Die Sonderstellung Böhmens in Mitteleuropa


Lothar Höbelt, Böhmen – Eine Geschichte, Karolinger Verlag, Wien–Leipzig 2012, ISBN 978-3-85418-144-6, 214 Seiten

 

Eine Buchbesprechung von Gerulf Stix

Wer von einem Universitätsprofessor ein staubtrockenes Fachbuch erwartet, wird von Höbelts Stil angenehm enttäuscht werden. Das Buch liest sich wie ein Roman. Gleichwohl lässt die spannende Aufbereitung nichts zu wünschen übrig, was die faktengetreue und wissenschaftlich korrekte Behandlung des Stoffes anbelangt. Dabei scheut sich der Autor keineswegs, seine persönliche Beurteilung relevanter Ereignisse und Entwicklungen einzubringen. Das macht die Lektüre nicht nur lebendig, sondern den Leser auch nachdenklich – ganz abgesehen vom Gewinn an vielschichtigen Einsichten.

Die dargebotene Fülle der einerseits im Zeithorizont weit ausholenden und anderseits gerafften Darstellung machen es nicht leicht, allen erkennbar wichtigen Wegmarken in der Geschichte Böhmens (und mit ihm Mährens) in einer knappen Rezension gerecht zu werden. Die wohl auch geografisch bedingte Pufferrolle zwischen West und Ost zeigte schon das Großmährische Reich im 9. Jahrhundert. Die spätere Lehensbindung Böhmens an das Heilige Römische Reich rückte das Land und seine recht selbstbewussten Herrscher ins Zentrum. Im Mittelalter war die Stadt Prag neben Köln die größte und auch eine der reichsten Städte im Reich überhaupt.

Hätte die berühmte Schlacht bei Dürnkrut (Marchfeld) im Jahr 1278 der mächtige Böhmenkönig Ottokar gegen den „kleinen“ Grafen Rudolf von Habsburg aus der Schweiz gewonnen, wäre er vielleicht sogar Kaiser des Heiligen Römischen Reiches geworden. Unabhängig davon hätte sein Herrschaftsbereich dann vom Norden über die Steiermark bis Kärnten und Krain gereicht. Doch durch den Sieg Rudolfs wurde die weitere Geschichte wie bekannt vom Hause Habsburg dominiert. Um gleich einen abrundenden Eindruck wiederzugeben, der sich erst gegen Ende der Lektüre erschließt: Hinsichtlich der böhmischen Lande bewiesen die Habsburger eine wenig glückliche Hand. Letztlich kumulierte dies im 19. und 20. Jahrhundert in der Unfähigkeit des habsburgischen Vielvölkerstaates, die Wünsche der in ihm lebenden elf Nationalitäten (!) nachhaltig harmonisch auszubalancieren.

Für die in Böhmen offenbar seit eh und je anzutreffende Aufmüpfigkeit stehen signifikant die Hussiten-Kriege im 15. Jahrhundert. Der moderne tschechische Nationalismus hat teilweise einen Konflikt zwischen Deutschen und Tschechen hinein interpretiert und den 1415 in Konstanz als „Ketzer“ verbrannten Jan Hus zu einer Art Nationalheiligem hochstilisiert. Tatsächlich waren es Religions- und Bürgerkriege mit Frontlinie quer durch die gemischte Bevölkerung, wobei der Adel – wie in der ganzen Geschichte – seine Sonderinteressen ausspielte. Ihm ging es um Macht, Besitz und Einfluss. Diese Interessen wurden mit (häufig wechselnden) Bündnissen, Eheschließungen und Verschwägerungen kreuz und quer durch Europa verfolgt.

Für Böhmen ergibt sich insgesamt das Bild einer enormen Bedeutung der Adelsgeschlechter. Als Beispiel sei die Familie Schwarzenberg erwähnt. Ihr Name taucht in der böhmisch-österreichischen Geschichte immer wieder auf, darunter berühmte Persönlichkeiten. In unserer Gegenwart ist Fürst Karl Schwarzenberg als Tschechiens Außenminister und „beinahe Staatspräsident“ durch seine Respekt verdienende Haltung bezüglich der Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen 1945/46 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Hier schimmert hinter allen Umstürzen und Grenzziehung so etwas wie übergreifende Kontinuität durch. Der böhmische Adel hat auch den Umstieg von der landwirtschaftlich dominierten Wirtschaft auf die neuzeitliche Industriewirtschaft geschickt bewältigt. Böhmen war das führende Industrieland in der k. u. k. Monarchie, wozu das deutsche Element wesentlich beigetragen hat.

Höbelt spürt auch den behaupteten und den aufkeimenden Spannungen im deutsch-tschechischen Verhältnis zwischen den „beiden Dreißgjährigen Kriegen“ nach. Der erste dieser begann und endete in Prag (1618–1648). Der zweite „Dreißigjährige Krieg“ begann 1914 als Erster Weltkrieg und endete 1945 als Zweiter Weltkrieg. Die CSR entstand 1918/19 aus dem Untergang der habsburgischen k. u. k. Monarchie, die CSSR aus der Vernichtung des Großdeutschen Reiches 1945. 1918 machten die Tschechen 50–51 % der Bevölkerung aus, die Slowaken 16 %, die Deutschen 22–23 % und rund 10 % die Ungarn. Nicht zu vergessen die jüdischen Gemeinden, besonders diejenige in Prag. Die rund 3 Millionen Deutschen wurden, nachdem ihnen das Selbstbestimmungsrecht verweigert worden war, 1919 tschechische Staatsbürger.

Was sich zwischen 1918 und 1945 abspielte, schildert das Buch trotz seiner knappen Fassung ziemlich genau. 1945/46 kam es dann zur Enteignung und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei unter scheußlichen Begleiterscheinungen. Höbelt dazu: „Die Vertreibung der Sudetendeutschen war eine der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.“[1] Doch warnt er davor, allzu „monokausal“ nur den Nationalitätenkonflikt für das Geschehen verantwortlich zu machen. Selbst wer einseitig die deutsch-tschechischen Beziehungen im Visier hat, sollte zumindest auch die generationenlangen Konflikte zwischen Tschechen, Polen und Ungarn mit einbeziehen.

Die Historisierung der tragischen Geschichte

Eben die ganze Geschichte Böhmens zeigt, wie sehr die ethnische Gemengelage in diesem Zentralraum Mitteleuropas durch politische Kraftfelder anderer Art betroffen und bewegt wurde. Alles nur auf Nationalitätenkonflikte zurückzuführen, wäre falsch. Immer waren pures Machtstreben, dynastische oder konfessionelle Motive, ökonomische und soziale Faktoren mit im Spiel. Im 20. Jahrhundert kamen die brutalen Auseinandersetzungen zwischen totalitären Systemen sowie der politisch beinhart geführte Kalte Krieg zwischen Ost und West hinzu. Tschechien gehört übrigens zu den Nachzüglern jener Länder, die 1989 die so genannte Wende nach der Implosion des Ostblocks vollzogen haben.

Es zeichnet dieses Buch aus, dass es kein Schwarz-weiß-Gemälde liefert. Höbelt geht bei seiner Beurteilung der doch recht detailliert beschriebenen Fakten feinfühlig vor und bemüht sich um Ausgewogenheit. Diese im besten Sinne des Wortes historisierende Betrachtungsweise macht das vorliegende Buch auch zu einer tauglichen Unterlage für die zaghaften Versuche deutsch-tschechischer Gesprächsrunden, über die tragischen Geschehnisse hinweg eines Tages so etwas wie Versöhnung zustande zu bringen. Dass eine solche Normalisierung und Konsolidierung der menschlichen wie der politischen Verhältnisse gerade in der Mitte Europas notwendig ist, lehrt jeder Blick auf das heutige Weltgeschehen. Wir müssen lernen, über unsere angestammte Zugehörigkeit hinaus auch als Europäer zu denken.

Anmerkung

[1] Vgl. dazu die Buchbesprechung über Alfred de Zayas, „Über die größte Vertreibung in der Geschichte“, Genius-Lesestück Nr. 8/September-Oktober 2012.

Bearbeitungsstand: Montag, 29. Juli 2013

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