Neuronales Feuerwerk


Von Karl Sumereder  

In diesem Essay ist von höchst erstaunlichen Vorgängen in unseren Gehirnen, wie die Durchführung von Denkoperationen, die Speicherung von Sinneseindrücken, Gefühlsregungen, Wahrnehmungsqualitäten, von Intuition und Inspiration die Rede. Leistungen, die auf einer unglaublichen Komplexität des in unseren Köpfen befindlichen, hauptsächlich aus Nervengewebe bestehenden Zentralnervensystems beruhen. Einer außerordentlichen Vernetzung von Neuronen (= Nervenzellen) und Gliazellen (=Stützgewebe des Nervensystems). Es ist erstaunlich, dass ein 1.400 bis 1.600 ccm großes und 1,4 bis 1,6 kg schweres, aus relativ weichen, grauen und weißen Substanzen bestehendes Gebilde das Gefäß darstellt, in dem all das vorhanden ist, was uns materiell und immateriell als Menschen ausmacht. Dieses vielgefurchte Gewebe ist der Sitz unserer Persönlichkeit, unseres Erlebens und unserer Gefühle. Das komplexe System ist fast ständig in Betrieb, zumindest solange die entsprechenden Stoffwechselvorgänge gegeben sind. 

Das menschliche Gehirn beziehungsweise die Großhirnrinde besteht schätzungsweise aus 30 Milliarden Neuronen, die miteinander durch zirka tausendmal so viele Synapsen verbunden sind und etwa zehnmal so viele Gliazellen. Nervenzellen (Neuronen) sind mit benachbarten Nervenzellen verschaltet und bilden in der so genannten grauen Substanz der Hirnrinde ein dichtes Netzwerk. Nervenzellen können etwa 1.000 Operationen auf elektrochemischem Wege pro Sekunde abwickeln. Im Vergleich zum elektromagnetischen Weg (Lichtgeschwindigkeit) aber eigentlich im Schneckentempo. Den philosophischen Fragen nach der Ursache, nach dem Hintergrund der Herausbildung von Neuronen und des in der biologischen Evolution erfolgten Zusammenschlusses zu einem phänomenalen ganzheitlichen System, sollen hier nicht weiter nachgegangen werden. Nur so viel: 

Der Nobelpreisträger, Quantenphysiker und Philosoph Werner Heisenberg (1901–1976) meinte, dass die physikalischen Elementarteilchen die Urbilder, die Ideen dessen sind, was wir mit den komplementären Begriffen Materie und Energie umschreiben. Er war weiter der Auffassung, dass man die Nukleinsäuren (RNA und DNA) mit deren molekularen „Abschnitten“, den informationstragenden Genen, als Urlebewesen bezeichnen könne, da sie die Grundstruktur für die gesamte Biologie darstellen. Sie sind die Ideen aller Lebewesen und zusammen mit Eiweißmolekülen für den Aufbau und die Weiterentwicklung der biologischen Systeme bestimmend. Vielfach nicht bekannt ist, dass der Ökonom und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Friedrich von Hayek (1899–1991) sich als junger Mann intensiv mit der Arbeitsweise des Gehirns beschäftigte. Bei allen Theorien handelt es sich um Ergebnisse von Hirn- und Denkleistungen, so dass die Frage „Was ist das eigentlich – das Denken?“, auf die noch zurückzukommen ist, durchaus sinnvoll erscheint. 

Das flackernde Netz neuronaler Aktivität 

Der Begriff Neuron (von griechisch: neüron = Nerv) geht auf den Anatomen Heinrich Wilhelm Waldeyer-Hartz (1836–1921) zurück. Eine Nervenzelle ist ein auf „Erregungsleitung“ spezialisiertes Gebilde. Der manchmal auch verwendete Begriff „Reizleitung“ ist nicht richtig, da ein Reiz nicht weitergeleitet werden kann, sondern nur die durch diesen verursachte Erregung. Für alle Lebensformen, ob Einzeller (mit humoraler Steuerung) oder Vielzeller, mit oder ohne ein Gehirn (z. B. Pflanzen), sind Nervenzellen das Grundgerüst für deren spezielles Netzwerk, für Wahrnehmung und Erleben, für ein vages oder ein ausgeprägtes Bewusstsein. Von den Milliarden Neuronen, aus denen das Gehirn zusammengesetzt ist, ist immer nur ein Teil in einem bestimmten Augenblick aktiv. Es handelt sich dann um flüchtige Muster, die sich als Reaktion auf eine Sinneswahrnehmung, einen Gedanken, eine Erinnerung oder eine Handlung, durch ein gemeinsames Tätigwerden ergeben. Elektrochemische Stürme fegen in Sekundenbruchteilen über die Hirnrinde und erzeugen die intensiven Wahrnehmungen, die unsere Bewusstseinsebene erfüllen. Neuronen kommunizieren untereinander mittels biochemischen Botenstoffen, den so genannten Neurotransmittern. Wenn ausgelöste Erregungen (zum Beispiel durch elektromagnetische Wellen, Licht, Hitze, Helligkeit, lokale Kühle) einen gewissen Schwellenwert überschreiten, also registriert werden, „feuert“ das Neuronen an. Dies kann pro Nervenzelle bis zu 500-mal in einer Sekunde geschehen. Die Fasern der Nervenzellen (Axone) sind von einer Flüssigkeit mit hoher Natrium-Ionenkonzentration umgeben. Die Flüssigkeit im Inneren ist reich an Kalium-Ionen. Durch die unterschiedlichen Konzentrationen bildet sich zwischen dem Inneren und der Umgebung der Nervenzelle eine elektrische Spannung. Das „Feuerwerk“, die Signalübertragung zwischen den Zellen, verläuft meist mittels chemischer Substanzen. Elektrische Erregbarkeit (Impulse empfangen), das Ruhepotenzial (die Möglichkeit, Impulse zu integrieren), das Aktionspotenzial (Impulse zielgerichtet übertragen) spielen dabei eine entscheidende Rolle. Bei den neuronalen Entladungen laufen Impulse durch die Axone, Ionen (elektrisch geladene, gebundene Zustände von Atomkernen) und Elektronen werden durch die Zellmembranen geschleust. Durch die Modulation der extrazellulären Konzentrationen von Ionen und Transmittern, sowie der Regulation des lokalen Blutflusses, von dem die Sauerstoffversorgung und die Verfügbarkeit hormonaler Neuromodulatoren abhängt, wird die Weiterleitung elektrischer Impulse gewährleistet.

Die Struktur der Neuronen 

Ein Neuron besteht aus einem Zellkörper mit einem Durchmesser von etwa 30 Mikron, das sind dreitausendstel Zentimeter. Die meisten Neuronen sind gewissermaßen zweipolig aufgebaut. Zum einen verfügen sie über wurzelartig verzweigte Verästelungen (Dendriten) und zum anderen über einen speziellen Fortsatz, dem Axon (Nervenfaser), das über Synapsen (Kontaktstellen) die Verbindung zu einem anderen Neuron herstellt. Wegen seiner Membraneigenschaften ist ein Neuron elektrisch geladen. Wenn es erregt wird, fließt Strom durch Kanäle, die sich entlang der Membran öffnen. 

Die Kommunikation zwischen Neuronen ist eine Mischung aus elektrischen und chemischen Vorgängen. Der Dendriten-Baum einer einzelnen menschlichen Nervenzelle kann durch 100.000 bis 200.000 Fasern mit anderen Neuronen in Kontakt stehen. Neuronen und Gliazellen bilden auf solche Weise die Struktur und die Informationsarchitektur von Nervensystemen. Grob gesagt, funktionieren die Dendriten als Antennen, die Axone als Sender. Funktionell besitzen alle Wirbellebewesen (Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säuger) ein Drei-Neuronen-System (Sinnesneuronen, in der Regel außerhalb von Gehirnen und dem Rückenmark, intermediäre Neuronen und motorische Neuronen, beide innerhalb des Zentralnervensystems). Es ist jedenfalls sehr schwierig sich vorzustellen, wie Myriaden von Neuronen in Millionen von Nervenbahnen feuern und dadurch Gefühlsregungen, Wahrnehmungsqualitäten, Gedanken und Emotionen entstehen. Eine Kernaufgabe der wissenschaftlichen Forschung liegt darin, die kausalen Beziehungen zwischen den beiden Ebenen aufzuzeigen, so dass sich die phänomenalen Eigenschaften der einen Ebene aus Ereignissen der anderen Ebene heraus verstehen lassen. 

Unsere zwei Gehirnhälften 

Kognitive Leistungen, vor allem Wahrnehmung, Denken, Sprechen, Lernen und Erinnerung sowie der Zeichengebrauch jeder Art sind ohne ein intaktes Gehirn nicht möglich. Unsere Hirnneuronen sind nicht nur in der Lage, Impulse und Informationen weiterzuleiten, sondern auch sie zu bewerten, zu klassifizieren, zusammenzufügen, zu strukturieren und zu speichern. Der Neurobiologe und Nobelpreisträger Roger W. Sperry (1913–1994) und sein Kollege Michael Gazzaniga machten die Entdeckung, dass unsere beiden Hirnhälften nicht die gleichen Informationen verarbeiten, sondern sich die Aufgaben teilen. 

Die linke Hirnhälfte ist für alle Aspekte der Kommunikation zuständig. Sie prozessiert Gehörtes, Geschriebenes und die Körpersprache. Die rechte Hälfte ist für Bilder, Melodien, Intonation und komplexe Muster wie Gesichter maßgeblich. Die linke Hirnhälfte verantwortet konvergente Denkprozesse. Sie arbeitet logisch, analytisch, rational und zielt auf Details ab. Divergentes Denken ist hingegen die Stärke der rechten Hälfte. Sie ist einfallsreicher, fantasievoller und intuitiver. 

Denken und Sprechen 

Denken ist all das, was sich in einem bestimmten Augenblick in unserem Bewusstsein vollzieht. Unter dem Begriff Denken werden Vorgänge zusammengefasst wie die Beschäftigung mit Vorstellungen, mit Erinnerungen und Begriffen, um eine bestimmte Erkenntnis zu formen. Bewusst werden nur die Endprodukte der Denkvorgänge, nicht die eigentlichen Denkprozesse. Wie das Denken im Einzelnen geschieht, ist Forschungsgegenstand verschiedener Disziplinen: Wissenssoziologie, Ethnologie, Denkpsychologie und Kognitionswissenschaft. Hauptgebiet der Denkpsychologie ist das Problemlösen, also die Fähigkeit, auftauchende Probleme mittels bewusst gesteuerter Denkprozesse einer Lösung zuzuführen. Denken wird allgemein von Wahrnehmung und Intuition unterschieden, weil beide nicht begrifflich sind. Gedanken hingegen werden als begrifflich aufgefasst. Denken kann auf einem Einfall basieren, kann spontan durch Gefühle, Situationen, Sinneseindrücke, Personen, andere Lebewesen oder Dinge ausgelöst werden. Oder es handelt sich um ein abstrakt-konstruktives Denken. Denkvorgänge sind sehr energieintensiv. Der Energiebedarf des Gehirns wird, vereinfacht ausgedrückt, durch Oxidation von Zuckermolekülen mit Sauerstoffmolekülen gedeckt. Die beiden Substanzen werden beim Vorgang des Denkens vermehrt in der betroffenen Hirnregion benötigt. Der Blutfluss zum Transport dieser beiden Substanzen wird erhöht. Bei uns Menschen erfolgte in der Evolution schrittweise eine Weiterentwicklung im auditiven Hirnbereich, indem – wie auch immer – ein motorisches und sensorisches System für die Sprache gebildet wurde. Das Denken, ein energetischer Prozess, der in den Netzwerken der Neuronen abläuft, ist so ein grundlegender Aspekt menschlichen Seins. Durch das Denken werden geistige Modelle gebildet oder zu einander in Beziehung gesetzt. 

Trotz ihrer unterschiedlichen Ursprünge sind Denken und Sprechen eng miteinander verknüpft. Denken ist eine Form von Informationsverarbeitung, Sprechen eine Form von Kommunikation. Die mit dem Sprechen im Zusammenhang stehende Fähigkeit, Begriffe zu bilden, und die Denkoperationen führten zur Möglichkeit, Handlungsabläufe verinnerlicht durchzuexerzieren. Ein motorisches Verhalten wird erst dann erforderlich, wenn durch eine erzielte Einsicht das am zweckmäßigsten erscheinende Verhalten ermittelt wird. Dadurch lassen sich Zeit, Energie und Risiko sparen beziehungsweise vermeiden. Wilhelm von Humboldt (1767–1835) hat die These aufgestellt, dass das Denken im Wesentlichen von der Sprache bestimmt werde, dass Sprache als das „bildende Organ der Gedanken“ gilt. Denken und Sprechen, jedes für sich, sind Ergebnisse der Evolution. Sprachliches Denken ist ein Produkt historisch-kultureller Entwicklung. 

Die innere Stimme 

Ein Teil unseres Sprechens, insbesondere das technische Denken oder die Mathematik, der Dialog der Naturwissenschaften, kommt im Prinzip ohne Sprache aus. Wir können auch sprechen, ohne zu denken. Ein großer Teil des Denkens verläuft jedoch in einer Art von innerem Sprechen. Die innere Stimme basiert auf einem bestimmten Nervenareal, dem Sprachzentrum im Vorderhirn. Die innere Stimme, die fortgesetzte Aktivität dieses Areals, bewirkt einen unaufhörlichen Strom von Gedankenfragmenten und Ideen. Die Sprache und auch die Körpersprache sind Transportmittel, damit man eigene Gedanken anderen mitteilen kann. Aber auch, um Gedanken voreinander zu verbergen. Wie schon Heinrich von Kleist (1777–1811) in einem Aufsatz unter dem Titel: „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ es ausgedrückt hat, hilft uns die Sprache, Gedanken zu entwickeln und selbst zu verstehen. 

Wir besitzen aber auch, wie schon angedeutet, ein nichtsprachliches Denken, eines in sinnlichen Einzelvorstellungen, in Tönen, Bildern, Farben, Mustern, Fantasien, wie es beispielsweise die Künstler kennen. Psychologisch beruht Fantasie auf unserer Vorstellungskraft, die Erinnern und Denken in verschiedenen Formen ermöglicht. Psychodynamisch wird beispielsweise ein Fantasieren erwartet, wenn Triebe in der Realität nicht ausgelebt werden können. Die Fantasie stellt dann sozusagen ein Ventil zur Triebbefriedigung dar. Ein nichtsprachliches Denken ist auch jenes, das mit dem Traum und der Imagination verwandt ist. Wie bei der Legende, dass der Chemiker Friedrich August Kekulé (1829–1896) die von ihm entwickelte Ringstruktur des Benzolmoleküls erträumt habe. Vielleicht keine Legende, hat doch der Neurophysiologe und Nobelpreisträger John C. Eccles (1903–1997) erklärt, dass der Schlaf keineswegs ein Aussetzen der Gehirntätigkeit bedeute, aber so etwas wie eine weniger geregelte oder inkohärente Aktivität. Im Schlaf verändern sich sowohl das zerebrale Aktivitätsniveau als auch die Muster der neuronalen Entladungen. 

Die Zeichensprache 

Voraussetzung aller Kommunikation, dessen was wir meinen, sind wahrnehmbare Darstellungen, die vermittelt werden. Körpersignale, Sprachlaute, Schriftzeichen, Symbole, Abbildungen aller Art. Wörter und Begriffe enthalten dabei „potenzielle Intelligenz“. Die meisten von uns können bewusst nur das denken, was sich in Begriffe, Worte, Zeichen und Formeln kleiden lässt. Wenig verwunderlich, dass auch Metaphern, Sprachbilder, verwendet werden, um bestimmte Gedanken, für die es keinen exakten Ausdruck gibt, zu vermitteln. 

Wir können meist nur räumlich und zeitlich denken, nicht ungegenständlich, nicht abstrakt. So werden Worte, Symbole und Begriffe meist wie Gegenstände angesehen: Der Urknall, der Kosmos, die Energie, das Atom, der Raum, die Zeit, der Geist, der Tod und Gott. Die Sprache eröffnete die Möglichkeit, Objekte im Gedächtnis zu bewahren, wenngleich sie gar nicht mehr sichtbar beziehungsweise gegenwärtig sind. Das Denken von uns allen ist einzigartig. Es ist nicht vollständig untereinander mitteilbar. Deshalb, weil jede(r) von uns ein individuelles Profil besitzt, welches das Denken strukturiert, die Erinnerung formt und diese in bestimmter Weise mit der Aktualität verknüpft.

Die Meme 

Meme sind besondere Gedankeneinheiten, gewissermaßen Gedankenquanten, die als ein in sich geschlossenes Muster in unseren Köpfen gespeichert werden. Der Begriff „Mem“ wurde 1976 durch den Biologen Richard Dawkins erstmals für intellektuelle Gedankeneinheiten verwendet. Zu den mächtigsten Memen, die das Denken breiter Schichten bestimmen, zählen beispielsweise solche, die wirtschaftlichen, sozialen oder tagespolitischen Vorgängen und Prinzipien zuzuordnen sind. Oder jene, dass es eine universale Ordnung gibt. Zu solchen festgefügten Gedankeninhalten gehören unter anderen die Ansichten: „Kein Schaden ohne einen Nutzen“, „Ohne Fleiß kein Preis“, „Die Nachfrage bestimmt das Angebot“, „Die Globalisierung, die Kapitalmärkte, die Politiker sind an allem schuld“. Meme besetzen so wichtige Schaltstellen im Gehirn, sind bei Bewusstsein jederzeit präsent und können andere Gedanken verdrängen, die vielleicht zutreffender oder wertvoller wären. Der Philosoph und Direktor des Center for Cognitive Studies der Tufts University in Boston, Daniel Dennet ist überzeugt, dass kulturelle Informationen die Arbeitsweise des Gehirns umfassend strukturieren. Das menschliche Bewusstsein ist ein riesiger Komplex von Memen. Meme sind ein anderes Wort für Ideen, das kulturelle Gegenstück zu den Genen. Sie entstehen durch kreativen Zufall, breiten sich aus, verändern sich und stehen im Wettstreit miteinander.

Das Gedächtnis 

Unter Gedächtnis, einem neuronalen Gedankenspeicher, wird die Fähigkeit verstanden, dass im Nervensystem aufgenommene Informationen, die zeitliche Abfolge von Signalen, deren Sinn und Bedeutung nach eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten interpretiert, gespeichert, geordnet und wieder abgerufen werden. Gedächtnis ist eine Eigenschaft des Zentralnervensystems, die von den Sinnen aufgenommenen Informationen, sowie eigene Gedanken gezielt zu ordnen und jederzeit nach Belieben abzurufen. Das Gedächtnis ist auch die Grundlage aller Lernprozesse. Der Philosoph Karl. R. Popper (1902–1994) hat einige Phänomene des Gedächtnisses in einem weiteren Sinn so zusammengefasst: 

  • Der erste gedächtnisähnliche Effekt bei Organismen ist höchstwahrscheinlich die Beibehaltung des im Genom kodierten Programms für die Protein-(Enzym)-Synthese. 
  • Die angeborenen Nervenbahnen bilden wahrscheinlich eine Art von Gedächtnis, das aus Instinkten, Handlungsweisen und Fertigkeiten besteht. 
  • Immunologisches Gedächtnis 
  • Angeborene Lernfähigkeiten 
  • Durch einen Lernprozess erworbenes Gedächtnis 

Die Lokalisierung der Gedächtnisspuren ist auch eine Frage, über die es diverse Spekulationen gibt, wie die Vermutung, Erinnerungen werden in Proteinen verschlüsselt, die innerhalb der Neuronen gespeichert sind, bis dahin, dass das Gedächtnis mit der Bildung neuer Dendriten-Verbindungen zusammenhängt, oder dass auch Sensibilitätsveränderungen an den Neuronen-Membranen eine Rolle spielen. Unser Gedächtnis hat allerdings mit den bekannten Datenspeichern, etwa einer Computerfestplatte, einer DVD, einem Film oder einem Notizzettel, wenig gemeinsam! Wenn man sich erinnert, werden abgelegte eindeutige Daten nicht in ihrer exakten Form abgerufen. Einmal Gedachtes, das Spuren im Gehirn hinterlassen hat, wird nämlich mehr oder weniger ähnlich wie beim ersten Mal gedacht. Aus der Tatsache, dass es im Gehirn keine Datenspeicherung im technischen Sinn gibt, folgert, dass unser Gedächtnis dezentral ist und von vielen verschiedenen Teilsystemen im Gehirn abhängt. In der kognitiven Psychologie wird Denken als eine Mischung aus Gedächtnisleistungen und logisch-abstrakter Symbolverarbeitung angesehen. Das Gedächtnis funktioniert vornehmlich nicht visuell, sondern auf der Grundlage von Gefühlen. Erst das Gefühl ruft ein visuelles Abbild hervor. Außerdem besitzt das Gedächtnis keine messbare Größe. Letztlich sind wir mit unseren begrenzten Ressourcen (beschränkte Aufmerksamkeit, beschränktes Kurzzeitgedächtnis, Schwächen des Langzeitgedächtnisses) beim Denken auf Heuristik (implizites Wissen, Vorurteile, Sympathien usw.) angewiesen. 

Intuition und Inspiration 

Intuition und Wahrnehmung sind vom eigentlichen Denken zu unterscheiden. Deshalb, weil beide nichtbegrifflich sind. Unter Intuition, eine unmittelbare Anschauung, ein ahnendes Erfassen, eine unmittelbare Einsichtigkeit in Sachverhalte, werden in der Regel unbewusste Einsichten verstanden, die ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes zustande kommen. Unter Inspiration (von lat. inspiratio = Einhauche) versteht man allgemeinsprachlich eine Eingebung, etwa einen unerwarteten Einfall oder einen Ausgangspunkt künstlerischer oder sonstiger Kreativität. Begriffsgeschichtlich liegt die Vorstellung zugrunde, dass einerseits Werke von Künstlern aller Art, andererseits religiöse Überlieferungen eingebunden sind. Vorstellungen, die sich sowohl in vorderorientalischen Religionen als auch bei den vorsokratischen Philosophen finden und dann eine breite Wirkungsgeschichte entfalteten. 

Es ist eine offene Frage, ob die vorgestellte Analyse des Denkens, dass alles was wir denken, glauben, tun, rein auf die individuellen neuronalen Vorgänge im Gehirn (man denke an die allerdings vielfach umstrittene Theorie eines autonomen, selbstbewussten Geistes, entwickelt vom Nobelpreisträger John C. Eccles) und die erfolgte kulturelle Prägung zurückzuführen sind. Der kanadische Neurologe und Neurochirurg Wilder Penfield (1891–1976) schrieb, dass die Gehirntätigkeit die Grundlage des Denkens in jedem Individuum sei. Diese begleite die Aktivität individuellen Geistes. Dass aber viele Menschen an eine geistige Führung und Lenkung von Umfassenderem glauben, eine solche erfahren oder sich wünschen, seien persönliche Überzeugungen, die jeder Mensch für sich akzeptieren mag oder auch nicht. Wie im Phänomen des Lebendigen sich Gehirne entwickelten, darüber gibt es viele Vermutungen, Studien und Theorien. Uns werden jedenfalls nur die Endprodukte des Denkens bewusst. Jedem bewussten Denkprozess gehen wieder unbewusste Denkschritte voraus. Wir haben kein spezielles Wissen von den physikalischen Prinzipien, den neuronalen und biochemischen Mechanismen, die den Vorgängen des Denkens zugrunde liegen, wie letztlich die psychischen Leistungen hervorgebracht werden. 

Nicht präzise zu wissen, wie und was man eigentlich denkt, sagt, meint und tut, ist so kein beruhigendes Gefühl und führt bis hin zur Spekulation, in einer virtuellen Wirklichkeit befindlich zu sein. Die Annahme, Denken sei verlässlicher oder objektiver als die Wahrnehmung, ist nicht zutreffend. Je mehr wir durch die Neurobiologie über die materielle Bedingtheit unserer kognitiven Leistungen aufgeklärt werden, umso deutlicher wird es, dass wir vieles einfach nicht wissen können; sowie, dass die Grenzen nicht erkennbar sind, hinter denen unsere Kognition versagt. 

 

Dipl.-Vw. Dr. Karl Sumereder, Innsbruck, war in seiner Management-Laufbahn u.a. Geschäftsführer der AMEA, Wien, Senior Vice-President der Austrian Food Center Corporation, New York, und Mitglied im Beirat für die Außenhandelsstatistik, Wien.

Bearbeitungsstand: Dienstag, 29. Mai 2012
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft