Die FPÖ und die Akademiker


Von Gerald Brettner-Messler

Zum Duell zwischen Bundeskanzler Werner Faymann und FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, das die FPÖ eine Zeit lang für den Wahltag am 29. September anvisiert hatte, ist es mit Ausnahme der Konfrontation im Fernsehen, wo sich Strache gut behauptet hat, nicht gekommen. Trotzdem ist die soeben geschlagene Nationalratswahl ein guter Anlass, wieder einmal der Frage nachzugehen, welchen Stellenwert die FPÖ bei Akademikern und Maturanten hat. Immerhin gehört zu ihnen ein Großteil der Führungskräfte des Landes, die die Weichen für Österreichs Zukunft stellen.

Oft wurde das Phänomen schon thematisiert: die FPÖ als die neue Arbeiterpartei – in Konkurrenz zur SPÖ. Was die Wähler betrifft, ist der Befund eindeutig: Bei der Nationalratswahl 2008 – die Analysen für 2013 liegen erst später vor – spielten Akademiker/Maturanten für die Freiheitlichen eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Fachschulabsolventen wählten zu einem deutlich höheren Prozentsatz FPÖ und BZÖ, nämlich 35 %, während es unter den höheren Bildungsschichten nur 20 % waren. (Die Ergebnisse von FPÖ und BZÖ wurden vom Autor zusammengerechnet, da zumindest die Wähler der einen Partei potenziell als Wähler der anderen in Frage kommen.) Immerhin waren die Blauen/Orangen in dieser Gruppe sogar um einen Prozentpunkt besser als die Grünen, die ja gerne als die Partei der Gebildeten gehandelt werden (Selbstdarstellung im Wahlkampf 2013: „Weniger belämmert als die Anderen“). Das ist insofern richtig, als Facharbeiter/Pflichtschulabsolventen in unterdurchschnittlichem Ausmaß zum Gesamtergebnis der Grünen beitrugen, während die besser Gebildeten unterdurchschnittlich oft den Freiheitlichen ihre Stimmen gaben. Der Abstand in die eine oder andere Richtung ist, wenn man die Grünen und FPÖ/BZÖ vergleicht, derselbe: 19 % der Maturanten/Akademiker wählten grün, aber nur 4 % der Fachschulabsolventen; 20 % der Maturanten/Akademiker wählten blau/orange, aber 35 % mit einer Fachschulausbildung. Somit beträgt die Differenz jeweils 15 % Prozentpunkte. Bei SPÖ und ÖVP sind die Abweichungen zwischen den Bildungsgruppen längst nicht so groß.

Veränderungen der sozialen Schichtung

Wenn auch das Gesamtergebnis bei höher gebildeten Österreichern nicht so schlecht aussieht, so ergibt das Wahlverhalten nach Generationen betrachtet doch ein anderes Bild. Schüler und Studenten zwischen dem 16. und dem 20. Lebensjahr wollten vor der letzten Wiener Landtagswahl 2010 laut einer Befragung nur zu 9 % FPÖ wählen, aber zu 45 % und 30 % rot bzw. grün! Bei den erwerbstätigen Jungen dieser Altersgruppe haben sich hingegen 45 % als FPÖ-Wähler bekannt. Interessant ist, dass für alle Jungwähler das stärkste Wahlmotiv die Zuwanderung war. Die Stimmung in den Bildungsschichten gegenüber den Freiheitlichen hat sich in den letzten Jahren nicht wirklich gebessert. Meinungsumfragen von 2010 und 2011 ergaben, dass in besonders hohem Ausmaß besser Gebildete sich gegen eine Regierungsbeteiligung der FPÖ aussprechen.

Die Ursachen dafür dürften mannigfach sein. Der FPÖ wird wenig Wirtschaftskompetenz zugeschrieben. Zusammen mit der EU/Euro-kritischen Haltung der Partei führt dies wohl bei vielen, die in Industrie und Gewerbe tätig sind, zu Ablehnung. Nachteilig ist auf jeden Fall, dass es unter den Universitätslehrern nur ganz wenige gibt, die als Freiheitliche bzw. dem freiheitlichen Lager zugehörig bekannt sind. An den Wiener Universitäten gibt es, nach Wissen des Autors, lediglich drei: den Historiker Lothar Höbelt, den Rechtshistoriker Christian Neschwara und den Gynäkologen Peter Frigo, der Wiener Landtagsabgeordneter ist. Der Mangel an solchen Persönlichkeiten verringert die Attraktivität der FPÖ und erschwert die Nachwuchsrekrutierung. Dem politischen Gegner wird dadurch die Argumentation von der Randständigkeit der Freiheitlichen erleichtert, weil kaum Gegenbeispiele in Form bekannter akademischer Lehrer präsentiert werden können. Wie vorteilhaft so jemand in der Politik sein kann, hat das Beispiel von Alexander Van der Bellen, dem Alt-Obmann der Grünen, gezeigt, der stets mehr als Professor denn als Politiker wahrgenommen wurde.

Die Rolle der Studentenverbindungen

Die Negativberichterstattung der Medien über die FPÖ und die freiheitlichen Studentenverbindungen – meist unterschiedslos unter dem Begriff „Burschenschaften“ zusammengefasst – verunsichert Interessenten. Viele befürchten Karrierenachteile, wenn sie mit den Freiheitlichen in Verbindung gebracht werden.

Ein kurzer Blick noch auf die studentische Standesvertretung: Einst war sie eine Hochburg der Freiheitlichen, der Ring Freiheitlicher Studenten bestimmende Kraft. So erreichte er bei den Hochschülerschaftswahlen 1957 bundesweit 29 % und war damit die zweitstärkste Fraktion. Diese Zeiten sind längst vorbei, wie überhaupt die Österreichische Hochschülerschaft unter den Studenten wenig Beachtung findet. Nicht einmal 28 % gaben bei der ÖH-Wahl 2013 ihre Stimmen ab, bei der oben genannten Wahl 1957 waren es noch 62 %. Damit ging die Beteiligung nach der ohnehin schon niedrigen Wahlbeteiligung 2011 noch einmal nach unten. In der Bundesvertretung (die nicht mehr direkt gewählt wird) hat der RFS sein Mandat behalten können. Gewählt wurde er nur mehr von 2,2 % der Studenten, vor zwei Jahren waren es noch 2,9 %. In der Hochschülerschaft von Österreichs größter Universität, der Uni Wien, gibt es überhaupt keinen freiheitlichen Studentenvertreter mehr. Einen herben Verlust musste der RFS in der Hochburg Leoben einstecken, wo sein Anteil von 21,6 % auf 13,6 % fiel. Auf den drei medizinischen Universitäten wurde gar nicht (mehr) kandidiert.

Warum der RFS auf so geringe Zustimmung stößt, dürfte mehrere Ursachen haben. Potenzielle Wähler gehen zum Teil gar nicht zur Wahl, weil sie das Zwangssystem ÖH und deren Arbeit ablehnen. Das Wissen um die Schwäche des RFS lässt ein Engagement wenig sinnvoll erscheinen, weil kaum etwas bewirkt werden kann. Viele Studenten nehmen den RFS wohl auch als fundamentalistisch und einseitig auf Studentenverbindungen orientiert wahr. Die Korporationen sind eine wesentliche Stütze des RFS, der derzeitige Vorsitzende Alexander Schierhuber rechnet die Hälfte der RFS-Angehörigen den Verbindungsstudenten zu. Das hat zur Folge, dass der RFS wenig Eigenleben entfaltet, da ein Gutteil der Aktivisten seine Zeit für die eigene Korporation aufwendet. Diesem Strukturproblem wird der RFS wohl oder übel seine Aufmerksamkeit zuwenden müssen.

Viele Akademiker unter den Mandataren

Ein ganz anderes Bild als die Wählerschaft bieten die Mandatare der FPÖ. Ihre Zusammensetzung weicht von der der Wähler deutlich ab. Auf den Plätzen 1–19 der FPÖ-Bundesliste für die heurige Nationalratswahl fanden sich 7 Uni-Absolventen, der Rest bis auf drei – dazu gehört Spitzenkandidat Strache – hat Matura. Auf der Wiener Landesliste sind die eine Hälfte der ersten 10 Kandidaten Akademiker, die anderen Maturanten, eingeschlossen eine Studentin. Die Zusammensetzung der Wiener Landesliste war beispielsweise bei der NR-Wahl 1986 mit 6 Akademikern beinahe dieselbe. 1979 lautete das Verhältnis überhaupt neun zu eins, offenbar Folge der bürgerlich-liberalen Ausrichtung der Partei in der Ära von Obmann Norbert Steger.

Dort wo die FPÖ schon lange mit einem schwierigen Terrain zu kämpfen hat, ist wohl nicht ganz zufällig eine deutlich andere Schichtung der Kandidaten zu bemerken. Bei den Landtagswahlen in Niederösterreich war auf den ersten 20 Plätzen kein einziger Akademiker gereiht, was wohl mit dem Kurs der damaligen Spitzenkandidatin und Obfrau zu tun hatte. (Zum Vergleich die niederösterreichische ÖVP: Plätze 1–6 Akademiker, 7 ein Maturant und 8–9 wieder Akademiker). Menschen, die selbständiges Denken und autonomes Handeln gewohnt sind, scheinen dort unterrepräsentiert zu sein, wo aufgrund der Schwäche der Partei wenig Entfaltungsmöglichkeit – sowohl nach innen, als auch in der Außenwirkung – gegeben ist und daher die Anziehungskraft auf Akademiker und Maturanten gering ist.

Die Auswahl der Kandidaten insgesamt spiegelt also nicht die Wählerschaft der Partei wider (für HC Strache, der gelernter Zahntechniker ist, trifft es aber zu). Vielmehr gibt es eine Kontinuität in der Zusammensetzung der freiheitlichen Politiker, die auf gewachsenen Traditionen beruht. Diese Traditionen sind stark dem Bildungsbürgertum verhaftet. Strache selbst ist dafür ein Beispiel. Er ist Alter Herr einer pennalen Burschenschaft und kann somit bestens alte und (verhältnismäßig) neue Wähler ansprechen. Offenbar sind die Themen, aber auch das gesamte Erscheinungsbild Straches dazu angetan, das Vertrauen dieser neuen Wähler zu wecken. Er spiegelt das Lebensgefühl seiner Wähler richtig wieder, die auf das, was in Österreich und von ihnen als Bürger geleistet wurde, stolz sind und es auch gerne zeigen. Sie wollen keine Volksvertreter, die sie wie Oberlehrer bevormunden, sondern solche, die ihnen Freiräume schaffen und erhalten. Gerade diejenigen, die nicht in geschützten Bereichen arbeiten, schätzen einerseits gesicherte soziale Verhältnisse, was sich auch auf die Familie erstreckt, sie wollen aber auch, dass ihnen der erarbeitete Wohlstand bleibt und das Geld nicht in Projekte fließt, deren Sinnhaftigkeit sich ihnen nicht erschließt, wie europäische Rettungsschirme, Bankenhilfe u. a. Alle diese Themen können Menschen vereinen, egal welche (Aus-)Bildung sie haben. Die FPÖ ist dabei das politische Bindeglied.

Bearbeitungsstand: Montag, 30. September 2013

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft