Über die größte Vertreibung in der Geschichte


Alfred de Zayas, 50 Thesen zur Vertreibung, Verlag Inspiration Un Limited, London/München, deutsche Ausgabe 2012,
ISBN 978-3-9812110-0-9, 50 Seiten.

 

Eine Buchbesprechung von Gerulf Stix

Diese schmale Broschüre ist eine geballte Ladung unbestechlicher Geschichts- und Rechtsbetrachtung. In 50 Thesen legt Univ.-Prof. DDr. Alfred de Zayas die Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten zur Vertreibung von 15 Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihren Siedlungsgebieten dar. Der amerikanische Völkerrechtsprofessor (Harvard), der vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen auf drei Jahre zum „Unabhängigen Experten zur Förderung einer demokratischen und gleichberechtigten internationalen Ordnung“ bestellt wurde, hält auch in den „Schlussfolgerungen“ mit seiner Beurteilung nicht zurück:

„Die Vertreibung der Deutschen ist als größte Vertreibung der Geschichte auch deswegen aktuell, weil nach diesem aufgearbeiteten Präzedenzfall sich bis heute laufend weitere Vertreibungen in der Welt ereignet haben und noch ereignen, zuletzt vor allem in Afrika.“

Schon das Umschlagbild dieses Buches veranschaulicht die Tragik der Vertreibung auf erschütternde Weise. Es zeigt die Wiedergabe eines Gemäldes der donauschwäbischen US‑Amerikanerin Susanna Tschurtz. Ihre deutschstämmige Familie war aus Rumänien geflohen und dann in die USA eingewandert.

Aus seinen ursprünglich 22 Thesen (1986) entwickelte der Autor mit seinen Kollegen, insbesondere mit Konrad Badenheuer, die hier vorgelegten 50 Thesen. Sie wurden erstmals 2008 auf Deutsch veröffentlicht und sodann in Zusammenarbeit mit Kearn C. Schemm & Friends 2012 auch auf Englisch publiziert. Diese 50 Thesen sind übersichtlich gegliedert:

  • Historische Thesen 1–17
  • Völkerrechtliche Thesen 18–35
  • Schlussfolgerungen 36–50

Als wichtigster der fünf Anhänge ist wohl die im Jahr 1998 beschlossene „Erklärung über Bevölkerungstransfers und die Sesshaftmachung von Siedlern“ der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen anzusehen.

In den Historischen Thesen wird in geraffter Form sehr gekonnt ein Überblick über die deutsche Siedlungsgeschichte in Ost- und Südosteuropa vermittelt. Sie begann schon im frühen Mittelalter und verlief in weit überwiegendem Ausmaß friedlich. Oft wurden die deutschen Siedler von den lokalen Herrschern selbst ins Land gerufen. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges wohnten rund 19 Millionen Deutsche östlich der heutigen Oder-Neiße-Grenze. Rund 3,2 Millionen waren es in Böhmen und Mähren und rund 2 Millionen in Südosteuropa.

In den Thesen 9–12 wird herausgearbeitet, dass der tschechische Politiker Eduard Beneš schon vor 1939 bei den Westmächten für eine Zwangsumsiedlung der Sudetendeutschen warb. Die Schilderung der politischen Prozesse während des und nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt, wie es dann Stalin gelang, seine brutalen und großflächigen Umsiedlungsvorhaben schrittweise den anfangs zögerlichen Westalliierten schmackhaft zu machen.

Wie grausam die Vertreibungen tatsächlich verliefen, dokumentiert die Zahl von 2 Millionen Vertreibungstoten (These 15). Dass die Vertreibungen unumkehrbar seien, bestreitet der Autor entschieden und bringt positive Beispiele in These 17.

„Heimatrecht ist Menschenrecht“

Das Hauptgewicht der Arbeit liegt bei den völkerrechtlichen Thesen. Hier geht Alfred de Zayas in die Tiefe der rechtlichen Analyse und Betrachtung. So zeigt er, dass Vertreibungen bereits gemäß dem im Jahr 1945 geltenden Völkerrecht „absolut unzulässig“ waren (These 19). Unverblümt erwähnt er die vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg als „Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilten Vertreibungen, die unter dem Hitler-Regime durchgeführt wurden (später rückgängig gemacht), und folgert daraus dann logisch: „ … darum stellen die Vertreibungen der Deutschen durch Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien, gemessen an denselben Prinzipien, ebenfalls Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.“ (These 21)

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat in ihrer Resolution 47/121 von 1992 die so genannten „ethnischen Säuberungen“, die seinerzeit in Jugoslawien stattfanden, als Völkermord eingestuft. (These 26)

Anerkennende Worte findet der Autor für die deutsche Bundeskanzlerin Angelika Merkel. Sie war nämlich nicht bereit, dem polnischen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski nachzugeben, der in den Jahren 2006/2007 von Berlin verlangte, die Enteignung der aus Polen vertriebenen Deutschen ausdrücklich anzuerkennen. (These 34)

„Es gibt keine Kollektivschuld“

In seinen Schlussfolgerungen bekennt sich Alfred de Zayas zur Menschenwürde im Sinne der Menschenrechte unabhängig von der Nationalität. „Deshalb sind die tschechoslowakischen Beneš-Dekrete , die jugoslawischen AVNOJ-Beschlüsse und die polnischen Bierut-Beschlüsse mit dem europäischen Mindeststandard der Menschrechte unvereinbar.“ (These37) Er wendet sich entschieden gegen jede „Tabuisierung des Themas“ und stellt gleich im ersten Satz der 42. These unmissverständlich fest. „Es gibt keine Kollektivschuld.“

Im Übrigen versteht er das Phänomen Vertreibung keineswegs als ein ausschließlich deutsches Problem. De Zayas erwähnt die Armenier, Griechen und assyrischen Christen ebenso wie Kosovaren, Bosnier, Kroaten und Serben. (These 48) Letztlich geht es ihm darum, „künftige ethnische Säuberungen zu verhindern.“

Die kompakte Darstellung des „Phänomen Vertreibung“ in dieser sehr übersichtlich gestalteten Broschüre wird durch 33 weiterführende Fußnoten untermauert und durch eine zwei Seiten umfassende Auswahlbiographie ergänzt. In ihr findet sich auch der Name des verdienten österreichischen Völkerrechtsprofessors Felix Ermacora. Alles in allem ein unverzichtbares Handbuch für jeden, dem das Thema Vertreibung in der Seele weh tut.

 

Anmerkung
Siehe auch die Besprechung des Buches „Völkermord als Staatsgeheimnis“ von Professor Alfred de Zayas, Genius-Lesestück Nr. 06/Mai–Juni 2012

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 27. September 2012

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