Was ist los in Ungarn?


Von Dieter Grillmayer

Als ein seit bald zehn Jahren mehrheitlich in einem kleinen Dorf in Westungarn lebender „Zeitzeuge“ erlaube ich mir, zu der laufenden Ungarn-Berichterstattung in den Medien Stellung zu nehmen. Dabei fließen die Beobachtungen der dörflichen Gegenwart ebenso ein wie mein Wissen über die ungarische Vergangenheit sowie die Grundsätze, welche ich mir bei der Bewertung politischer Geschehnisse und Entwicklungen zu Eigen gemacht habe.

Zunächst das Dorf: Es ist von bajuwarischen Aussiedlern gegründet worden, die der örtliche ungarische Magnat ab 1756 angeworben hatte, um seine Wälder zu roden und den Boden für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. So entstand eine ursprünglich als „Deutschdorf“ bezeichnete Ansiedlung. Im 19. Jahrhundert wurde daraus (durch Magyarisierung) „Németfalu“. Nach 1945 haben die Kommunisten das Dorf in „Egervölgy“ (= Erlental) unbenannt. An innerösterreichischen Verhältnissen gemessen ist der Boden hier sehr fruchtbar und das Klima viel freundlicher, die Niederschlagsmengen sind gering, aber ausreichend, und die Sonne scheint öfter. Jeder Ansiedler-Familie wurde ein schmaler, aber langer Grundstreifen zum Hausbau und zur Selbstversorgung übertragen, und zwar in der bei ungarischen Dörfern typischen Anordnung normal zur Hauptstraße. Bei meinem „Haus mit Garten“, wie es im Grundbuch steht, ist der Grundstreifen durchschnittlich nur 12 Meter breit, aber mehrere 100 Meter lang. Das Dorf hat heute ca. 500 Einwohner und scheint mir nicht überaltert zu sein. Dass es sich um eine ursprünglich rein deutsche Ansiedlung handelt, dokumentieren inzwischen nur mehr die Grabinschriften am temetö, dem Dorffriedhof.

Von den politischen Verhältnissen bzw. Veränderungen merken wir hier praktisch nichts, wenn man davon absieht, dass nach einem inaktiven „roten“ Dorfschulzen seit ein paar Jahren eine offenbar der FIDESZ nahestehende Bürgermeisterin im Amt ist, die für das Gemeinschaftsleben viel tut, z. B. jedes Jahr ein Dorffest organisiert. Der – wahrscheinlich mit EU-Mitteln – neu errichtete Kinderspielplatz kann sich sehen lassen und das Kriegerdenkmal wird liebevoll gepflegt. Auf dem Schornstein des Pfarrhauses nisten Störche. Zwei kleine Läden gewährleisten die Grundversorgung, daneben liefern fahrende Händler z. B. Tiefkühlkost einmal wöchentlich „frei Haus“. Vergleichsweise gut ausgelastete Autobusse verbinden das Dorf mit Vasvár (10 km), Sárvár (15 km) und Szombathely (30 km), wo sich u. a. SPAR, LIDL, TESCO und BAUMAX angesiedelt haben. Die Zahl der Fahrzeuge – neuerdings auch große Traktoren – im Dorf hat sich in den letzten zehn Jahren zwar vervielfacht, aber es ist nicht zu übersehen, dass die Einheimischen hier vergleichsweise immer noch „arm“ sind, sich aber nicht so fühlen. Dazu trägt bei, dass sie sich zum Teil noch selber versorgen und dass die Lebenshaltungskosten generell (mehr denn je) nur einen Bruchteil der österreichischen ausmachen, wenn man vom teuren Kraftstoff einmal absieht.

Unser einziger regelmäßiger Gesprächspartner ist ein Baumeister, der ca. 20 Jahre in Deutschland tätig war und als Pensionist in sein Dorf zurückgekehrt ist. Der ist – für den Ungarn nicht untypisch – ein leidenschaftlicher Diskutierer und ein FIDESZ-Fan, wie er im Buche steht. Er beklagt sich bitter über die schlechte Auslandspresse, die der Orbán-Regierung in Ungarn aber eher nützt, die absolute Mehrheit für FIDESZ sei nicht in Gefahr. Würde Orbán von seinem in Europa viel kritisierten Kurs abrücken, dann käme das nur der wirklich faschistoiden JOBBIK-Partei zugute, und daran könne nun wirklich niemand interessiert sein.

Vorsicht mit vorschnellem Verdammen!

Diese Gedankengänge sind nachvollziehbar. Es könnte also durchaus sein, dass die „Antifaschisten“ in Europa das Gegenteil von dem erreichen, was sie anstreben. Die „politische Hysterie“ und der „ideologische Zirkus“, wie ein paar deutsche Stimmen schon konstatiert haben, sollte also einer sachlichen Einschätzung der aktuellen ungarischen Politik weichen. Was von Orbáns Reformplänen tatsächlich gegen übergeordnetes Europarecht verstößt, kann er ohnehin nicht verwirklichen; aber das hat der EUGH zu entscheiden und nicht die europäischen Linkspolitiker und die ihnen zuarbeitenden Medien. Die europäischen Volksparteien wiederum täten gut daran, der ungarischen Schwesterpartei wenigstens nicht in den Rücken zu fallen, auch wenn sie den Wertvorstellungen, die bei FIDESZ noch lebendig sind, längst abgeschworen haben.

Patriotismus und Revoluzzertum haben die freigeistigen Ungarn und ihr „Reich der Stephanskrone“ tausend Jahre lang geprägt. Der ungarische Patriotismus wurzelt weniger im Magyarentum als in dieser Reichsidee. Franz Liszt war, obwohl deutschstämmig und der ungarischen Sprache gar nicht mächtig, ein glühender ungarischer Patriot. Maria Theresia verdankt ihr politisches Überleben einzig den Ungarn, die für „ihre“ Königin in den Krieg gezogen sind, während der österreichische und der böhmische Adel schon zum Absprung bereit waren. Die faktische Unabhängigkeit im Habsburgerreich ab 1867 haben sich die Ungarn erkämpft, während die Slawen im Vielvölkerstaat nur gemault haben. Die Reduzierung ihres Staatsgebiets auf rund ein Drittel des ursprünglichen Reichs nach 1918 hat die Ungarn daher viel tiefer getroffen als die anderen Kriegsverlierer, und mit dieser Betroffenheit, dem verletzten Stolz und dem Bewusstsein erfahrenen Unrechts lässt sich heute noch und wohl auch in Zukunft hierzulande recht gut Politik machen.

Das einzig Bemerkenswerte an einem neuen Buch über Ungarn („Mit Pfeil, Kreuz und Krone“) scheint mir, dass die Autoren, allerdings ebenfalls mit negativem Akzent, darin behaupten, die Wirtschaftspolitik der Orbán-Regierung sei eine im Prinzip antikapitalistische und gegen den „im Westen“ vorherrschenden Wirtschaftsliberalismus hege man große Vorbehalte. Für diese These spricht, dass in Ungarn wirtschaftlich vergleichsweise wenig weitergeht, wozu allerdings auch eine traditionell schlechte Steuermoral beitragen dürfte. Sollte es der Administration allerdings gelingen, ihr Wahlvolk mit anderen als rein materialistischen Themen bei Laune zu halten und durch ein langsameres Wachstum die vielen negativen Begleiterscheinungen gesellschaftspolitischer Natur abzuschwächen, mit denen wir „im Westen“ geplagt sind, dann könnte ich diesem nonkonformistischen „ungarischen Weg“ durchaus etwas abgewinnen.

Ein konkretes Beispiel für das beliebte „Orbán-Bashing“ ist die negative Berichterstattung über dessen Pläne, landwirtschaftlich nutzbare Grundstücke, die in der Vergangenheit an Ausländer verkauft worden sind, wieder in ungarische Hände zu bringen. (Mein „Haus mit Garten“ ist davon nicht betroffen.) Es ist doch evident, dass ein Verkauf von Grund und Boden an Ausländer in Österreich (und auch anderswo in Europa) gar nie möglich gewesen wäre, noch dazu, wenn das Land dann gar nicht bewirtschaftet wird. Man denke nur an die entsprechende Episode in der „Piefke-Saga“ und (hinsichtlich des Nutzungsgebotes) an den zum Skandal aufgebauschten Versuch K. H. Grassers, in Tirol einen Bauernhof zu erwerben.

Noch einmal: Ein Bruch mit der EU ist für Orbán sicher kein Thema, aber innerhalb von deren Rechtsordnung wird er alle Möglichkeiten ausschöpfen, um wenigstens einen Teil des an Ausländer verkauften Landes zurückzubekommen. Der Beifall seiner Landsleute ist ihm dabei gewiss.

Bearbeitungsstand: Samstag, 1. Juni 2013

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft