und auch manche Lehrer werden dazu verführt, den Unterricht als ihre einzige Aufgabe zu betrachten. Ein neues Dienst- und Besoldungsrecht müsste Lehrverpflichtung, Unterrichts- und Dienstzeit strikt auseinanderhalten und auch die über den Unterricht hinausgehenden Dienstpflichten genau auflisten. 

09 Mädchenbildung und Koedukation 

Eine plausible Hypothese besagt, dass sich unser Gehirn im Lauf der Evolution geschlechtsspezifisch entwickelt hat. Unter den Männern, die sich als Jäger und Sammler oft weit von ihren Behausungen entfernen mussten, hätten diejenigen mit guten visuell-räumlichen Fertigkeiten einen Selektionsvorteil gehabt. (Tatsächlich treten bei den Eskimos, wo auch die Frauen auf die Jagd gehen, kaum geschlechtsspezifische Unterschiede auf.) Bei den Frauen hätten sich hingegen speziell Fähigkeiten entwickelt, die mit Kinderbetreuung zu tun haben, wie der Sprache als Mittel der Kommunikation und der Entwicklung sozialer Empfindlichkeit. 

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Ich halte nichts von dem Gerede von der Überwindung eines geschlechtsdefinierten Rollenverhaltens. Erstens hat das Leben Ernstcharakter und ist kein Spielplatz wie das Theater, wo man Rollen spielt und Rollen tauscht. 

Und zweitens ist es gegen jede Vernunft und gegen alle bisherige Menschheitsentwicklung, die Welt so einzurichten, dass jeder alles machen können muss. Im Gegenteil: Sowohl dem Einzelnen als auch der Gesellschaft im Ganzen geht es viel besser, wenn jeder das macht, was er am besten kann. 

10 Latein: Totgesagte leben länger 

Der Umfang des Unterrichts der lebenden Fremdsprachen hat, abgesehen von Englisch, in den letzten 50 Jahren zu Lasten von Griechisch und Latein stetig zugenommen. Es verdient erwähnt zu werden, dass damit gar nicht so sehr die Wünsche von Schülern und Eltern bedient wurden, sondern dass das erstrangig mit dem Wandel auf dem Lehrer-Arbeitsmarkt zu tun hat. 

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Nur verbissene Ideologen können darüber hinwegsehen, dass Latein ein europäisches Kulturgut ersten Ranges ist, dem im Unterricht die Funktion eines europäischen Integrationsfaches zukommt, dass das Lateinische eine gute Grundlage für das Erlernen lebender, insbesondere romanischer Sprachen darstellt, dass es für das Fremdwörter-Verständnis einen sehr wichtigen Beitrag leistet und dass Latein vermöge seiner strengen Grammatik auch das Verständnis für die Struktur der Muttersprache – oder besser noch von „Sprache an sich“ – fördert. 

Die logische Konsequenz daraus mag zwar zunächst verblüffen, dürfte die Qualitätsbewussten aus allen politischen Lagern, die um eine konsequente Umsetzung des gesetzlichen Bildungsauftrages der Gymnasien und Realgymnasien (§ 34 SchOG) besorgt sind, aber nicht abhalten, dem Gedanken näher zu treten, Latein an allen Formen der AHS in der 3. und 4. Klasse als Pflichtfach zu implementieren. Im Gegenzug sollten auch die Schüler der gymnasialen Oberstufe zwischen Latein und einer lebenden Fremdsprache wählen dürfen. 

11 Mathematik ist ein Kulturfach 

Mathematik gehört zu den größten Kulturleistungen, deren Menschen fähig sind. Kultur ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, und Kultur ist das, was zum unmittelbaren Leben und Überleben nicht gebraucht wird. Das richtige Verständnis für Mathematik beginnt also dort, wo die Frage nach dem Nutzen nicht mehr gestellt wird, wo Mathematik allein aus Begeisterung für die Sache und aus Lust am logischen Denken betrieben wird. 

Die mathematische Arbeitsweise, wie etwa die Beachtung der Reihenfolge „Voraussetzung – Behauptung – Beweis“, ist auf viele andere Wissens- und Lebensbereiche übertragbar. Wer sich diese Denkdisziplin angeeignet hat, der wird etwa bei einer Diskussion immer darauf drängen, dass die Begriffe geklärt werden, um die es geht. Er weiß auch, dass planvolles Arbeiten planvolles Denken voraussetzt. Er wird bei der Bewältigung von Problemen daher auch die Reihenfolge „Problemanalyse – Lösungsvarianten – Entscheidung – Umsetzung“ einhalten und damit Erfolg haben. 

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Niemand, so behaupte ich, ist gegen falsche Propheten und Heilslehren aller Art besser immunisiert als derjenige, dem die Relativität von „Wahrheit“ bewusst ist, als derjenige, der weiß, dass jedem Gedankengebäude, auch dem mathematischen, letztlich Glaubensbekenntnisse zugrunde liegen. Und niemand, so glaube ich, geht sicherer durchs Leben als derjenige, dessen Glaubensbekenntnisse ein widerspruchsfreies System konstituieren. 

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Auch die Einstellung zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wird durch das Wissen um die Relativität von Wahrheit bzw. die menschliche Unzulänglichkeit geprägt, diese bis ins Letzte zu erkennen. Einzig und allein das rechtfertigt das demokratische Prinzip, nach welchem die Mehrheit entscheidet. Aber sie entscheidet nicht, was richtig oder falsch ist, sondern sie entscheidet nur, was zu geschehen hat. 

12 Schule muss nicht teuer sein 

Die Ansage, dass uns für die Bildung unserer Kinder nichts zu teuer sein darf, muss relativiert werden: Wie die Überschuldung der privaten Haushalte zu familiären Katastrophen führt, so fällt auch die Überschuldung der öffentlichen Haushalte letztlich den Kindern auf den Kopf. (Griechenland und andere Pleitestaaten sollten uns als Warnung dienen.) Den nachfolgenden Generationen wird durch ausufernde Budgetdefizite, auch wenn der Grund dafür hohe Bildungsausgaben sind, mehr geschadet als genützt. Das Erkennen-Können, was unentbehrlich ist und worauf verzichtet werden kann sowie das auf solcher Erkenntnis beruhende Maßhalten kennzeichnen den Gebildeten besser als jede noch so „bildungsfreundliche“ Wortspende. Gleiches kann ganz allgemein als Maßstab für Seriosität und Kompetenz von Politikern dienen. 

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Schlusswort: Ich bin davon überzeugt, dass die Zukunft der europäischen Wirtschafts-, Kultur- und Wertegemeinschaft und insbesondere die Prosperität unseres Landes nur dann gesichert ist, wenn sich die Meinung durchsetzt, dass Bildung um ihrer selbst willen, staatsbürgerliche Erziehung und das Lernen für einen Brotberuf untrennbar miteinander verbunden sind, dass der Erwerb aller dieser Qualifikationen Anstrengungen abverlangt und dass der Sinn des Lebens nicht darin besteht, sich mit möglichst wenig „Schweiß“ und mit möglichst viel „Spaß“ durch Selbiges zu schwindeln. Bildung impliziert Leistungsbereitschaft auch zum Wohle des Gemeinwesens, aus dem Erfolg erwächst ein natürliches Selbstwertgefühl, das wiederum dem individuellen Wohlbefinden dienlich ist. Bildung kann über persönliche Krisen hinweghelfen ebenso wie sie gesamtheitliche Fehlentwicklungen zu korrigieren imstande ist, oder, wie Hartmut von Hentig sagt: Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat – sondern Bildung. 

Bearbeitungsstand: Dienstag, 29. Mai 2012
 
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