Salzburg zwischen Österreich und Großdeutschland


Robert Kriechbaumer, Zwischen Österreich und Großdeutschland – Eine politische Geschichte der Salzburger Festspiele 1933–1944, Böhlau Verlag, Wien–Köln–Weimar, 2013, 445 Seiten.

 

Eine Buchbesprechung von Walter Seledec

Dieses im wahrsten Sinne sensationelle Buch füllt eine Lücke der politisch-kulturellen Geschichtsschreibung und es verwundert feststellen zu müssen, dass es bis heute keine derartige wissenschaftlich fundierte Arbeit über das wohl berühmteste Festival der Welt gibt. Natürlich weist die Literatur eine Unmenge von Veröffentlichungen über Österreichs wichtigste Festspiele aus, aber die meisten davon besitzen ihre Schwerpunkte auf dem künstlerischen und statistischen Sektor; so gut wie nie oder nur kaum wird auf den Faktor Politik eingegangen, der sowohl in Österreich als auch in der Beziehung der Herrschenden zu den Künstlern immer eine besondere Rolle gespielt hat.

Unglaublich gewissenhaft untersucht der Autor die Rolle des Ständestaates in Bezug auf die 1920 gegründeten Festspiele. Schon in der Zwischenkriegszeit war „Salzburg“ ein ganz prominenter Bestandteil und Faktor der österreichischen Kultur. Die Festspiele und die immer größere Beteiligung italienischer Künstler spielte in den wechselhaften Beziehungen zwischen Wien und Rom eine besondere Rolle.

Auch das in den Jahren 1935 bis 1938 immer schwieriger werdende Verhältnis zwischen Österreich und Deutschland – besonders im Hinblick auf die Salzburg voll treffende 1000‑Mark-Sperre – wird ausführlich und in nie dagewesener Sorgfalt einer exakten Analyse unterzogen. Ebenso intensiv wird auf die Vertreibung vieler jüdischer Künstler intensiv eingegangen, auch auf das politische Schicksal von Salzburgs Mitbegründer Max Reinhardt.

Interessant auch die Rivalität zwischen Hitler und Goebbels im Hinblick auf das erste Festival im Reich. Der Versuch der deutschen Führung, die Festspiele auch in der Kriegszeit weiterzuführen, bringt in der Darstellung viele bisher unbekannte Tatsachen. Immerhin spielte man bis 1944 – und im August 1945 ging es dann unter US-amerikanischer Schirmherrschaft weiter. Damit ist Salzburg das einzige Festival, das von seiner Gründung 1920 bis heute ununterbrochen über die Bühne ging!

Vieles erfährt man auch in diesem Buch über die Beziehungen von Karl Böhm, Hans Knappertsbusch, Wilhelm Furtwängler oder Clemens Kraus zu den Mächtigen ihrer Zeit.

Hervorragendes und vielfach unbekanntes Bildmaterial (z. B. Hitler am 14. August 1939 im Landestheater – es gab „Die Entführung aus dem Serail“ mit Anton Dermota) vervollständigen dieses besondere Buch über einen wesentlichen Teil der österreichischen politischen Kulturgeschichte und die Zeit der Künstler bis 1944.

Mit dieser grandiosen Publikation hat sich der Autor, aber auch der Böhlau Verlag ein seltenes wissenschaftliches Denkmal gesetzt.

 
Prof. Walter Seledec, Wien, ist Zentraler Chefredakteur beim ORF i. R.

Bearbeitungsstand: Montag, 29. Juli 2013

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