Das konstruierte Ich


Von Karl Sumereder

Seit den antiken Philosophien und den Kulturen gibt es auf die klassische Frage: „Wer bin ich eigentlich?“ die unterschiedlichsten Antworten. Solche mit einem Ich als etwas Konkretem und Unvergänglichem oder als einem bloßen Subjekt oder überhaupt als einer illusorischen Vorstellung.

Philosophen, Religionsstifter, Psychiater, Psychologen, Soziologen, Ethnologen und Neurowissenschafter beschäftigten und beschäftigen sich mit dem Wesen und den Bestimmungsgründen des Ichs. Gibt es ein Ich-Zentrum, einen inneren Wesenskern? Woraus besteht dieser, wo genau sitzt er? Ist er ein Ort, der dennoch keiner ist, weil er räumlich nicht lokalisierbar ist?

Die Philosophie ließ die Frage nach dem Ich mehr oder minder offen, so nach dem Motto: Über das Ich redet man nicht, man besitzt es.

Heute rückt allerdings eine umfassendere Erklärung in die Nähe. Dies wegen neuer Impulse und Einsichten aus der Neurowissenschaft, speziell der Hirnforschung und der Neuropsychologie.

Einige bisherige Erkenntnisse über das Ich

Der Mathematiker und Philosoph René Descartes (1596–1650) und seine Epigonen vertreten die These, dass der Mensch im Kern ein rein geistiges Wesen ist, das nur zufällig und während des irdischen Daseins in einem Körper steckt. Nach dem Motto: Das Ich hat keinen Anfang und kein Ende, nur eine Begrenzung. Descartes sah im Vorgang des Denkens (cogito ergo sum = ich denke, also bin ich) den Beweis für die eigene Existenz. Diese Ansicht war zwar wesentlich besser als alle Antworten davor, wenn auch der Kirchenvater Augustinus (354–430) bereits eine ähnliche Formulierung gefunden hatte. Der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein (1889–1951) wiederum sah im Ich lediglich ein sprachliches Konstrukt, das jeder reellen Basis entbehre.

Der Ursprung des Ichs

Über die Herkunft des Ichs gibt es im Wesentlichen zwei konträre Ansichten:

a) Das Ich hat einen übernatürlichen Ursprung. Dazu gibt es aber ein Bündel von Problemen. Beispielsweise wie kommt das Ich dazu, mit dem menschlichen Gehirn, das ja einen evolutionären Ursprung besitzt, in Verbindung zu treten? Über eine solche Möglichkeit hat der Neuropsychologe und Nobelpreisträger John C. Eccles (1903–1997) in mehreren seiner Werke zwar umfassend und detailliert Stellung bezogen, sie wird aber weitgehend als zu spekulativ abgelehnt. Der Philosoph Karl Popper (1902–1994) hat in einem Diskurs mit Eccles in einem Bezug auf die Evolutionstheorie Darwins gemeint, wie und warum etwas im Laufe der Weiterentwicklung des Lebendigen ins Dasein tritt, dafür gibt es keinerlei erschöpfende Erklärung. Nur als ein Beispiel wisse man nämlich nicht, wie sich Vögel aus Reptilien entwickelten, noch warum sie sich aus diesen entwickelten. Also, wie sich der Archäopteryx, der Urvogel, aus Reptilien entwickelt hat. Die Frage, warum und weshalb und zu welchem Zweck sich jeweils spätere Lebens- und Bewusstseinsformen aus Ur- und Vorformen sich entwickelten, sei schlichtweg nicht zu beantworten.

b) Das Ich hat eine evolutionäre Herkunft und Herausbildung. Es entstand nicht gemäß der dualistischen, sondern in der monistisch-materialistischen Denkungsweise mit dem sich weiter herausgebildeten menschlichen Gehirn und der Entwicklung der Sprache und der Schrift. Das Ich ist, so gesehen, genetisch determiniert.

Die Herausbildung des Ich-Gefühls

Heftig debattiert wird darüber, ob dem Ich-Bewusstsein ein wirkliches Ich entspricht oder ob es nichts anderes als eine denkerische Konstruktion ist. Gestützt auf Erkenntnisse der Neurowissenschaft und der Psychologie, betrachtet auch die heutige Philosophie uns Menschen weitgehend als biologische Systeme mit geistigen Fähigkeiten, die auf natürlichen Eigenschaften beruhen. Das Ich-Gefühl und ein eigenes Selbstbild erwachsen aus der Abgrenzung der eigenen Person von der Außenwelt und einer Spiegelung in Mitmenschen. Das Ich ist jedenfalls eine äußerst komplizierte Angelegenheit. Wie verschiedene Hirnforscher der Ansicht sind, gibt es verschiedene Ich-Zustände:

Das „Körper-Ich“ sorgt dafür, dass gewusst wird, dass der Körper ein eigener ist. Das „Verortung-Ich“ vermittelt, wo man sich gerade befindet, wogegen das „ Perspektive-Ich“ vermittelt, dass man ein Mittelpunkt der erfahrenen Welt ist. Das „Kontroll-Ich“ macht klar, dass man der- oder diejenige ist, die eigene Gedanken und Handlungen zu verantworten haben. Das „moralische Ich“ gestaltet ein Gewissen, das vermittelt, was gut oder schlecht ist. Der permanente Aufbau eines Ich-Gefühls und Selbstbildes von der Jugend bis zum Alter kann durch Umwelteinflüsse, aber auch durch Fehlfunktionen des Gehirns systematisch gestört werden. Unser innerstes Selbst und das darauf aufgebaute Ich sind nach heutigen Ansichten ein komplexes und zugleich variables Konstrukt und kein unzerstörbares Zentrum unserer Persönlichkeit.

Eine lebensgeschichtliche Konstruktion

Es ist noch nicht so lange her, dass die meisten Psychologen davon überzeugt waren, dass unsere Persönlichkeit, unser Ich, spätestens im dritten Lebensjahrzehnt endgültig festgelegt sei. Eigentlich sei schon mit der Pubertät das Wesentliche gelaufen. Gemäß Siegmund Freud (1856- 1939) werde die Persönlichkeit gar in den ersten drei Lebensjahren herausgebildet. In extremen Fällen, bei geistiger Behinderung oder Schocks, schwerem Missbrauch etc. kann der Ich-Charakter aber wesentlich anders festgelegt werden. Neue Langzeitstudien und Ergebnisse aus den Forschungslaboren der Neurowissenschaft widersprechen der Vorstellung, dass der Kern der Persönlichkeit angeboren sei und dann stabil bleibe. Vielmehr zeigen die aktuellen Erkenntnisse über die Verformbarkeit der Gehirnfunktionen, dass die Neuronen fast ein Leben lang neu organisierbar sind.

Die Frage lautet eigentlich nicht: „Wer bin ich?“ sondern: „Wer könnte ich werden?“ Gemäß der heutigen Neurowissenschaft sei anzuerkennen, dass das Ich kein übernatürliches Phänomen und auch keine bloße sprachliche Funktion wie laut Wittgenstein ist, sondern wesentlich durch das Gehirn und die soziale Umwelt gestaltet wird. Das Ich-Phänomen erstreckt sich über eine bestimmte Zeitspanne, grob gesagt, von der Geburt bis zum körperlichen Tod. Während das Bewusstsein durch Schlafperioden oder im Koma oder in der Narkose eingeschränkt oder unterbrochen wird, wird das Ich für kontinuierlich gehalten. Das Ich verändere sich zwar im Laufe des Lebens, es bleibe dennoch es selbst. Im Gegensatz zu den elektrochemischen Gehirnprozessen, von denen das Ich abhängt, ist es dadurch gekennzeichnet, dass alle seine Erlebnisse einheitlich miteinander in Beziehung stehen.

Die biografische Entwicklung des Ich-Bewusstseins

Die heutige Hirnforschung kann genaue Angaben machen, wie sich ein Ich ausbildet. Bereits im Embryonalzustand entsteht das limbische System. Nach der Geburt erfolgt der Kontakt des Gehirns mit der Außenwelt und es erfolgt dabei gewissermaßen eine Revolution. Die Gehirnstrukturen passen sich an, verringern die Anzahl der Neuronen und ummanteln die Leiterbahnen. Im Alter von 18 Monaten bis zu 2 Jahren bildet sich ein Ich-Gefühl heraus. Beispielsweise, wenn Kleinkinder sich auf Fotos oder im Spiegel erkennen. Manche Fähigkeiten und Eigenschaften entwickeln sich im Gehirn erst während und nach der Pubertät bis zur Herausbildung als gesellschaftlich-juristische Person; als ein Ich, als mehr oder minder verantwortlich handelndes Mitglied der Gesellschaft. Etwa 30 bis 40 Prozent sind abhängig von Erlebnissen und Prägungen im Alter von bis 5 Jahren. 20 bis 30 Prozent werden maßgeblich durch spätere Einflüsse im Elternhaus, in der Schule, in der sozialen Umgebung beeinflusst.

Bei der normalen Entwicklung von Neugeborenen und Kindern sind, wie der Philosoph und Psychologe Albert Newen darlegt („Spektrum der Wissenschaft“, März 2011), mindestens folgende Schritte des Aufbaues von Ich-Vorstellungen zu unterscheiden:

  • Eine Art Ich-Gefühl, bei der Wahrnehmung des eigenen Körpers, spätestens nach der Geburt.
  • Ein Ich-Gefühl beim Erlernen des Greifens im 3. Lebensmonat.
  • Das Ich als eine Komponente von geteilter Aufmerksamkeit und als Zentrum einer eigenen räumlichen Perspektive, etwa zwischen dem 9. und 14. Lebensmonat.
  • Das Ich als Subjekt mit einem begrifflichen Selbstbild, das sich durch eigene Wünsche und Hoffnungen definiert und anderen Subjekten andere Wünsche und Überzeugungen zuordnet. Dies wird etwa zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr erlernt.

Es wird angenommen, dass sich ein Ich-Bewusstsein bei Kleinkindern durch das Medium anderer Personen zu entwickeln anfängt. Dadurch, dass ein heranwachsendes Kind etwas über seinen eigenen Körper lernt, lernt es mit der Zeit, dass es selbst eine Person ist. Der Philosoph Karl R. Popper meint, dass wir nicht als Ich geboren werden, sondern lernen müssen, ein Ich zu sein. Das Ich ist aber nicht ein bloßes Subjekt. Es ist unglaublich reich. Es ist tätig und erleidend, erinnert sich an Vergangenes und plant und programmiert Zukünftiges. Es enthält in rascher Abfolge Wünsche, Pläne, Hoffnungen, Handlungsentscheidungen und das lebhafte Bewusstsein, ein Zentrum zu sein. Verschiedene neuronale Netzwerke bewirken, dass man sich als einen Mittelpunkt der erfahrenen Welt wahrnimmt. Wir haben dabei den Eindruck, Gedanken und Gefühle zu erleben und sie zu kontrollieren. Neuronen-Konglomerate sorgen für ein Bewusstsein. Alles ist als eine Hirnleistung zu verstehen. Durch Hirnverletzungen, Schlaganfälle, Demenzen, bizarre Gene kann diese aber gestört sein.

Spezielle Ansichten

Eine solche wird beispielsweise durch den amerikanischen Neurowissenschafter und Philosophen Daniel Bennet mit der Auffassung vertreten, dass das Wesen Mensch eigentlich ein Niemand sei, das weder geboren wird noch stirbt. Was die Wissenschaft herauszufinden vermag ist, dass wir ein genetisch-memetischer Komplex sind, der freien Willen, Selbstsucht, Angst, Enttäuschung, Habgier, Liebe, Freude, Hass, Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit und das Vorhandensein eines eigenen Ichs vorspielt.

Ähnlich der analytische Philosoph und Bewusstseinsspezialist Thomas Metzinger, der nicht an ein Ich als ein übersinnliches Wesen, an Astralkörper oder an Seelenwanderungen glaubt. Dies in seinem Grundlagenwerk: „Being No One“ = „Niemand sein“. Er kippt die Illusion, dass wir in uns einen speziellen Kern besitzen, um den sich die Welt dreht. Ein Etwas, das über die Zeit hinweg identisch bleibt. Eine der Grundaussagen seiner Theorie ist, dass es Selbste in der Welt nicht gibt. Ein Selbst, ein Ich, gehöre einfach nicht zu den Grundbestandteilen der Wirklichkeit. Es gibt nur ein persönlich erlebtes Ich-Gefühl und die ständig wechselnden Inhalte des Selbstbewusstseins. Seiner Ansicht nach ist es weder wissenschaftlich eindeutig, noch könne man denkerisch erfassen, wie sich im Gehirn Koalitionen von Neuronen bilden müssen, um ein Modell-Selbst auftauchen zu lassen. Erst Selbst-Modelle wiederum ermöglichen die Bildung von sozialen Gesellschaften. Nur in einer Gruppe mache ein Ich einen Sinn in seiner doppelten Funktion sowohl als Abgrenzung und auch als Zugehörigkeit.

Zu solchen Sichtweisen gibt es, wie eben bei allen Theorien, die ja keine absoluten Wahrheiten darstellen, Meinungen, dass es sich diesbezüglich um fröstelnde Deduktionen handle, um eine in die Leere führende Suche nach dem Selbst und dem Ich.

Als gänzlich neu wird von Kommentatoren die These Metzingers auch nicht eingeschätzt. Bereits vor mehr als 2500 Jahren sei der Inder Gautama Siddharta (= Buddha) zu ähnlichen Ansichten gekommen. Sein Ausgangspunkt war aber nicht die Suche nach Erkenntnis oder die Suche nach sich selbst oder dem Sinn des Lebens, sondern wie man Erlösung vom letztlich leidvollen Leben findet.

Die Revolution des Wissens vom Ich

Seit etwa 100 Jahren gibt es die wissenschaftliche Psychologie und die Neurowissenschaft. Zwar kann bislang noch keine umfassende Erklärung der geistigen Phänomene geboten werden. Immerhin aber Theorien, die sich auf Teilaspekte der menschlichen Psyche beziehen. Wertvolle Beiträge kommen auch von der molekularen Neurobiologie und der Genforschung. Neben anderen ist auch die Philosophie eine wichtige Disziplin. Gemäß dem amerikanischen Neurowissenschafter und Nobelpreisträger Gerald M. Edelmann („Das Licht des Geistes, wie Bewusstsein entsteht“, 2007) gilt: Ein Tier oder ein neugeborenes Kind erleben eine Szene zwar in Bezug auf ein Selbst, haben aber kein benennbares, nach außen abgegrenztes Selbst. Beim erwachsen werdenden Menschen bildet sich ein solches benennbares Selbst erst heraus, wenn sich semantische und linguistische Fähigkeiten, sowie zwischenmenschliche Fähigkeiten und zwischenmenschliche Interaktionen entfalten und so ein Bewusstsein höherer Ordnung entsteht.

Auf die eingangs gestellte Frage gibt es nach dem heutigen Wissensstand die vorläufige Antwort, als Mensch ein biologisches Wesen zu sein, das Vorstellungen von sich selbst hat, das ein Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild entwickelt. Das Ich ist damit eine Konstruktion. Wir werden nicht als Ich geboren, sondern müssen lernen, ein solches zu haben und zu sein.

Eine abschließende Feststellung

Wir sind letztlich nicht in der Lage, Begriffe, wie „Ich“, „Selbst“ oder „Subjekt“ exakt zu definieren. Es gibt keine beobachtbaren Fakten, die sich auf diese Begriffe beziehen. Ich-Gefühl, Selbst und Geist, erklärt der amerikanische Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz Marvin Minski nüchtern, seien schlichtweg das, was Gehirne tun. Mittlerweile denken so gut wie alle Neurowissenschafter und viele Philosophen, dass der menschliche Geist, unser Innerstes, durch Eigenschaften der biologischen Materie – die wie alle Materie phänomenal auf derselben Abstraktionsebene wie die Energie liegt – bedingt und neuronal konstruiert wird. Die heutige Hirnforschung weiß, dass sich die Gefühle und die höchsten geistigen Tätigkeiten vom Aufbau und der Funktionsweise des biologischen Organismus nicht trennen lassen.

Wir haben ein schillerndes, vielschichtiges und mehr-perspektivisches Ich, wie es Richard David Precht („Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“) ausdrückt. Die Hirnforschung beweist, dass unser gefühltes Ich ein äußerst komplexer Vorgang im Gehirn ist. Von einer umfassenden Ergründung unseres Ichs sei sie aber noch Jahrzehnte entfernt, wenn dies überhaupt je zu schaffen ist.

Auf den römischen Philosophen Seneca d. J. (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.) geht der Begriff „alter Ego“ = lateinisch: anderes Ich, oder in der Psychologie: „zweites Ich“ zurück. Das Organ Gehirn denkt, es erzeugt ein Ich, das denkt, dass es denkt. Eine abschließende Feststellung kann also als Einwendung auf Descartes lauten: „Es existieren Gedanken“.

 
Dr. Karl Sumereder, Seefeld, war leitend in Außenhandelsfunktionen tätig und befasst sich seit Jahrzehnten leidenschaftlich mit Philosophie.

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. November 2012
 
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