Wir hängen an einem fragilen Netz über dem Abgrund


Marc Elsberg, Blackout – morgen ist es zu spät, Blanvalet Verlag, München 2012, 800 Seiten

 

Von Gerulf Stix

Gut, dass es sich beim vorliegenden Buch um einen Roman handelt. Die Schilderung des fiktiven Geschehens bewegt sich dermaßen dicht an einer jederzeit durchaus möglichen Realität, dass sich beim Lesen mehr als nur Nachdenklichkeit einstellt.

Vom Thema angesprochen, wagte ich es, die 800 Buchseiten zunächst einmal in Angriff zu nehmen. Nach den ersten etwa 100 Seiten war von Wagnis keine Rede mehr. Die dramatische Handlung zwang mich in ihren Bann. Beim Schluss angelangt, bereute ich keineswegs, den dicken Wälzer durchgelesen zu haben.

Der Autor entrollt in ineinander verflochtenen Handlungssträngen mit Interruptionen, die die Spannung steigern, die Szenerie eines heimtückischen Hacker-Angriffes auf die gesamte Elektrizitätsversorgung zuerst Europas und in weiterer Folge auch der USA.

Die längste Zeit bleiben die Angreifer im Dunkeln. Verdächtigungen in alle Richtungen gehören zum bösen Spiel. An dieser Stelle soll auch nicht alles verraten werden. Die eingetretenen Schäden jedenfalls gehen in die zig Billionen Euro, zig Tausende von Menschen sterben oder werden verletzt und ungezählte Schicksale enden in Traumata.

Was diesen Roman aus dem üblichen Genre von fiktiven Horrorszenarien heraus hebt, ist seine detailreich belegte Nähe zu den technisch-wirtschaftlich-politischen Rahmenbedingungen unserer Gegenwart. Es geht um die konkreten Stromnetze, um das in seinen Anfängen steckende Smart Grid, um das Last-Management von Störungen in regionalen Versorgungsnetzen von Norwegen bis Süditalien und um eine praktizierte Steuertechnik, die sich auf abertausende Computer und Bildschirme abstützt.

Es geht um das Europa der EU, um Europol, um nationalen Katastrophenschutz und um das Zusammenspiel von Regierungen, Behörden und Geheimdiensten. Das sind nur die wichtigsten Stichworte aus einem kaleidoskopartigen Zusammenspiel realistisch beschriebener Institutionen. Auffallend sind die recht genauen Beschreibungen von Vorgängen im bzw. rund um das Internet. Der Verfasser selbst erwähnt die Beiziehung kompetenter Berater, was nach meinem Verständnis durchaus für ihn spricht. Elsberg war Kolumnist beim „Standard“ und arbeitet beruflich als Kreativdirektor.

Beachtung verdient auch die gesellschaftspolitische Einbettung des technisch dramatischen Geschehens. In einer Diskussion über die Motive der Täter werden einer der handelnden Personen folgende Worte in den Mund gelegt: „Unter den Verhafteten finden sich Personen, die man gemeinhin sowohl dem linksradikalen Spektrum zurechnen würde, als auch solche, die ganz weit rechts eingeordnet werden können … Unter Terroristen aller Lager findet man einen Typ besonders häufig, unabhängig von weltanschaulichen Präferenzen. Wir nennen ihn den Typ des ‚Gerechten‘. Er oder sie – zu den Attentätern zählen auch Frauen – ist der festen Überzeugung, im Besitz der allein selig machenden Wahrheit zu sein … Explosiv wird diese Eigenschaft, wenn solche Menschen zudem überzeugt sind, ihre Wahrheit mit jedem nur denkbaren Mittel durchsetzen zu dürfen. Zur Erreichung Ihres vermeintlich höheren Ziels nehmen sie auch unschuldige Opfer in Kauf.“

Diese Worte sprechen für sich. Sie belegen ein weiteres Mal, wie überholt das nach wie vor allgemein gern praktizierte Links-Rechts-Schema ist. In Wirklichkeit stehen Rechtsextremisten und Linksextremisten einander in ihren methodischen und psychischen Strukturen weitaus näher, als beide den gemäßigten Flügeln ihrer jeweiligen „Lager“. Umgekehrt sind Mitte-Rechts und Mitte-Links einander näher als beide den ihnen jeweils „zugeordneten“ radikalen Flügeln. Höchst bedauerlich, dass sich das gängige Links-Rechts-Schema trotz seiner nachweislichen Unbrauchbarkeit anscheinend unausrottbar hält.

Der fiktive Roman BLACKOUT empfiehlt sich vor allem deswegen als spannende Lektüre, weil er auf der Basis gegebener technisch-wirtschaftlich-politischer Rahmenbedingungen die enorme Verwundbarkeit unserer heutigen Lebenswelt brutal vor Augen führt.

Bearbeitungsstand: Samstag, 1. Juni 2013

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft