Wäre der Erste Weltkrieg anders beendet worden …


Hans Fenske, Der Anfang vom Ende des alten Europa – Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914–1919, Olzog-Verlag, München 2013, 144 Seiten, ISBN 789-3-7892-8348-2

 

Eine Buchbesprechung von Lothar Höbelt

Das Büchlein des Freiburger Emeritus weist im Untertitel auf ein zentrales Problem zur Geschichte des Ersten Weltkrieges hin – und lässt es im Verlauf der Darstellung leider im Wesentlichen links liegen. Denn anfangs lässt sich der Autor von der sogenannten Kriegsschuldfrage auf Abwege führen – die als solche doch einen Anachronismus darstellt, galt doch bis 1914 der Krieg uneingeschränkt als legitimes Mittel der Politik. Erst die Folgen dieses Krieges haben zu einem Perspektivenwechsel geführt; für die Entscheidung des Jahres 1914 sind solche nachträglichen Raisonnements jedoch irrelevant.

Fast die Hälfte des Buches schließlich ist dem Komplex Versailles gewidmet: Dass Sieger mit den Besiegten nicht mehr wirklich verhandeln, sondern ihre Bedingungen ultimativ durchsetzen, ist wiederum kein so überraschendes Phänomen.

Die Darstellung klingt in der Überlegung aus, ohne das Reparationsproblem wäre es nicht zum Aufstieg der NSDAP gekommen. Dabei werden zwei ganz unterschiedliche Probleme durcheinander gebracht. Dass sich Deutschland auf die Dauer nicht von einem Frankreich schuhriegeln lassen würde, das seine Verbündeten Russland und USA eingebüßt hatte, war vorauszusehen; dass dieser Ausschlag des Pendels die Form der NSDAP annehmen würde, hing aber kaum mit außenpolitischen Fragestellungen zusammen. Schließlich war die konservative DNVP mindestens ebenso scharf gegen Versailles und seine Folgen und sie hatte 1924, nach der Ruhrkrise, damit auch einen Wahlsieg eingefahren. Dass sich dieser Erfolg 1930 nicht mehr wiederholte, lag in erster Linie an der Weltwirtschaftskrise ab dem Jahr 1929.

Das eigentlich interessante Problem, nämlich das Desinteresse der Entente an einem Kompromissfrieden, die „alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen“, wird von Fenske zwar angeprangert, aber nicht analysiert. Diese Methode ist von vielen gegenläufigen Anklagen gegen die deutsche Politik in beiden Weltkriegen bekannt; dieses Instrumentarium mit umgekehrter Stoßrichtung aufzufahren, mag dem einen oder anderen im Sinne einer Retourkutsche gefallen, aber es macht die Sache prinzipiell nicht besser.

Fenske bezieht sich vielfach auf öffentliche Aussagen von westlichen Staatsmännern. Derlei Quellen sind von beschränkter Aussagekraft, was die eigentlichen Motive von Politikern betrifft, im Kriege schon gar. Das eigentliche Problem gerät dabei aus dem Blick: Wieso erwog man keinen Kompromiss, keinen Status quo-Frieden, obwohl die Kriegslage für die Entente lange Zeit keineswegs vielversprechend war, sondern eher auf einen Punktesieg der Mittelmächte hindeutete. Da mag in Paris – in dieser Reihenfolge – die Hoffnung auf das russische Menschenmaterial, die britischen Kitchener-Armeen, die materielle Hilfestellung der USA mitgespielt haben, vielleicht auch auf die Blockade. In England finden sich einschlägige Überlegungen, allerdings immer nur als hypothetische Annahmen, nicht als konkrete Handlungsanweisung. All dem wäre nachzugehen. Hinweise dazu finden sich in der Literatur, doch systematische Untersuchung gibt es keine. Gerade deshalb ist es schade, dass der Anspruch nicht eingelöst wird.

Fatal erwies sich der uneingeschränkte U-Boot-Krieg, der zum Kriegseintritt der USA führte, ohne den die Entente 1917 vor dem Bankrott gestanden wäre: Militärisch wegen des Zusammenbruchs Russlands, finanziell wegen des Endes der britischen Währungsreserven. Diese optimistischen Prognosen für Deutschland weisen auf einen möglichen Grund für die alliierte Gesprächsverweigerung hin. Deutschland nahm in Europa eine halbhegemoniale Stellung ein, die einen gewissen Unsicherheitsfaktor darstellte. Sicherheit für die eine oder die andere Seite schien sich abzuzeichnen nur in einem Mehr – oder einem Weniger an deutscher Macht. Genau dazu kam es 1919 übrigens nicht, trotz Versailles: Denn Russland hatte durch den Krieg viel mehr verloren als Deutschland; die strategische Position Deutschlands sich dadurch in einem gewissen Maße sogar verbessert.

Die Weltordnung von Jalta 1945 war keineswegs „gerechter“ als Versailles. Aber sie war sehr viel stabiler, weil diesmal auch wirklich die Weltmächte dahinter standen. Hinter Versailles stand nur Frankreich, das 1918/19 einen Scheinsieg errungen hatte. Denn die Voraussetzungen, die seinen Sieg ermöglicht hatten, die russische und amerikanische Unterstützung, waren zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses schon nicht mehr gegeben. Es bedurfte keines besonderen Geschicks, diese „neue Weltordnung“ in den dreißiger Jahren zum Einsturz zu bringen.

 
Univ.-Prof. Dr. Lothar Höbelt lehrt in Wien Geschichte.

Bearbeitungsstand: Montag, 29. Juli 2013

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