Deutschland als Europas Industrieland Nr. 1


Sic transit gloria mundi

 

Von Bertram Schurian

Wenn man die sich jetzt ergebende Diskussion über die weitere Entwicklung in Europa betrachtet und sich vergegenwärtigt, welche Sorgen sich die Deutschen im Allgemeinen machen über die finanziellen Haftungen in Billionenhöhe, die sie im Rahmen der Europäischen Währungsunion auf sich genommen haben, dann kann man darüber nur staunen. 1945 lagen Deutschland und weite Teile Europas in Schutt und Asche. Doch 2012 ist Deutschland wieder so weit erstarkt, dass viele in Europa sich bereits fragen, wo denn die politische Führungsrolle Deutschlands bleibt? Deutschland hat sich wider Willen faktisch zu der europäischen Führungsmacht schlechthin entwickelt. Der überraschend entstandene und anscheinend gar nicht erstrebte politische Anspruch auf eine Führungsrolle in Europa wird von einer dynamischen und starken Wirtschaft getragen.

Jahrzehntelang war das Vereinigte Königreich Großbritannien die führende Industrienation in Europa und in der Welt. Von London aus wurde ein Weltreich regiert, das seinesgleichen nicht hatte. Vor rund 160 Jahren startete England die industrielle Revolution in Europa und galt für viele Länder als Vorbild. Die Franzosen folgten diesem Beispiel und nahmen bis vor dem Ersten Weltkrieg den zweiten Platz als Industrienation ein. Relativ spät (erst ab der Gründung des Deutschen Kaiserreiches von 1870/71), aber dann desto stürmischer, entwickelte sich Deutschland als Industrienation und innovativer Industriestandort.

Nach zwei Weltkriegen, die große Verwüstungen in Europa angerichtet haben, und dem bewussten Vorgehen der Sieger der beiden Weltkriege, Deutschland als Industrieland und politische Macht auszuschalten bzw. klein zu halten, steht jetzt im Jahre 2012, beinahe 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, Deutschland als die stärkste Industriemacht in Europa da. So liegt in Deutschland beispielsweise der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes am BIP bei rund 23 % während, weit abgeschlagen, der vom Vereinigten Königreich bei rund 11 % und der von Frankreich bei rund 10 % liegt.

Deutschland ist auch die effizienteste Volkswirtschaft in Europa. Die übrigen Volkswirtschaften wie Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich rangieren deutlich nachrangig.

Die neue Stärke schafft Probleme

Wer auch immer das Ziel gehabt haben mag, Deutschland zu zerstören bzw. es als europäische Macht in der Welt auszuschalten, dem ist dies nicht gelungen.

Als vor rund zweitausend Jahren Rom als damalige Weltmacht versuchte, die germanischen Stämme im heutigen Zentral- bzw. Mitteleuropa zu erobern bzw. sie zu römischen Untertanen zu machen, fand sich ein germanischer Heerführer, Arminius oder Hermann der Cherusker genannt, dessen Eltern ihm in Rom eine römische Ausbildung angedeihen ließen und der in römischen Diensten zu einem erfolgreichen Feldherrn wurde. Er vereinte die germanischen Stämme und fügte Rom eine vernichtende militärische Niederlage zu. Die Römer zogen sich hinter den Limes zurück.

Auch im Dreißigjährigen Krieg, der von 1618 bis 1648 wütete und die deutsche Bevölkerung um fast zwei Drittel dezimierte, gelang es den Franzosen (und auch den Schweden) nicht, dieses Land dauerhaft als politische Macht auszuschalten. Später unterwarf Napoleon Kontinentaleuropa, wurde aber schlussendlich besiegt und verbannt.

Auch die bewusste Ausplünderung der Deutschen nach dem Ende des Ersten und dann nochmals nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, die in der Periode 1945 bis 1948 zur Währungsreform mit aller Härte von der Sowjetunion unter Stalin und schwächer von den westlichen Alliierten betrieben wurde, hatte nicht den erwünschten Erfolg.

Nach der Kapitulation der deutschen Heeresleitung im Mai 1945 herrschten in Deutschland anarchische Zustände. Hunderttausende Deutsche überlebten diese schwierige Zeit nicht und die Alliierten taten wenig, um dem entgegen zu wirken. Eher verstärkte sich ursprünglich der Eindruck, dass der vom US-amerikanischen Finanzminister Morgenthau konzipierte Plan zur De-Industrialisierung Deutschlands ausgeführt werden sollte. Erst der amerikanische Marshall-Plan brachte eine Wende. Da hatte bereits der Kalte Krieg zwischen Ost und West begonnen.

Dies alles kann man gut dokumentiert in den Büchern von Claus Nordbruch „Der deutsche Aderlaß” und von Bogdan Musial „Stalins Beutezug” nachlesen. Auch das Buch von Giles MacDonogh „After the Reich: The Brutal History of the Allied Occupation” spricht in dieser Hinsicht Bände. Übrigens erwähnt Paul Kennedy in seinem Buch „Die Casablanca-Strategie”, dass der alliierte Bombenkrieg auf deutsche Industriezentren und Städte während des Krieges nicht den erhofften Effekt der Lahmlegung der Industrie hatte. Ganz im Gegenteil, die deutsche Produktion von Kriegsgütern erreichte im Jahre 1944 erst ihren Höhepunkt.

Schier unglaubliche Transferzahlungen

Sofort nach der Währungsreform hat West-Deutschland auch mit Wiedergutmachungszahlungen begonnen. Die Nachfahren der im Völkermord umgekommenen Juden haben nach einer Schätzung des britischen Historikers Niall Ferguson seit 1950 bis heute rund DM 300 Milliarden/Euro 150 Milliarden bekommen.

Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 brachte eine gewaltige Transferleistung von Westdeutschland an die ehemaligen Länder der DDR. Im Solidarpakt I wurden in der Periode von 1991 bis 2003 netto Euro 980 Milliarden transferiert. Im Solidarpakt II, der für die von Periode 2005 bis 2019 gilt, werden insgesamt Euro 156 Milliarden an die Neuen Länder transferiert werden.

Deutschland ist auch der wichtigste Beitragszahler der Europäischen Union und trägt ca. 23 % zum Budget der EU bei. Mit einem Bevölkerungsanteil am Europa der 27 von 16,2 % liegt sein Beitrag am EU-Etat überdurchschnittlich hoch. Jährlich liegen diese Zahlungen in der Größenordnung von mehr als Euro 30 Milliarden. Das vereinte Deutschland erwirtschaftete im Jahre 2011 rund Euro 3,14 Billionen. Dies als Indikator, um die Verhältnismäßigkeit der Transferleistungen anzugeben.

Kein Land in Europa hatte in den vergangenen 67 Jahren größere finanzielle Belastungen zu tragen als Deutschland. Trotzdem steht dieses Land heute besser da als je zuvor. Das zeigt die immense wirtschaftliche Stärke und Widerstandskraft dieses Landes. Hinzu kommt, dass der Lebensstandard für den einzelnen Bürger kontinuierlich gestiegen ist.

In der Welt ist Deutschland heute die viertstärkste Wirtschaftsmacht nach China, Japan und den USA. Dieser Erfolg beruht unter anderem darauf, dass Deutschland kein zentralistisch regiertes Land ist. Außerdem bewirkt das dualistische Schulsystem, dass es nicht nur gut ausgebildete Akademiker in diesem Lande gibt, sondern auch äußerst gut ausgebildete Facharbeiter und Handwerker. Zudem verfügen die Deutschen über besondere Fähigkeiten wie Gründlichkeit, Einfallsreichtum, Intelligenz, Fleiß, Zuverlässigkeit und Ordnungssinn in überdurchschnittlichem Maß, die als „soft power” ebenfalls zu diesem Erfolg beigetragen haben.

Offene Fragen an die Imperialisten dieser Welt

Diese Erfolgsgeschichte wirft die folgende Frage auf: Wenn es also Kreise im Vereinigten Königreich, in Frankreich oder den USA gegeben haben sollte, die meinten, Deutschland als wirtschaftliche und politische Macht ausschalten zu sollen, dann können diese Kreise heute eigentlich nur mehr feststellen, dass ihr Plan fehlgeschlagen ist. Wie also weiter?

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, warum die Sowjetunion nicht mehr existiert. Sie war doch eine mit einer angeblich besonders fortschrittlichen Ideologie ausgestattete Gemeinschaft freiwillig zusammen geschlossener Staaten mit einer kollektiven Führung, die auf Basis des wissenschaftlichen Sozialismus von Moskau aus regierte?

Das britische Reich hat sich durch imperiale Überdehnung und unter der leidenschaftlichen Leitung des imperial geprägten Sir Winston Churchill selbst zerstört. Warum wurde von dieser Seite auf kolportierte Friedensangebote aus Deutschland nie ernsthaft reagiert?

Auch das von Benito Mussolini konzipierte neue italienische Imperium scheiterte an der Überspannung seiner eigenen Kraft.

Warum wurden die von Japan in der Meiji Revolution von 1868 initiierten Modernisierungsbestrebungen, die zu einer einzigartigen Expansion Japans in Asien führten, im Juli 1941 von Roosevelt mit Unterstützung der Briten und Niederländer gestoppt? Wer gab ihnen ein Recht dazu? War es Angst vor der Konkurrenz? Oder weil man die Japaner nicht als dem weißen Mann gleichberechtigt bzw. ebenbürtig ansah?

Sind die Vereinigten Staaten von Amerika gegenwärtig nicht auch im Begriff, sich imperial zu übernehmen? Jedenfalls muss manches in Amerika neu überdacht werden, denn außer der Invasion von Grenada im Jahre 1983 haben die Streitkräfte der Vereinigten Staaten seit 1945 keine militärischen Endsiege mehr errungen. Korea ist nach wie vor geteilt. Fidel Castro lebt noch immer und Kuba wir immer noch kommunistisch regiert. Die Kriege in Afghanistan und Irak haben, genau wie der Krieg in Vietnam, im Gegenteil zu einem zweifachen Desaster geführt: Die Kosten der beiden Kriege haben den Schuldenstand der Vereinigten Staaten um rund US-$ 6 Billionen in einem Jahrzehnt erhöht und trotzdem ist in keinem einzigen Land das Kriegsziel erreicht worden.

Während die USA ein Jahrzehnt hindurch mit Kriegen beschäftigt waren, hat sich China zu einer wirtschaftlichen Großmacht und einem ernsthaften Konkurrenten der USA entwickelt. Gibt es Kreise in den USA, die beschlossen haben könnten, den Aufstieg Chinas zu einem ernsthaften politischen Mitspieler zu stoppen? Oder ist es die Angst vor dem beispielhaften Geschäftsmodell, das China verwendet? Die Doktrin der USA besagt, dass nur eine liberale demokratische Verfassung die Voraussetzung für Wirtschaftswachstum sei. China zeigt jedoch, dass dies nicht unbedingt stimmt. Auch Japan, Korea und Singapur sind Beispiele, die in Richtung China weisen. Hier sind also noch viele Fragen ungeklärt.

Nach dieser kursorischen Weltumrundung zurück nach Europa. Hier ereignet sich unter neuen Vorzeichen ein in diesem Maße nicht erwarteter Wiederaufstieg Mitteleuropas. Die politischen Karten werden neu gemischt. Als Zeitgenosse verfolgt man gespannt, wie sich die Dinge weiter entwickeln.

 
Dkfm. Bertram Schurian, Görtschach, war international als Manager tätig.

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. November 2012
 
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