Aufbruch in Ionien


Große Mathematiker, Städteplaner und Strategen

 

Von Hans-Joachim Schönknecht

Oft gilt Athen als Ursprungsort antiker Wissenschaft und Philosophie. Zwar trifft es zu, dass Athen nach den Perserkriegen die führende Polis Griechenlands wurde, jedoch die Anfänge der Wissenschaft vollzogen sich im 6. Jahrhundert v. Chr., also vor nunmehr 2.600 Jahren, in den Griechenstädten des heute zur Türkei gehörenden kleinasiatischen Küstenstreifens, den die Griechen Ionien nannten und dessen Städte durch ihre Lage am Meer und den Unternehmungsgeist ihrer Bürger als Drehscheibe des kulturellen und kommerziellen Austauschs zwischen den Reichen des Ostens und dem europäischen Westen zur Blüte gelangten. Es waren Städte wie Milet, Phokaia, Smyrna, Ephesos mit dem nachmals berühmten Diana-Heiligtum sowie die unmittelbar der ionischen Küste vorgelagerte, politisch und wirtschaftlich mächtige Insel Samos unter dem Tyrannen Polykrates, der – wie wir aus Schillers Ballade wissen – sogar den ägyptischen Pharao als Gastfreund bei sich empfing. Milet war damals die größte und reichste Stadt Großgriechenlands, es hatte zahlreiche Kolonien, das heißt Tochterstädte, rund ums Schwarze Meer gegründet und besaß als einzige griechische Stadt eine Handelsniederlassung (Emporion) in Ägypten: Naukratis im Nildelta. Das Interesse Phokaias richtete sich auf den Westen, man gründete Kolonien in Unteritalien und Südfrankreich (u. a. Nizza, Antibes, Marseille) und gelangte bis nach Südspanien (Gründung von Malaga).

Aus Milet stammten die ersten Denker, die über die mythische Weltdeutung des Homer und Hesiod hinausgingen und nach „natürlichen“ Erklärungen der Phänomene suchten, besser gesagt: die den Begriff „Natur“ als des Ganzen der vom Menschen vorgefundenen Gegebenheiten erst konzipierten; es waren die Naturphilosophen bzw. Protowissenschafter (denn die Begriffe Philosophie und Wissenschaft hatten sich noch nicht differenziert) Thales, Anaximander und Anaximenes (siehe meine Darstellung GENIUS 03/2009). Im nahen Samos wuchs der später nach Unteritalien emigrierte Philosoph, Mathematiker und Schulgründer Pythagoras auf, der orientalisch geprägte religiöse Mysterien lehrte, an die Unsterblichkeit der Seele, ja an Metempsychose (Seelenwanderung) glaubte, demzufolge den Verzehr von Fleisch untersagte (das Tier hätte ja die Verkörperung eines guten Freundes sein können!) und überhaupt seinen in die Hunderte gehenden Schülern (darunter, für Griechenland ungewöhnlich, auch Mädchen) strenge Askese auferlegte.

Pythagoras‘ besonderes Interesse galt bekanntlich den Zahlen und der Geometrie; jedermann kennt noch heute den ihm zugeschriebenen Dreieckssatz, wonach das Quadrat der Hypotenuse der Summe der Kathetenquadrate gleich ist. Für ihn und seine Schüler waren die Zahlen nicht bloß logische Operatoren für mathematische Theorien oder zur Berechnung bestimmter Realverhältnisse (Entfernungen, Gewichte, Bodenflächen usw.), vielmehr hielt man die Zahlen für Substanzen, für das ‚eigentlich‘ Seiende selbst, und glaubte, ein Ding durch das ihm immanente Zahlenverhältnis zu erkennen. Die Losung war: „Alles hat Zahl“, ja: „Alles ist Zahl“! Selbst nichtmaterielle Realitäten (z.B. die Ehe) wurden zahlhaft interpretiert, es gab ‚heilige‘ Zahlen und dgl. mehr.

Dem geistigen Umfeld des Pythagoreismus entstammen neben Philosophen und Mathematikern so bedeutende Männer wie der Bildhauer Polyklet, der erstmals die Erfassung menschlicher Idealmaße unternahm und diese durch zahlenmäßige Proportionen definierte. Er veranschaulichte sie in einer „Kanon“ genannten Musterstatue und einer Abhandlung gleichen Titels und legte so die Basis der klassischen Kunst, die noch unser heutiges ästhetisches Empfinden (mit)bestimmt. Pythagoreisch geprägt war auch der Ingenieur und Architekt Eupalinos aus Megara, der um die Mitte des 6. Jh. v. Chr. auf Samos zur Versorgung der Stadt mit Quellwasser aus den Bergen erstmals einen Tunnel von immerhin 1000 Meter Länge nach der Methode des Gegenvortriebs anlegte, das heißt von beiden Seiten zwei Stollen in den Berg trieb, die sich in der Mitte trafen – auf Grund erstaunlich genauer Berechnung waren die lineare wie die Höhenabweichung minimal. Die Bedeutung der Mathematik und der Messtechnik für das Gelingen des Projekts ergibt sich aus der Tatsache, dass die Strecke eines etwa zeitgleich und ebenfalls im Gegenvortrieb gebauten Tunnels in Jerusalem, wo keine mathematischen Kenntnisse zur Verfügung standen, einen höchst unregelmäßigen, zickzackartigen Verlauf aufweist.

Städte im Rasterformat und strategisches Denken

Eine vergleichbare historische Wirkung wie auf dem Gebiet der bildenden Kunst der Kanon des Polyklet entfaltet im Städtebau das urbanistische Konzept seines Zeitgenossen, des politischen Theoretikers und Architekten Hippodamos von Milet (geb. ca. 480 v. Chr.). Dieser überträgt die pythagoreische Tendenz zu rationaler, geometrisch-zahlenhafter Durchdringung der Wirklichkeit auf die Konzeption von politischer Ordnung und auf den Städtebau. Hippodamos beginnt um die Mitte des 5. Jh. Stadtgrundrisse im Rasterformat anzulegen. Sein Idealschema einer orthogonalen Planstadt sieht eine geschlossene Stadtorganisation mit parallel verlaufenden Hauptachsen und einander rechtwinklig kreuzenden Straßen zweiter Ordnung vor, welche auch die zweckmäßige Anordnung von öffentlichen Gebäuden und Plätzen umfasst. Das Verfahren findet in der Folge Verbreitung im gesamten Gebiet der Magna Graecia und gelangt in den Rang eines Typus: Aristoteles apostrophiert es als „die neuere hippodamische Bauart“, und in Geschichtswissenschaft und Architekturgeschichte ist sie bis heute als hippodamisches Schema bzw. hippodamisches System terminologisch. Ihrem Begründer bringt sie Ehrentitel wie ‚Vater der Stadtplanung‘ und ‚berühmtester griechischer Urbanist‘ ein.

Günstige Voraussetzungen für die Anwendung des hippodamischen Schemas boten naturgemäß die zahlreichen Koloniegründungen. Denn die Schaffung einer Kolonie, das heißt einer geschlossenen Stadtanlage mit einem diese umgebenden Ring von Ackerland, der sogenannten chóra, erfolgte in der Regel auf unbesiedeltem Gebiet und erforderte eine schnelle Bereitstellung von Wohnraum. Außerdem forderte der politische Status der Kolonisten als Bürger und Gleichberechtigte auch die Zuweisung möglichst gleicher Anteile am besetzten Grund und Boden, die am ehesten durch Orientierung an einem Raster, also durch Absteckung rechtwinkliger Parzellen gleicher Größe erreichbar war.

Es ist nicht überliefert, welche Überlegungen oder Erfahrungen den Ausgangspunkt von Hippodamos‘ städtebaulichem Konzept bildeten, doch dürfte der durch die Kolonisation vielfach gegebene Vorgang „des planvollen Aufbaus einer Stadt und ihrer Ordnung in einem einzigen rationalen Akt“ ein wichtiges Moment gewesen sein, vermittelte er doch die Erfahrung, „in welchem Maße die Ordnung selbst zum Gegenstand bewusster menschlicher Gestaltung werden konnte“ (E. Klein-Hölkeskamp).

Den Wert solcherart gestalteter Ordnung aber sah man vor allem in einer dadurch hervorgebrachten militärischen Stärke. Wie die streng geordnete Phalanx der Hopliten dem ritterlichen Einzelkampf überlegen war und den Griechen Siege über zahlenmäßig überlegene Gegner ermöglichte, so begünstigte, wie man wohl annahm, auch die baulich und institutionell geordnete Gestalt der Polis deren innere Stärke und Schlagkraft, also die für die ständigen Kämpfe um Selbstbehauptung essentielle Fähigkeit. Der im 6. Jh. lebende Autor Phokylides von Milet, Dichter von Sinnsprüchen (Gnomen), drückt dies Bewusstsein paradigmatisch aus, wenn er sagt: „Eine Polis auf kargem Fels, klein aber wohlgeordnet, ist kampfstärker als das große, unverständige Ninive“.

In diesem Kontext enthüllt sich die Konzeption einer an geometrischen Prinzipien orientierten Stadtanlage gleichsam als architektonisches Korrelat der auf dem rationalen Prinzip der Beteiligung der Bürger an der Macht beruhenden Polisordnung.

Einsatzmöglichkeiten des hippodamischen Schemas

Die Verwendung des hippodamischen Schemas blieb im Übrigen nicht auf die Gründung von Kolonie-Städten beschränkt, sondern fand weitere Einsatzmöglichkeiten.

Da war zunächst die Tatsache der häufigen kriegerischen Konflikte der griechischen Poleis, sei es untereinander wie bei der Jahrhunderte dauernden Fehde zwischen Athen und Sparta und deren jeweiligen Verbündeten oder auch zwischen den Griechenstädten auf Sizilien, sei es im Abwehrkampf der griechischen Stadtstaaten gegen persische Eroberungsgelüste während der Perserkriege des 5. Jahrhunderts. Die Eroberung einer Stadt zog oft deren Zerstörung sowie die Vertreibung und Versklavung ihrer Bevölkerung nach sich. Wurde die zerstörte Stadt – häufig erst Jahre oder Jahrzehnte später – wieder aufgebaut, ergab sich die Möglichkeit, ab ovo zu bauen und den urbanen Grundriss nach neuem Muster anzulegen.

Eine weniger martialische Gelegenheit für die Verwendung des hippodamischen Systems bot der sog. Synoikismos (‚Zusammensiedlung‘), die politische und organisatorische Vereinigung vorher unverbunden existierender Ortschaften dörflichen Charakters oder auch kleinerer Poleis zu einem größeren Verbund mit Veränderung auch der baulichen Strukturen: „Beim Synoikismus werden auch noch die alten Siedlungseinheiten aufgelöst und die Bewohner [...] in ein neues städtisches Zentrum umgesiedelt“ (P. Funke). Die Schaffung dieses neuen, entsprechend der gewachsenen Bedeutung auch repräsentativen Zentrums konnte nach ‚moderner‘, das heißt hippodamischer Manier mit der planmäßigen Anordnung der für die Polis unverzichtbaren baulichen Komponenten wie der Agora, den Versammlungshäusern für die Bürger sowie den Tempeln für die verschiedenen Gottheiten erfolgen. Ein Synoikismus soll beispielsweise der Entstehung der Städte Elis, Mantineia, Megalopolis und Rhodos zugrunde gelegen haben.

Das Zuschreibungsproblem

Wenig gesichert ist allerdings, welche der nach dem hippodamischen System gebauten Städte Groß-Griechenlands tatsächlich von Hippodamos selbst angelegt wurden. Das ist nicht verwunderlich: Indem sich diese Bauweise zum Typus entwickelte und gleichsam kanonisch wurde, löste sie sich von ihrem Begründer ab und wurde von anderen Stadtplanern kopiert, und zwar offenbar so intensiv, dass sie sich „im Zuge zunehmender Urbanisierungsprozesse schon im 4. Jh. in weiten Teilen Griechenlands verbreitet hatte“ (H.-J. Gehrke). Andererseits setzte die die Verwendung des orthogonalen Schemas begünstigende Kolonisation bereits in der 2. Hälfte des 8. Jh. ein, also mehr als zwei Jahrhunderte vor Hippodamos‘ Lebenszeit. Tatsächlich lässt sich das Rasterprinzip in einer der ersten Koloniegründungen, nämlich in Megara Hyblaia auf Sizilien, nachweisen. Dessen aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts stammende „früheste Stadtanlage bestand aus einem regelmäßigen, wenn auch nicht streng orthogonalen Netz von Straßen“ (Gehrke). Erschwerend kommt hinzu, dass Grundsätze des hippodamischen Systems in späteren Entwicklungsphasen einer Stadt häufig aufgegeben wurden, so dass es nicht leicht ist, die urspüngliche Konzeption zu identifizieren.

Auch wenn die Redensart, dass Steine nicht sprechen, für die Archäologie gewiss nicht zutrifft, scheinen die Ruinen im Punkt der architektonischen Zuschreibbarkeit doch stumm zu sein, und die Forschung bleibt auf schriftliche Dokumente verwiesen.

Historisch am besten gesichert ist wohl Hippodamos‘ Planung des Athen als Hafenstadt dienenden Piräus. Aristoteles, dessen Politik unsere älteste Quelle ist, bezieht sich allein auf diese Stadt. Sie wird auch von einigen jüngeren Autoren als Werk des Hippodamos erwähnt, wobei offen bleiben muss, ob diese lediglich Aristoteles‘ Mitteilung weitergeben oder sich auf andere, verlorengegangene Quellen stützen. Als weitere auf Entwürfen des Hippodamos beruhende Orte werden das oben erwähnte Rhodos genannt, ferner das süditalienische Thurioi, das mehrfach zerstört, aufgegeben und neu besiedelt wurde und wohin Hippodamos aus seiner ionischen Heimat emigriert sein soll.

Schließlich wird Hippodamos auch die Planung des Wiederaufbaus seiner im Jahr 494 v. Chr. von den Persern zerstörten Heimatstadt Milet zugeschrieben. Hier ergeben sich jedoch chronologische Schwierigkeiten. Zu Hippodamos‘ Lebensdaten liegen keine verlässlichen Angaben vor, sie müssen aus der Entstehungszeit der ihm zugeschriebenen Stadtanlagen extrapoliert werden. Milet wurde ab 479 wieder aufgebaut, der Synoikismos von Rhodos erfolgte im Jahr 408: Dies wäre eine Schaffenszeit von gut 70 Jahren – eine schwer vorstellbare Zeitspanne. Da aber Hippodamos‘ Mitwirkung am Synoikismos von Rhodos auch nicht zweifelsfrei zu belegen ist, gilt, dem Archäologen W. Hoepfner zufolge, „weiter die Vermutung, dass der neue Milet-Plan ein Frühwerk des Hippodamos ist“.

Die Planung des Piräus und Athens Seemacht

Die architektonischen Details von Hippodamos‘ Interpretation des Rasterschemas betreffend, bietet die Überlieferung einige Hinweise, die ich am Beispiel des Piräus erläutere, da sich dort neben der Sicherheit der Zuschreibung auch der politisch-soziale Kontext der Stadterneuerung deutlicher abzeichnet und historisch bedeutender ist als andernorts.

Die Planung des Piräus durch Hippodamos erfolgt im Kontext der persischen Invasionsversuche zu Anfang des 5. Jh., des beginnenden Aufstiegs Athens zur führenden Seemacht des Mittelmeers und der parallel dazu verlaufenden Entfaltung der athenischen Demokratie.

Zu Beginn des 5. Jh. ist der Piräus nichts als ein ‚mittleres Dorf‘ vor den Toren Athens. Durch ein Sumpfgebiet vom Binnenland getrennt, ist er von der Stadt her schlecht zu erreichen. Athenischer Hafen ist die weiter östlich gelegene Reede von Phaleron.

Piräus erscheint jedoch durch seine drei großen Buchten langfristig als Hafen ideal, und so wird ab 493 v. Chr. auf Initiative des Adligen Themistokles sein Ausbau zum Standort der Kriegsflotte betrieben. Im Laufe der folgenden Jahre entstehen die drei Hafenbecken, die noch heute den Piräus bilden: In der westlichen, besonders tief ins Land schneidenden Bucht der große Kantharos-Hafen für die zivile Schifffahrt, weiter östlich die beiden Militärhäfen Zea und Mounychia, Letzterer am Fuße des gleichnamigen Hügels gelegen.

Die folgenden Jahre stehen für Athen im Zeichen der persischen Aggression. Im Jahr 494 hatten die Perser dem Aufstand der ionischen Städte gegen ihre Herrschaft mit der Eroberung und Zerstörung Milets, der bedeutendsten unter ihnen, brutal ein Ende gesetzt. Im Frühjahr 490 dringt die persische Flotte bis in die kaum 60 km von Athen entfernte Meerenge zwischen Attika und der Insel Euböa vor, zerstört dort die Stadt Eretria und verschleppt deren Bewohner nach Mesopotamien. Für Athen wird die Situation prekär, und die Stadt beginnt, ihre Abwehrmaßnahmen zu intensivieren. Noch im gleichen Jahr kommt es bei dem Versuch der Perser, in Attika Fuß zu fassen, zur berühmten Schlacht von Marathon, in der den Griechen ein unerwarteter Sieg gelingt. Der Erfolg stärkt den athenischen Selbstbehauptungswillen und beschleunigt den Ausbau der Flotte. Im folgenden Jahrzehnt laufen fast 200 modernste Trieren (Dreiruderer) vom Stapel. Athens Flotte wird dadurch mit dem Altbestand die größte ganz Griechenlands. Der Seesieg bei Salamis im September 480 sowie der Landsieg bei Plataiai und die Zerstörung der persischen Flotte bei Mykale im Jahr 479 belegen die gewachsene militärische Stärke Athens. 478/77 wird die Polis zur Führungsmacht des Delisch-Attischen Seebunds, und Piräus wird zum Heimathafen von dessen Schiffen. Im Jahr 459 erfolgt der Bau der Langen Mauern zur Sicherung der Verbindungswege zwischen Athen und Piräus. Eine weitere Stärkung der Machtposition Athens ergibt sich, als im Jahr 454 die Kasse des Seebunds von Delos nach Athen verlegt wird, wodurch die Stadt die Verfügungsgewalt über dessen Gelder erlangt. Athen ist nun die stärkste Seemacht im Mittelmeerraum.

Grundriss des Piräus (um 450 v. Chr.)

Hippodamos‘ städtebauliche Erneuerung von Piräus ist gewiss veranlasst durch die aufgezeigte stürmische Entwicklung. Möglicherweise hat ihm seine Bekanntschaft mit Perikles (ca. 500–429), der seit 454 das Amt des militärischen Befehlshabers (Strategen) innehatte, zu dem Auftrag verholfen, der wohl um die Jahrhundertmitte zur Ausführung gelangte.

Als markantes Detail des Hippodamischen Schemas gilt, wie bereits erwähnt, die hierarchische Gliederung der Straßensystems durch Straßen unterschiedlicher Breite. In seiner einfachsten Form würde das orthogonale Schema sich als uniformes Straßengitter darstellen. Hippodamos schreibt man eine Gliederung des Rasters in wenige, parallel verlaufende Magistralen, Hauptachsen, die sog. plateiai (von gr. platýs: breit, vgl. ‚platt‘) zu, die geschnitten werden von einer größeren Zahl schmaler Querstraßen, den stenópoi (von gr. stenós: eng, vgl. Stenose). Miteinander bilden sie ein System von Parzellen, also Abteilungen (von lat. ‚pars‘: Teil), die, soweit die Topographie es zulässt, gleiche Größe aufweisen und für die die lat. Bezeichnung insulae (‚Inseln‘) überliefert ist.

Die Insulae bilden die Areale für Häuserblocks und öffentliche Gebäude. Für die flache Zone des Piräus hat man eine Aufteilung in Insulae mit einer Größe von jeweils ca. 250 x 275 m, also mit annähernd quadratischem Grundriss nachweisen können. Das Straßensystem, auf das sie sich verteilen, weist allerdings eine Variation gegenüber dem soeben als hippodamisch beschriebenen Muster auf, und zwar eine Untergliederung, deren Ursache offen bleiben muss. Es finden sich nämlich vier von NO nach SW verlaufende Hauptachsen und eine nicht exakt bestimmbare Zahl (wahrscheinlich fünf) ebenfalls breiter, von NW nach SO laufender Querstraßen. Diese großräumige Struktur übergeordneter Straßen ist sodann unterteilt durch ein Netz schmaler Straßen für die Häuserblocks.

Das Gute liegt oft in der Mitte

Ich schließe die Ausführungen mit einer krititschen Überlegung des Aristoteles zur Bauweise des Hippodamos. Die geradlinige Anordnung der Häuser nach der „neueren, hippodamischen Bauart“ gelte zwar als „geschmackvoller“, jedoch sei, so Aristoteles‘ Ansicht, „für die Sicherheit im Kriege“ die alte unregelmäßige, weil historisch gewachsene Bebauung besser, da „die Angreifer sich in dem Häuserwirrwarr schwer zurechtfinden“. Aristoteles schlägt als Kompromiss vor, „bei der Anlage der Stadt beide Systeme miteinander zu verbinden“, indem man nicht die ganze Stadt nach dem Rasterprinzip anlegt, sondern nur einzelne Stadtviertel. Bei diesem Verfahren werde es für die Polis „in Bezug auf Sicherheit und auf Schönheit gleich wohlbestellt sein“. Dieser Kompromissvorschlag ist typisch für Aristoteles: Er entspricht der insbesondere für seine Ethik charakteristischen ‚Tendenz zur Mitte‘, zur Vermeidung der Extreme. Wer wollte bezweifeln, dass das Gute oft in der Mitte liegt?

 
Vom Verfasser, der in Italien lebt, ist u. a. folgendes Buch erschienen: „Die Verweigerung der Vernunft – Untersuchungen zum Denken von Friedrich Nitzsche, Giorgio Agamben, Benedetto Croce“, Books on Demand, Norderstedt 2006, ISBN 3-8334-5537-3

Bearbeitungsstand: Montag, 29. Juli 2013

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