Das Lied von der Freiheit


Von Gerulf Stix

 

Die Freiheit hat ein dreifaches Gesicht.
Du wähnst Dich frei, doch bist es nicht.

Machst ungehindert, was Du willst,
doch letztlich Du nur das erfüllst,

was in dem Kräftespiel der Triebe
just im Moment des Tuns obsiege.

Ganz frei gefasst scheint Dein Entschluss,
doch Es tut, wie es kommen muss.

Trotzdem fühlst Du Dich ganz frei,
weil kein Mensch Dich hemmt dabei!

Legt aber jemand sich Dir quer,
dann stört Dich dieses Hemmnis sehr.

Von Druck und Schranken eingeengt,
siehst Deine Freiheit Du bedrängt.

Wirst Du Dich beugen, gar Dich fügen?
Welche Empfindungen überwiegen

im Widerstreit von Deinem Wollen
und dem Dir aufgezwung’nen Sollen?

Du wägst die Gründe, suchst den Sinn.
Die Einsicht führt Dich schließlich hin

zum Maß für Freiheit, die Dir frommt,
indem sie jeder Mensch bekommt.

Die Freiheit, das erfahren wir,
gilt nur im eigenen Revier.

Bist nicht allein auf dieser Welt
und gern sich Mensch zu Mensch gesellt.

Ordnung führt die Gemeinschaft ein,
doch Freiheitsordnung soll es sein!

Denn nur als Freier unter Freien
kannst Du als stolzer Mensch gedeihen.

Wo Menschen sind, geht’s auch um Macht.
Wenn’s übel kommt, oft über Nacht

hebt Tyrannei brutal ihr Haupt,
den Menschen ihre Freiheit raubt.

Dein Zorn erwacht und auch Dein Mut.
Dem Unterdrücker gilt die Wut.

Für Freiheit ziehst Du in den Streit
und bist zu Opfern auch bereit.

Wohl dem, der nicht alleine steht,
wenn es um aller Freiheit geht!

Das gilt auch, wenn ein freies Land
fällt in des mächtigen Feindes Hand.

Die Selbstbestimmung geht verloren
dem Volke, dem Du eingeboren.

Es fordert Opfer sonder Zahl,
bereitet Kummer viel und Qual;

es braucht ein unbändiges Sinnen,
die Freiheit wiederum zu gewinnen.

Selbstbestimmung, die Dir gebührt,
sie auch Dein Volk zur Höhe führt.

Die Freiheit gleicht einer Münze aus Gold:
Von der Vorderseite lächelt Dich hold

der Wert der persönlichen Freiheit an.
Die Wappenseite zeigt Dir dann

den Glanz der Münze in voller Pracht,
wenn dem ganzen Land die Freiheit lacht.

Denn das ist der Freiheit schönster Erfolg:
Selbstbestimmung für Dich und Dein Volk!

Doch die Freiheit hat noch ein drittes Gesicht.
Du glaubst Dich frei, aber bist es nicht.

Du bist der Spielball Deiner Triebe,
Deiner Wünsche, von Hass und Liebe.

Sie schieben Dich hin, sie treiben Dich her,
Willensfreiheit ist das nicht mehr!

In der Welt die äußere Freiheit zählt.
Was ist, wenn die innere Freiheit fehlt?

Dein Sehnen nach der hehren Kraft,
die erst die Willensfreiheit schafft,

bedarf der Ruhe und der Rast,
befreit vom Alltag und aller Hast.

Hat sich beruhigt der Wünsche Reigen
und alles Begehren verebbt im Schweigen,

dann kommt die Zeit, um nachzulesen
und abzuwägen, was gewesen;

was gut, was schlecht in Deinen Taten,
wie insgesamt Dein Tun geraten.

Mit Lob und Tadel bedenkst Du still,
was alles an Gründen hervorquellen will.

Dein Tadel schwächt Schlechtes,
Dein Lob bestärkt Rechtes.

Prüfenden Sinnes rückst Du zurecht,
was böse, was gut, was falsch und was echt.

Ruft Dich dann wieder das tätige Leben,
wirst Du ihm neue Antworten geben.

Zwar drängen die tiefen Wünsche sich vor,
doch besser gewichtet als je zuvor.

So wirst Du Deines Handelns Herr
und bist kein bloß Getriebener mehr!

In Wahrheit erst die Freiheit der Wahl
eröffnet den schmalen Weg zur Moral.

Ein erster Schritt ist nun getan,
es hebt die innere Freiheit an.

Sie wächst mit jedem weiteren Schritt
und Du als Mensch wächst stetig mit.

Willensfreiheit – ja oder nein?
Bedenke wohl: Es trügt der Schein!

Sie ist nicht fertig, nur als Keim
in uns gelegt. Wir sind ihr Heim.

Mit wachem Sinn lässt sich erfassen,
um nicht das Wunder zu verpassen:

Wir sind der Hort, der ihr gebaut:
Die Freiheit ist uns anvertraut!

Blüht die Freiheit durch unseren Sinn,
führt sie uns recht zum Menschsein hin.

Auf, lasst uns frei den Blick erheben:
Die Freiheit adelt unser Leben!

Bearbeitungsstand: Samstag, 28. Juli 2012
 
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