Die weltberühmten Helme von Negau


Untersteirische Spurensuche 2012 – „Es stand ein Schloss in Österreich“

 

Von Bernd Stracke

Im Zuge der Ernennung von Marburg an der Drau zu einer der beiden Kulturhauptstädte Europas 2012 (neben Guimarães in Portugal) rückte heuer auch das 30 Kilometer weit entfernte 320-Seelen-Dorf Negova, das bis 1945 Negau hieß, ins Zentrum historischen und archäologischen Interesses.

Einer der in Negau auf einem Acker ausgegrabenen Helme

Zum einen wegen der 1811 ausgegrabenen legendären Negauer Helme, zum anderen wegen des 1425 errichteten und teilweise frisch restaurierten Schlosses Negau. Der Autor dieses Berichts, durch seine Vorfahren, die über zwei Generationen hindurch Domänendirektoren in Negau waren, mit dieser alt-untersteirischen Region familiengeschichtlich und daher emotional verbunden, begab sich auf Spurensuche.

Die Helme

Verschwörerisch zwinkert Pfarrer Josef Horvath mir, seinem frühen Fahrgast, zu, als er vor dem Eingang der Negauer Marienkirche die Tür seines Kleinwagens öffnet. Der Pfarrer, der klarstellt, dass er trotz seines ungarischen Namens Slowene ist, spricht ausgezeichnet Deutsch. Was Horvath mir zeigen wird, ist – noch – exklusiv: Er will mich geradewegs zur Fundstelle der weltberühmten Negauer Helme führen. Lang hat er nicht Zeit, denn er muss um acht Uhr die Frühmesse lesen. Aber es ist Sommer und der Morgen bricht früh an. Zunächst ist die einspurige Straße, die sich kurvenreich die Windischen Bühel entlang windet, noch asphaltiert. Einzelne Bauernhöfe, wogende Felder, kleine Mischwaldabschnitte mit Buchen, Birken und Edelkastanien. Ab und zu ein krähender Hahn. Dann beginnt der rurale, unasphaltierte Bereich. Flurtafeln werden seltener. Der Weiler St. Benedikten, dessen Pfarre Josef Horvath mitbetreut, ist noch beschildert, ebenso Staingrova, das frühere deutsche Stanglberg. Ženjak[1] lautet eine weitere Ortstafel, vielleicht eine Gehstunde von Negova entfernt. Horvath biegt gleich dahinter in einen schmalen abschüssigen Holzbringungsweg ein, zieht die Handbremse an, stellt den Motor ab: Angekommen.

Pfarrer Josef Horvath zeigt die Stelle, an der vor 201 Jahren die Negauer Helme gefunden wurden.

Der heutige lichte Laubwald war ein zur gräflich Trauttmannsdorffschen Herrschaft Negau gehörender Frischacker, als der Landarbeiter Jurij Schlatschek vor 201 Jahren beim Versuch, einen Apfelgarten anzulegen, auf etwas Hartes gestoßen war. Nein, es war kein Schatz im herkömmlichen Sinn, den der Landarbeiter entdeckt hatte. Es kam „nur“ ein alter Bronzehelm zutage, mit seltsamen Schriftzeichen versehen. Dann noch einer und noch einer und wieder einer. Unweit der ersten Fundstelle kamen auf einem noch steileren Waldstück weitere Kopfpanzer zum Vorschein. Insgesamt umfasste die Ausgrabungsbeute schließlich 26 Helme.[2] Jurij Schlatschek brachte seinen Fund in die Stadt Marburg an der Drau und veräußerte dort 25 Helme an den Kupferschmied Johann Denzl. Bald danach kaufte das Grazer Landesmuseum Joanneum 17 dieser Helme an – oder bekam sie geschenkt. So genau legt sich die Museumschronik nicht fest. Im folgenden Jahr 1812 erreichte die Nachricht von dem Fund die k. und k. Hofkanzlei in Wien, die nach dem damaligen Gesetz Anspruch darauf erhob und sich alle Helme in die Hauptstadt des Kaiserreiches liefern ließ.[3]

Bis heute unerforschte archäologische Fundstätten

Von Mund zu Mund wurde die geografische Lage der beiden Fundstellen bis zum heutigen Tag weiter überliefert, auch an Pfarrer Horvath, und letztlich auch an slowenische Archäologen, die das Areal vor kurzem mit Hubschraubern überflogen und Bodenformationen ausmachten, die darauf schließen lassen, dass in der Gegend von Negau noch mit weiteren, möglicherweise sensationellen archäologischen Entdeckungen zu rechnen ist. Immerhin schließt die englische Wikipedia-Fassung, die über die Negauer Helme kurioserweise in mancher Hinsicht detailliertere Auskunft gibt als die deutsche, die Lexikoneintragung mit dem kryptischen Satz: „Die Stelle wurde niemals richtig ausgegraben“.[4] Unter anderem wird vermutet, so verrät mir der Pfarrer, dass eine heute als Weide dienende kegelförmige Hügelkuppe wahrscheinlich von Menschenhand stammt. Staatlicherseits seien, versichert Horvath, bereits die Anbringung von Hinweistafeln für interessierte Touristen und Geländeabsperrungen zur Verhinderung allfälliger Plünderungen durch Hobby-Archäologen in Vorbereitung. Ich sei bestimmt einer der letzten, die hier ungehindert Zugang hätten.

Unter diesem Hügel werden Reste keltisch-germanischer Besiedlung vermutet.

Die Negauer Helme sind so charakteristisch gefertigt, dass sie für einen ganzen Rüstungstyp namengebend wurden. Die – eher karge – Fachliteratur beschreibt folgende Details: Krempe, eine steile hohe Kalotte (Kugelkappe) und eine „Kehle“ an der Kalottenbasis. An der Unterseite der Krempe konnte offenbar ein Futterblech befestigt werden, das das Helmfutter halten sollte. Die Helme sind mit gestempelten Kreisaugen, Palmetten, Rechtecken, Kammstempeln, Zickzackmustern und Strichen verziert. Wahrscheinlich waren an letzteren ursprünglich Rosshaarkämme gefestigt. Der Negauer Fund enthält, so ergaben Analysen, zwei Helmvarianten mit unterschiedlicher Datierung: Die ältere Gruppe bilden die Helme der Gruppe Vace,[5] die Prof. Dr. Markus Egg[6] in die zweite Hälfte des 5. und an den Anfang des 4. vorchristlichen Jahrhunderts einordnet. Die Helme der Variante Idrija (deutsch: Idria) sind nach einer Gemeinde bzw. Stadt in der slowenischen Region Goriška benannt und wurden im 4. und dann erst wieder im 1. vorchristlichen Jahrhundert hergestellt. Die gemeinsame Deponierung verschiedener Helmvarianten könnte auf einen Trophäen- oder Kultplatz hinweisen. Professor Egg zu „Genius“: „Ich habe wegen der Verbreitung der Inschriften der späten Negauer Helme vermutet, dass dieser Kultplatz möglicherweise nicht im Umfeld von Negau, sondern irgendwo im italienisch-slowenischen Grenzgebiet gestanden haben könnte.“

Wissenschaftlich weitgehend gesichert scheint heute die Tatsache, dass die Helme in der Zeit zwischen 55 und 50 v. Chr. vergraben wurden, also nur etwa 35 Jahre, bevor die Römer plündernd in das Territorium einmarschierten. Vielleicht ein Glück für die Erhaltung der Artefakte: Die Eroberer hätten die Helme möglicherweise eingeschmolzen. Warum aber, fragt sich der amerikanische Sprachforscher Thomas Markey, emeritierter Professor der University of Michigan, wurden die Kopfpanzer noch 350 Jahre nach ihrer Herstellung quasi wie ein Schatz bewahrt? Denn im Kampf getragen wurden diese, ein halbes Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung hergestellten Helme seit 300 v. Chr. wohl nicht mehr.

Paul Gleirscher vom Landesmuseum für Kärnten vermutet, dass die Helme rituell-symbolische Bedeutung für die Kelten besaßen. Dafür gebe es mehrere Hinweise: Schon Caesar beschrieb die Praxis der Kelten, Beute in wirren Zeiten an heiligen Orten zu vergraben. Dafür spreche auch, dass manche der Helme neben den germanischen auch jüngere keltische Inschriften aufweisen.

Ursprung der Schrift auf dem Balkan?

Nur langsam bringt die Forschung Licht in die Entstehung eines der größten Mysterien der Menschheitsgeschichte, der Schrift. Im Balkan und nicht, wie lange vermutet, im Zweistromland Mesopotamien, seien die ältesten Zeugnisse menschlicher Sprache zu finden, enthüllte die Neue Zürcher Zeitung. Und zwar auf 7000 Jahre alten tönernen Spinnwirteln (Schwunggewichten einer Handspindel), die westlich von Belgrad ausgegraben wurden und – nach ihrem dortigen Fundort – als Vinca-Zeichen[7] in die Wissenschaftsgeschichte eingingen. Diese Zeichen gelten als Schrift der so genannten alteuropäischen Kultur, die in der Jungsteinzeit zwischen 6000 und 4000 v. Chr. in Südosteuropa existierte, dann aber vermutlich durch die Völkerwanderung ausgelöscht wurde.

Die „Harigast“-Beschriftung auf einem Negauer Helm.

Die Inschriften auf zwei Negauer Helmen, die heute das kunsthistorische Museum in Wien aufbewahrt, sind um einige Jahrtausende jünger, aber nicht weniger rätselhaft. Es lassen sich die Worte „Siraku urpi“ und „Harigasti teiva“ entziffern. Laut einer jüngeren slowenischen Publikation[8] könnte die Übersetzung lauten: „Harigast, Mitglied des germanischen Stammes, gibt oder opfert die Helme für Gott“. Eine andere, vom eher okkultistischen Buchautor Jan Fries vertretene Interpretation geht davon aus, dass mit dem Begriff Harigast der „Gast des Heeres“ gemeint ist, ein Name Wotans. Teiwa(z) bezeichne wiederum eine andere alte germanische Gottheit. Die Schreibung von rechts nach links sei typisch für frühe Runentexte, obwohl ziemlich ungewöhnlich für europäische Alphabete. Der US-Forscher Thomas Markey übersetzt den Negau-Helm-Text hingegen als „Harigast Gottes(priester)“ und meint, dass Harigast wahrscheinlich ein wohlhabender Germane war. Dass die Kelten sowohl in Kontakt mit Etruskern als auch Germanen standen, sei unstrittig. Und dass sie das nordetruskische Alphabet in der betreffenden Gegend benutzten, würden Funde bei Magdalensberg[9] belegen. Warum aber übernahmen dann die Germanen das Alphabet der Etrusker nicht direkt? Dafür gebe es, so Markey, linguistische Gründe. Es sei viel leichter, das Keltische mit etruskischen Buchstaben wiederzugeben als das Germanische. Doch immerhin: Etwa die Hälfte aller Zeichen des Runenalphabets seien direkt auf das Etrusker-Abc bezogen – viel mehr, als es Äquivalenzen zwischen dem lateinischen Schriftsystem und germanischen gebe. Dass es ein „geliehenes“ Alphabet war, das die Germanen benutzten, könnte auch erklären, weswegen sie sich die Mühe machten, eine Rune für ein „p“ zu schreiben – obwohl es einen solchen Laut ursprünglich so gut wie gar nicht gab. Im Etruskischen entspreche dieser Laut dem Symbol pi. Das sei ungefähr dieselbe Situation, die uns heute nötige, das „v“ mit uns „herumzuschleppen“, obwohl „w“ und „f“ für seine beiden Lautvarianten genügen würden.

Sei es, wie es sei: Das letzte Kapitel dieser Schriften-Geschichte ist wohl noch nicht geschrieben. Pfarrer Horvath wird auch künftig, wenn er seine Schäflein in St. Benedikten, Staingrova und Ženjak aufsucht, immer wieder an den „heidnischen“ Kultstellen vorbeikommen, an denen – zu welchem Zweck auch immer – Jahrhunderte lang die Negauer Helme ruhten.

Das Schloss

„Wenn du aus dem altberühmten Pettau nach Radkersburg reist, schau dich auch nach links um, und du wirst eingenommen vor einer herrlichen Naturkulisse stehen bleiben, wie du sie auf deiner bisherigen Reise noch nicht gesehen hast und auch nicht mehr sehen wirst. In einer angemessenen Entfernung erblickst du nämlich eine auf einem freundlichen Hügel stehende und von grünen Wäldern umgebene, prächtige Burg“, beschreibt ein Reiseführer 1892 die auch heute noch das Landschaftsbild dominierende Schlossburg Negau. Die 1425 errichtete Festung befand sich ursprünglich im Besitz der Herren von Winden[10], ging aber 1487 an Wilhelm von Bärneck (auch Perneck geschrieben). Die Burg wurde im gleichen Jahr vom Ungarnkönig Mathias Corvinus belagert, eingenommen und durch die Hilfe des Herzogs Albrecht von Sachsen befreit. Trotzdem konnte Negau nicht gehalten werden und musste an Jakob Szekely, einen Befehlshaber der ungarischen Armee, übergeben werden. Der Sage nach soll zur Zeit, als Mathias Corvinus die Burg Negau belagerte und eroberte, die Grenze gegen Ungarn in der angrenzenden Gemeinde Dreikönig (Bezirk St. Leonhard in den Windischen Büheln) gewesen sein.

Für das Familiengrab der Steinbrenner-Domänendirektoren auf dem Negauer Friedhof wurde Aflenzer Marmor verwendet.

Fest steht, dass Vinzenz Steinbrenners gleichnamiger Sohn Vinzenz II im Jahr 1883 die Nachfolge seines Vaters als Domänendirektor antrat und diese Position 39 Jahre lang bis 1922 innehatte. Wie seinem Vater Vinzenz I attestierten zeitgenössische Medien auch Vinzenz II „vorbildliche und mustergültige“ Gebarung. Während Vinzenz I eine persönliche kaiserliche Ehrung durch Franz Joseph zuteil wurde, ernannte die Gemeinde Negau seinen Sohn Vinzenz II zum Ehrenbürger – und das in einer Zeit, in der Negau nicht mehr der österreichisch-ungarischen Monarchie und noch nicht dem Deutschen Reich, sondern dem SHS-Staat Jugoslawien angehörte.[12] Somit lag die Verwaltung von Schloss und Gütern fast sieben Jahrzehnte lang ununterbrochen in steinbrenner’schen Händen.

Die Urenkelin von Vinzenz Steinbrenner I, Dorothea Weißensteiner, Großtante des Autors und heute in der Obersteiermark lebende 85jährige Malerin und die wohl letzte Lebende, die noch im Schloss Negau gewohnt hat, erinnert sich an einen Brand im Jahr 1930, dem Teile des Schlosses zum Opfer fielen.

Nach 1945 verstaatlichte die damalige Volksrepublik Slowenien das von Partisanen geplünderte und in einen jämmerlichen Zustand versetzte Schloss. Der Bau verfiel zusehends, bis nach den Zwischenphasen der Sozialistischen Republik Slowenien und der jugoslawischen Republik Slowenien der selbständige Staat Slowenien Renovierungspläne schmiedete und – mit Hilfe von EU-Mitteln – teilweise umsetzte. Während der innere Teil des Schlosses heute für Besucher gesperrt ist, werden im restaurierten Außenteil auf Anmeldung hin Führungen durchgeführt. Am 17. Mai dieses Jahres versammelten sich anlässlich des 100. Todestages von Vinzenz Steinbrenner I Familienangehörige aus den USA, Schottland, England, Deutschland, Slowenien und Österreich zu einer Gedenkmesse und einem Besuch des Steinbrenner-Familiengrabes, des einzigen erhaltenen deutschsprachigen Grabmals auf dem Negauer Friedhof.

Schloss Negau Ende des 17. Jhts. – Stich von Georg Matthäus Vischer aus der im Auftrag der Landstände erstellten „Topographia Ducatus Stiriae“, 1681.
Das heutige Schloss Negau.

1488 erhielt Graf Jörg von Savoyen die Burg Negau als Ersatz für das verlorene Krain. Vier Jahre später ging Negau neuerlich an die Familie Bärneck, und zwar an Bartlmä von Bärneck. Als das Geschlecht Bärneck mit Wilhelm Graf v. Bärneck ausstarb, kamen die Güter durch Verehelichung der Bärneck-Erbtochter an die freiherrliche Familie Raggnitz.

Von 1543 bis 1941 stand die Burg im Besitz der fürstlichen Familie Trauttmannsdorff[11], deren größere Güter in Böhmen lagen, so dass Negau meistens verpachtet wurde. In der vier Jahrhunderte währenden Trauttmannsdorffschen Ära wurden mehrere Erneuerungen und Erweiterungsbauten vorgenommen, die dem Ansitz letztlich das heutige schlossartige Gepräge verliehen. Aus 1605 ist eine „Verwüstung“ Negaus durch die Türken dokumentiert. Am 1. August 1683 wurden, einer alten Urkunde zufolge, nach Negau zur Verteidigung „1 Zentner Pulver und 3 Zentner Blei abgegeben“. Auch 1704 sollen noch „türkische und ungarische Räuber, die Kuruzzen“, eingebrochen sein und „durch Niederbrennen beispiellosen Schaden angerichtet“ haben. Zeitweise war Negau auch Sitz eines „Ortsgerichtes der Herrschaft Negau“, wie u. a. ein Todesedikt vom 4. Juni 1816 beweist. 1848 sagten die Bauern von Kleinsonntag einen Sturm auf Negau an und besetzten das Schloss tatsächlich vorübergehend mit „72 Mann Infanterie und Cavallerie aus Radkersburg“. In die wechselvolle Geschichte des Schlosses Negau kann man sich beliebig vertiefen. So ließe sich etwa auch eine Spur weiterverfolgen, der zufolge in der Albrechtsburg in Meißen (!) ein Wandbild von Julius Scholz aus 1880 erhalten ist, das ein „Gefecht von Negau“ zeigt.

Steinbrenner-Domänendirektoren

Wie Vinzenz Steinbrenner I, der 1824 geborene Sohn des Kaufmannes und Garnhändlers Josef Steinbrenner aus Lomnitz im Kreis Jitschin (Reichsprotektorat Böhmen und Mähren) nach Negau kam und dort im Jahr 1856 als 32jähriger zum Trauttmannsdorff’schen Domänendirektor (Forstverwalter und Güterdirektor) avancierte, ist derzeit Gegenstand der Steinbrenner-Familienforschung.

Fresken in der (Besuchern derzeit nicht zugänglichen) Negauer Schlosskapelle.

Deutschsprachige Spuren in der ehemaligen Untersteiermark werden, obwohl das Land 758 Jahre lang mehr oder weniger deutsch geprägt war[13] und auf zusammen lediglich 90 Jahre slowenische Herrschaft verweisen kann, zunehmend seltener. Wie der Balkanspezialist Christian Wehrschütz heuer im Jänner im ORF berichtete, leben heute noch 2000 Altösterreicher in Slowenien. Während die ungarische und die italienische Minderheit in Slowenien anerkannt sind und Österreich seinerseits der slowenischen Minderheit nicht nur Anerkennung, sondern darüber hinaus großzügige Förderungen zuteil werden lässt, wartet die deutsche bzw. österreichische Minderheit noch immer auf die ihr zustehende Anerkennung.

Wann folgt Slowenien dem Kärntner Vorbild?

Wann Slowenien völkerrechtlich dem Kärntner Vorbild folgen wird, fragt daher – wohl mit Recht – der FPÖ-Nationalratsabgeordnete und dritte Nationalratspräsident Dr. Martin Graf, dessen mütterlicherseitige Familie nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem damals deutschsprachig besiedelten Sudetengebiet vertrieben wurde, in einem Kommentar auf der Internet-Seite www.unzensuriert.at: „Tatsache ist, dass Kärnten immer vorbildhaft war, was die Wahrung der Minderheitenrechte betrifft. Weit weniger gut ist es um die Minderheitenpolitik auf der anderen Seite der Grenze  bestellt. Slowenien weigert sich beharrlich, der deutschen Volksgruppe Anerkennung und damit jegliche Minderheitenrechte zuteil werden zu lassen. Auch historisch hat Slowenien einiges aufzuarbeiten, was die Vertreibung und Ermordung deutschsprachiger Bürger in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs und danach betrifft. Redliches Bemühen aller Seiten, das in Kärnten zu einer Lösung geführt hat, ist in Slowenien allerdings kaum feststellbar. Nicht einmal zur kommunistischen Vergangenheit ist man in der Lage, einen klaren Trennstrich zu ziehen. Letzte Provokation gegenüber den Opfern war die Herausgabe einer slowenischen Gedenkmünze mit dem Portrait des Partisanen-Generals Franc Rozman samt Titostern. Die österreichische Regierung ist daher aufgefordert, sich für die deutsche Minderheit in Slowenien und die Rechte der Vertriebenen mit gleich großer Intensität einzusetzen, mit der sie auf eine Lösung des Ortstafelkonflikts hingewirkt hat. Menschenrechte – und dazu gehören auch Minderheitenrechte – müssen auf beiden Seiten gewahrt werden.“

 
Bernd Stracke
ist Journalist, Hobbyhistoriker und Ururenkel des ersten Negauer Domänendirektors Vinzenz Steinbrenner I.

Anmerkungen

[1]  Der Name wird mit stimmhaftem „Sch“ ausgesprochen: Schenjak. Der frühere deutsche Ortsname lautet Schöniak.

[2]  Von diesen ursprünglich 26 Helmen hat der Finder Slatschek einen zerbrochen bzw. wahrscheinlich zerstört. 23 Helme kann man heute noch identifizieren, der Verbleib der beiden restlichen ist unbekannt.

[3] Dem Einsatz des in die Steiermark vernarrten Habsburger Erzherzogs Johann ist es zu verdanken, dass das Wiener Münz- und Antikenkabinett fünf Helme an das Joanneum zurück-abtrat. In die Sammlung gelangten später weitere drei Helme, sodass im Grazer Archäologiemuseum heute acht Helme ausgestellt sind

[4] Im Original: „(…) The village of Ženjak was of great interest to German archaeologists during the Nazi-period and was briefly renamed Harigast during World War II. The site has never been excavated properly.” Diese Behauptung ist sachlich wohl nicht ganz richtig: Walther Schmid, Archäologe am Steiermärkischen Landesmuseum Joanneum, soll 1942 eine mehrtägige Grabung an der Fundstelle unternommen haben, ohne irgendetwas zu finden, berichtet der 1958 verstorbene Archäologe Paul Reinecke. Da nichts gefunden wurde, gab es auch keine Publikation.

[5] In Vacˇe, auf deutsch Watsch – es liegt nordöstlich von Laibach – wurde ein Gräberfeld des 9. bis 4. vorchristlichen Jahrhunderts entdeckt, das von der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur und der eisenzeitlichen Hallstatt- und La-Tène-Kultur belegt wurde. Es fanden sich auch Importwaren aus der etruskischen Kultur.

[6] Prof. Dr. Markus Egg studierte Universität in Innsbruck Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Philosophie. Er promovierte über Italische Bronzehelme der Eisenzeit und ist seit 1978 am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz tätig.

[7] Ausgesprochen: Vintscha (tsch wie im Wort „klatschen“), ein Ort am rechten Steilufer der Donau bei Belgrad.

[8] CIP – Kataložni zapis o publikaciji, Univerzitetna knijžnica Maribor, 2006, übersetzt von Saša Serban.

[9] Am Südhang des Magdalensberges wurde seit 1948 eine Siedlung aus spätkeltischer bzw. frührömischer Zeit ausgegraben. Sie war vor und kurz nach der römischen Okkupation des keltischen Königreichs Noricum der wichtigste römische Handelsplatz, an dem vor allem das norische Eisen gehandelt wurde.

[10] Wolf von Winden taucht 1367 in Urkunden auf, 1404 eine Adelheit von Winden als Gemahlin Gundackers von Starhemberg. Wolfharth von Winden zog 1436 mit Herzog Friedrich von Österreich nach Palästina. Hans von Winden war 1420 Landeshauptmann der Steiermark. Denen von Winden gehörten außer Negau auch noch die Herrschaften von Marburg, Windenau und Halbenrain. Mit dem Tod Wenzels von Winden erlosch 1491 das Geschlecht.

[11] Auch andere Schreibweisen sind überliefert; beispielsweise standen Schloss und Gut Negau – den „Handschriften des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg“ zufolge – im Besitze des 1596 geborenen „Fürsten Carl v. Trautmannsdorf“.

[12] „(...) Die herrlichen Forste und die wohlgepflegten Weingärten sind heute noch Zeugen von ihrem umsichtigen und tüchtigen Wirken, und weit über die Grenzen der Slowenischen Bühel hat der Name Steinbrenner einen guten Klang. Dir. Vinzenz Steinbrenner war infolge seines ausgesprochenen Gerechtigkeitssinnes und seiner allbekannten Gutherzigkeit nicht nur von seinen Untergebenen, sondern auch von der ganzen Bevölkerung hochgeschätzt und geehrt“, ist in einem Original-Zeitungsausschnitt vom 24. Juni 1940 zu lesen.

[13] Nachfolgende Tabelle zeigt die Zeiten deutscher bzw. österreichischer (insgesamt 758 Jahre) und slowenischer (insgesamt 90 Jahre) Staatszugehörigkeit von Marburg – Maribor

Epoche – Zugehörigkeit

1164–1180: Heiliges Römisches Reich, Markgrafschaft Steiermark
1180–1804: Heiliges Römisches Reich, Herzogtum Steiermark
1804–1867: Kaiserthum Österreich
1867–1918: Österreichisch-Ungarische Monarchie
1918–1941: SHS-Staat (Serbien-Kroatien-Slowenien)
1941–1945: Deutsches Reich
1945–1963: Demokratische Föderative Volksrepublik Jugoslawien
1963–1990: Sozialistische Förderative Republik Jugoslawien (SFRJ)
Seit 1991:  Republik Slowenien (seit 2004 EU-Mitglied)

Bearbeitungsstand: Samstag, 28. Juli 2012
 
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