Subversiver Idealismus


Wolfgang Casparts Programm zur Rettung des Abendlandes

Wolfgang Caspart, Politische Philosophie eines modernen Idealismus, Ideologiekritik, Politikwissenschaft, Staatsdenken, Peter Lang Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/M. 2012, 199 S.

 

Eine Buchbesprechung von Hans-Joachim Schönknecht

Anzuzeigen ist das obige Buch als eine ebenso bemerkenswerte wie provozierende Schrift. Wolfgang Caspart, ausweislich seiner Internetpräsentation auf zahlreichen Gebieten aktiv, als Psychologe, Personal- und Sozialberater bis hin zum Bereich ‚Politik und Gesellschaftliches‘ generell, ist auch langjähriger Beiträger der GENIUS-Hefte und Verfasser einer stattlichen Zahl von Buchveröffentlichungen, die durchweg auf die Konzeption eines praxisbezogenen Idealismus zielen.

Der ihm am Herzen liegenden Thematik widmet der Autor auch die vorliegende Publikation. Wie der Titel verdeutlicht, ist die Absicht, von einem „modernen“ idealistischen Standpunkt aus das Feld der politischen Philosophie zu erschließen.

Der Aufbau des Buches folgt den im Untertitel genannten Gesichtspunkten. Jeder der drei Themenkomplexe umfasst eine Anzahl Schwerpunkte setzender Kapitel, die sich wiederum in mit Überschriften versehene Abschnitte gliedern. Dem Ganzen ist eine Einleitung vorangestellt, die die weltanschaulichen Überzeugungen des Verfassers sowie seine kritische Wahrnehmung der gegenwärtigen politisch-sozialen Realität exponiert.

Insgesamt umfasst die Darstellung eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte, die, dem Bekenntnis des Verfassers zum Eklektizismus entsprechend, thematisch nur locker miteinander verknüpft und nicht frei von Widersprüchen sind.

Die vorliegende Rezension muss sich aus Platzgründen auf wenige Aspekte beschränken. Dass eine solche Auswahl subjektiv ist, liegt auf der Hand, aber sie hat das Gute, zu eigener Lektüre der interessanten Schrift anzuregen. Zwecks Übersichtlichkeit gliedere ich die folgende Darstellung durch einige Zwischentitel.

Philosophische Grundlegung: Die Wahrheit des Idealismus

In Teil 1 (Ideologiekritik) erfolgt eine durchdachte philosophische Grundlegung, die die Zeitgemäßheit, Notwendigkeit und Wahrheit der idealistischen Weltsicht demonstrieren soll.

In dieser Absicht ruft der Verfasser zunächst den geistesgeschichtlich bedeutenden Gegensatz von Idealismus und Materialismus in seinen wesentlichen Ausprägungen in Erinnerung: „Die Entwicklungslinie des Idealismus geht von Sokrates bzw. Platon über Augustinus zum deutschen Idealismus, die des Materialismus von Demokrit und den Sophisten über die Nominalisten zum englischen Empirismus und französischen Rationalismus“ (S. 11). Inhaltlich steht der Idealismus „für Holismus (Ganzheitlichkeit), Willensfreiheit, Verantwortungsethik, Geist und Metaphysik, der Materialismus für Atomismus, Determinismus, Empirismus, Natur und Immanenz“ (11).

Die Merkmale, die der Verfasser den beiden Denkrichtungen zuweist, deuten schon an, dass es sich nicht um eine rein akademische Frage handelt, sondern dass Caspart hier einen praktisch folgenreichen Unterschied im Welt- und Menschenbild sieht. Und die radikale Reduktion der komplexen geistigen Landschaft auf einen einzigen großen Gegensatz ist schon an sich polemisch und evoziert eine Kulturkampf-Konstellation der folgenden Art.

Eine Kulturkampf-Konstellation

Für den Materialisten ist die Welt ein durch Natur- und soziale Gesetze streng „determinierter“ Prozess und der Mensch nichts weiter als ein natürliches Bedürfniswesen, das im Prinzip den gleichen Gesetzen unterliegt wie die Gesamtnatur, in der Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse im möglichst gut organisierten sozialen Verband aufgeht, ohne sich durch etwas ‚Ideales‘ oder ‚Höheres‘, wie die Religionen oder die Idee der Freiheit des Willens es darstellen, beanspruchen zu lassen.

Dies ‚Höhere‘ steht dagegen im Zentrum des Idealismus: Die Voraussetzung der Willensfreiheit beansprucht den Menschen als moralisches Wesen, fordert kritische Distanz zur eigenen Person und die Übernahme von Verantwortung für Welt und Mitmenschen, also „holistisch“ (11) für das Ganze. Für den „Geist“, die geistige Betrachtung, ist die erscheinende Welt kein Letztes, sondern eben Erscheinung, das heißt, sie weist über sich hinaus auf einen ebenfalls geistigen Weltgrund. Die Religionen nennen diesen über alles Empirische hinaus liegenden Grund „Gott“, und der Philosoph Platon nannte ihn die „Idee des Guten“, ein Ausdruck, den Caspart sich zu eigen macht (61). An dieser nur geistig erfassbaren Idee hat der Mensch sein Leben auszurichten, er hat das bloß Empirische – mit von Caspart bevorzugtem Ausdruck – zu „transzendieren“, um es von höherer Warte aus zu betrachten und zu gestalten: „Wer die gesellschaftliche Wirklichkeit gestalten will, ist daher – wie der Philosophenherrscher in Platons Staat – zu einem letztlich idealistischen Ansatz genötigt“ (54).

Nachdem Casparts Auffassung zufolge der naturwissenschaftliche Fortschritt und ideologische Strömungen wie der Junghegelianismus Ende des 19. Jh. die Gewichte zugunsten einer materialistischen Weltanschauung verschoben hatten, führt die Entwicklung der Physik im 20. Jh. selbst zur Wahrheit des Idealismus hin.

Die Darstellung der verschiedenen, den traditionellen Materialismus untergrabenden naturwissenschaftlichen Richtungen des 20. Jh., angefangen bei Einsteins Relativitätstheorie, über Plancks Quantentheorie, Heisenbergs Unschärferelation und schließlich Chaosphysik, Synergetik, Systemtheorie und Autopoiese zeigt Casparts große Belesenheit und zählt zu den interessantesten Passagen der Schrift. Seine These lautet, dass nicht nur apriorisch, durch die heuristisch gefundenen Axiome, ein nichtdeterministisches Element in die Wissenschaft eingeht, sondern dass auch die Resultate immer indeterministischer werden, etwa mit der Doppelnatur von Welle und Teilchen in der Quantenphysik, so dass am Ende der „Materialismus ohne Materie“ (13) dasteht.

Die Systemtheorien schließlich zeigen uns die Wirklichkeit als System sich selbst regelnder Systeme, die dank der ihnen innewohnenden Ordnungskräfte („Ordnungsparameter“, 15 passim) in ständiger Interaktion mit der Systemumwelt innere Ungleichgewichte (im Extrem quasi chaotische Zustände) selbsttätig kompensieren, sofern die Rahmenbedingungen („Kontrollparameter“, 15) dies zulassen, und selbstzweckhaft-teleologisch („entelechetisch“, 9) erscheinen. Jedes Einzelsystem ist Teil eines Suprasystems bis hin zum Kosmos als dem Supersystem. Aus dieser Perspektive ist es „nur eine Frage des Betrachtungsmaßstabes, auch unseren Planeten als einen einzigen lebendigen Organismus anzusehen“, wie es die sog. „Gaia-Hypothese“ tut (21).

Dass Caspart aus dem Systemgedanken den Schluss zieht, dass „der Kosmos eher wie ein großer Gedanke und nicht wie eine überdimensionale Maschine aussieht“ (21), wäre zu diskutieren, denn was die Naturwissenschaften in den selbststeuernden Systemen nachweisen können, ist eigentlich nichts anderes als ein komplexes Geflecht von Interdependenzen, von Automatismen, die bei einem bestimmten Problemdruck stabilisierende Korrekturen im System auslösen. Aber auch wenn es sich nur um Quasi-Intelligenz handelt, bleibt es unbenommen, dies als Ausdruck der wunderbaren Komplexität der Natur und als Hinweis auf den sich darin manifestierenden Schöpfergeist zu sehen – aber dieser Aspekt ist nicht mehr wissenschaftlich. Der Leser möge auch überlegen, ob nicht ein intelligenter Materialist, der den „Klotzmaterialismus“ (K. Sumereder) hinter sich gelassen hat – zahlreiche Naturwissenschaftler gehören zu dieser Kategorie – den Spieß umdrehen kann. So interpretieren zahlreiche Neurobiologen das ‚Geistige‘ als bloßes Epiphänomen der neuronalen Prozesse.

Und doch sieht Caspart richtig, dass sich aus den Ergebnissen empirischer Wissenschaften kein Argument gegen Idealismus und Metaphysik gewinnen lässt, denn der wissenschaftliche Zugriff selbst ist ein Akt geistiger Freiheit. Wie dem auch sei – „aus ethischer Verantwortung für seine Mitwelt wendet sich der Idealist auch der Politik zu“ (116): Sehen wir zu, was Caspart da beschäftigt.

Eckpunkte der Politik

Der Wahrheitserweis des Idealismus bedeutet politisch das „Ende der Ideologien“ (53) mit ihren nicht einlösbaren Heilsversprechen, die sich, wie etwa der Marxismus, als „Pseudotheorien“ (40) entlarven. Als fünf Orientierungspunkte einer modernen Politik nennt Caspart „wirtschaftlichen Liberalismus“ (54), der allerdings nicht in ein „universell verstandenes ‚freies Spiel der Kräfte‘ und wurzelloses Laissez-faire“ (54) ausarten darf, ferner „soziale Subsidiarität“ (56), „ökologische Ganzheitlichkeit“ (58), „kulturellen Konservatismus“ (60) im Sinne des Bekenntnisses zu Sittlichkeit, Verantwortung, Religion („Wir sind nicht die zum Atheismus berechtigten Herren des Kosmos“, 59), kurz zu dem, „was immer gilt“ (60) sowie eine „an nationalen Bedürfnissen orientierte Sicherheitspolitik“ (61). Die Verbindung dieser ja nicht ganz originellen, im Grunde christdemokratischen Konsens bildenden Punkte in konkreter Politik preist Caspart als intelligenten „Policy-Mix … auf moderner ganzheitlicher Grundlage“ (62).

Wer allerdings glaubt, die Durchsetzung von Casparts politischen Eckdaten sei die natürliche Aufgabe des bestehenden parlamentarischen Systems, wird ‚eines Besseren‘ belehrt. In Anlehnung an das von dem Staatsrechtler Carl Schmitt formulierte Prinzip, dass „ohne das Freund-Feind-Schema ... Politik nicht möglich ist“ (136), macht Caspart zwei Feinde aus, deren eingefleischter Materialismus, das heißt Mangel an Idealismus, sie unfähig macht, die Welt in Ordnung zu bringen bzw. die die Probleme erst verursachen. Als ersten dieser Feinde nimmt sich der Autor die parlamentarische Demokratie vor. Dazu tauscht er allerdings das Florett des philosophischen Arguments gegen den schweren Säbel der Verunglimpfung aus und outet sich als jemand, dem es beim Schreiben nicht zuletzt ums Ausleben seiner politischen Idiosynkrasien zu tun ist.

Der „innere“ Feind: das parlamentarische System

Von der parlamentarischen Demokratie ist Caspart zufolge eine vernünftige Politik, etwa die Umsetzung der oben genannten Eckpunkte, nicht zu erwarten. Diese Staatsform, die ja nach dem Sturz des Kommunismus die Realität nahezu aller europäischen Länder bildet und in der Bevölkerung breite Akzeptanz findet, ist in den Augen von Caspart nichts als eine „ochlokratische (pöbelherrschaftliche) Parteienwirtschaft“ (69), also Herrschaft des Pöbels, und für ihre Repräsentanten, die vom Volk frei gewählten Abgeordneten, hat er nur Hohn und Spott übrig, was sich in einer endlosen Liste von Invektiven manifestiert: Für Caspart sind die Parlamentarier insgesamt nichts als „phrasendreschende Selbstdarsteller und heuchlerische Demagogen“ (77), „Phrasendrescher und Dilettanten“ (142), als „Pseudoaristokraten“ (83) bilden sie durch Zugehörigkeit zu einer „Parteikamarilla“ (89) eine „Oligarchie“ (83 passim), die „in erster Linie ihre eigene Lobby (87) darstellt, als „Staatsklasse“ (83), „closed shop“ (83) und „Euromaniker“ (85) „Duodezpolitik“ (89) betreibt, „den Staat mit einem dichten Klientelsystem überzieht“ (84) und über die durch die europäische Integration und die Globalisierung sich entwickelnden internationalen Institutionen bis hin zu den Vereinten Nationen mit ihren diversen nachgeordneten Gremien eigene „Karrieremöglichkeiten lukriert“ (84). Ihren Wählern traut diese Klasse gerade „nur soviel Schlauheit ... zu, um ihre genialen <Repräsentanten> zu erküren“ (83), ansonsten aber seien diese „für eine wirkliche Mitwirkung zu dumm“ (83). Die Liste der von Caspart mobilisierten Beschimpfungen könnte mühelos fortgesetzt werden, und wer seine Ansichten teilt, dem wird sein Einfallsreichtum hämische Freude bereiten. Den meisten Lesern aber mögen solche Pauschalierungen merkwürdig vorkommen. Es wundert auch, dass Casparts Buch, wie das Impressum vermerkt, „mit Unterstützung durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung in Wien“ gedruckt werden konnte, da doch der Chef des Ministeriums der geschmähten Parteien-Ochlokratie angehört. Hier hat man wohl nicht so genau hingeschaut.

Von einer solchen Versammlung von Karrieristen wie den Parlamentariern ist natürlich keine politisch sinnvolle Arbeit zu erwarten: „Wirkliche Schicksalsfragen werden überhaupt nicht angegangen (z.B. Demographie, Immigration, Weltgeltung, inflationäre Dollarschwemme, Geopolitik, militärische Verteidigung oder Sicherheitsprobleme), von europäischer Kultur, Vaterländern, Rechten der Nationen oder gar transzendentalen Aufgaben ganz zu schweigen“ (106). Ein jeder politisch Interessierte weiß natürlich um die Vielfalt der Probleme, weiß, wie schwierig es ist, den Zustrom von Zuwanderern unter Wahrung rechtsstaatlicher Kriterien in den Griff zu bekommen oder das demographische Problem der zunehmenden Überalterung des Gesellschaft zu beeinflussen, und Casparts diesbezüglicher Hinweis auf „sich abzeichnende soziale Unruhen“ (147) ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber auf Einzelnes, auf die von Karl Popper als Alternative zum politischen Utopismus geforderte Bearbeitung der Einzelprobleme lässt sich Caspart nicht ein, ihm geht es immer ums Ganze. Seine Methode ist die Schwarz-Weiß-Malerei: Er behauptet völliges Versagen der politischen Klasse, und er fordert das ganz Andere – tertium non datur! Gerade durch diese Abstraktion von der Komplexität der politischen Wirklichkeit erweist sich Casparts Denken in gewissem Sinne als apolitisch. Weshalb er ja auch keine Politik treibt, sondern Bücher darüber schreibt. Papier ist ja bekanntlich geduldig, es kann sich nicht wehren.

Als Lösung des Problems fordert Caspart den „Elitentausch“ (71), die Ersetzung der unfähigen parteipolitischen „Pseudo-Elite“ (69) etwa durch „Berufung eines Fachleute- oder Beamtenkabinetts“ (142) oder, grundsätzlicher, „durch sachlich bewährte, kompetente, verdienstvolle und souveräne Senatoren … mit lebenslanger Berufung, … die Besten eines Volkes, eine meritokratische ‚Aristokratie‘ der Verdienstvollsten, Kompetentesten, Bewährtesten und Würdigsten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Diplomatie, Militär, Verwaltung und Rechtsprechung“ (69) und liebäugelt sogar mit der Monarchie (70). Hier stellen sich jedoch Fragen: Etwa, wie die Transformation möglich wird, wie die Kontrolle einer solchen Regierung erfolgt, wie die Nachfolge geregelt ist, ohne dass dies alles im Nepotismus endet usw. Caspart sagt dazu nur wenig, vertraut im Grunde auf die Integrität der ‚Meritokraten‘, wie er überhaupt die Aristokratie bewundert, deren „aristokratische Todesverachtung … der spießbürgerlichen Weinerlichkeit und Todesverdrängung von heute überlegen ist“ (61). Hingeschlachtet in den von Königen und Adel entfesselten Kriegen wurden allerdings die spießtragenden Bürger! Der Leser mag sich selbst ein Urteil bilden, ob ihn die Überlegungen Casparts zur Meritokratie überzeugen.

Feindschaft, außenpolitisch: Die Vereinigten Staaten von Amerika

Verweilen wir einen Augenblick bei Casparts Idiosynkrasien: Geradezu dämonisiert werden die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Politik für ihn allein auf Beherrschung der Welt abzielt und die damit auch die Hauptschuldigen an der kultur- und völkerzerstörenden Globalisierung sind. Hier ist ihm kein Mittel für seine Angriffe zu billig. So spricht er etwa von der „Barack Hussein Obama-Administration“ und der „Ben Shalom Bernenke-FED“ (33), um durch die Nennung der ungewohnten zweiten Vornamen der Männer einen zusätzlichen denunziatorischen Effekt zu erzielen. Die amerikanische politische Wirklichkeit wird ausschließlich negativ akzentuiert und mit Begriffen wie „Turbokapitalismus“, gar „Gangsterkapitalismus“ (122), „Imperialismus“ (130) und „internationale Ausbeutung“ (122) gekennzeichnet; lediglich der verderbliche Wille zur Macht der Amerikaner nötigt dem Autor eine gewisse Bewunderung ab: In dieser Hinsicht „hat die amerikanische Oligarchie ihren [europäischen] Vasallen einiges voraus“ (124). Einzelne von Casparts Kritikpunkten sind durchaus diskussionswürdig, was stört, ist wiederum die Generalisierung und die hemmungslose Polemik. Selbst der Kommunismus wird als amerikanische Veranstaltung interpretiert, denn anders ist folgende Aussage nicht zu verstehen: „Dazu diente ihnen [d.h. der amerikanischen Führung] die Angst vor dem Kommunismus, und nachdem dieser seine Schuldigkeit getan hatte, wurde er ebenso liquidiert“ (124). Caspart schreckt nicht einmal davor zurück, den 11. September für seine diffamatorischen Zwecke zu instrumentalisieren (124). Dem „plutokratischen Establishment“ (123) der USA auch noch die Schuld an zwei Weltkriegen zuzuschieben (123) erfüllt den Tatbestand der Geschichtsklitterung. Bekanntlich hat neben dem in der Vergangenheit so hurra-patriotischen Deutschland auch Österreich auf weniger einschneidende, dafür pikante Weise zu den Kriegsausbrüchen beigetragen.

Zur Erklärung der Weltgeltung Amerikas („Welthegemonie“, 96) zieht Caspart nicht zu Unrecht Max Webers berühmte These heran, der zufolge die den Kapitalismus kennzeichnende Kapitalakkumulation ihren Ursprung im asketischen Geist des Protestantismus habe, nur sei bei den amerikanischen Puritanern der religiöse Gehalt zugunsten von „säkularer Selbstprädestination“ (132) und nacktem Materialismus geschwunden. Und Caspart stellt die rhetorische Frage: „Wie lange wird sich ihre eigene Bevölkerung wie die übrige Welt ihre Herrschaft noch gefallen lassen?“ (124).

Damit genug der einschlägigen Zitate, die sich leicht vermehren ließen! Der geschichtskundige Leser wird sich an die aus NS-Deutschland geführten Attacken gegen die USA erinnern. Auch damals war Amerika ein Feind, verkörpert im Weltfinanzjudentum. In die Kerbe kann man nicht mehr hauen, darum geht es zur Abwechslung gegen die macht- und geldgeilen „Puritaner“. Befremdlich ist jedenfalls die Koinzidenz von Casparts Bekenntnis zu Idealismus und Geist mit dem Gestus aggressiver und vulgärer Verteufelung politischer Gegner.

Was Not tut

Der bereits erwähnte Soziologe Max Weber hat das Wesen der politischen Tätigkeit einmal definiert als „das langsame Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ (Politik als Beruf), und Caspart selbst zitiert die Sentenz gelegentlich (115 passim). Aus der metaphorischen in nüchterne Normalsprache übertragen, bedeutet dies, dass politischer Fortschritt ein hohes Maß an Einsatz und Bescheidenheit in der Bemessung der Ziele erfordert.

Letzteres aber ist Casparts Sache nicht, im Gegenteil, die politischen Ziele, die er anpeilt, sind von „idealistischer“ Unbedingtheit und können größer nicht gedacht werden. Dass Caspart zufolge „der Austausch der Eliten überfällig ist“ (100), und zwar durch Ablösung der Parteien-Oligarchie durch „eine neue Aristokratie … von tatsächlich bewährten Leistungsträgern“ (99) wurde bereits erwähnt. Aber damit nicht genug, geradezu „eine zweite Renaissance tut Not“ (107) – vielleicht ahnt der geschichtskundige Leser bereits, was hier wiedergeboren werden soll: in der Tat, es ist „die europäische Reichsidee“ (107)! Die Aufgabe ist keine geringere als die „irdische Vorbereitung der civitas Dei“ (107) des Kirchenvaters Augustinus, das heißt die Rechristianisierung Europas, mehr noch: die „Gestaltung der Welt nach abendländischem Wertekanon“ (107).

Der Leser mag entscheiden, ob er derartige Vorstellungen für realistisch hält. Im übrigen hat der „abendländische Wertekanon“ bereits weltweite Wirkung gehabt; die in der Substanz bereits in Kants Schrift Zum ewigen Frieden angedachten Vereinten Nationen wären ohne ihn nicht denkbar, und dass der sich weltweit ausbreitende Gedanke der freiheitlichen Demokratie zum abendländischen Wertekanon dazugehört, ist kaum zu bestreiten. Caspart aber hat ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie und vermag in der UNO nur eine Agentur der „von den USA kommandierten ‚internationalen Gemeinschaft‘“ (122) wahrzunehmen. Dies alles ist Folge einer Sicht, die den kulturellen Beitrag der europäischen Aufklärung konsequent ausblendet.

So sieht Caspart die Okzidentalisierung der Welt als Aufgabe, die aus idealistischem Geist ab ovo erfolgen muss. Das erscheint als politischer Utopismus, und ein Blick in die Literaturgeschichte hätte ihn davon überzeugen können: Im Jahre 1799, auf dem Höhepunkt des Deutschen Idealismus, publizierte der romantische Dichter Novalis seinen politisch-religiösen Traktat Die Christenheit oder Europa, in dem er Casparts Ziel der Restauration der ordo-Welt des Mittelalters bereits propagierte – die Schrift ist offensichtlich Programm geblieben … Ungeachtet dessen soll aber nicht bestritten werden, dass Europa angesichts eines immer militanter auftretenden Islamismus Anlass hat, sich an seine leider von der Kirche selbst oft desavouierte Christlichkeit mit ihrem menschenfreundlichen Geist zu erinnern.

Subversion

Zu einem politischen Programm gehört die Reflexion auf die Möglichkeit seiner Realisierung. Was Caspart diesbezüglich vorschwebt, geht aus den Kapiteln „Privatpolitik“ (2.4) und „Im Kampf um die Macht“ (2.8) hervor. Aus den gezwungenermaßen theoretisch-deskriptiv gehaltenen Ausführungen ergibt sich dem Leser ohne größere hermeneutische Bemühungen der appellative Gehalt.

Die Erde, so Caspart, ist „das geopolitische Spielfeld der Geschichte“ und „die Menschen sind die Spieler im Kampf um die Macht“ (7). Das Freund-Feind-Schema zeigt uns als weltpolitische Konstellation den „amerikanischen Traum von der globalen Demokratisierung und dem grenzenlosen Kapitalismus“ (98) mit seinen Implikaten von atheistischem Materialismus und „globalem Unrecht“ (132) einerseits, andererseits die Aufgabe einer „konservativen Revolution“ (135) mit dem Ziel der Errichtung der Civitas Dei und zum Erhalt der Völker als Garanten für „den Fortbestand der entfalteten Gesittung“ (7), die, statt im „Einheitsbrei des globalisierenden Amerikanismus“ (125) zu versinken, „in kleineren Einheiten ihre Hausaufgaben machen“ (33). Dieser Krieg vollzieht sich unter dem „ehernen Gesetz der Oligarchie“ (75 passim) als „Machtkampf der ‚Eliten‘“ (96); die „Masse aus politisch Unbegabten der mäßig qualifizierten Mittel- und Unterschicht“ (93) (wer verachtet hier eigentlich das Wahlvolk?!) kommt nicht als Subjekt von Politik infrage, sie „verharrt im ‚Vorhof‘, sucht eine starke Führung und ist selbst noch im Negativen von Macht und Gewalt fasziniert“ (93). Unmittelbar zu beseitigen ist die unfähige und politisch sterile parlamentarische Demokratie: Dies „heutige Spiel einer Regierung, die wieder zur Opposition wird, die dann wieder an die Regierung kommt, um neuerlich die Opposition zu mimen, bis sie wieder dran ist usw., kann nur durch Kräfte gebrochen werden, die zu ihrer Verantwortung stehen“ (125).

Zur Erreichung dieser Ziele bedarf es subversiver Methoden, die im übrigen gar nicht selten zum Einsatz kommen: Der „Kalte Krieg“ (96), der den Amerikanern die „Welthegemonie“ (96) einbrachte, „strotzte von Subversion“ (96). Natürlich kann, per definitionem, „wer Subversion als Machtinstrument einsetzt, nicht offen und ehrlich vorgehen“ (99), aber man kann theoretische Positionen reflektieren, selbst die „Technik“ des Staatsstreichs: Dessen „Voraussetzung ist eine ausreichend willensstarke Gruppe von Menschen, die entschlossen sind, dieses Ziel zu erreichen“ (93). „Den Sturz der herrschenden Ordnung muss man auch erarbeiten“ (93), denn, „wie Malaparte (1931) so richtig bemerkte, kommt der Umschwung mit der revolutionären Situation nicht schon von selbst und automatisch, sondern es bedarf eines disziplinierten und energischen ‚Stoßtrupps‘, um wirklich die Macht zu erringen“ (80).

Das alles ist natürlich rein hypothetisch gesprochen, aber auch in der deskriptiven „Camouflage“ (123) ist der appellative Charakter nicht zu verkennen. Und die Situation erfordert Handeln, denn: „Der Bürger fühlt sich als Privatmann zurückgestoßen und hilflos den Machenschaften der Macht ausgeliefert“ (79).

Casparts Ziele aber erscheinen überzogen. Wirtschaftliche und fiskalische Selbstverantwortung der Länder („in kleineren Einheiten die Hausaufgaben machen“): gewiss. Aber Völker sind historisch gewordene Kollektivsubjekte und dementsprechend historischer Transformation unterworfen. Und eine Revision der Globalisierung scheint illusorisch. Nicht nur amerikanische, auch europäische und asiatische Großkonzerne agieren längst global, und die sog. ‚Schwellenländer‘ mit ihren Milliarden Einwohnern sind, wie die Bezeichnung ja ausdrückt, auf dem Sprung zum Weltmarkt.

Zusammenfassung

Meine Rezension musste sich auf die Darstellung einiger hervorstechender Züge von Casparts Ausführungen beschränken. Auf diverse andere, eklektisch behandelte Motive, etwa Casparts klassizistische Auffassung von „Kunst und Schönheit“ (1.6), Reflexionen über „Frustration oder Gelassenheit“ (3.3) oder über „Selbstorganisation und Eklektik“ (3.2) kann ebenso nur hingewiesen werden wie auf seine interessante fundamentalphilosophische Behandlung des ihm zufolge bis heute aktuellen Universalienproblems (38f.) und dem unter dem provozierenden Titel „Die Modernität des Mittelalters“ (39) geführten Nachweis der Bedeutung des Nominalismus für den neuzeitlichen Wirklichkeitsbegriff und die Entstehung der Naturwissenschaften.

Abschließend verweise ich auf eine Reflexion im Zusammenhang des Civitas Dei-Arguments, der zufolge „das eigentliche Ziel des menschlichen Lebens die Teilhabe am Reich Gottes“ (104) ist, es also „die Aufgabe des in der irdischen Welt Lebenden ist, sich hier schon auf die jenseitige Welt vorzubereiten“ (104).

Wer als Leser in solch religiösen Vorstellungen lebt, kann den Gedanken unmittelbar nachvollziehen. Doch auch der diesen Überzeugungen ferner Stehende, dem die eigentlich dem Mittelalter angehörende Verräumlichung des Geistigen als ‚Jenseitswelt‘ als naiv erscheint, kann daraus Gewinn ziehen. Als zeitgemäße Interpretation ergibt sich, dass der Mensch nicht bloß endliches Bedürfniswesen ist, das im alltäglichen Besorgen aufgeht, sondern dieses transzendiert, metaphysisch im Offenen steht und sich zu diesem Offenen durch Ergreifen einer Sinndimension, durch Orientierung auf das letztendlich unverfügbare Gute zu verhalten hat. Das mag man Religion, Transzendenz, Bildung, Engagement, Verantwortung nennen: Es ist die Haltung, die den Menschen vor dem banalen Versinken in der Immanenz der Fixierung aufs persönliche Ego bewahrt und die sich im Alltag der Menschen vielleicht häufiger realisiert, als religiöser Dogmatismus es wahrhaben will. Im Grunde ist, um das schlichteste Beispiel zu nehmen, jeder freundliche Blick, den Menschen einander gewähren, ein solcher Akt der Transzendenz. In der Sorge um die Bewahrung dieses Humanum weiß der Rezensent sich mit dem Autor einig.

 
Professor Hans-Joachim Schönknecht lebt in Pacengo.

Bearbeitungsstand: Samstag, 28. Juli 2012
 
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