ÖBB: Dichtung und Wahrheit


So viele Züge geh’n, wer weiß, wohin ...

 
Von Bernd Stracke

Was PR-Anstrengungen und -Investitionen anlangt, kam in die ÖBB in jüngster Zeit zweifellos „Bewegung rein“. Ein kritischer Röntgenblick in das eigentliche Räderwerk der Staatsbahn zeigt freilich zahlreiche, zum Teil erhebliche innere Reibungsprobleme und gefährliche Schwachstellen.

Mit immer noch über 40.000 Mitarbeitern ist die ÖBB-Holding[1] in der Hitparade der größten rot-weiß-roten Unternehmen zuletzt vom elften auf den zwölften Platz abgerutscht. Das Finanzergebnis hat sich laut aktuellem Datenstand von minus 584,6 Millionen auf minus 621,1 Millionen Euro verschlechtert. Aber schon in wenigen Wochen wird der neue ÖBB-Geschäftsbericht über das abgelaufene „Jubiläumsjahr“[2] 2012 online gehen. Kaum anzunehmen, dass darin weniger Positives stehen wird als in der noch gültigen Fassung, und schon diese quillt über von schönen Worten – etwa jenen, wonach eine „Weichenstellung in Richtung Gesundung und Wachstum des Konzerns vorgenommen“ wurde. Oder, wonach „der ehrgeizige Sanierungskurs Fahrt aufgenommen“ hat. Und vor allem, wonach sich „das Service klar an den Wünschen der Fahrgäste orientiert“. Das Wort Kritik kommt in der Publikation überhaupt nicht vor, das Wort Beschwerde ein einziges Mal, nämlich in einem knappen Hinweis auf die Etablierung einer zentralen Vergabebeschwerdedatenbank. 172 Mal scheint aber der Begriff „Governance“ auf, meist als Wortpärchen in der Kombination „Corporate Governance“ oder im Wortdrilling „Corporate Governance Kodex“.[3] Diesen Grundsätzen der Unternehmensführung, und darauf scheint man besonders stolz zu sein, habe sich die Holding freiwillig unterworfen. Ebenfalls nur ein einziges Mal scheint das Wort Rechnungshof auf, und zwar in der Erwähnung, dass dessen Empfehlungen berücksichtigt und die Antikorruptionsbestimmungen deutlich verschärft worden seien.

Relativiertes Eigenlob

Die Prüfer in der Dampfschiffstraße[4] relativierten aber zuletzt das ÖBB-Eigenlob empfindlich. Just die Öffentlichkeitsarbeit, in der die ÖBB in den letzten Jahren nach außen so brillierte, hatte sich das Team um RH-Präsident Dr. Josef Moser vorgeknöpft. Die Aufwendungen der ÖBB-Unternehmensgruppe dafür betrugen nach RH-Recherchen zwischen 2007 und 2011 mehr als 208 Millionen Euro. Dabei habe ein gravierendes Faktum den Überblick erschwert: Die Holding habe die Höhe ihrer Aufwendungen für Öffentlichkeitsarbeit „in der Regel nicht hinsichtlich Leistungsart, Medium und Zugehörigkeit zu einer Kampagne differenzieren können.“ So sei eine Aussage über die Gesamtausgaben der ÖBB-Gruppe für Werbekampagnen und Medienkooperationen bzw. Advertorials unmöglich gewesen. Durch den hohen Anteil an öffentlichen Mitteln in den Erträgen der ÖBB-Gruppe (insbesondere der ÖBB Infrastruktur AG, der ÖBB-Personenverkehr AG und mittelbar der ÖBB-Holding AG) sei letztlich auch die PR-Arbeit dieser Unternehmen aus öffentlichen Mitteln mitfinanziert worden.

Den sich daraus ergebenden Anforderungen an Wirtschaftlichkeit, Zweckmäßigkeit und Transparenz sei nicht Rechnung getragen worden. Die Holding habe einen starken Fokus auf das Image der ÖBB gelegt und sich eine Erhöhung des Media-Etats als explizites Ziel gesetzt, was vor dem Hintergrund des hohen Gesamt-PR-Aufwands und des vorhandenen Einsparungspotenzials nicht ausreichend inhaltlich begründet gewesen sei. Auch hätten die Strategiepapiere den hohen externen Jahresaufwand von 31 Millionen Euro für Öffentlichkeitsarbeit „nicht einem quantifizierten und monetarisierten Nutzen gegenüber gestanden“.

Die Erhöhung der Mittel für Öffentlichkeitsarbeit für 2011 sei im Widerspruch zu den Konsolidierungsnotwendigkeiten der öffentlichen Haushalte gestanden. Der überwiegende Teil des über die Holding-Tochter „ÖBB-CI&M Werbeagentur GmbH“ abgewickelten Media-Aufwands floss in Printmedien, ein erheblicher Teil davon konzentrierte sich auf drei Zeitungen.[5] Die ÖBB finanzierten jahrelang Advertorial-Schaltungen, die nach Rechnungshof-Ansicht explizit die Arbeit des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) und der SPÖ-Bundesministerin Doris Bures in den Mittelpunkt rückten. Die Schaltungen, so umschrieben es die Prüfer vornehm, „erweckten teilweise den Eindruck einer Imagekampagne der Bundesministerin.“ Daher sei nicht nachvollziehbar, warum die ÖBB-Holding die Kosten dieser Schaltungen zur Gänze übernommen hatte. Die Zusammenarbeit zwischen dem „roten“ BMVIT und den gleichfarbigen ÖBB in der Öffentlichkeitsarbeit sei „in der Regel aktenmäßig nicht dokumentiert und damit im Rahmen der Gebarungsüberprüfung kaum nachvollziehbar“ gewesen.

Auch unter dem relativ neuen „Chief Exekutive Officer“ der ÖBB, also dem im Jahr 2010 bis zum Jahr 2015 bestellten geschäftsführenden Vorstand Mag. Christian Kern, fließen die Inseraten-Millionen für den Boulevard üppig weiter. Kern kommt ja als gelernter Wirtschaftsjournalist aus der Medienbranche. Nach seiner Assistentenzeit im Staatssekretariat für den öffentlichen Dienst bzw. für das Bundeskanzleramt war er in den neunziger Jahren auch Pressesprecher des SP-Klubobmannes im Parlament.

Außen hui, innen ...

Wie sehr der medial kolportierte hohe Unternehmensanspruch des „klar an den Wünschen der Fahrgäste orientierten Service“ von der Realität abweicht, ergibt ein Streifzug durch die Praxis und durch Meldungen in – nicht mit öffentlichen Geldern gekauften – Medien des Vorjahres:

Just im Jubiläumsjahr 2012 griffen die ÖBB ihren Fahrgästen mit einer Ticketverteuerung um 8 Prozent in die Taschen. Wenn sich geschröpfte Pendler, speziell nach der Fahrplanumstellung 2013, für teures Geld in nun noch überfülltere Züge quetschen müssen, ist es kein Wunder, dass bei vielen das Ärgerhäferl überkocht, selbst wenn die ÖBB zerknirscht Platznöte in vielen Zugsgarnituren morgens, nach Feierabend und an Freitagnachmittagen zugeben.

Fahrkartenautomaten sparen zwar Personal, kosten aber, wenn sie – ausgerechnet von der Kronenzeitungs-Ombudsfrau – als fehlprogrammiert entlarvt werden, einen Teil der teuer per Krone-Inserat gekauften Kundensympathien. Dasselbe gilt, wenn, wiederum die Krone-Ombudsfrau, die 330 Euro teure Albtraum-Reise einer niederösterreichischen Familie bei 40 Grad Hitze und defekter Klimaanlage in allen Details bis hin zum „Wiedergutmachungsversuch“ mit einem kleinen Gutschein schildert. Auch – eher spärlich platzierte – Inserate in der Tiroler Tageszeitung reduzieren ihre positive Imagewirkung, wenn Dr. Michael Motz in seiner viel gelesenen TT-Kolumne „Ein Fall für Motz“ die Odyssee einer Radfahrergruppe medial aufgreift und plastisch schildert, wie von einem Ersatzbus-Intermezzo überraschte Bahnkunden bei strömendem Regen den nächsten Bahnhof anradelten und prompt fälschlich des Schwarzfahrens beschuldigt wurden. Im konkreten Fall löste die Publikation eine ganze Reklamationslawine, im Fachjargon „Shitstorm“, aus: Hier ein Richter, dem wegen eines nicht funktionierenden Ticketautomaten eine Strafgebühr aufgebrummt wurde, da die Reklamation einer ECI-Benützerin, die an einem „Zustieg nur mit Platzkarte“ scheiterte, weil keine Platzkarte verkauft wurde. Oder ein vielfahrender Pensionist, dem aufgefallen war, dass in internationalen Zügen offenbar aus Spargründen nur noch jeweils eine der beiden Waggontoiletten gewartet wird, während die andere Tür versperrt ist, was blasenschwache Reisende vor beträchtliche urologische Herausforderungen stellt.[6]

Kritik aus allen Parteilagern

Auch auf den Parteischienen dampft Kritik heran, etwa wenn der freiheitliche Landtagsabgeordnete Anton Frisch die Vernachlässigung von Pendlern und fehlende Anbindung des Gewerbegebiets in Kundl ankreidet, oder wenn Grüne auf den erbärmlichen Zustand des Brennerbahnhofs und nicht hinnehmbare Verschlechterungen für Reisende im Fahrplan 2013 hinweisen. Kritik aus der „schwarzen“ Wirtschaftsecke verwundert eher wenig, klingt aber im Fall der Hotelierin und Unternehmensberaterin Lieselotte Sailer („Weißer Hirsch“ in Mariazell) nicht unbegründet: „Ich habe versucht, statt mit dem Auto mit der Bahn zu fahren. Aber der Zeitverlust ist so enorm, dass man doch wieder mit dem eigenen Auto fährt.“ Quasi aus den eigenen Reihen musste sich die traditionell „rote“ Bahn von der Lienzer SPÖ-Bürgermeisterin Elisabeth Blanik die „schleichende Demontage der Korridorzüge“ und „Desinteresse“ vorwerfen lassen, weil die ÖBB mit Jahresbeginn 2013 die Südtiroler Pustertal-Strecke (Innsbruck-Lienz) wegen Verschlafens der neuen Türsteuerungsvorschriften in Italien nicht bedienen kann.

Schmerzhaft muss es für ein Unternehmen auch sein, wenn das mediale Interesse an politischen Altlasten wie der leidigen ÖBB-Inseratenaffäre durch die Aufnahme neuer staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen gegen Bundeskanzler Werner Faymann und Medienstaatssekretär Josef Ostermayer wieder aufflammt. Oder wenn, wie im vergangenen Oktober, die Korruptionsstaatsanwaltschaft, betreffend das Thema „ÖBB-Uniformen von Freunden“, gegen die früheren Vorstände Martin Huber und Franz Nigl einschreitet und publik wird, dass die ÖBB einer Freunderl-Firma 1,3 Millionen Euro für minderwertige – laut Gutachten teils beschädigte, teils verschmutzte – Uniformen zahlten. Die Negativmeldungen scheinen auch 2013 nicht abzureißen: Soeben berichtete der Kurier, dass im Zuge einer Spekulationsaffäre auf Ex-Chef Martin Huber ein weiteres gerichtliches Nachspiel zukommt. Die ÖBB hatte sich auf einen „Portfolio Credit Default Swap“ über 613 Millionen Euro eingelassen. Schon 2009 belief sich der Verlust auf 466 Millionen Euro.

Wirklich gute Neuigkeiten sind es auch nicht gerade, wenn CEO Kern den geplanten Abbau von weiteren 1600 Mitarbeitern bekannt gibt, darunter 600 Kündigungen oder Sozialpläne zugunsten einer angepeilten „schwarzen Null“, sodass es dann nur noch 40.000 ÖBBler gibt. Auch die Idee, Eisenbahner zu Polizisten umzuschulen, kam nicht wirklich gut an. Und das speziell vor dem Hintergrund, dass so die ÖBB-Verluste wohl bei „nur“ 28 Millionen Euro „eingebremst“ werden konnten, die Bahnschulden jedoch jährlich um 1.800 Millionen Euro wachsen. So „schön“ würden sich diese Zahlen übrigens ohne das Aufschieben von Bahnprojekten wie Brenner-, Koralm- und Semmeringtunnel „auf bessere Zeiten“ freilich nicht lesen.

Wo bleibt die Sicherheit?

Die vielen Bürgern noch in Erinnerung gebliebene entsetzliche Vergewaltigungstat eines Türken in einer Wiener U-Bahn entfachte neuerlich die Diskussion um die auch in ÖBB-Zügen immer seltener gewährleistete Fahrgast-Sicherheit, zumal Meldungen über Faustschläger, Schießwütige und polnische Reisediebsbanden, die friedlichen ÖBB-Reisenden das Leben vergällen, die Runde machen. An Unterbeschäftigung leidet das vielköpfige PR-Team der ÖBB sicher nicht, wenn dann ein beherzter Salzburger wie Peter Haibach an der Spitze der Internet-Fahrgastinitiative „probahn“ aus Sicherheitsgründen einen verpflichtenden Schaffnerbetrieb in allen Zügen und generell mehr Zugbegleiter fordert, wobei ihm ÖBB-Konzernbetriebsrat Roman Hebenstreit flankierend zur Seite springt, allerdings vergebens. Für die Konzernleitung laufen die Unternehmenspläne in die genau entgegengesetzte Richtung: Aus Kostengründen gehe der Trend leider in Richtung schaffnerlos...

Das Kunststück, Öko-Fundis und Wirtschaftsvertreter zu engen Verbündeten zusammenzuschweißen, gelingt dann, wenn die Holding-Güter-Tochter „Rail Cargo Austria“ (RCA) aus wirtschaftlichen Gründen mit 9. Dezember zwei Rollende Landstraßen (Rola) einstellt, im konkreten Fall die von Regensburg nach Trient sowie jene aus dem ungarischen Szeged nach Wels, so dass Ökombi als Operator der Rola künftig nur noch vier Relationen anbietet, nämlich die Verbindungen Wörgl–Trient, Wörgl–Brennersee, Wels–Marburg und Salzburg–Triest. Das gleichzeitige Bekanntwerden von Schließungsplänen für 41 der insgesamt 584 Verladestellen in ganz Österreich fällt dann auch schon kaum mehr ins Gewicht, selbst wenn das erst bis Ende März 2013 passieren soll und bis dahin mit den Bahnkunden „individuelle tragfähige Lösungen“ entwickelt werden sollen. Natürlich sei der Bahn bewusst, dass durch die Schließung der Bedien-Stellen unzählige Transporte auf die Strasse wandern und Lkw’s auf diese Weise zusätzliche Schadstoffmengen in die Luft blasen. Aber bei 886.000 Lkw-Fahrten pro Tag sei dies relativ wenig, bemüht sich die RCA zu beschwichtigen.

Wie es mit dem defizitären Stückgutverkehr, der unter dem Markennamen Bahn-Express verkauft wird, weitergeht, sei noch offen. Die RCA verhandle diesbezüglich mit privaten Logistikunternehmen über die Gründung eines Joint-Ventures mit der Möglichkeit, mehr als 900 Mitarbeiter von der RCA-Lohnliste zu streichen und in eine weitere neue Gesellschaft einzubringen. Diese würde sich dann in die Liste von ÖBB-Immomanagement GmbH, ÖBB-Shared Service Center GmbH, ÖBB-IKT GmbH, Technische Services GmbH, Produktion GmbH, Werbung GmbH und ÖBB-Railtours usw. einreihen lassen.

Reisen und entgleisen

Im weitesten Sinn unter das Motto „Reisen und entgleisen“ lassen sich zunehmende technische Zwischenfälle einordnen, etwa wenn in St. Pölten ein Dieseltriebwagen aus der Spur kommt, auf dem Brenner ein Zug wegen nicht angezogener Handbremse zum Geisterzug wird, oder wenn just am 13. Jänner 2013 ein defektbedingter Brand im Bahnhof Wörgl mit umfassenden Evakuierungsmaßnahmen Schlagzeilen macht.

Nicht nur baubedingter Schienenersatzverkehr auf weiten Teilen des ÖBB-Netzes (5 Wochen Ennstal, mehrere Monate Innsbruck-Brenner) nerven Bahngäste, sondern auch ein offensichtlich katastrophaler technischer Zustand mancher Beförderungsvorrichtungen. So muss schon mal ein Pendlerzug in Stams 40 Minuten lang stehen bleiben, weil die Türen eines Triebwagens nicht schließen, sodass sich die in vorweihnachtlicher Kälte vor die Zugtüren gesetzten Fahrgäste von Angehörigen mit dem Auto abholen lassen müssen. Von einem „Sahnehäubchen“ zum Bahn-Abgewöhnen kann man wohl dann sprechen, wenn – wie dem Autor dieses Genius-Lesestückes widerfahren – eine Lok wegen Maschinenschadens auf offener Strecke liegen bleibt, die Fahrt Stunden später mit einem Schienenersatzbus fortgesetzt wird, der dann seinerseits mitten auf der Autobahn ebenfalls wegen Maschinenschadens ausfällt, so dass bei klirrender Kälte auf Ersatz für den Ersatz gewartet werden muss.

Noch verlaufen die meisten Zwischenfälle glimpflich, und die ÖBB dürfen sich – zu Recht – als sicheres Verkehrsunternehmen bezeichnen. Allerdings ist unbestritten, dass gehäufte Maschinendefekte mittelfristig das Vertrauen der Passagiere in ihr Beförderungsmittel untergraben. Maschinen sind auch nur Menschen. Aber vor allem sind ÖBB-Bedienstete Menschen, deren Motivation unter ständig steigendem Leistungsdruck bei stagnierender oder sich gar reduzierender Entlohnung sowie wachsender Arbeitsplatz-Unsicherheit abnimmt. Wie aus der Arbeitspsychologie bekannt, sind demotivierte Mitarbeiter fehleranfälliger, und das kann im ÖBB-Fall durchaus einmal zu einem GAU führen.

Ob sich die von der unabhängigen Regulierungsbehörde „Schienen-Control“ festgestellte Zunahme der Beschwerden betreffend falsche Auskünfte oder unfreundliches Personal von 502 Fällen im Jahr 2009 auf 659 Fälle im Jahr 2011 auch im Vorjahr weiter fortsetzte, bleibt vorerst ein ÖBB-Geheimnis: Eine diesbezügliche Genius-Medienanfrage blieb bis Redaktionsschluss von der ÖBB-Öffentlichkeitsarbeit unbeantwortet.

Auch wenn sich die ÖBB hartnäckig in halbseitigen Krone-Inseraten (laut aktueller Anzeigenpreisliste 30.900 Euro pro Schaltung!) in punkto Pünktlichkeit als „Nummer eins innerhalb der EU“ hochstilisieren, müssen sie sich von nicht käuflichen Medien vorwerfen lassen, ihre Zahlen „schön zu rechnen“, etwa dadurch, dass geringe Verspätungen, die aber ein Verpassen des Anschlusses zur Folge haben können, als „pünktlich“ gerechnet werden und ausgefallene Züge in der Statistik überhaupt nicht aufscheinen. Jene HTL-Schülerinnen aus Imst, die sich am 13. Jänner 2013 in der TT ihrem Ärger über „regelmäßige Verspätungen früh und abends“ Luft machten, wissen jedenfalls aus eigener Erfahrung zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden.

Auf mehr als eine Milliarde Euro belaufen sich derzeit die Kosten für den – zugegebenermaßen zu Recht als Jahrhundertprojekt bezeichneten – Wiener Hauptbahnhof. Zunächst waren noch 420 Millionen Euro veranschlagt worden, doch schon 2006 musste der ÖBB-Aufsichtsrat einen neuen Beschluss über 660 Millionen Euro fassen. Freilich seien, argumentiert der Konzern, die Pläne für das Projekt geändert und entsprechend erweitert worden. Dem Rechnungshof war eine kritische Analyse schon bisher 120 Seiten wert. Auf den finalen Kostenstand im Dezember 2014, wenn dann hoffentlich die ersten Schnellzüge einfahren, darf man gespannt sein.

 
Bernd Stracke ist ÖBB-Fan und Mediensachverständiger in Innsbruck

Anmerkungen

[1] Alleinaktionär der ÖBB Holding AG ist die Republik Österreich. Die Holding hält alle Anteile an den drei Töchtern „ÖBB Personenverkehr AG“, „Rail Cargo Austria AG“ und „ÖBB Infrastruktur AG“. Unzählige Firmenverschachtelungen, gepaart mit vielen wechselseitigen personellen Verschränkungen in Geschäftsführung und Aufsichtsrat, sowie allein 80 ausländischen Konzernbeteiligungen (25 in Ungarn, 8 in Tschechien, je 6 in der Slowakei und Italien, 5 in Rumänien, je 4 in Belgien und Polen, je drei in Slowenien und den Niederlanden, je zwei in Bulgarien, Kroatien und Serbien sowie je eine Beteiligung in Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Griechenland, Liechtenstein, Russland, Schweden, Schweiz, Spanien, Türkei und Ukraine), machen die Reise durch den Firmendschungel für einen Wirtschaftsinteressierten zu einer aufregenden Safari.

[2] 175 Jahre Eisenbahn.

[3] Unter Governance versteht man – vereinfacht – das „Regierungshandeln“ und unter Corporate Governance die Grundsätze der Unternehmensführung. In Österreich hat ein „Arbeitskreis für Corporate Governance“ 2002 den mittlerweile mehrmals adaptierten österreichischen Corporate-Governance-Kodex erstellt. Die Initiatoren – das Institut Österreichischer Wirtschaftsprüfer (IWP) und die Österreichische Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (ÖVFA) – rühmen sich, damit ein internationalen Standards entsprechendes Regelwerk für die verantwortungsvolle Führung und Leitung von Unternehmen in Österreich geschaffen zu haben. Arbeitskreis-Vorsitzender ist der bis vor kurzem als Kapitalmarktbeauftragter der Finanzministerin tätig gewesene Ex-ÖMV-Chef Dr. Richard Schenz.

[4] Auf Hausnummer 2 dieser Straße logiert der Rechungshof.

[5] Das Internet-Medium „Unzensuriert“ (www.unzensuriert.at) wurde am 18. Dezember 2012 konkret und belegte, dass das öffentliche Inseratenfüllhorn weiter reichlich über heimischen Medien ausgeschüttet wird, und zwar insbesondere über „Heute“, „Österreich“ und „Kronenzeitung“: Allein im dritten Quartal habe die öffentliche Hand 37 Millionen Euro für Werbeaufträge ausgegeben. Bei den staatsnahen Betrieben seien nach dem ORF mit 1,6 Millionen Euro gleich die ÖBB mit 1,3 Millionen Euro gekommen. Mit der Bezeichnung „immense Medienanfütterung“ liegt „Unzensuriert“ da sicher nicht weit daneben.

[6] Genius-Recherchen in der Reinigungsbranche ergaben, dass eine Reinigungskraft für die gründliche Säuberung einer Toilette etwa zehn Minuten benötigt (5 Minuten für die WC-Schüssel, 2 Minuten für das Waschbecken und die restlichen 3 Minuten für Türklinken, Griffe, Spiegel etc.). Eine Reinigungskraft bekommt pro WC-Reinigung ca. 1,31 EUR brutto. Zum Preis eines einzigen halbseitigen Krone-Inserates könnten also 23.587 Toilettenreinigungen vorgenommen werden.

Bearbeitungsstand: Montag, 28. Jänner 2013

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