Tragödien in Kärnten 1945


Florian Thomas Rulitz, Die Tragödie von Bleiburg und Viktring, Partisanengewalt in Kärnten, 2. erweiterte Auflage, Hermagoras Verlag, Klagenfurt, 2012, ISBN 978-3-7086-0655-2.

 
Buchbesprechung von Bertram Schurian

Am 8. Mai 1945, also vor bald 68 Jahren, kapitulierte die Deutsche Wehrmacht und beendete damit den Zweiten Weltkrieg. Nicht so im österreichischen Bundesland Kärnten, denn dort fanden noch Kampfhandlungen bis Ende Mai und vereinzelt noch Monate lang danach statt. Diese Kampfhandlungen fanden zwischen verschiedenen Armeekorps der Jugoslawischen Armee, sich zurückziehenden Einheiten der Deutschen Armee, Verbänden der Kroatischen Armee, Freischärlern und Partisanen von allerlei Signatur statt. Vor einiger Zeit erschienen Berichte in der „Kleinen Zeitung“ über dieses Buch und seinen Autor. Aus Anlass eines Leserbriefes in der „Kleinen Zeitung“ fand ein Schriftverkehr zwischen dem Vorstand des Institutes der Geschichte an der Alpen-Adria Universität in Klagenfurt, Herrn Dr. Dieter Pohl[1], und mir statt. In diesem Schriftverkehr kritisierte er Das Buch von Rulitz scharf und kreidete ihm u. a. das Folgende an:

  1. Dr. Rulitz scheint den Stand der Forschung zur Gewalt- und Bürgerkriegsgeschichte im allgemeinen und im Zweiten Weltkrieg überhaupt nicht zu kennen.
  2. Dr. Rulitz kennt die Forschungen zu Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg nur rudimentär, die meisten Hinweise auf die einschlägige Literatur hat er übrigen von mir (Dr. Pohl) bekommen.
  3. Dr. Rulitz hat die kroatischen, teilweise auch die slowenischen Forschungen zu den Massakern 1945 übersehen.

Dies ist natürlich starker Tobak, der hier geäußert wird. Pikanterweise war Dr. Dieter Pohl Mitbegutachter der Dissertation von Rulitz, dem er damals ein positives Gutachten über seine Arbeit ausstellte. Natürlich weckte dieser mediale Konflikt auch meine Neugier. 
Das Buch zählt 443 beschriebene Seiten, wovon auf 105 Seiten nur detaillierte Quellenangaben stehen. Auf den übrigen Seiten finden sich praktisch auf jeder Seite eine oder mehrere Quellenangaben. Was Dr. Rulitz beschreibt und aussagt, wird durch einen umfangreichen Zitatenschatz unterstützt.

Besonders interessante Lektüre sind auch die sechs Vorworte und das Vorwort des Verfassers selbst. So schreiben in anerkennenden und lobenden Worten über den Inhalt des Buches Koryphäen wie Valentin Inzko, Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, Gerhard Dörfler, Landeshauptmann von Kärnten, Professor i. R. Dr. Heinz Dieter Pohl von der Fakultät für Kulturwissenschaft, Professor Dr. Gerald Grimm, Joze Dezman, slowenischer Historiker, und Professor Dr. Josip Jurcevic, kroatischer Historiker.

In diesem Licht besehen erscheinen mir die Behauptungen von Dr. Dieter Pohl in seiner Kritik mehr als fragwürdig, so nicht ehrenrührig. Im Vorwort von Professor i. R. Dr. Heinz Dieter Pohl (die beiden sind, obwohl eine Namensgleicheit besteht, weder verwandt noch verschwägert) macht dieser deutlich, auf welche Art und Weise Joze Dezman in Slowenien diskreditiert wurde und dadurch sogar seinen Posten als Leiter des Laibacher Museums für neuere Geschichte verlor. Gegen Dr. Rulitz wurden ähnliche Methoden der Diskreditierung angewandt.

Ein uraltes Sprichwort besagt: Nichts ist so fein gesponnen, es kommt doch alles an die Sonnen. In der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien - sie hieß zeitweise auch Föderative Volksrepublik Jugoslawien - war es strengstens verboten, eine andere als die von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens vorgegebene Geschichtsauffassung zu vertreten. Rulitz zeigt, dass die Behandlung der Geschichte in Jugoslawien darauf angelegt war, sie so zu zeigen, wie es die Kommunisten sahen. Die kommunistische Partei in Jugoslawien war eine Kopie der KPdSU und Tito ein getreuer Anhänger und Ausführer der kommunistischen Ideologie, wenngleich er gegenüber Stalin eine gewisse Selbständigkeit für seine Politik in Anspruch nahm. Milovan Djilas, überzeugter kommunistischer Ideologe und Agitator und langjähriger Gefährte von Tito, gibt hiervon beredtes Zeugnis in seinen Büchern “Die neue Klasse” und “Gespräche mit Stalin”. Rulitz meint auch, dass diese Politik und die daraus entstandenen Untaten und Verbrechen und deren absolute Vertuschung der Grund dafür sind, warum nach dem Tode von Tito im Mai 1980 die Föderative Republik Jugoslawien so blutig und relativ schnell in ihre einzelnen Teilrepubliken zerfiel.

In den Maitagen 1945 herrschte in Kärnten südlich der Drau ein gewaltiges Chaos. Flüchtende Kroaten und Slowenen, die berechtigte Angst vor den Absichten der Kommunisten hatten, drängten nach Kärnten, wurden von den kommunistischen Partisanen und der Jugoslawischen Armee bedrängt und beschossen und von den anwesenden englischen Truppen aufgehalten. Auch die Rote Armee und bulgarische Einheiten dieser Armee waren in diesem Raum anwesend. Die Trecks der Flüchtlinge und zurückflutenden deutschen Soldaten sollen bis zu 60 km lang gewesen sein und bis nach Unterdrauburg gereicht haben. Aus englischen Quellen ist zu entnehmen, dass rund 700.000 Menschen, davon 200.000 Soldaten aller Schattierungen, sich hier zusammenballten. Obwohl Rulitz der englischen Besatzungsmacht ein gerütteltes Maß an Schuld an der Auslieferung der flüchtenden Kroaten und Slowenen an die Tito-Partisanen und die Jugoslawische Armee gibt, ist es auch wahr, dass die Engländer vor der Situation standen, wie so viele Menschen unterzubringen und zu ernähren seien. Rulitz weist darauf hin, dass der spätere Premierminister Anthony Eden, damals politischer Begleiter/Berater von Feldmarschall Sir Harold Alexander, ab 1947 Generalgouverneur von Kanada, mit den Jugoslawen in Klagenfurt unterhandelt hat, was mit den Flüchtlingen geschehen solle. Die Flüchtlinge, Kroaten und Slowenen, wurden an die Partisanen und die Jugoslawische Armee ausgeliefert und diese zogen aus Kärnten/Österreich ab. Ungefähr zur selben Zeit wurde das XV. Kosaken-Kavallerie-Korps, ca. 25.000 Mann unter Leitung von General Pannwitz, entgegen vorheriger Zusage seitens der Briten für freies Geleit an die Rote Armee ausgeliefert.

Rulitz beschreibt alle Geschehnisse in dieser Zeit nicht nur aus der Sichtweise der Statistiken und sonstigen Aufzeichnungen aus Sterbebüchern der Kirchen, sondern auch aus der Sichtweise von Zeitzeugen. Obwohl heutzutage bekannt ist, dass man den Berichten von Zeitzeugen mit einiger Vorsicht begegnen sollte, verleiht deren Schilderung der Geschehnisse eine gewisse Zeitnähe und Authentizität. Alle Behauptungen von Rulitz werden gestützt durch Dokumente und Quellenangaben. Seine Schlussfolgerungen, die er aus dem ganzen Konvolut an Statistiken, Zeitzeugenaussagen und Forschungsergebnissen von Dritten zieht, sind logisch und nachvollziehbar. Dieses Buch ist daher ein ausgezeichneter Wegweiser durch ein düsteres Kapitel der Kärntner Geschichte, das manche politischen Kreise in Österreich, Slowenien und Kroatien nicht so gerne ans Tageslicht gerückt sehen.

 
Dkfm. Bertram Schurian war international als Manager tätig und lebt in Kärnten.

Anmerkung

[1] Zwischen Dr. Dieter Pohl, Institut für Geschichte an der Universität Klagenfurt, und em. Univ.-Prof. Dr. Heinz-Dieter Pohl, Sprachwissenschafter, besteht nur eine Namensgleichheit. Beide sind weder miteinander verwandt noch verschwägert.

Bearbeitungsstand: Montag, 28. Jänner 2013

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