Die Bildung einer außengesteuerten Elite


Stefan SCHEIL, Transatlantische Wechselwirkungen/Der Elitenwechsel in Deutschland nach 1945, Duncker & Humblot Berlin 2012, ISBN 978-3-428-13572-1 / ISBN 978-3-428-83572-0

 

Eine Buchbesprechung von Mathias Holweg

Der Autor, Stefan Scheil, geb.1963, Studium von Geschichte und Philosophie in Mannheim, Promotion 1997 in Karlsruhe, ist durch zahlreiche Arbeiten aus dem Bereich Zeitgeschichte bis 1945 bekannt geworden. Bemerkenswert ist sein wissenschaftlich unvoreingenommener Arbeitsstil, der die leider übliche einseitige Ausblendung von Quellen nicht mitvollzieht und Logik vor Kosmetik stellt. Daher sind seine Arbeiten von erfrischender Klarheit.

Im hier beschriebenen Werk geht er erstmals auf die Zeit ab der bedingungslosen (und für immerwährend konzipierten) Kapitulation des Deutschen Reichs ein. Formal hat übrigens die damalige Wehrmacht kapituliert, nicht die Regierung. Aber solche Kleinigkeiten spielen in der angelsächsischen Rechtsauffassung kaum eine Rolle. Die Auslöschung des Begriffes REICH war ein wesentliches psychologisches Kriegsziel von Churchil, neben der sonstigen Dezimierung der Anzahl von Menschen deutscher Abstammung.

Dazu gehört der Alliierten Ziel, Deutschland dauerhaft als Machtfaktor von der Landkarte zu tilgen. In diesem Sinn auch die formelle Beendigung Preußens durch die allierten Sieger von 1945. Die Umwandlung der Konkursmasse des Deutschen Reichs in Vasallen gefügiger Art beginnt, neben den gewalttätigen Maßnahmen wie Hungerhaltung (Stichwort: Rhein-Wiesen), mit der strikten Lizenzverwaltung von Medien, Politik und Recht und reicht bis zur umfassenden Neugestaltung des öffentlichen Bewusstseins über die Pfade Kultur und Bildung von der Schule bis zu den Universitäten, unter Installation „neuer“ Soziologie und der Politikwissenschaft als zentraler eigenständiger Wissensdisziplin mit eigenen Arbeitsmethoden der Faktenfindung.

Wer „1968“ verstehen will, muss die vorausgehende Umgestaltung der Uni-Landschaft bis zu diesem Jahre und darüber hinaus kennen. Wer die heute praktizierte Demokratie und Aussagen von Politikern wie z. B. Schäuble zu Fragen der Selbstbestimmung schlüssig deuten will, muss diese Neuformierung ab 1945 in Deutschland und Österreich kennen.

Scheil beschreibt in unüblich sachlicher und mit Quellenangaben abgesicherter Weise die sonst von Tabus verbrämte Darstellung der Staatenwerdung nach 1945 im angelsächsisch kontrollierten Teil der Konkursmasse Deutschland. Die Entwicklung in Österreich dürfte sinngemäß analog gelaufen sein, mit gleichartig umfassender Methodik der Bewusstseinsschaffung nach 1945. Eine sachliche, unvoreingenommene Aufarbeitung der Staatswerdung unter der Anleitung durch die Besatzer zur heutigen Republik Österreich ist bis dato ausständig, sie wäre ein ergiebiges Arbeitsgebiet.

Im Prinzip machten es die Westalliierten bei der Neugestaltung ihrer Beuteländer wie die Sowjetunion in ihrem Bereich, allerdings nicht auf die krude Art, die dem sowjetischen System eigen war. Der wesentliche Unterschied zwischen dem Westen und dem Osten aber liegt in den feineren Methoden und in der höheren Professionalität, insbesondere der Angelsachsen. Max Horkheimer beschreibt diesen Sachverhalt schon 1942 treffend:

Man muß eine Elite schaffen, die ganz auf Amerika eingestellt ist. Diese Elite darf andererseits nicht so beschaffen sein, daß sie im deutschen Volk selber kein Vertrauen mehr genießt und als bestochen gilt.

Dieser intellektuelle Unterschied ist wohl eine der Voraussetzungen für die später stattfindende „feindliche Übernahme“ des von den Sowjets bewirtschafteten Beuteteiles in den Jahren 1989/1990.

Interessant ist auch die ungeschminkte Darstellung bei Scheil, welche Art von Demokratie eingeführt werden soll. Beginnend mit der Bearbeitung von Kriegsgefangenen in amerikanischer Kriegsgefangenschaft wird dies anschaulich nachvollziehbar gemacht am Beispiel der Zeitung Der Ruf, die ab 1943 von Kriegsgefangenen unter Anleitung (Zensur soweit nötig) redigiert wurde. Die Redakteure begreifen Demokratie nach und nach als Selbstbestimmung und von unten beginnend und kommen damit mit ihren Herren derart übers Kreuz, dass die Zeitung 1947 verboten wird. Solche Ausreißer bleiben aber Ausnahme. Allein an diesem Detail der Staatswerdung kann die Deutungshoheit der Unterwerfer ab 1945 beispielhaft nachvollzogen werden.

Die Umgepolten übernehmen ihre Rolle

Die Besatzer machten eine so gute Arbeit, dass die von ihnen angestrebte Umgestaltung immer besser und zielgerichteter von eingeborenen Kollaborateuren übernommen werden konnte, was den oben zitierten Anspruch bestens zu erfüllen half. Nach und nach wurden nur mehr die Zielvorgaben von oben her kontrolliert, ihre Einhaltung überwacht und, so weit sinnvoll, korrigiert. In Österreich, wo zusätzlich noch andere strategische Überlegungen eine Rolle spielten, konnte diese Übertragung in Form eines Staatsvertrages 1955 formell festgeschrieben werden. Juristisch unbedarfte Seelen verwechseln das mit einem Friedensvertrag.

Wer (Zeit-)Geschichte bis in die Gegenwart ungeschminkt nachvollziehen will, hat mit diesem Buch eine wertvolle Einstiegshilfe. Es vermittelt nüchterne Anschaung, wie offizielle Wahrheiten (unterscheide davon die Wirklichkeit) in unserer zur westlichen Wertewelt gewandelten Gesellschaft entstehen. Die Kenntnis der in dem Buch ausgebreiteten Faktenlage kann helfen, heute zu verstehen, wie demokratische Selbstbestimmung bei uns nur mit Erlaubnis von oben geschieht. Abstimmungen sollen nur soweit stattfinden, wie sie von oben vorgegeben werden. Initiativen außerhalb des parlamantarischen Einflusses soll es nach Möglichkeit nicht geben.

Das vorliegende Werk kann als Einstieg in eine plausible Erklärung unseres derzeit praktizierten Gesellschaftssystems dienen. Eine so unvoreingenommene Deutung der Entwicklung in Deutschand ab 1945 wäre auch für Österreich, wofür es derzeit fast nur verklärte Darstellungen gibt, eine wichtige Aufgabe. In diesem Sinn ist Scheilers wissenschaftliche Arbeit die erste in einer ebenso wichtigen wie wünschenswerten Reihe weiterer zum Thema Umformung der Gesellschaft.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 27. September 2012

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