Akademiker-Produktion und Jugendarbeitslosigkeit


Von Stefan Fuchs

Vorbemerkung

Der nachstehende Beitrag unter dem Original-Titel „Akademiker und Fachkräftemangel: Die Bildungsdoktrin der OECD auf dem Prüfstand“ greift ein heißes Eisen an. Während die herrschende bildungspolitische Doktrin ständig einen angeblichen Akademiker-Mangel an die Wand malt und auch bestrebt ist, bisher nicht-akademische Berufsausbildungen zu „akademisieren“ (z. B. Volksschullehrer an den Universitäten auszubilden), zeigt die Entwicklung in einigen Ländern, dass diese Doktrin auf einen Holzweg führt. Bekanntlich wird das duale Ausbildungswesen in Mitteleuropa zunehmend als vorbildlich anerkannt und zur Nachahmung empfohlen. Aber den „Akademikerwahn“ will man nicht aufgeben. Eine Ausnahme zeigt das Interview mit dem irischen Bildungsminister („Die Presse“ am 25. Mai 2013), der u. a. sagte: „Bis dato haben wir in Irland vor allem die akademische Ausbildung forciert. Aber nicht jeder Jugendliche ist dafür geeignet. Was wir also anstreben, ist das duale Ausbildungssystem, das es in Mitteleuropa gibt, für uns zu adaptieren… es gibt zu viele Abschlüsse in Geistes- und Sozialwissenschaften – ohne Frage wunderbare Wissensgebiete, nur haben sie keine Relevanz für den heutigen Arbeitsmarkt.“ Umgekehrt sieht der jüngste Bildungsbericht der OECD für Österreich „Defizite im Hochschulbereich“ (vgl. „Der Standard“ vom 26. Juni 2013). Mit seinen 19 % Anteil an Hochschulabsolventen an der erwachsenen Bevölkerung liegt Österreich deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 32 %. Hingegen liegt Spanien mit einer Akademikerquote von fast 30 % praktisch im OECD-Durchschnitt, weist aber eine besonders hohe Jugendarbeitslosigkeit auf – ähnlich übrigens wie Griechenland. Es ist also hoch an der Zeit, die herrschende bildungspolitische Doktrin gründlich zu hinterfragen.

G. S.

Die Bildungsdoktrin der OECD auf dem Prüfstand

Bahnt sich in der Bildungspolitik ein Paradigmenwechsel an? Die deutsche Bundesministerin für Bildung und Forschung will jetzt erreichen, dass im Studium erbrachte Leistungen auf berufliche Ausbildungszeiten angerechnet werden können. Davon profitieren sollen Studienabbrecher, von denen es besonders in den Ingenieurstudiengängen viele gibt: Fast jeder zweite Maschinenbaustudent bricht sein Studium vorzeitig ab.[1] Wenn diese Ex-Studenten z. B. in Mathe oder Physik an der Hochschule Leistungsnachweise erworben haben, ist es kaum einzusehen, warum sie in diesen Fächern die Berufsschulbank drücken sollten. Der Vorstoß der Ministerin leuchtet daher dem „normalen Hausverstand“ sofort ein. Er widerspricht jedoch der bisher „herrschenden Lehre“ der Bildungspolitik, das Heil in immer höheren Akademikerquoten zu suchen.[2]

Mit missionarischem Eifer verbreitet dieses Credo die OECD: In ihren „Studien“ fordert sie die Hochschulbildung („tertiary education“) auszuweiten. Wenn dies nicht geschehe, drohe ein Mangel an „Hochqualifizierten“, der wiederum den wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand gefährde. Besonders rückständig sei Deutschland: Über viele Jahre kritisierte die OECD immer wieder scharf die vermeintlich zu geringe Akademikerquote hierzulande.[3] Insbesondere im „Sommerloch“ verbreiteten Medien diese Lektion („policy lesson“) gerne weiter, was wiederum Politiker – in Deutschland wie in Österreich – veranlasste, mehr „Investitionen“ in „Bildung“ zu fordern. Darunter verstanden sie selbstredend mehr „Akademisierung“, wie sie auch die Europäische Union verlangt – bis zum Jahr 2020 soll der Anteil der 30–34-jährigen mit einem Hochschulabschluss auf mindestens 40% steigen.[4] Auf dem Weg dahin ist Deutschland weit vorangeschritten: Der Anteil der Studienanfänger ist seit Ende der 1990er Jahre von etwa 30 auf fast 55 Prozent in 2012 gestiegen (Österreich
68 Prozent).[5] Die Zielquote der EU ließe sich bald erreichen – wenn es weniger Studienabbrecher gäbe.

Warum will die Ministerin die jungen Leute für eine berufliche Ausbildung gewinnen? Aus der Sicht der Quotenideologie müsste ihr Ziel sein, sie zum Studienabschluss zu führen. Das vom gymnasialen Abitur schon bekannte Mittel dazu wäre, einfach die Anforderungen zu senken. Genau dies wäre aber in wirtschaftlich-technologischen Schlüsseldisziplinen wie der Elektrotechnik höchst riskant. Nicht weniger wichtig: Die berufliche Bildung bietet Technikinteressierten alternative Wege, ihre Talente zu entfalten.

Facharbeiter sind gefragt

Zu den traditionellen Ausbildungen (z. B. KFZ-Mechaniker) sind im Zuge der Digitalisierung neue Berufsabschlüsse wie etwa der Mechatroniker hinzu gekommen. Und gerade in diesen Berufszweigen werden händeringend Fachkräfte gesucht: Die Nachfrage nach solchen Fachkräften übersteigt das Angebot bei weitem, wie die Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt: Auf 100 offene Stellen für Mechatroniker kommen nur 41 Arbeitslose in diesem Berufszweig, bei den Elektroingenieuren liegt dieses Verhältnis bei 100/56.[6] Von akuten Engpässen gehen Wirtschaftsforscher aus, wenn auf 100 offene Stellen weniger als 100 Arbeitslose kommen. Ein solches Verhältnis ist nach Auskunft des Instituts der Deutschen Wirtschaft im Berufsfeld „Sprache, Wirtschaft und Gesellschaft“ bei den „höheren Anforderungen“ nirgends zu finden.[7] Das bedeutet im Klartext: Es gibt keinen Mangel, sondern eher ein Überangebot an Juristen, Wirtschafswissenschaftlern oder Germanisten. Dementsprechend schwierig ist es für viele von ihnen, eine gut dotierte Stelle zu bekommen, die ihrem Qualifikationsniveau entspricht. Mit der immer wieder beschworenen „Bildungsrendite“ ist es dann nicht mehr weit her, von menschlichen Frustrationen ganz zu schweigen.

Insgesamt sind die Arbeitsmarktchancen deutscher und österreichischer Jugendlicher aber noch relativ gut, während ihre Altersgenossen in Südeuropa unter der horrenden Jugendarbeitslosigkeit leiden.[8] Länder wie Spanien oder Frankreich produzieren mit akademisierten, praxisfernen Bildungssystemen immer neue Jugendarbeitslosigkeitsrekorde. Angesichts dieses Desasters reisen nun deutsche Minister als Entwicklungshelfer in Sachen beruflicher Bildung durch Europa, während in Deutschland der Run auf die Hochschulen den Mangel an Lehrlingen verschärft und so das bewährte duale Ausbildungssystem gefährdet.[9] Fazit: In der Bildungspolitik ist ein Paradigmenwechsel weg von der Akademisierungsideologie notwendig.

Anmerkungen

[1] Vgl.: http://www.news4teachers.de/2013/05/wanka-studienabbrecher-fur-betriebliche-lehre-gewinnen/.

[2] Kritisch zu dieser seit den 1960er Jahren etablierten Lehre: Rainer Bölling: Wohin der Akademisierungswahn langfristig führt, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. Mai 2013 (Bildungswelten).

[3] Diese Argumentation stützt sich auf positive Korrelationen zwischen dem Bruttosozialprodukt je Kopf und dem relativen Besuch von Schulen des Sekundar- und Tertiärbereichs. Solche Zusammenhänge hatte um 1960 der Bildungsökonom Friedrich Edding konstatiert und daraus die Forderung nach einer drastisch höheren Abiturientenquote in Deutschland abgeleitet. Mit dem Buch „Die Bildungskatastrophe“ erreicht diese Botschaft 1964 eine gewaltige Wirkung in Öffentlichkeit und Politik. Schon Edding hatte allerdings zu bedenken gegeben, dass es einen Punkt geben könne, „wo sich die Kurve des relativen Hochschulbesuches abflachen sollte, da sonst ungeeignete Begabungen das Gesamtniveau drücken und die Ausgaben unwirtschaftlich machen würden“. Solche Bedenken sind der OECD bisher fremd geblieben, wie der Bildungsforscher Bölling in seinem lesenswerten Beitrag konstatiert. Vgl. ebd.

[4] Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/01/08/artikel/absurdes-aus-bruessel-planen-gegen-vernunft-und-wirklichkeit.html.

[5] Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/72005/umfrage/entwicklung-der-studienanfaengerquote/

[6] Vera Demary/Susanne Seyda: Engpassanalyse 2013 (herausgegeben vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie), S. 38.

[7] Ebd., S. 32.

[8] Siehe hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/442-0-Wochen-1-3-2012.html

[9] Aus der Engpassanalyse 2011 ergibt sich, dass die größten Engpässe nicht in akademischen Berufen, sondern in praktisch-technischen Berufsfeldern und mehr noch in der Alten- und Krankenpflege vorherrschen. Siehe hierzu: „Mangel an Akademikern oder an Fachkräften?“. Allein aufgrund der demographischen Lage werden sich diese Engpässe vergrößern – ein Problem, dass wachsende Studierendenquoten noch mehr verschärfen würde. Dass eine Akademisierung der Ausbildung – im Gegensatz zu den Annahmen der OECD – per se weder Wohlstand noch Beschäftigung schafft, zeigt der Vergleich zwischen Ländern wie Österreich und Deutschland einerseits und Frankreich oder Spanien andererseits. Siehe hierzu: „Formales Bildungsniveau und Arbeitslosigkeit“ (Abbildung oben).

Bearbeitungsstand: Montag, 29. Juli 2013

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