Neues von der Öl-Front


Von Bertram Schurian

Hier geht es um die Verfügbarkeit von Mineralöl und Erdgas in Europa und in der Welt. Groß war mein Erstaunen, als ich einen kleinen Bericht in „The Local, Germany`News in English“ las, wonach ein deutsch-kanadisches Konsortium, die Central European Petroleum Company, beträchtliche Mengen Mineralöl in Brandenburg in der Nähe der Lausitz gefunden hat. Gegenwärtig wird die Menge auf 92 Millionen Tonnen Mineralöl geschätzt. Das sind, abhängig von der Qualität des Mineralöls, zwischen 650 und 680 Millionen Fass. Das Öl soll von ausgezeichneter Qualität sein und das Land Brandenburg könnte bald einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, wenn mit der Gewinnung begonnen wird.

In Hessen wollte die kanadische Tochterunternehmung der US-amerikanischen Firma BNK Petroleum Inc., Kalifornien, die Erlaubnis bewirken, in Nordhessen nach Schiefergas zu suchen. Ein 5.212 Quadratkilometer großes Areal sollte getestet werden, ob es sich für „Fracking” eignet, eine Methode, die in den USA zu einem wahren Boom an Erdgaserzeugung und dadurch zu relativ niedrigen Preisen für Erdgas geführt hat. In Hessen wurde diese Erlaubnis bisher nicht erteilt, obwohl die Firma gesetzlich ein Recht darauf hätte, eine „Aufsuchungserlaubnis“ zu erhalten. Die CDU-Umweltministerin von Hessen verhinderte bis dato die Erlaubnis aus vermutlich wahltechnischen Gründen, weil auch die Hessen-SPD „dauerhaft das Fracking verhindern“ will.[1] Politischer Opportunismus verhindert also eine rationale und objektive Überprüfung dieser Methode in Deutschland. Mittlerweile aber bereitet die Regierung in Berlin ein Fracking-Gesetz vor.

Steigende Reserven

Schon vor Jahren gab es Meldungen, die besagten, dass die Republik Polen auf riesigen Erdgasreserven sitzt, die selbst so groß sein sollen, dass das Quasi-Monopol für Erdgaslieferungen der Russen in Gefahr kommen könnte. Es gibt jedenfalls genug Hinweise dafür, dass in der Welt und auch in Europa sehr wahrscheinlich genug Mineralöl und Erdgas für einen Verbrauch für die kommenden hundert Jahre vorhanden ist. So betrugen die nachgewiesenen Weltreserven im Jahre 1980 rund 700 Milliarden Fass. Bis zum Jahre 2011 sind diese nachgewiesenen Reserven trotz des inzwischen gestiegenen Mineralölverbrauchs auf ca. 1,6 Billionen Fass angewachsen.

Auch die Erdgasreserven reichen laut Schätzung der IEA bei unverändert heutigem Verbrauch für die kommenden drei Jahrhunderte.[2] Übrigens steht auch die technologische Entwicklung zum Finden neuer Vorkommen von Mineralöl und Erdgas keineswegs still. Im Gegenteil, es gab einen technologischen Quantensprung bei den Möglichkeiten der Ausbeutung von Mineralöl und Erdgas in der Welt. Hier sei im Besonderen auf das Lebenswerk von Georg Mitchell aus den USA hingewiesen, der als der Erfinder des „Fracking“ bezeichnet werden kann. Auch in Europa könnten in schon bestehenden Mineralöl- bzw. Erdgasfeldern mit den neuen Methoden noch weitere Vorkommen gefunden und auf wirtschaftliche Weise ausgebeutet werden. Dies gilt in besonderem Maße für Deutschland, wenn der politische Wille dazu vorhanden wäre.

Tatsache ist jedoch auch, dass in immer unwirtlicheren Gegenden der Welt und dadurch unter schwierigeren und teureren Umständen nach neuen Quellen gesucht wird. Beispiele dafür sind u.a. die Arktis, die Tiefseebohrungen im Atlantik vor der Küste von Brasilien und das Gebiet rund um die zwischen China und Japan strittigen Diaoyu/Senkaku Inseln. Andererseits gibt es auch Berichte von riesigen Mineralölfunden in Australien, genauer im Bundesstaat South Australia mit der Hauptstadt Adelaide.[3]

Die machtpolitischen Verhältnisse verschieben sich

Alle diese neuen Funde können und werden die machtpoltischen Verhältnisse in der Welt verändern. Der Einfluss der in der OPEC organisierten Mineralölexportländer könnte nachhaltig geschwächt und vermindert werden. Es ist nämlich keineswegs gesagt, dass die Rolle der aus fossilen Quellen erzeugten Energie ausgespielt ist und deren Preis für die Konsumenten ins praktisch Unerschwingliche steigen muss. Eher kann man Fragezeichen hinter die Überzeugung setzen, dass die so genannten „dauerhaften” Energieträger wie Wind, Wasser und Sonne das Non-plus-ultra der Energieversorgung seien.

Kein Geringerer als Prinz Alwaleed bin Talal, Spross der königlichen Saudi Familie und Chef der saudischen „Kingdom Holding Company”, wird im Wall Street Journal vom 30. Juli 2013 mit einer Warnung an die saudische Regierung, im Besonderen an den Öl-Minister Ali al-Naimi zitiert: Er mache sich ernsthafte Sorgen darüber, dass der US-amerikanische „boom of shale oil and gas“ die Nachfrage nach saudischem Mineralöl nachhaltig beeinflussen wird. Er fordert daher die saudische Regierung auf, die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf Mineralölexporte zu überdenken und für eine diversifizierte Wirtschaft in Saudi Arabien zu sorgen. Derzeit hängen praktisch 92 % der Ausgaben im saudischen Budget von den Einnahmen aus dem Mineralölexport ab. Auch weist er darauf hin, dass in Amerika und einigen asiatischen Ländern große Entdeckungen zur Ausbeutung von Shale Gas gemacht wurden, die die Ölindustrie in der Welt und insbesondere die in Saudi Arabien treffen werden. Namhafte Fachleute in der Welt, die IEA (International Energy Agency) und die großen Ölmultis, erwarten auch, dass der Anteil der OPEC an den Mineralölexporten in den kommenden Jahren stetig abnehmen wird.

Die Öl-Multis stehen unter Druck

Aber auch für die Öl-Multis drohen ernste Gefahren. So titelt der „Economist“[4] in seiner jüngsten Ausgabe vom 3. August 2013 in einem Gemisch aus Englisch und Deutsch „Supermajordämmerung“ und meint damit, die Tage der riesigen integrierten Öl-Multis seien gezählt. Dies ist eine gewagte Behauptung, denn schließlich sind die meisten Öl-Multis schon länger als ein Jahrhundert im Geschäft und werden sich anzupassen wissen. Immerhin sind die angeführten Argumente der Mühe wert, beachtet zu werden. Die „supermajors“ bzw. die gigantischen Öl-Multis, die sich aus den „Sieben Schwestern“ durch Fusionen entwickelt haben, verfügten in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch über 85 % der globalen Mineralölreserven. Jetzt, also im Jahre 2013, verfügen sie über maximal 10 % der als sicher bewiesenen Mineralölreserven. 90 % sind in den Händen nationaler Öl-Gesellschaften. Früher konnten die Öl-Multis noch mit vorzüglicher Technologie bei der Suche und Produktion von Mineralöl punkten. Außerdem besaßen sie die Fähigkeit, Großprojekte ordentlich und kostengünstig zu managen. Zudem verfügten sie über Raffinerien und die erforderlichen Absatzkanäle auf den Märkten der entwickelten Welt.

Diese Situation hat sich drastisch geändert. Viele der nationalen Ölgesellschaften, wie beispielsweise Aramco von Saudi Arabien, Petrobras von Brasilien oder Petronas von Malaysien, Pemex von Mexiko oder China National Offshore Oil Corp. bzw. China Petroleum and Chemical Corp. sind inzwischen imstande, all die angeführten Funktionen selbst zu erledigen. Öl-Service Gesellschaften wie Halliburton und Schlumberger bieten eine Skala von Diensten und Expertisen an, die seinerzeit in der Hauptsache von den „Sieben Schwestern“ geliefert wurden. Die Struktur der Ölindustrie hat sich dauerhaft verändert.

Die Zukunft ist schwer einzuschätzen

Ein weiterer schwerwiegender Punkt ist die Einschätzung der Nachfrage nach Öl und Ölprodukten. Die meisten Öl-Multis und die IEA neigen zu der Meinung, dass sich die Nachfrageentwicklung weiterhin stetig nach oben, wohl aber im mäßigem Tempo bewegen wird. Da die Nachfrage nach Mineralölprodukten in der entwickelten Welt seit Mitte 2000 sinkende Tendenz aufweist, muss die gesteigerte Nachfrage von den in industrieller Entwicklung befindlichen Ländern kommen. Dies könnte sich jedoch als große Fehleinschätzung herausstellen. Die technologische Entwicklung in der Motorindustrie hat zu einem unglaublich sparsamen Gebrauch von Mineralöl und -produkten geführt. Auch die Entwicklungsländer sind heutzutage in der Lage, sparsame Automobile zu produzieren und zu liefern. Zudem macht die starke Zunahme an Erdgas, dank neuer und technisch ausgereifter Methoden wie dem Fracking, dem Mineralöl gewaltige Konkurrenz. In den USA sind die Preise für Erdgas drastisch gefallen und in der Folge ein ordentlicher Konkurrenzvorteil für die amerikanische Industrie geworden.

Wahrscheinlich ist auch, dass die Preisbindung zwischen Mineralöl und Erdgas auf die Dauer nicht halten wird. Viele Öl-Multis haben die neuen technologischen Entwicklungen beinahe verschlafen. Es waren die kleinen Gesellschaften, die diese Methoden entwickelt und zu einem wirtschaftlichen Erfolg gemacht haben. Die Öl-Multis müssen, da die leichteren Gewinnungsorte in vielen Fällen von den nationalen Ölgesellschaften besetzt sind, Umschau in immer unwirtlicheren Gegenden halten. Interessante Gebiete sind die Arktis und die Möglichkeiten im Atlantik und Pazifik. Jedoch die Kosten in diesen Gebieten für eine wirtschaftliche Förderung sind entsprechend hoch und können kaum mit Ländern wie Saudi Arabien konkurrieren. Der durchschnittliche Kostenpreis für gefördertes Mineralöl in Saudi Arabien pro Fass (159 Liter) beträgt US-$ 10, während er im Falle von gefördertem Mineralöl pro Fass im Pazifik bzw. Atlantik US-$ 100 wäre. Beim gegenwärtigen Preis von US-$ 110 pro Fass auf dem internationalen Öl-Markt und den hohen Schwankungen dieses Preises in den vergangenen Jahren, sind dies keine besonders günstigen Voraussetzungen für die Öl-Multis.

Auch die politischen und technischen Risiken nehmen in den neuen Fördergebieten stark zu. Shell beispielsweise hat große Schwierigkeiten mit der Erkundung in der Arktis. Und BP befindet sich in großen Schwierigkeiten mit seiner Tochterunternehmung in Russland.

Trotz all dieser Schwierigkeiten sollte man nicht davon ausgehen, dass die „supermajors“ von heute auf morgen verschwinden. Sie haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie eine hartnäckige Überlebensfähigkeit (staying power) besitzen. Aber alles in allem genommen kann heute gesagt werden: Die neuen Entwicklungen rund um das Erdöl und das Erdgas werden weltpolitische Auswirkungen mit sich bringen.

Anmerkungen

[1] Fracksausen in Wiesbaden, „Der Spiegel“, Nr. 32, 5. August 2013, Seite 40 ff.

[2] Die Energie-und Klimapolitik Europas steckt in der Sackgasse, von Walter Boltz in der „Die Presse” vom 17. August 2013

[3] The Biggest Oil Discovery in 50 Years? Von Michael Snyder, 23. Juli 2013 in http://theeconmiccollapseblog.com/archives/the-biggest-oil-discovery-in-50-years

[4]„The Economist” vom 3. August 2013, Seite 20 ff, The global oil industry, Supermajordämmerung; vgl. auch Energie und Klima, Chancen, Risiken, Mythen, von Host-Joachim Lüdecke, Expert-Verlag, April 2013, ISBN: 9783816931959

Bearbeitungsstand: Montag, 30. September 2013

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