Viel Vergnügen mit der Euro-Krise!


Eine satirische Betrachtung

 

Von H. W. Valerian

Seit uns die Wirtschaftskrise plagt, meine Damen und Herren, seit dem Jahr 2008 also, und noch mehr, seit uns die so genannte Schuldenkrise plagt, hier in Europa – seither also haben wir uns über einen Mangel gewiss nicht zu beklagen: über einen Mangel an Meinungen, Kommentaren, Diskussionsbeiträgen, Gescheitheiten und Gelehrtheiten. Im Zeitalter der hundertfünfundzwanzig Fernsehkanäle, der Blogs und discussion threads sind solche Wortmeldungen praktisch schon zum Schrott geworden – verbale Umweltverschmutzung. Also, so sag’ ich mir, kommt’s auf die hier auch nicht mehr an. Weswegen Sie selbige, nämlich meine Wortmeldung, genau so betrachten sollten, nämlich als Schrott. Nehmen Sie’s bloß nicht ernst!

Vielleicht wohnt dem, was ich zu sagen habe, trotzdem ein gewisser Unterhaltungswert inne – eben darum geht’s schließlich bei all den angeblich seriösen Sendungen und Artikeln auch: Fiedeln, während Rom brennt. Und wir, sehr geehrte Damen und Herren, wir sind Zuseher, Zuhörer: willig, gierig und dankbar. Die Welt will unterhalten werden. Ergo lasst uns unterhalten.

Was mich, als Schriftsteller und Nachdenker, so erschüttert an der laufenden Diskussion, das ist der Umstand, dass ich selbst so vieles schon vor zwanzig Jahren erkannt habe, dass ich kritisiert habe, gewarnt. Das wäre nachweisbar, wenn sich jemand die Mühe machen wollte. Ich habe zum Beispiel schon seit 1997 oder so gegen den Glauben an die „unsichtbare Hand“ gelästert, gegen den Glauben also, unbehelligte kapitalistische Profitanhäufung sorge letztlich für allgemeinen Wohlstand. Im Grunde zielte ich damit auf den Kern dessen, was man heute als „marktwirtschaftlichen Fundamentalismus“ bezeichnet. Damals gab’s diesen Ausdruck aber noch nicht.

Wohlgemerkt: Ich sag’ das nicht, weil ich stolz bin auf meine Voraussicht. Ganz im Gegenteil. Ich sag’s halb amüsiert, halb entsetzt. Wie ist das möglich, dass jemand, der so überhaupt keine Ahnung hat von Wirtschaft, von Wirtschaftswissenschaft, von Equilibrium und marginaler Investitionsquote – wie kommt es, dass so jemand damals schon die Wirtschaftspropaganda durchschauen konnte? Ist das nicht erschreckend?

Desgleichen schrieb ich – ebenso nachweisbar – schon seit langem für eine Stärkung der Europäischen Union. Zugegeben, das hatte weniger mit dem Euro zu tun, zumindest nicht direkt. Doch musste es jedem einigermaßen scharf denkenden Menschen von Anfang an klar sein, womit das Projekt Europa steht oder fällt: mit der Abgabe von Macht an die „zentrale“ Regierung in Brüssel. Damit steht und fällt auch der Euro, wie sich jetzt herausgestellt hat. Entweder – oder. Um die Frage kommen Sie letztlich nicht herum, keiner von uns.

Und noch was: Schon vor zwanzig Jahren hab’ ich gegenüber meinem Kollegen Alois Schöpf – Kolumnist bei der Tiroler Tageszeitung, wie manche von Ihnen vielleicht wissen, – in einer Diskussion quasi selbstverständlich gesagt: Ich bin für mehr Steuern. Das hat er sich gemerkt. Ich weiß das, weil er immer wieder darauf zurückkommt, sooft wir uns treffen. Das hat ihn ordentlich schockiert. Gut so! Irgendwer muss schließlich auch einmal unsere Schockierer schockieren.

Doch meinte ich das mit den Steuern ernst. Der Satz entsprang meiner simplen Beobachtung, dass im öffentlichen Dienst nicht bloß das Geld immer knapper wurde, – das war’s schon immer, zumindest ganz unten, wo die eigentliche Arbeit getan wird, – sondern dass es nun auch eindeutig zu wenig wurde. Es fehlte. Gleichzeitig schossen die Konsumtempel nur so aus dem Boden, Sie wissen schon, meist an den Stadträndern. Sie schießen sogar heute noch. Die Boutiquen. Die Elektronikmärkte. Wenn man dran denkt, wird einem schon übel. Also – Geld muss doch genug vorhanden sein!

Auch dies hat sich bestätigt – allerdings ein bisschen anders, als damals von mir angenommen. Wenn man heute von Steuern redet, dann begrüßt einen ja ein allgemeiner Aufschrei: Was – wir? Wir zahlen doch ohnehin schon so viel! Lass uns in Frieden! Nun, abgesehen davon, dass das alles nicht stimmt, dass hier die kapitalistisch-liberalistische Propaganda einen ihrer traurigen Triumphe feiert – abgesehen davon also hat sich inzwischen herausgestellt, dass jenes verfügbare Einkommen, welches wir, die breite Masse der Lohnabhängigen, für Konsumgüter ausgeben, nur ein Klacks ist. Das Geld, auf welches es ankommt, das ist woanders. Es befindet sich im Besitz der reichsten 25 Prozent. Und ganz, ganz oben, beim reichsten Prozent, da werden diese Vermögen so groß, dass sie von einem Normalsterblichen gar nicht mehr begriffen werden. Dort geht’s demgemäß nicht mehr um den Konsum, sondern um Macht, und um die Zementierung von Macht für kommende Generationen: Dynastien, die neue Aristokratie.

Woher kommt das große Geld?

Mit anderen Worten: Die materiellen Werte, die wir im letzten halben Jahrhundert erarbeitet haben – und die waren beträchtlich, nie ist es der Wirtschaft so lange so gut gegangen wie im Zeitalter sozial-marktwirtschaftlicher Politik, auch dies ist inzwischen offenkundig – diese Werte also werden uns gestohlen. Der Ertrag wird abgesahnt, in gigantischem Umfang. Zum Teil erfolgt das gesetzlich, nämlich mittels jener Gesetze, welche die Reichen, die Konzerne unseren Staatswesen abgepresst haben. Nicht umsonst spricht man in den USA bereits vom „conservative nanny-state“, also dem Wohlfahrtsstaat für die Reichen. Zu einem großen Teil geschieht’s freilich auch ungesetzlich, indem die Milliarden und Billionen in Steueroasen verschoben werden.

Mit Neid haben solche Beschuldigungen inzwischen nichts mehr zu tun. Die Summen, die uns vorenthalten werden, sind längst budgetrelevant. Das gilt nicht nur für einen kleinen Staat wie Österreich. Selbst in den USA, so wurde errechnet, könnte Präsident Obamas Gesundheitsreform locker finanziert werden, wenn bloß die Reichen ihre Steuern zahlen würden. Keine neuen Steuern, wohlgemerkt, keine höheren: einfach nur ihre Steuern!

Und dies führt uns zu einer Frage, die mich derzeit beschäftigt, ohne dass ich bisher von den so genannten Experten eine Antwort bekommen hätte. Klar – es handelt sich ja auch um eine durch und durch laienhafte Frage. Bloß zeigt die Erfahrung – siehe oben –, dass sich solche Fragen als die entscheidenden herausstellen können. Also, die Frage – oder, um genau zu sein, die Fragen, in der Mehrzahl: Wenn beklagt wird, dass die Staaten überschuldet sind – bei wem eigentlich? Wie kommt es, dass da irgendwer oder irgendwas so ungeheuer viel Geld hat, dass sich ganze Staaten – nicht bloß europäische, auch die USA, ja selbst China – dort verschulden können? Und woher kommt das Geld, welches da verliehen wird? Auf den Bäumen der Caymans kann es nicht gut gewachsen sein, oder?

Nun – auf Grund all dieser Beobachtungen, all dieser Überlegungen und Erfahrungen, mach’ ich mir jetzt den Spaß – ein verzweifelter G’spaß, glauben Sie mir, ganz nach Nestroy’scher Art – also ich mach’ mir den Spaß, einen Rettungsplan für den Euro vorzulegen. Wie schon gesagt: auf einen mehr oder weniger kommt’s nicht an. Infolgedessen – wenn’s nach mir ginge, dann geschähe Folgendes:

  1. Die Europäische Kommission in Brüssel zieht sämtliche europäischen Schulden an sich. Sämtliche. Mit Wirkung von vorgestern, Mitternacht. Es gibt keine österreichischen, bulgarischen, griechischen oder spanischen Schulden mehr, nur noch europäische.
  2. Die Europäische Kommission stellt den Schuldendienst ein. Keine Zinsen, keine Kreditraten.
  3. Wer sein Geld (wirklich „seines“?) zurückhaben will, der darf bei der Kommission vorstellig werden. Es werden neue Bedingungen ausgehandelt, je nach der politischen und sozialen Bedeutung des Bittstellers. China wird günstige Konditionen bekommen, klar. Ebenso Pensionsfonds. Spekulanten sollen schauen, wo sie bleiben. In jedem Falle erfolgt die Rückzahlung aber über lange Jahre – zwanzig, sagen wir – und zu fixen Zinsen.
  4. Als Gegenleistung für die Übernahme der Schulden erhält die Europäische Kommission alle wichtigen Kompetenzen – Außen- Verteidigungs-, Finanz-, Wirtschaftspolitik – und zwar eindeutig und kompromisslos. Dasselbe gilt natürlich fürs europäische Parlament. Kurz gesagt: Europa wird zum Staat.

Die Schönheit des Plans liegt offen zu Tage: Er ist einfach und nützlich. Die Schuldenkrise mit einem Schlag beendet, das Geld, welches uns entzogen wurde, wieder in öffentlicher Hand, in öffentlichem Umlauf. Die obskure Macht der so genannten Finanzmärkte gebrochen. Politik, demokratische Politik hat wieder Vorrang.

Die Schattenseiten, die werden natürlich jetzt gleich und sofort gefunden, entwickelt, aufgezeigt und verkündet werden. Klar. Ich wünsch’ Ihnen viel Vergnügen dabei.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 27. September 2012

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
c/o Mag. Erich Wachernig, Hegergasse 3/7, 1030 Wien, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft