Energiewende – Neue Dimensionen tun sich auf


Von Gerulf Stix

Die so genannte Energiewende ist in aller Munde. Im Wesentlichen versteht man darunter die prinzipielle Abkehr von den fossilen Energieträgern (Kohle, Öl, Gas) sowie von der Atomkraft (Kernspaltung) und den Umbau unserer Energieversorgungssysteme auf erneuerbare Energieträger (EE) wie Sonneneinstrahlung, Wind, Wasserkraft, Biomasse und Meereswellen. Seit insbesondere Deutschland als Reaktion auf den GAU von Fukushima die Energiewende zum Staatsziel erhoben hat, reißt die Diskussion darüber nicht mehr ab. Sie läuft auch in Österreich, das sich insofern leichter tut, als es durch die Volksabstimmung über Zwentendorf (1978) den Einstieg in die großtechnische Atomkraftnutzung gar nicht erst realisiert hat. Die Schweiz betreibt vier Atomkraftwerke, hat sich aber wie Deutschland für einen Ausstieg entschieden. Allein schon diese wirkmächtige Schwerpunktbildung rund um das Thema Atomkraft verengt die Gesamtbetrachtung auf unzulässige Weise. In Wirklichkeit sind Energiegewinnung und Energienutzung hochkomplexe Bereiche, die praktisch jeden Winkel unseres Lebens direkt oder indirekt erreichen. Das reicht von der Wärmeversorgung über Lichtinstallationen aller Art bis zu industriellen Kraftmaschinen und Chemie sowie dem gesamten Verkehrswesen. Zum Teil überlagern sich Energiewirtschaft und Rohstoffwirtschaft generell (z. B. Öl und Gas als Energieträger oder Chemierohstoffe).

Eine weitere Verengung des Blickwinkels ergibt sich aus der Konzentration der meisten Diskussionsbeiträge auf die Stromerzeugung bzw. Stromversorgung. Dabei wird praktisch übersehen, dass der Anteil der elektrischen Stromerzeugung nur rund ein Fünftel (!) der gesamten Energieerzeugung ausmacht. Will man also die Energiewende einigermaßen umfassend kommentieren, kann man nur einige allgemeine Parameter ausleuchten und muss dafür auf viele Einzelheiten verzichten. Das wird im Folgenden versucht.

Der Klimawandel

Das heiß diskutierte Phänomen Klimawandel wird häufig auch bemüht, um die Notwendigkeit für eine Energiewende zu begründen. Im Mittelpunkt steht die CO2-Problematik. Die Freisetzung dieses Treibhausgases vor allem durch die Verbrennung gigantischer Mengen fossiler Brennstoffe trage Schuld an der Klimaerwärmung. Man mag dazu stehen, wie man will. Ein besänftigendes Argument beispielsweise erklärt, dass CO2 in Zukunft ein wichtiger Rohstoff sein werde. Um aber allgemeiner zu bleiben: Einerseits ist evident, dass es schon lange vor unserem „fossilen Zeitalter“ wärmere und kältere Klimaperioden gab, also ohne Zutun des Menschen. Andererseits ist nicht zu leugnen, dass die menschlichen Aktivitäten vor allem in Ballungsräumen eindeutig zumindest das Mikroklima verändern. Somit wird der Mensch auch das globale Klima beeinflussen (z. B. Luftverkehr). Strittig ist nur die Größenordnung der menschlichen Einflussnahme. Liest man z. B. über die Freisetzung von Methan – ebenfalls ein Treibhausgas – als Folge auftauender Permafrostböden (Sibirien), dann kommen einem schon Zweifel, ob nicht die Naturkräfte mehr zu einem Klimawandel beitragen als der Mensch. Da reden wir noch gar nicht von der Rolle, welche die Veränderungen an der Oberfläche unseres Zentralgestirns Sonne spielen.

Gleichgültig zu welcher Beurteilung man letztlich gelangt, auch die massive Verbrennung fossiler Rohstoffe wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Beitrag zur Klimaerwärmung liefern. Ebenso die erst im Forschungsstadium steckende Gewinnung von „gefrorenem“ Methan (Methanklumpen) in den Meeren um die Ränder der Kontinente. Zusammenfassend sei festgehalten:

Es gibt sicherlich klimapolitische Argumente für eine Energiewende. Nur könnte sich herausstellen, dass deren Gewichtung in den gegenwärtigen Diskussionen zu hoch veranschlagt ist. Das gilt besonders für Europa, dessen Rolle in der Welt diesbezüglich übertrieben dargestellt wird. Weder die USA noch China und auch nicht die so genannten Schwellenländer scheren sich groß um die Klimasorgen Europas. Wäre das anders, dann wäre der jüngste Klimagipfel nicht derart kläglich gescheitert. Europa wird also nicht die Welt retten. Wir sollten daher nicht das Hauptgewicht auf die Klimaziele legen, wenn wir uns für eine Energiewende einsetzen. Dennoch ist es richtig, auch die Klimaziele im Auge zu behalten. Zumindest für eine deutliche Klimaverbesserung in den bei uns arg mit Schadstoffen belasteten Ballungsräumen hat die Energiewende sehr wohl eine ganz konkret lebensfördernde Bedeutung.

Die fossilen Rohstoffe gehen aus

Die stärksten Argumente für den Umstieg auf EE gründen auf der Sorge, dass die fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas bald zur Neige gehen werden. Bis vor kurzem fand sogar die Aussage Zustimmung, wonach der Gipfel der mengenmäßigen Ölförderung („oil peak“) bereits erreicht, vielleicht schon überschritten sei. Je nach Berechnungsweise kam man dann rasch zu Erschöpfungsfristen von 30 – 60 Jahren. Diese pessimistischen Erwartungen haben ihren Schrecken verloren, seit neu gefundene Lagerstätten und die Entwicklung ganz neuer Fördertechniken die noch verfügbaren Vorkommen vor allem an Öl und Gas wesentlich höher erscheinen lassen. Im Mittelpunkt stehen hier die Öl- und Gasvorkommen, die in tieferen Gesteinsschichten eingeschlossen sind (Stichwort: Schiefergas). Zwar ist die Fördermethode, das so genannte Fracking, aus Gründen des Umweltschutzes heftig umstritten, doch praktizieren das z. B. die USA in ausgedehntem Maße. Die deutsche Bundesregierung will noch in diesem Herbst ein Gesetz verabschieden, welches die Schiefergasexploration auch auf deutschem Boden unter sehr strengen Auflagen zulassen wird. Auch in Polen tut sich diesbezüglich viel. Jedenfalls ergibt sich aus den eingetretenen Neuerungen eine Erstreckung des Erschöpfungszeitraumes auf etwa 300 Jahre. Dabei sind jene möglichen Vorkommen noch gar nicht berücksichtigt, die die jetzt schon wirksame Klimaerwärmung in Richtung des schmelzenden Eises der Arktis voraussichtlich technisch zugänglich machen wird.

Mit Fug und Recht spricht daher Bertram Schurian von einem Paradigmenwechsel hinsichtlich der Öl- und Gasgewinnung – auch unter dem Blickwinkel weltpolitischer Machtverschiebungen. Sein gleichfalls in diesem Genius-Brief enthaltener Beitrag „Neues von der Öl-Front“ bringt dazu wichtige Einzelheiten. Sie ergänzen meine Ausführungen hier und runden zugleich die Gesamtbetrachtung der Energiewende ab.

Die aus ganz verschiedenen Gründen künftig mit hoher Wahrscheinlichkeit stark zunehmende Bedeutung der Gaswirtschaft insgesamt wird weiter unten noch zu beleuchten sein.

Wenn also die existenzielle Furcht vor einer raschen Erschöpfung der fossilen Energieträger fürs Erste einer ruhigeren Betrachtung gewichen ist, so bleibt doch die Tatsache eines zeitlich begrenzten Horizonts bestehen. Was sind schon 200 Jahre in einer hinsichtlich der Weltbevölkerung wie auch zivilisatorisch rasant wachsenden Welt? Da bleibt uns die Energiewende so oder so nicht erspart. Wir können sie freilich ruhiger und mit mehr Besonnenheit angehen.

Die Atomenergie

In der Debatte um die Drosselung des CO2-Ausstoßes verweisen die Befürworter der Atomkraft immer wieder auf die diesbezüglich völlige Unbedenklichkeit der Kernkraftwerke.

Dieses Argument stimmt. Hingegen sind die weitaus schwerer wiegenden Bedenken wegen den biologischen Schäden durch freigesetzte radioaktive Strahlung keineswegs ausgeräumt.

Hier ist nicht der Platz, um auch nur die wichtigsten Elemente der seit rund 60 Jahren um diese Thematik kreisenden Diskussion wiederzugeben. Einen gerafften Einblick vermittelt der Artikel „Das Nein der FPÖ zur Atomkraft“, erschienen als Genius-Lesestück Nr. 4 im Genius-Brief vom März–April 2011.[1] Trotzdem soll auf ein paar aktuelle Punkte kurz eingegangen werden.

Da geht es einmal um die Behauptung, Atomstrom sei ja billig und stünde bei entsprechendem Ausbau reichlich zur Verfügung. Billig ist er allerdings nur, weil ein wesentlicher Teil seiner Kosten, nämlich für die sichere Endlagerung des Jahrtausende lang strahlenden radioaktiven Abfalls, bis heute den Atomkraftwerksbetreibern nicht aufgehalst wurden. Trotz einschlägiger Forschungsprojekte gibt es bis auf den heutigen Tag auf der ganzen Welt kein einziges sicheres Endlager! Dass beispielsweise die Schweiz die Einzahlungen in die Fonds zur Deckung der Stilllegungs- und Entsorgungskosten jüngst erhöht hat, ist nicht viel mehr als ein Hinweis auf die Problematik (NZZ vom 15. und 17. August 2013). Immerhin hat auch die Schweiz, die bekanntlich vier Kernkraftwerke betreibt, den Ausstieg aus dieser Energieform beschlossen. Die besonders nüchtern kalkulierenden Schweizer werden schon wissen, warum sie aussteigen.

Andere wollen nicht aussteigen. Sie träumen sogar von einer „Renaissance der Atomenergie“. (Vgl. Die Presse v. 16. August 2013, Seite 15) Sie lassen sich auch von dem Umstand nicht beeindrucken, dass der japanische Atomkraft-Riese Tepco zugibt, die seit eineinhalb Jahren währenden katastrophalen Folgen des GAU von Fukushima „nicht im Griff“ zu haben. Japan – wie übrigens in Europa Frankreich, England und auch andere Länder – stecken technisch-wirtschaftlich derart tief in der atomaren Sackgasse, dass sie nicht wissen, wie sie da herauskommen können; also treten sie kurzsichtiger Weise die Flucht nach vorn an. Das wird sie eines Tages sehr, sehr teuer zu stehen kommen.

Militärische Motive

Bleibt noch der militärische Aspekt zu streifen. Manche Länder, die Kernkraftwerke betreiben, sind – natürlich unausgesprochen – scharf auf das bei „friedlichem“ Betrieb als Nebenprodukt anfallende Ausgangsmaterial für Atomwaffen. Das gilt für Staaten, die bereits Atomwaffen besitzen (z. B. England und Frankreich), aber auch für Staaten, die erst von einer künftigen Atommacht träumen, darunter die meisten Schwellenländer. Experten wissen dazu Einiges zu sagen. Vor Jahren schon erklärte mir ein General, Länder mit vielen KKW seien praktisch nicht mehr zu verteidigen, weil jedes KKW mittels „nur“ konventioneller Waffen zu einem GAU gebracht werden könne; die Konsequenzen lägen auf der Hand. Im Übrigen ist die gesamte „friedliche Nutzung der Kernenergie“ ein Folgeprodukt der Erforschung und Entwicklung von Atomwaffen einschließlich der Erhaltung ihrer Einsatzbereitschaft. Insofern genießt der „friedliche“ Atomstrom wirtschaftlich betrachtet eine Rente aus jenen Unsummen an Finanzmitteln, die in die Atomrüstung gesteckt wurden und werden. Auch diese Sponserung gehört zum Thema „billiger Atomstrom“. Darüber hinaus sickern immer wieder Meldungen über die direkte und indirekte Förderung von Atomkraftwerken seitens verschiedener Nationalstaaten durch.

Beachtlichen finanziellen Aufwand zur Förderung der Atomwirtschaft generell betreibt ständig die EU. Da gibt es einen undurchschaubaren Graubereich zwischen Atomkraftbetreibern einerseits und wissenschaftlicher Forschung andererseits. Die EU bekennt sich ganz offen zum Ausbau der Atomwirtschaft und sieht die Politik jener Mitgliedsstaaten, die sich gegen die Nutzung der Atomenergie stellen, kritisch. Gut daher, dass Brüssel das nicht zu entscheiden hat. Um aber die Frage der wissenschaftlichen Forschung aufzugreifen, sei hier klar gesagt: Das Nein zur Nutzung der Atomkraft bedeutet nicht auch ein Nein zur Atomforschung. Es soll und muss auf diesem Gebiet weiter geforscht werden. Niemand kann heute sagen, ob nicht eines Tages neue Erkenntnisse neuartige Möglichkeiten eröffnen (Stichwort: Thorium). Die momentan wieder medial lancierten Erwartungen bezüglich der „ Brüter“ sind bloße Hoffnungen; Frankreich hat sich am „schnellen Brüter“ schon einmal die Finger verbrannt. Wenn auch beim heutigen Wissensstand die großtechnische Nutzung der Atomenergie aus Gründen eines nachhaltigen Lebensschutzes gerade auch für die erst kommenden Generationen nicht zu verantworten ist, so bleibt doch die Zukunft offen. Wer hingegen heute für die großtechnische Energiegewinnung aus Kernkraft eintritt, betreibt eine inhumane Überbewertung der technisch-physikalischen Möglichkeiten im Vergleich mit dem medizinisch-biologischen Wissensstand, der zu höchster Vorsicht gemahnt.

Fotovoltaik, Wind und die Stromnetze

Sehr geschickt leisten die großen Konzerne der Energiewirtschaft hinhaltenden Widerstand gegen die Energiewende, speziell gegen Wind- und Sonnenenergie. Erstens fürchten sie als Oligopolisten um ihre zentrale Macht auf den Märkten, denn die Energiewende ermöglicht mehr Dezentralisierung. Zweitens bangen sie um die Wirtschaftlichkeit ihrer riesigen Investitionen in konventionelle Systeme, ganz besonders in Atomkraftwerke. Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive, die selbstverständlich zu beachten ist, geht es dabei hauptsächlich um die Fristen für die Abschreibung: je länger, desto besser. Daher ringen die Konzerne um längere Zeiträume für die Aus- und Umstiege. Um das zu erreichen, ist jedes passende Argument recht. Die Politik wird mit allen Mitteln unter Druck gesetzt.

Im Mittelpunkt der Diskussion über den Umstieg auf EE steht der massive Ausbau der überregionalen Stromnetze. Er wird von der gesamten Elektrizitätswirtschaft gefordert. Die Unregelmäßigkeiten bei der Erzeugung von elektrischem Strom aus Windkraft und Sonnenenergie seien mit der vorhandenen Netzstruktur nicht mehr zu handhaben, jedenfalls nicht im Sinne der allseits verlangten Versorgungsicherheit. Es werden mögliche Netzzusammenbrüche an die Wand gemalt. Diese Sorgen sind ernst zu nehmen.

Elektrischer Strom ist ja keine Ware, die auf Vorrat produziert werden kann. Strom muss im Augenblick der Erzeugung verbraucht werden. Insofern ist Stromerzeugung eigentlich eine Dienstleistung. Speicherung in kleinem Umfang (Batterien) ist natürlich schon möglich, fällt aber kaum ins Gewicht. Das Thema Speicherung wird uns noch beschäftigen. Der Lastausgleich zwischen Strombedarf und Stromerzeugung wird über das europäische Stromnetz zentral geregelt. Je nachdem werden Kraftwerke an- oder abgeschaltet. „Gestört“ wird das durch die wetterabhängig arbeitenden Windkraftwerke und die Fotovoltaik. Die entstehenden großen Schwankungen überfordern die bestehenden Netze. Diese Probleme werden aber aus durchsichtigen Gründen übertrieben dargestellt. Trotzdem ist nicht zu bestreiten, dass ein weiterer und auch rascher Netzausbau erforderlich ist. Hierbei kommt es auf die konkreten Projekte an. Auch die Einführung „denkender Netze“ (Stichwort: smart grids mit smart metering bei den Verbrauchern) kann die Probleme erleichtern, wenngleich hier Fragen des Datenschutzes auftauchen. Summa summarum werden hohe Investitionen in den Ausbau und die Umgestaltung der Netze getätigt werden müssen. Das kann aber auch als Belebung für eine schwächelnde Wirtschaftskonjunktur gesehen werden.

Die Strom-Speicherung wird ein großes Thema

Elektrischer Strom lässt sich nicht unmittelbar speichern. Jede Form einer Speicherung ist in Wirklichkeit ein Umwandlungsprozess, zum Beispiel bei Batterien ein chemischer, bei Schwungrädern ein mechanischer. Bei jeder Umwandlung geht es um den Wirkungsgrad und infolgedessen um den in Kauf zu nehmenden Verlust. Die einzigen großtechnisch verfügbaren „Speicher“ sind gegenwärtig die Pumpspeicherkraftwerke der Wasserkraftwirtschaft. Mit billig eingekauftem (Überschuss-)Strom wird Wasser hochgepumpt. Bei Bedarf stürzt es wieder herab und erzeugt in den Turbinen teurer verkauften Strom, der im Netz benötigt wird. Gerade wegen der EE werden Pumpspeicherkraftwerke in Zukunft noch wichtiger werden. Um ihren Einsatz zu optimieren, haben die Alpenländer Deutschland, Österreich und die Schweiz eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die „Energie-Initiative der Alpenländer“. Unverständlich bleibt, wie durch jahrelange Verwaltungsprozeduren mit fast unüberschaubaren Einspruchsmöglichkeiten der geplante Bau von Pumpspeicherwerken um viele Jahre hinausgezögert wird. Da scheint das Augenmaß verloren gegangen zu sein.

Eine zweite großtechnische Stromspeicherung bietet das Gas. Hier haben wir es mit einem schlummernden Riesen zu tun. Bekanntlich sind Gaskraftwerke Schnellstarter und können so das Netz rasch stabilisieren. Leider sind sie derzeit wegen einer irrationalen Strompreisentwicklung, an der die Politik nicht ganz unschuldig ist, kaum wirtschaftlich zu betreiben. Aber das lässt und wird sich ändern.

Die wirkliche Bedeutung von Gas liegt woanders. Es gibt erdgasähnliche Gase, die erzeugt werden wie z. B. Biogas und das so genannte Synthesegas. Auch Methan- und Wasserstoffgas spielen teils allein für sich, teils in Vermengung auch mit Erdgas eine Rolle. In allen diesen Bereichen ist eine schier unüberschaubare Entwicklung im Gange. Gezielt wird an rentablen Umwandlungsprozessen geforscht (teilweise schon praktiziert), die Energie aus Windkraft und Sonneneinstrahlung in solche Gase verwandeln. Das erlaubt nicht nur ganz allgemein die Speicherung von EE, sondern eröffnet die Möglichkeit, diese Gase in das vorhandene Erdgasnetz einzuspeisen. Mit dem weit verzweigten Erdgasnetz steht neben dem Stromnetz jetzt schon eine zweite große Infrastruktur bereit, um indirekt die durch Windkraft und Fotovoltaik erzeugten Energiemengen zu erfassen und zu transportieren. Gleichzeitig werden die „Grenzen“ zwischen Strom- und Gaswirtschaft verwischt. Denn mit Hilfe von Gas kann nicht nur Strom erzeugt werden, sondern Gas kann unmittelbar in anderen Bereichen, insbesondere im Verkehrswesen umfassend eingesetzt werden. Diese Entwicklung ist technologisch wie wirtschaftlich und theoretisch wie praktisch auf breiter Front im Gange. Die Erwartungen sind hoch gespannt. Ganz offenkundig bewähren sich Marktwirtschaft, Unternehmertum und Forschungsgeist in abwechslungsreichem Wettbewerb. Den Ergebnissen all dieser Aktivitäten darf man mit Optimismus entgegen sehen.

Das Förderwesen muss überdacht werden

War die Politik anfänglich für die Energiewende kaum zu begeistern, so hat sich das dank unentwegter, überwiegend privater Bemühungen sowie infolge der eingetretenen Öl- und Umweltkrisen im Laufe von rund einer Generation geändert. In Österreich trug das fortschrittliche Energiekonzept der FPÖ aus 1973 mit seiner erstmaligen Thematisierung der Sonnenenergie – lange bevor es die Grünen als Partei überhaupt gab – mit dazu bei. Damals erntete die FPÖ viel Spott, doch heutzutage ist die Nutzung der Sonnenenergie ein fest etablierter Industrie-Standard. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der GAU von Fukushima war schließlich jener Paukenschlag, der das wirtschaftlich in Europa tonangebende Deutschland bewog, sich politisch hochoffiziell zur Energiewende zu bekennen. Seitdem fährt der Zug in diese Richtung, auch wenn die Fahrt eine recht turbulente ist.

Turbulent geht es auch bei der Förderung des „Ökostroms“ zu. In Österreich startete das Ökostromgesetz 2002. Es brachte teils Erfolge, teils arge Ungleichgewichte und wurde mehrfach novelliert. Das geltende Ökostromgesetz 2012 gilt als einigermaßen gelungene Berücksichtigung der bisher gemachten Erfahrungen. In Deutschland begann das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Jahre 2000 und wurde bis 2012 viermal geändert. Das EEG gilt weltweit als vorbildliches Gesetz zur Förderung der Energiewende. Dennoch wird die Höhe und Strukturierung der Förderung heute wieder in Frage gestellt. Der Durchschnittshaushalt zahlt in Deutschland rund 220 Euro jährlich für die Förderung von Ökostrom, in Österreich etwa 65 Euro (vgl. Boltz in „Die Presse“ vom 17. August 2013. Boltz ist übrigens kein Freund der EE.). Kein Wunder, dass vor allem in Deutschland die Kritik lauter wird. Dort wie hier mehren sich die Stimmen, die zwar die ursprüngliche hohe Förderung für EE als einen sinnvollen Anstoß für die gewünschte Entwicklung werten, aber nunmehr einer allmählichen Absenkung das Wort reden. Nach der nunmehr geschlagenen Bundestagswahl ist mit einer baldigen Reform des EEG zu rechnen.

Norbert Hofer, der parlamentarische Energiesprecher der FPÖ, meint dazu: „Wir müssen uns vom derzeitigen Modell der Förderungen der neuen Technologien verabschieden. Diese müssen am Markt bestehen können… Hin zu einer Senkung der Mehrwertsteuer auf erneuerbare Energien auf zehn Prozent.“ (Vgl. „Oesterreichs Energie“, Juni 2013, Seite 14)

Der Hinweis auf die anzustrebende Marktreife ist wichtig. Die Fotovoltaik dürfte nicht mehr weit davon entfernt sein, ihre technisch-wirtschaftliche Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten verlief spannend wie ein Krimi. Ähnliches trifft für die Windkraftwerke zu. Diese haben die Marktreife bereits erreicht und verbreiten sich stürmisch.

Der ins Auge gefasste Abbau der Förderungen darf jedoch nicht abrupt erfolgen, sondern muss stufenweise und zeitlich gedehnt vorgenommen werden. Zu Recht verlangen all jene, die dank erhaltener Förderungen investiert haben, Planungssicherheit und vernünftige Kalkulierbarkeit. Vor einer Hau-Ruck-Förderpolitik muss gewarnt werden!

Technologieführerschaft

Wir befinden uns zweifellos inmitten der Energiewende. Mag es noch so turbulent zugehen, der Umbau unserer Energiesysteme auf Erneuerbare Energien ist nicht mehr zu stoppen. Dennoch wird es weitere Jahrzehnte, vielleicht sogar Generationen dauern, bis die energiewirtschaftliche Verwendung fossiler Energieträger im Großen und Ganzen Geschichte sein wird. Gänzlich werden sie nie aus der Verwendung verschwinden.

Wenn heute die Abkehr von der Atomenergie vor allem der deutschsprachigen Länder in Europa von vielen Seiten heftig kritisiert wird, so ist besonders dreierlei dagegen zu halten: Erstens ist diese Abkehr langfristig gesehen die richtige Zukunftsentscheidung, weil sie nachhaltig der Gesundheit aller kommenden Generationen dient.

Zweitens wird die nunmehr entschlossene Hinwendung zu den Erneuerbaren Energien unserem Europa eine neue, zukunftsträchtige Technologieführerschaft bringen. Das Preisdumping Chinas bei Solartechnik wird in Europa letztlich anspornend wirken.

Drittens darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Erneuerbaren Energien ihrem Wesen nach auf Dezentralisierung angelegt sind und somit die weltweiten Monopolbildungen in der Energiewirtschaft einbremsen. Die Energiewende auch gesellschaftspolitisch so zu gestalten, dass dabei mehr Dezentralisierung und mehr Unabhängigkeit entstehen, ist daher eine klassisch freiheitliche Aufgabe.

Anmerkung

[1] 1978 erschien eine Sondernummer der freiheitlichen Zeitschrift „freie argumente“, verlegt vom Freiheitlichen Bildungswerk, in der sich vier Autoren mit der Problematik der Nutzung von Atomstrom auseinander setzen. Weiters enthält dieses Heft die offizielle Stellungname der FPÖ zur Atomfrage sowie eine ausführliche Chronologie der Pressedienste 1977/78 der FPÖ zu diesem Thema.

Bearbeitungsstand: Montag, 30. September 2013

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