Ungereimtes – gereimt


Unter dem Markenzeichen PANNONICUS werkte ein aufrechter Mann und schlug ein menschliches Herz. Dieses hat unerwartet zu schlagen aufgehört. Wir trauern tief um Dr. Richard G. Kerschhofer, der im Oktober 2012 in Wien verstarb. Mit uns trauert eine große Lesergemeinde, die nach jedem seiner politisch ebenso spitzen wie tiefgründigen Gedichte mit Spannung schon auf das nächste wartete. Nun ist der unermüdliche Verfasser ungezählter Verse zum Zeitgeschehen für immer verstummt. Wir werden ihn treu in unserem Gedächtnis bewahren. Hier veröffentlichen wir posthum eines seiner letzten Gedichte. Richard Kerschhofer hatte es uns kurze Zeit vor seinem Ableben zugesandt. Dies erscheint uns als würdiger Abschied von einem unerschrockenen Publizisten, den wir sehr vermissen werden.

Fiducit!

 

Von Grimm und vom Grimm

Tischlein deck’ dich zu verheißen,
um die Wähler mitzureißen,
scheint bewährt seit langer Zeit,
und bedrängt von ihren Paten
sind selbst gute Demokraten
jedesmal dazu bereit.

Dumm ist bloß, dass diese Knaben
keine Goldkack-Esel haben,
und versprochen wird auf Pump,
laufend wächst die Last der Zinsen,
mehr und mehr geht in die Binsen,
Hand in Hand werkt Lump mit Lump.

Denn statt viel herumzureden,
ziehn im Hintergrund die Fäden
wahre Meister ihres Fachs –
und verdutzt, statt was zu ahnen,
merken jäh die Untertanen
Goldmans Knüppel aus dem Sachs!

Die Hellenen, die Iberer
und auch andre Schuldenmehrer
trifft’s bereits mit aller Macht,
allerdings nur kleine Leute –
Lumpen haben ihre Beute
längst ins Trockene gebracht.

Doch nicht wie im Märchen, leider,
siegen heut’ die Beutelschneider,
denn in ihrem Solde stehn
weltweit viele Lügenziegen,
die selbst Krümmstes grade biegen
und das Wahre kalt verdrehn.

Volkes Wut kann drum mitnichten
sich auf Drähtezieher richten,
die ja keiner offen nennt,
und dass Lügner für ihr Treiben
völlig ungeschoren bleiben,
ist in dem Fall konsequent!

Manches – ganz im Sinn der Planer –
wird auf Geber und auch Mahner
weiter nördlich umgepolt,
auf ein Feindbild, das man bieder
je nach Laune immer wieder
aus der Mottenkiste holt.

Und man weiß, dass umerzogen,
selbst wenn tausendmal betrogen,
dort sie keine Meuterei
gegen Zwangsverträge wagen,
sondern lieber Lasten tragen –
murrend, aber schrecklich frei ...

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. November 2012
 
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